RE:Anagallis

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 2021–2022
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Anagallis (Ἀναγαλλίς, anagallis; Vermutungen über die Namensentstehung s. bei Sprengel zu Diosc. II 209 p. 486), ein Gewächs (s. Hesych.) aus der Familie der Primulaceen, Gauchheil (Acker-Gauchheil) genannt, auch Hühnerdarm, Grundheil, rote Miere, Anagallis arvensis L.; vgl. Leunis Synops. II. Teil³ II § 629, 2, wo auch bezüglich der Namen (Gauchheil = Unterleibsheil oder Narrenheil, weil das Kraut früher bei Unterleibsleiden und Blödsinn im Gebrauch war, und ἀναγαλλίς von ἀνὰ und ἀγάλλω, ich ziere, mit Bezug auf das nochmalige Blühen der Pflanze im Herbste?) Aufschluss zu geben versucht wird. Das Kraut hat einen vierkantigen, aufsteigenden Stengel, spitzige, eirunde Blätter, die auf der unteren Seite schwärzlich punktiert sind und einzeln stehende rote (bezw. purpurfarbige) Blumen. Es wächst sowohl auf angebauten als auch auf Brachfeldern häufig und ist von anfänglich fadem, gleich darauf aber bitterem Geschmack. Genossen verursacht es ein Kollern im Bauche (κορκορυγμός), wirkt also blähend; vgl. Fraas Synops. pl. fl. cl. 193. Die Pflanze ist ziemlich geruchlos (doch vgl. Geopon. XV 1, 31). In Griechenland war sie anscheinend von jeher häufig in Gärten, an Bächen und Gräben. Jetzt heisst sie dort πριδικούλη (πρεδικούλη) und κορχῆστρα; italienisch anagallide, centonchio und erba grisettina; vgl. Lenz Bot. d. a. Gr. u. R. 549. Sowohl Dioskorides (II 209) als auch Plinius (XXV 144) unterscheiden mit Recht zwei Arten: die eine flore poeniceo (identisch mit obiger arvensis L.), die andere caeruleo flore (blaublühend). Beide kennen auch noch einen anderen Namen für A., nämlich κόρχορος. Sowohl arvensis L. als coerulea Schreb. blühen vom März an in Attika, erstere bis in den Juli hinein, letztere nur bis Ende Mai; vgl. v. Heldreich Pflanzen d. att. Ebene 492. Suidas und Hesychios erklären κόρχορος als ἄγριον λάχανον (vgl. Theophr. h. pl. VII 7, 2. Nic. Ther. 626. Plin. XXI 89. 183). Sprichwörtlich war die Formel καὶ κόρχορος ἐν λαχάνοις von nichtswürdigen Menschen, die doch etwas vorstellen wollen; vgl. Schol. Arist. Vesp. 239. Schol. Nic. Ther. 628. Hephaestio p. 46. Zenob. IV 57. Diogenian. V 36. Suid. Billerbeck Flora class. 43. Die vielfachen medicinischen Anwendungsformen s. bei Plin. XXV 144. 145. 166. XXVI 35. 80. 90. 118. 119. 144. Diosc. II 209. Hippocr. III (XXIII) 322. Galen. XI 829. Bruch Dissert. de anagallide, Strassb. 1768. A. sollte angeblich die Zauberkraft besitzen, die Schatten aus der Unterwelt hervorzuziehen (ἀ. ἀπὸ τοῦ ἀναγαγεῖν τὰς ψυχάς); vgl. Salmasius zu Solin. 768. Fabricius B. G. XII 747ff. Synes. de arte magic. 244. Niclas zu Geopon. XV 1, 31. Schwartz Ursprung d. Mythol. 175. Murr Die Pflanzenw. i. d. griech. Myth. 250. Auf einen gewissen Aberglauben deutet auch, was Plinius (XXV 145) über die Gebräuche beim Ausheben der Pflanze mitteilt, wodurch die in ihr verborgenen [2022] Arzneikräfte doppelt wirksam werden sollen.