RE:Ὠάννης

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XVII,2 (1937), Sp. [1937 1677]–[1937 1679]
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Ὠάννης,[1] nach Berossos ein halb fisch-, halb menschengestaltiges Wesen, das die ersten Kulturerrungenschaften den Menschen brachte, in den Keilschrifttexten bisher noch nicht wiedergefunden.

1. Name.

Ὠάννης Synkell. 51. 72. Hippolyt. Refutat. haeres. V 7; Oan Euseb. chron. (armen. Übers.) 6. 7. 30 Karst.; Ὤης Hellad. bei Phot. 535 Bekk.; Euhadnes Hyg. fab. 274. Vgl. zu den Formen Hommel Arch. f. Orientforsch. Beibl. I 44.

Die Erklärung des Namens ist bislang noch nicht gelungen. Nach Jensens Vorgang wird darin gelegentlich akkad. ummānu ‚Meister, Künstler, Gelehrter‘ in der späteren Aussprache uwwānu gesehen (s. Schnabel Berossos u. die babylon.-hellenist. Literatur 175). Weidner Arch. f. Keilschriftforsch. II (1924/25) 35 erwägt unter Vorbehalt die Möglichkeit, daß die in Unterschriften von Keilschrifttafeln sich findende Bemerkung ša pī ummāni ‚nach dem Munde (Diktat) eines Gelehrten‘ eventuell eine Mißdeutung erfahren hätte, die dann noch durch Fabeleien überwuchert wurde, so daß in der Keilschriftliteratur O. gar nicht wiedergefunden werden könne. Eine sumerische Etymologie versucht Hommel a. O.; danach wäre der Name O. das (von ihm rekonstruierte) Kompositum kua-nu ‚Fischmensch‘ mit der vermuteten Aussprache ḫwa-nu. Doch ist all das unsicher.

2. Die Nachrichten bei Berossos

(die Numerierung der Berossosfragmente nach Schnabel). Im ersten Jahre des Ἄλωρος, des ersten der zehn Urkönige (als Alulim keilschriftlich nachgewiesen) erschien aus dem Erythräischen Meere (so nach der Überlieferung bei Synkell. 51. Euseb. chron. [armen. Übers.] 7 Karst. [frg. 8]. Hellad. bei Phot. 535 Bekk. [frg. 9]. Bei Hyg. fab. 274 [frg. 10]: qui in Chaldaea de mari exisse dicitur) ein Lebewesen namens O., das den Körper eines Fisches hatte (τὸ μὲν ὅλον σῶμα ἔχον ἰχθύος), unter dem Kopfe aber noch einen Menschenkopf und am Schwanze Menschenfüße (Synkell. a. O. Euseb. a. O. [frg. 8]; etwas anders Hellad. bei Phot. 535 Bekk. [frg. 9]: τἆλλα μὲν τῶν μελῶν ἰχθύος ἔχοντα. κεφαλὴν δὲ καὶ πόδας καὶ χεῖρας ἀνδρός, also nur einen Kopf, und zwar einen Menschenkopf, und außer Menschenfüßen auch noch Menschenhände); auch besaß es menschliche Stimme. Ein Bild von diesem Wesen werde noch aufbewahrt (s. darüber u.) (Synkell. a. O. Euseb. a. O. [frg. 8]).

Am Tage weilte O. bei den Menschen und brachte ihnen gelehrte Kenntnisse wie handwerkliche Techniken bei, Städte- und Tempelgründungen ebenso wie Ackerbau oder Gesetzeskunde und alles sonst zum Leben Nötige (παραδιδόναι τε τοῖς ἀνθρώποις γραμμάτων καὶ μαθημάτων καὶ τεχνῶν παντοδαπῶν ἐμπειρίαν, καὶ πόλεων συνοικισμοὺς καὶ ἱερῶν ἱδρύσεις καὶ νόμων εἰσηγήσεις καὶ γεωμετρίαν διδάσκειν καὶ σπέρματα καὶ καρπῶν συναγωγὰς ὑποδεικνύναι, καὶ συνόλως πάντα τὰ πρὸς ἡμέρωσιν ἀνήκοντα βίου παραδιδόναι τοῖς ἀνθρώποις Synkell. a. O. Euseb. a. O. [frg. 8]; nach Hellad. a. O. [frg. 9] hat O. τὴν ἀστρονομίαν καὶ τὰ γράμματα gelehrt; vgl. Hyg. fab. 274 [frg. 10]: astrologiam interpretatus est). Ja, es werde [1678] seit dem Verschwinden dieses Wesens nichts Neues mehr hinzugefunden. Eine Nahrung habe O. tagsüber nicht zu sich genommen (Synkell. a. O. Euseb. a. O. [frg. 8]).

O. soll auch περὶ γενεᾶς καὶ πολιτείας geschrieben und dieses Werk den Menschen übergeben haben (Synkell. a. O. Euseb. a. O. [frg. 8]). Mit ersterem ist wohl die ihm bei Berossos in den Mund gelegte Schöpfungsgeschichte gemeint (s. Schnabel Berossos 173f.).

Später seien noch andere, dem O. ähnliche Wesen aufgetaucht, die das von O. Überlieferte kommentiert hätten (Synkell. 51. Euseb. chron. 7 Karst. [frg. 8]. Euseb. 4ff. [frg. 29]. Synkell. 71f. [frg. 29b]. Euseb. 15f. [frg. 30]. Synkell. 69f. [frg. 30a]).

3. O. und die altorientalischen Quellen.

In den Keilschrifttexten läßt sich O. dem Namen nach, wie schon bemerkt, bislang nicht nachweisen. Doch wurde auf andere Weise versucht, eine Brücke zu den keilinschriftlichen Nachrichten zu schlagen, und zwar soll O. identisch sein mit Ea, dem in der Wassertiefe wohnenden Gott der Weisheit (Lenormant Magie u. Weissagekunst der Chaldäer 376ff. Jeremias Myth. Lex. III 577ff.), was aber keinesfalls gesichert ist. Nach Schnabel Berossos 175 (der Movers folgt) sind hingegen O. und die nach ihm erschienen Fabelwesen nichts anderes als Offenbarungsbücher, das des O. das älteste, die anderen die Kommentare dazu. Mit dieser Ansicht wäre Weidners Vorschlag (Arch. f. Keilschriftforsch. II 35) hinsichtlich der Etymologie des Namens O. (Mißdeutung der Tafelunterschrift ša pī ummāni ‚nach dem Munde [Diktat] eines Gelehrten‘) kombinierbar. Diese Ansichten sind aber alle durchaus hypothetisch.

In dem Aquarius des Zodiakus will Hommel 42 den an den Sternhimmel versetzten O. erkennen.

Berossos bemerkt, daß ein Bild des O. noch aufbewahrt werde (s. o.). In Babylon (an das man wegen der Zugehörigkeit des Berossos zur dortigen Mardukpriesterschaft zuerst zu denken hat) hat sich keine auf O. beziehbare Darstellung gefunden. Für ein O.-Bild wurden aber verschiedene andere Darstellungen gehalten. Die Gestalt eines ‚Fischkentauren‘ (Unger Reallex. d. Vorgesch. VIII 197 § 4), d. h. eines Wesens mit Fischunterleib und menschlichem Oberleib und Haupt, kommt auf einem Basaltorthostaten vom Tell Halaf (nr. 77) vor (v. Oppenheim Der Tell Halaf Taf. 35 b; Führer durch das Tell Halaf-Museum 41 nr. 65. Hommel 41 Abb. 1) sowie auf einem aus Chorsabad (dem alten Dūr-Šarrukīn) stammenden neuassyrischen Relief (Botta et Flandin Monuments de Ninive I Taf. 34. Pottier Catalogue des antiquités assyriennes [Musée du Louvre] 86 nr. 43. Taf. XX rechts), außerdem auf Siegelzylindern (Weber Altoriental. Siegelbilder [Der alte Orient XVII/XVIII] II Abb. 261. 346); doch entspricht diese Gestalt der Beschreibung der Erscheinung des O. nicht, da ihr die Menschenfüße fehlen; mit den bei Synkellos und Eusebius überlieferten Angaben verträgt sich ferner das Fehlen des Fischkopfes sowie das Vorhandensein der Menschenhände nicht (gegen Schnabel Berossos 173. 175, der mit seinem Hinweis auf ein aus Dūr-Šarrukīn stammendes Relief [S. 173 ist statt Kujundschik [1679] vielmehr Chorsabad zu lesen] offenbar das oben aufgeführte meint). Bei der Darstellung einer männlichen Gestalt mit einer vom Kopfe über den Rücken herabfallenden Fischhaut (so auf einem neuassyrischen Relief aus Kujundschik [Layard Ninive und Babylon Taf. VI C] unvollständig erhalten, s. dazu Jeremias Myth. Lex. III 580. 592) könnte man zwar an die bei Synkellos und Eusebios stehenden Angaben denken, weil hier tatsächlich unter dem Fischkopf der Menschenkopf und neben dem Fischschwanz die Menschenfüße zu sehen sind, während die Menschenhände zwar zu dem bei Helladius, nicht aber zu dem bei Synkellos und Eusebios Gesagten passen; völlig abweichend von allen Beschreibungen aber hat die dargestellte Gestalt einen durchaus menschlichen Körper und nicht einen Fischleib, so daß auch in diesem Falle keine Übereinstimmung herrscht (gegen Jeremias 592 und Hommel 43).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. transkribiert Oannes