RE:Androgeos 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 21432145
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Androgeos (Ἀνδρόγεως). 1) Sohn des Kreterkönigs Minos und der Pasiphae, der Tochter des Helios, oder der Krete, der Tochter des Asterios, Bruder des Katreus, Glaukos, Deukalion sowie der Akakallis (Akalle), Demodike, Ariadne und Phaidra, Vater des Sthenelos und Alkaios (Diod. IV 60. Apd. II 5, 9. III 1, 2. Serv. Aen. VI 14. Paus. I 27, 10. Plut. Thes. 15). Bei den panathenaeischen Kampfspielen in Athen ging er als Sieger über alle Wettkämpfer hervor. In der Sage spielt sein in Attika stattfindender Tod die Hauptrolle. Die am Panathenaeenfeste von ihm besiegten Wettkämpfer sollen ihn, als er nach Theben zu den Festspielen des Laïos sich begeben wollte, unterwegs ermordet haben. Nach Diodor (IV 60) liess ihn Aigeus ermorden, weil er befürchtete, dass A. den Söhnen des Pallas gegen ihn Beistand leisten würde. Als Ort seines Todes nennt Diodor Oinoe, worunter nicht das am Kithairon gelegene, sondern das tetrapolitanische Oinoe zu verstehen ist, welches am Wege nach Boeotien lag; vgl. Toepffer Herm. XXIII 326. Nach einer anderen Version soll A. von Aigeus gegen den marathonischen Stier geschickt worden sein und im Kampfe mit diesem den Tod gefunden haben, nach Servius Aen. VI 20 durch die Flamme des Stieres verbrannt sein; vgl. Apd. III 15, 7. [2144] Paus. I 27, 10. Auch nach dieser Fassung erfolgt der Tod in der attischen Tetrapolis (im Demos Marathon). Hygin fab. 41 lässt den A. in einer Schlacht umkommen, und Plutarch Thes. 15 berichtet nur, dass er durch List gefallen sei. Minos erfuhr den Tod seines Sohnes, als er auf Paros gerade mit einem Opfer für die Chariten beschäftigt war. Er vollendete, als er die Trauerkunde gehört, die heilige Handlung, aber warf seinen Kranz ab und gebot den Flötenbläsern Schweigen, eine Sage, welche die auf Paros üblichen Opferceremonien erklären soll (Apd. III 15, 8 ὅθεν ἔτι καὶ δεῦρο χωρὶς αὐλῶν καὶ στεφάνων ἐν Πάρῳ θύουσι ταῖς Χάρισι). Darauf rüstete der Kreterkönig eine Flotte gegen Athen, um die Stadt für den Tod seines Sohnes zu bestrafen. Zuerst ward das von Nisos beherrschte Megara erobert, denn auch Megarer sollten sich an der Ermordung des A. beteiligt haben. Hierauf schritt Minos zu der Belagerung Athens. Als sich diese in die Länge zog, flehte der König zu Zeus, dass er seiner Rache Gehör geben möge, worauf in Attika Pest und Hungersnot ausbrach. Zur Abwendung der Seuchen und des Misswachses opferten die Athener am Grabe des Kyklopen Geraistos die Töchter des Hyakinthos (Ὑακινθίδες) Antheïs Aigleïs Lytaia und Lusia (die eponyme Heroïne des gleichnamigen attischen Demos der Oineïs), doch hatte das Opfer nicht die gehoffte Wirkung, weswegen sich die Athener nochmals an das Orakel wandten. Das Orakel hiess sie dem Kreterkönig die Genugthuung gewähren, die er verlangen würde. Minos verlangte als Sühne den bekannten Menschentribut für den Minotauros, jährlich sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen, die dem Ungetüm als Frass vorgeworfen werden sollten. Vgl. Apd. III 15, 7. Diod. IV 60. Philochoros FHG I 390. Plut. Thes. 15. Paus. I 27, 10. Schol. Plat. Minos 321 A. Schol. Hom. Il. XVIII 590. Eustath. Od. 1688, 32. Hyg. fab. 41. Catull 64, 77ff. Ovid. met. VII 458. Serv. Aen. VI 14; Ecl. VI 74. Philochoros vertritt eine mildere Version über den an Minos gezahlten Menschentribut: hiernach wären die athenischen Jünglinge und Jungfrauen nicht dem Minotauros vorgeworfen, sondern als Ehrenpreise in den gymnischen Wettspielen, die zum Gedächtnis des A. auf Kreta begangen wurden, an die Sieger verteilt worden. Nach einer Nachricht bei Properz (II 1, 64) soll Asklepios den A. wieder ins Leben zurückgerufen haben. Der Tod des A. war nach Vergil (Aen. VI 20) von Daidalos an den Thüren des Apollontempels zu Cumae dargestellt. Helladius bei Phot. Bibl. c. 279 (p. 534) führt den Sühngebrauch der Athener, am Thargelienfeste zwei Verbrecher (φαρμακοί) zum Tode zu führen, auf den Misswachs und die Seuchen zurück, durch welche die Athener infolge der Ermordung des A. heimgesucht wurden. Vgl. C. F. Hermann Gottesd. Alterth. § 60, 18. Mommsen Heortol. 418. P. Stengel Griech. Cultusalterth. 168. Toepffer Rh. Mus. XLIII 142ff. H. Diels Sibyllinische Blätter (Berlin 1890) 53. Über den Zusammenhang der attischen Sühngebräuche mit Kreta vgl. Toepffer Att. Geneal. 145. 266. Nach Melesagoras (bei Hesych. s. ἐπ’ Εὐρυγύῃ ἀγών) fand zu Athen im Kerameikos, im Totenquartier, ein ἀγὼν ἐπιτάφιος statt zu Ehren des Eurygyes, [2145] des Sohnes des Minos. Dass dieser mit A. identisch ist, zeigt ein Fragment des Hesiod (frg. 129 Rz. bei Hesych a. a. O.), aus dem das hohe Alter dieser Sagenfigur ersichtlich ist. Die Verflechtung der A.-Sage in die Thargelienlegende liefert den Beweis für den ursprünglich chthonischen Charakter des Minossohnes. Im attischen Demos Phaleron befand sich ein Altar des A., der hier schlechtweg ‚der Heros‘ genannt wurde (Paus. I 1, 4 ἔστι δὲ καὶ Ἀνδρόγεω βωμὸς τοῦ Μίνω, καλεῖται δὲ ἥρωος· Ἀνδρόγεω δὲ ὄντα ἴσασιν οἷς ἐστὶν ἐπιμελὲς τὰ ἐγχώρια σαφέστερον ἄλλων ἐπίστασθαι). Bei Clemens Alexandrinus (Protrept. 26 A) findet sich für ihn die genauere Bezeichnung κατὰ πρύμναν ἥρως. Der Kreter A. ist eine ähnliche Sagenfigur wie Epimenides; wie dieser kommt auch er ausschliesslich für Attika in Betracht, wo er im Kult und in der Sage seinen festen Platz einnahm. Seine ursprüngliche Heimat ist ebenso dunkel wie die des Epimenides.