RE:Chelone 3

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band III,2 (1899), Sp. 2229–2230
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3) Χελώνη ist die zuerst bei Aeneas Tacticus vorkommende Bezeichnung für diejenige Maschine (μηχανή) im Belagerungskriege, welche die Aufgabe hatte, den Mannschaften des Belagerers das Arbeiten im Bereich der Belagerten zu ermöglichen, indem sie ihnen gegen die von der Stadtmauer kommenden leichteren wie schwereren Geschosse hinreichende Deckung verschaffte. Je näher der förmliche Angriff an die Stadtmauer heranführte, je allgemeiner und intensiver auch von seiten des Verteidigers die Anwendung der Geschütze wurde, desto weniger reichten die bis dahin üblichen Hürden und Hütten aus Flechtwerk aus, die wohl aus der Ferne kommende Pfeile oder Schleuderkugeln aushalten mochten, desto grössere Sorgfalt erforderte die zweckmässige Herstellung der χ. Der Verwendung nach wurden zweierlei χ. unterschieden: χ. χωστρίδες und χ. ὀρυκτίδες; erstere kamen zur Anwendung, um das Gelände bis zur Stadtmauer für die Annäherung der Belagerungstürme durch Beseitigung von Hindernissen, Zuschütten von Gräben, besonders des Stadtgrabens, gangbar zu machen, der andern bediente man sich unmittelbar am Fusse der Stadtmauer, um deren Fundamente zu untergraben. Für die Herstellung beider Arten von χ. galten im wesentlichen dieselben Gesichtspunkte: Beweglichkeit und Festigkeit besonders gegen alle von oben her geschleuderten Lasten: auf einem quadratischen Balkenrost lagen zwei seitlich mehrere Fuss weit vorspringende Querbalken auf, auf deren Enden ein nach vorn und hinten vorspringender, aus vier Balken zusammengeschlagener Rahmen ruhte; in diesen waren ringsherum Stützen eingelassen, diese trugen einen viereckigen Rahmen, auf dem das aus Sparren gebildete Satteldach aufsass; die Widerstandsfähigkeit des Daches besonders bei den χ. ὀρυκτίδες wurde noch durch Auflegen von allerlei nachgiebigen Material: Faschinen aus frischen Zweigen, frischen mit Schilf oder Stroh gestopften Häuten verstärkt, hierdurch zugleich den Versuchen der Belagerten, durch Brandpfeile oder Pechfackeln die χ. anzuzünden, nach Kräften entgegengearbeitet. Durch vier oder acht Räder, welche so in dem unteren Rost angebracht und so construiert waren, dass sie unter demselben frei laufend nach allen Seiten gestellt werden konnten, erhielten die χ. Beweglichkeit; Mannschaften, die innerhalb derselben standen und schoben, gaben die bewegende Kraft. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Arten der χ. hat, wie es scheint, darin gelegen, dass bei den χ. χωστρίδες, welche in einiger Entfernung von der feindlichen Stadtmauer standen, [2230] drei Seiten durch Bretter, aufgehängte Felle oder Decken geschlossen waren, während bei der χ. ὀρυκτίς, welche unmittelbar an der Stadtmauer ihre Stelle hatte, nur ein Schutz der Seitenwände erforderlich war. Gegen niedrige Mauern bediente man sich auch wohl einer χ., welche an Stelle eines Satteldaches ein flaches Dach mit Brustwehren umgeben zur Aufnahme von Kriegern trug. Die Grösse der χ. war natürlich eine ganz verschiedene; von einer χ., die ein Athener Philon erbaut, werden die Masse angegeben: sie deckte eine Bodenfläche von etwa 11½ m. Front zu 10 m. Seitenlänge, die Stützen waren 3 m., das Dach in Giebelhöhe etwa 3½ m. hoch; der Durchmesser der Räder betrug fast 1½ m. Über die χ. κριοφόρος, die zum Schutz des Sturmbockes über demselben aufgerichtet war, vgl. Κριός. Athenaios περὶ μηχανημάτων bei Wescher Poliorcétique des Grecs 1867, 15ff.; übersetzt und erläutert von Rochas d’Aiglun in den Mélanges Graux 1884, 787ff. Vitruv. de architectura X 14ff. mit den Anmerkungen von Reber. Thiel Quae ratio intercedat inter Vitruvium et Athenaeum mechanicum 1895, 291. Die sich bei Apollodor Wescher 140ff. findenden Angaben sind, weil aus der Kaiserzeit stammend, hier nicht berücksichtigt.