RE:Aigisthos

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 972974
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Aigisthos (Αἴγιστος, antike Etymologie ‚von einer Ziege gesäugt‘, Ael. v. h. XII 42. Hygin. fab. 87. 252. Et. M. Tzetz. chil. I 452). A. wohnt ‚im Winkel des rossenährenden Argos‘ [973] wo einst sein Vater Thyestes geherrscht hatte. Während Agamemnon vor Troia liegt, sucht A. die Klytaimnestra zu verführen, doch erst nachdem er den treuen Sänger, den ihr der Gatte zum Schutze beigegeben, beseitigt hat, schenkt sie seinem Werben Gehör (Athen. I 14 Β). Α. bestellt einen Späher, der ihm nach Jahresfrist das Kommen, des Königs meldet. Er ladet ihn zum Mahle in sein Haus und legt 20 Kämpfer in einen Hinterhalt. Nach dem Mahle brechen diese vor und erschlagen Agamemnon samt allen seinen Gefährten; aber auch sie alle fallen, so dass nur A. übrig bleibt. Nun bemächtigt er sich der Herrschaft. Sieben Jahre herrscht er im goldreichen Mykenai, im achten ereilt ihn die Blutrache durch die Hand des Orestes. Hermes hatte A. gewarnt. Od. III 193f. 256f. 301f. IV 514f. I 28f. 298f. XI 409f. XXIV 19f. 96f. Prokl. Nost. p. 53 K. Robert Bild und Lied 162. v. Wilamowitz Hom. Unt. 154ff. Thrämer Pergamos 154f.

Die Folgezeit mindert den Anteil A.s an der Ermordung Agamemnons, während Klytaimnestra die Hauptrolle erhält, wahrscheinlich nach dem Vorgänge des Stesichoros. Von der ganzen Reihe von Greuelscenen dagegen im Geschlechte des Atreus, mit denen auch die Figur des A. verknüpft ist, weiss Homer noch nichts. Diese Sagen verdanken ihre Entstehung wohl dem Gegensatz der siegreichen Dorer zu den alten Herren des Landes. Robert a. O. 187f. v. Wilamowitz Herakles I 113.

Nach Aisch. Ag. 1605 ist A. das dritte Kind des Thyestes, und wird mit dem Vater von Atreus ausser Landes getrieben. Die zwei älteren Brüder hatte Atreus dem Thyestes zum Mahle vorgesetzt. Nach der am meisten verbreiteten Fassung der Sage war A. ein Sohn des Thyestes und seiner Tochter Pelopia (oder Mnesiphae, Tzetz. chil. I 453). Thyestes hatte in Sikyon nächtlicherweile und ohne von ihr erkannt zu werden, seine Tochter geschändet. Der Sohn aus dieser Verbindung sollte nach einem Orakelspruch der Rächer des Vaters an Atreus werden. Pelopia wird bald darauf an Atreus verheiratet und gebiert diesem den A. Sie setzt den Knaben aus; er wird jedoch von Hirten gefunden und mit Ziegenmilch ernährt (s. o.), später von Atreus als sein eigener Sohn erzogen. Unterdessen wird Thyestes eingebracht. Atreus erteilt dem A. den Auftrag, den Thyestes im Gefängnis zu töten. Das Schwert aber, das A. trägt, hatte seine Mutter in jener verhängnisvollen Nacht ihrem Verführer entrissen. So erfolgt die Erkennung. Im Schmerz über die furchtbare Schande ersticht sich Pelopia mit dem Schwerte; A. aber tötet den Atreus, während er am Meere ein Opfer verrichtet, und nimmt mit seinem Vater von der Herrschaft Besitz. Hyg. fab. 88. Schol. Eur. Or. 14. Schol. Plat. leg. VIII 839 C. Apd. Ep. Vat. X 5. Sen. Ag. 30. Andok. I 128f. Soph. Thyest. fr. 146 N. Eur. Thyest. fr. 382 N. Dio Chrys. LXVI 6. Während der Abwesenheit des Agamemnon verführt A. die Klytaimnestra entweder auf Anstiften der Aphrodite (Hes. fr. 112 K. Schol. Eur. Or. 249), oder durch tückische List des Nauplios, Apd. Ep. Vat. XXII 3–4. Schol. Lyk. 386. 1093. Ov. rem. am. 161f. A. und Klytaimnestra töten den [974] Agamemnon beim Mahle, oder im Bade, nach anderen bei einem Opfer. Hyg. fab. 117. Serv. Aen. XI 267 (s. Agamemnon). Klytaimnestra führt den tötlichen Streich, A. ist der feige Buhle, der später nicht einmal das Grab des Königs in Ehren hält. Orestes war vor den Mordanschlägen des A. zu Strophios gerettet worden, nach einer Version von seiner Amme, deren Sohn dafür von A. getötet wird (Pherekydes fr. 96). Aus Phokis kehrt er im achten Jahre nach dem Tode des Vaters zurück und erschlägt im Verein mit Pylades die Mutter samt dem Buhlen. Pind. Pyth. XI 15f. Aisch. Ag. 1577ff.; Choeph. 134. 554f. 870f. 987f. Eur. El. 8f. 122f. 155f. 761f. 840f.; Or. 561f. Soph. El. 97f. 1495f. Aristot. pepl. 1 Bgk. Sen. Ag. 43f. Apd. fr. Sabb. 175; Ep. Vat. XXIII 10. 12. Hyg. fab. 119. Serv. Aen. IV 471. Ael. v. h. II 11. Luk. am. 47. Vell. Pat. I 1, 2. Dict. VI 2f. v. Wilamowitz Hermes XVIII 1883, 224f. Über die Tragödien Aegisthus des Livius Andronicus, Dulorestes des Pacuvius, Pelopidae, Clytemestra, Aegisthus des Accius, in denen A. vorkam, s. Ribbeck Röm. Trag. 28f. 239f. 457ff. Robert a. O. 185.

Kurz nachdem er die Herrschaft erlangt hatte, nahm A. Partei für Aigialeia gegen Diomedes, so dass dieser ausser Landes floh (Diod. VII 1, 4). Als rechtmässige Gattin des A. nennt Dict. a. O. eine Tochter des Strophios. Auf Kinder des A. von Klytaimnestra deuten Soph. El. 589. Eur. El. 62. 626; mit Namen genannt werden Erigone (s. d., Marm. Par. 40. Kinaithon fr. 4 K. Paus. II 18, 6), Aletes (Hygin. fab. 122), Helena, von Orestes getötet (Ptol. Heph. 4). Die Gräber des A. und der Klytaimnestra wurden in Mykenai gezeigt (Paus. II 16, 7). Lukian de salt. 67 erwähnt einen mimischen Tanz „Aigisthos“. In den athenischen Propylaien stellte ein Gemälde dar, wie Orestes und Pylades den A. töten, dem die Söhne des Nauplios zu Hülfe kommen. Paus. I 22, 6. Auch Theoros malte den Tod des A. Plin. XXXV 144. Den Mord des Agamemnon und der Kassandra zeigte das Gemälde Philostr. im. II 10.

Eine Anzahl streng rf. Vasen stellen, wahrscheinlich nach stesichoreischer Fassung, die Ermordung des A. dar. Die Entstehung des Typus ist mit der polygnotischen Schule in Verbindung zu bringen (Robert a. O. 149ff.); Euripides folgte wohl der Künstler der Vase Arch. Jahrb. V 1890, Anz. 90*. Die Sarkophage behandeln den Stoff, mit einer Ausnahme, ausschliesslich nach Aischylos. Robert Sark. Rel. II nr. 154–161; nr. 155 geht vielleicht auf das Gemälde des Theoros zurück; ähnlich muss auch die Darstellung Luk. de dom. 23 gewesen sein. Blümner Arch. Stud. z. Luk. 60. Gaz. arch. XI 1886, 1f. Belger Arch. Jahrb. III 1888, 151. Den Mord des Agamemnon stellen 3, die Rache des Orestes 11 Volterraner Aschenkisten dar. Schlie Tro. Sagenkr. 154ff. Brunn Urne Etr. 74ff.