RE:Aethicus

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 697699
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Aethicus (besser Ethicus sc. philosophus). Ausgaben: Mémoire sur Ethicus et sur les ouvrages cosmographiques intitulés de ce nom par M. d’Avezac, Acad. des inscript. et belles lettres. Paris 1852 Tome II p. 230–552. Cosmographiam Aethici Istrici ab Hieronymo ex Graeco in lat. breviarium redactam etc. ed. H. Wuttke, Lips. 1854; vgl. De cosmographia Ethici libri tres. Scr. K. A. F. Pertz, Berol. 1853. Die Schrift soll eine vom Presbyter Hieronymus verfertigte abkürzende Übersetzung des griechisch geschriebenen Werkes eines berühmten Philosophen Aethicus Ister sein, der die ganze Oekumene etwa nach Art des philostratischen Apollonios von Tyana als Forscher bereist hatte. Sie handelt anfangs von der Schöpfung der Welt, von Himmel, Erde und Hölle, vom Fall des bösen Engels, und die wieder aufgenommene Beschreibung der Erde führt auf die wunderbaren Reisen des Aethicus, der erst von Taprobane nach dem Westen der Oekumene, dann nach dem hohen Norden, von da nach dem kaspischen Meere, Griechenland und dem Mittelmeere, zuletzt wieder nach Indien und westlich zurück bis nach Libyen kommt. Die Angaben über Land und Leute sind wunderlich, oft unsinnig, bei vielfachen Wiederholungen häufig durchsetzt mit fabelhaften, in ihrer barbarischen Sprache und ihrer gesuchten Rätselhaftigkeit nur teilweise verständlichen Excursen über Alexander den Grossen, die Eroberungen der alten römischen Könige, den Schiffbau und andere Dinge. Angelockt durch eine Anzahl von Angaben, die richtige Nachrichten, wie sie freilich in der [698] römischen Zeit gar nicht selten sind, zu enthalten scheinen, hat Wuttke das ganze Buch und seine Einkleidung für bare Münze gehalten, die Existenz und Bedeutung des Aethicus und die Autorschaft des hl. Hieronymus vertreten und in einer zweiten vermehrten Auflage verteidigt, auch an der Sprache des Buches keinen Anstoss genommen, während Pertz für den auch seinerseits versuchten Beweis der Annehmbarkeit der Übersetzung durch Hieronymus sich gezwungen sah, auf das Auftauchen besserer Handschriften zu hoffen und zu versuchen, ein beigefügtes Alphabet für das der Sage nach von Hieronymus stammende Alphabet der Slaven, der Landsleute des Aethicus, zu erklären. Zahlreiche Zeugnisse mittelalterlicher Schriftsteller über das Buch und die Angaben über die Handschriften hat Pertz p. 89ff. mit grossem Fleisse gesammelt. G. F. Hertzberg (Untergang des Hellenismus. Halle 1875 S. 65f.) ist der Wuttkeschen Auffassung geneigt, gegen dieselbe aber trat die Kritik mit überzeugenden Gründen auf (Kunstmann Münchener gel. Anz. 1854 Nr. 31–34. K. L. Roth Heidelberg. Jahrb. 1854 I 269ff. 1855 I 100ff.; vgl. Fr. Haase de med. aev. stud. philol. Breslau 1856 p. 7ff.). Die Genannten wiesen nach, dass Sprache und Inhalt des Werkes nur mit sehr ähnlichen Werken der Merovingerzeit (s. Haase a. a. O.) zu vergleichen sei; dass eine Stelle, in welcher Alchimus genannt ist, mit einem bestimmten Hexameter aus einem Gedichte des 523 verstorbenen Bischofs von Vienne, Avitus Alcimus (op. ed. Sirmond Paris 1643 p. 227) entnommen sei (Kunstmann a. a. O. S. 269f.); dass die vorliegende Phase der Alexandersage und andere historische Anspielungen in das 6. und 7. Jhdt. gehören, und dass nicht Isidorus Hispalensis die Schrift benutzt, sondern dass im Gegenteile der sogenannte Hieronymus die Etymologien des 636 verstorbenen Isidorus mit bedeutungslosen Zusätzen versehen habe (Roth).

Infolge eines nicht selten zu verzeichnenden Vorkommnisses ist der Name Aethicus in drei Handschriften von geringem Werte fälschlich auf ein anderes Schriftstück geographischen Inhaltes übertragen; vgl. Pertz a. a. O. p. 74. 83 und Alex. Riese Geographi lat. min. Heilbronn 1878 p. XXVIII. In der genannten Ausgabe Rieses steht die Schrift p. 71–103, zwölf ältere Ausgaben verzeichnet Pertz a. a. O. I 1 § 1, zählt auch ebend. § 2 p. 5–12 alle Schriftsteller von Cassiodor bis zu d’Avezac auf, die ihre Meinung über diesen sogenannten Aethicus geäussert haben. Besonders hervorzuheben sind: F. Ritschl Rhein. Mus. N. F. I 1842, 481ff. = Opusc. III 743ff. Petersen Rhein. Mus. N. F. VIII 161ff. 377ff; dazu K. Müllenhoff über die Weltkarte und Chorographie des Kais. Aug. Kiel 1856, bes. S. 12ff. Die Schrift besteht aus zwei Teilen, die in ihrer Abfassung Übereinstimmung zeigen durch eine auffällig hervortretende Vorliebe für Rom und Italien. Der erste Teil ist nach Riese, Pertz u. a. (vgl. Forbiger Handb. d. alt. Geogr. I 464) eine mit blos ausschmückenden Zusätzen versehene Wiedergabe der Kosmographie des Iulius Honorius. Er zählt mit vielen Irrtümern und Verderbnissen die Meere, Flüsse, Berge, Städte und Völker des nach den [699] Himmelsgegenden vierfach geteilten Orbis terrarum reihenweise auf, nur den Flüssen sind Angaben über Ursprung, Lauf und Mündung beigegeben. Der zweite Teil behandelt nach Orosius I 2 die Erdteile und die zu ihnen gehörigen Länder nach ihrer Lage und Begrenzung mit wenig Zusätzen über Berge, Flüsse und Völker und schliesst mit einer Beschreibung der Inseln des Mittelmeeres.