RE:Ἀμνηστία

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 18701871
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Ἀμνηστία nannte man späterhin den Akt, wodurch das Volk von Athen nach Vertreibung der Dreissig zur Herbeiführung einer Versöhnung der Parteien im Staate Vergessen des Geschehenen beschloss. Die älteren Schriftsteller haben dafür nur den Ausdruck μὴ μνησικακεῖν, und daran nur dachte vielleicht auch Cicero bei den Worten Philipp. I 1 in quo templo, quantum in me fuit, ieci fundamenta pacis, Atheniensiumque renovavi vetus exemplum: graecum etiam verbum usurpavi, quo tum in sedandis discordiis usa erat civitas illa, atque omnem memoriam discordiarum oblivione sempiterna delendam censui, wo die Berner Hs. amnestiam vor usurpavi hinzusetzt. Vgl. Vellei. Pat. II 58. Dagegen erwähnt Plutarch praec. polit. 17 τὸ ψήφισμα τὸ τῆς ἀμνηστίας ἐπὶ τοῖς τριάκοντα (vgl. vit. Cic. 42 Κικέρων – ἔπεισε τὴν σύγκλητον Ἀθηναίους μιμησαμένην ἀμνηστίαν τῶν ἐπὶ Καίσαρι ψηφίσασθαι), desgleichen Val. Max. IV 1, 4 haec oblivio (vgl. Corn. Nep. Thrasyb. 3 eamque illi legem oblivionis appellarunt. Iust. V 10 discordiarum oblivionem), quam Athenienses ἀμνηστίαν vocant etc., und Hist. Aug. Aurel. 39 amnestia etiam sub eo delictorum publicorum decreta est de exemplo Atheniensium. Nachdem nämlich Ol. 94, 2 = Sommer 403 durch die Vermittlung des spartanischen [1871] Königs Pausanias eine Versöhnung der Oligarchen in der Stadt und der Demokraten im Peiraieus zu stande gekommen war, wurde in den Vertrag eine allgemeine Amnestie aufgenommen und beschlossen, alles Geschehene auf sich beruhen zu lassen. Ausgeschlossen davon waren nur die Dreissig, die Zehnmänner, die gleich nach ihrem Sturz gewählt waren, die Elfmänner und die Zehnmänner im Peiraieus; doch sollte die Amnestie selbst diesen zu gute kommen, wofern sie Rechenschaft über ihre Amtsführung ablegten. Dass auch die Kinder der Dreissig in dieselbe eingeschlossen waren, sagt ausdrücklich Demosthenes XL 32. Dieser Beschluss wurde von dem gesamten Volke sowohl als von den damaligen und später von den jedesmaligen Mitgliedern des Rats und der Gerichte beschworen (s. die Formeln bei Andok. I 90f.) und überdies durch ein von Archinos beantragtes Gesetz bekräftigt, welches dem trotz der Amnestie Angeklagten das Recht der Einrede gestattete (Isokr. XVIII 2f.). Im allgemeinen s. Aristot. resp. Ath. 38f. Xen. hell. II 4, 38f. Lys. XIII 80f. 88f. Aisch. II 176. III 187. 208. Cass. Dio XLIV 26. Nepos und Iustin a. a. O. Vgl. Scheibe Die oligarchische Umwälzung 131f. C. F. Hermann Gr. Staatsalt.⁶ § 128. Lübbert De amnestia anno CCCCIII ab Atheniensibus decreta, Kiel 1881.