RE:Apuli, Apulia

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 288290
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Apuli, Apulia (so, mit einfachem p, die gute Überlieferung durchweg). Der Name scheint ursprünglich localisiert zu sein am Mons Garganus, in dessen Nähe Teanum als Hauptort der A. das Ethnikon immer bewahrt hat. Noch Strabon unterscheidet diese eigentliche A. von den Dauniern und Peuketiern und bemerkt, dass sie zwar [289] zu seiner Zeit sich in Sprache und Sitte von diesen nicht unterschieden, dies aber wahrscheinlich früher gethan hätten (VI 285). Nach der römischen Eroberung wird aber der Name ausgedehnt auch auf die beiden anderen Gebiete und umfasst nunmehr das ganze Land, welches nördlich vom Tifernus, westlich vom Appennin, östlich vom adriatischen Meer, südlich von einer Linie begrenzt wird, die oberhalb von Tarent, unterhalb Gnathia vom Sinus Tarentinus nach der Hadria gezogen werden kann. Die südöstlich gelegene Halbinsel wird als Calabria im ganzen römischen Altertum von A. streng geschieden. Apulien in dieser Ausdehnung umfaßt ein Gebiet von ca. 250 ◻M.[WS 1], von denen der nördlich vom Aufidus (Ofanto) gelegene Teil (ca. 100 ◻M.) eine zwischen den Vorhöhen des samnitischen Appennin und dem isolierten Mons Garganus (s. d.) gelegene Ebene, der südliche (150 ◻M.) ein Hügelland mit Erhebungen bis 670 m. bildet. Der dem Appennin vorgelagerte vulkanische Mons Voltur liegt auf apulischem Gebiet. Zu Apulien gerechnet wurde die kleine Inselgruppe der Diomedeae (Tremiti), s. d. Der Boden, aus leicht durchlässigem porösem Kreidekalk bestehend, ist wasserarm, Strab. VI 281. Hor. sat. I 5, 78f.; od. III 30, 11; epod. 3, 16. Ovid. met. XIV 510. Etymologie Apulia a perditione (ἀπολεία!), citius enim ubi solis fervoribus terrae virentia perduntur, Paul. Diac. de gest. Long. II 21. Ausser den Grenzflüssen Tifernus (gegen Samnium) und Bradanus (gegen Lucanien) gehen zum adriatischen Meere Aquilo (Celone), Cerbalus (Cervaro) und Aufidus (Ofanto), der einzig bedeutendere. Der Boden ist günstig für Wein und Öl (Varro r. r. II 6, 5), dagegen für den Ackerbau wenig ergiebig: das Geraten der Ernte von reichlichen Niederschlägen abhängig (der apulische Boden wohlfeil, Iuvenal IV 27. Seneca ep. 87; dagegen heisst die Ebene im Norden bei Strabon VI 284 πάμφορός τε καὶ πολύφορος; Apuliae bulbi gelobt von Plinius XIX 95; genannt als vorzüglich A. triticum Varro r. r. I 2, 6; A. cappari Plin. XIII 127; arbusta vineaeque Plin. XVIII 336). Berühmt war die apulische Pferde- (Varro r. r. II 7, 1. 6) und Schafzucht (Varro de l. l. IX 28; r. r. II praef. 6. Strab. VI 281. 283. Plin. III 16. VIII 73. 190. XXIX 9. Mart. VIII 28, 3. XIV 155. Pallad. II 13. Colum. VII 2). Die Herden, welche im Herbst und Winter in der Ebene (tavoliero di Puglia) weideten, wurden (ebenso wie heutzutage) im Frühjahr und Sommer in die Abruzzen getrieben (Varro r. r. II 1, 16. 2, 10. III 17, 9). Eine auf diesen Brauch bezügliche Inschrift aus der Zeit des Marc Aurel (CIL IX 2438) steht am Thore der Stadt Saepinum (Altilia), wo noch heutzutage der grosse Herdenweg (il tratturo) nach den Abbruzzen führt. Der Garganus war mit schönen Eichenwäldern bestanden (Cato de agric. 151; die saltus Apuliae venatitus opportunos nennt noch Hist. Ang. Ver. 6). An der südlich gelegenen flachen Küste wurde aus den Lagunen bei Salapia Salz gewonnen (Salinae im Itin. Ant. p. 331). Die flachen Strandseen an der Küste (Pantanus, palus Salapina) machten die Gegend ungesund (Vitruv. I 4, 12. Caesar. b. c. III 2); als Calamität für Bewohner und Anbau empfand man auch den [290] sengenden Scirocco (local Atabulus genannt, Hor. sat. I 5, 77. Seneca n. q. V 17, 5. Plin. XVII 232; Apuliae loca calidiora et graviora Varro r. r. I 6, 3). Häufiger verheerender Erdbeben gedenkt Cicero de div. I 97. Über die ältesten Einwohner s. u. Iapyges, Dauni, Peucetii. Die A. im engeren Sinne (Apuli Teani in der sehr verwirrten Stelle des Plin. III 104) scheinen den Oskern stammverwandt gewesen zu sein, die Münzen ihrer Stadt Teanum (Tiati) haben oskische Legende in oskischem oder lateinischem Alphabet (Friedländer Oskische Münzen 49. Sambon Monnaies de la presqu'île ital. 217). Die südöstlichen Gebiete, Daunia und Peucetia, standen, trotz des Fehlens griechischer Colonien, doch kulturell völlig unter griechischem Einflusse, wie namentlich die Münzen und die reichen Grabfunde (Vasen u. s. w.) beweisen. Zur Zeit des ersten griechischen Verkehrs werden Daunia und Peucetia Königreiche genannt, später finden wir eine Reihe gesonderter, auch durch keine Bundesverfassung zusammengehaltener Stadtgebiete. Am bedeutendsten sind im Norden: Teanum und Larinum; weiter südöstlich Luceria, Aecae, Herdoniae, Ausculum, Arpi, an der Küste Sipontum und Salapia; in Peucetia: die Küstenstädte Barium und Gnathia, im Binnenlande Canusium, Rubi, Venusia, Genusia. Die erste Berührung mit den Römern fällt in die Zeit des zweiten Samniterkrieges, wo die A. in ein Bündnis mit Rom treten (Liv. VIII 25; vgl. Iust. XII 2), auf welches bald Abfall, Unterwerfung und allmähliche Annexion des Landes folgt (Liv. VIII 37. Fasti triumph. Cap. ad a. 432. Auct. de v. ill. 32); letztere war 317 v. Chr. definitiv vollzogen (Liv. IX 12. 13-16. 20). Durch den hannibalischen und den Bundesgenossenkrieg hatte A. schwer zu leiden und erholte sich nie wieder ganz. Augustus vereinigte das eigentliche Apulien mit Calabrien und dem Hirpinergebiet zu seiner regio II (Plin. III 103f.). Im 2. Jhdt. findet sich zu juristischen und administrativen Zwecken A. unter kaiserlichen legati iuridici vereinigt bald mit Calabria, bald mit Lucania, auch mit Picenum (Beispiele Marquardt St.-V. I 226. Mommsen St.-R. II³ 1085). In der nachdiocletianischen Reichsteilung steht Apulia et Calabria unter einem zum Sprengel des vicarius urbis gehörigen corrector (Not. dign. p. 222 Seeck. Verzeichnis bei Cantarelli Bull. arch. com. 1892, 218-225); doch wurde der nördlichere Teil mit Teanum zu Samnium geschlagen (CIL IX 703), wahrscheinlich auch der östliche mit Benevent zu Campanien (Mommsen CIL IX p. 88. 137, dem Cantarelli a. a. O. 219 widerspricht); vgl. Nissen Ital. Landeskunde 337. 539. Helbig Herm. XI 258ff. Mommsen Unterital. Dialekte 85-98; R. G. I⁸ 10f.; CIL IX p. 25.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. ◻M. = w:Quadratmeile = ungef. 55 km².