RE:Cornelius 345

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 1491–1492
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345) Cn. Cornelius Scipio Calvus (CIL I² p. 24 zum J. 532 = 222), L. f. (vgl. auch CIL I² p. 23 zum J. 549 = 205), Sohn von Nr. 323, Consul des J. 532 = 222, führte mit seinem Amtsgenossen M. Claudius Marcellus gegen die Insubrer Krieg, belagerte Acerrae in der Poebene und nahm es, nachdem Marcellus die gallischen Entsatztruppen bei Clastidium geschlagen hatte. Er folgte den Feinden nach Mailand und trug durch die Eroberung dieser Stadt wesentlich zur Beendigung des Krieges bei, Polyb. II 34. Plut. Marc. 6, 8. Zonar. VIII 20 D.

Im J. 536 = 218 fuhr er, während sein Bruder von der Rhonemündung nach Italien umkehrte, um dem Hannibal entgegenzutreten, nach Emporiae in Spanien, gewann durch Güte oder mit Gewalt die Küstenplätze bis zum Ebro und zog dann ins Innere des Landes. Hier besiegte er bei Cissa (Cissis, Liv. XXI 60) den karthagischen Führer Hanno und nahm ihn und den spanischen Häuptling Andobales gefangen. Er musste aber zum Schutze der an der Küste zurückgelassenen römischen Truppen, die inzwischen von Hasdrubal überfallen worden waren, zurückkehren und blieb den Winter 218/217 in Tarraco. Livius, der XXI 60 mit Polyb. III 76 übereinstimmt, lässt ebd. 61 noch in demselben Jahre den Scipio wieder nach Emporiae ziehen und ihn nach Eroberungszügen im unteren Ebrogebiete nach Tarraco in die Winterquartiere zurückkehren. Das Schweigen des Polybios und die Doublette des Marsches von Emporiae nach Tarraco legen die Vermutung nahe, als habe hier, wie an anderen Stellen der livianischen Beschreibung der Scipionenkämpfe in Spanien, einer der erfindungsreichen römischen Annalisten als Quelle gedient. Im J. 537 = 217 brach Scipio gegen Hasdrubal von Tarraco auf und besiegte ihn in einer Seeschlacht vor der Ebromündung, wobei er 25 von dessen 40 Schiffen (die letztere Zahl nur bei Livius) kampfunfähig machte. Möglich ist es, dass das von Frontin. strat. IV 7, 9 von einem Cn. Scipio erzählte Mittel, die feindlichen Schiffe durch Gefässe mit Brennstoffen in Brand zu stecken, in dieser Seeschlacht zur Anwendung gekommen ist. Dem Berichte des Polyb. III 95f. = Liv. XXII 19. 20, 1–3 fügt Liv. XXII 20-22 für das J. 537 = 217 ein Vordringen bis an die Mauern von Neukarthago, eine Fahrt nach den Pityusen und Balearen, sowie einen Marsch des Landheeres bis zum Saltus Castulonensis hinzu. Dieser Erzählung, die schon durch die Grösse der Erfolge nicht recht glaubwürdig erscheint, widerspricht Polybios Angabe (III 97), dass erst die beiden Brüder gemeinschaftlich zum erstenmale in diesem Kriege den Ebro überschritten hätten. Livius Bericht entstammt wohl der gleichen Feder wie die Doublette der Thaten des Cn. Scipio im J. 218 (Liv. XXI 61).

Lassen wir die nur livianischen Berichte beiseite, so beschränken sich die Errungenschaften [1492] des Scipio auf die Sicherung des Küstengebietes von den Pyrenäen bis zur Ebromündung, die, im Vergleich zur ganzen Aufgabe zwar gering, immerhin das Urteil des Appian (Ib. 15) nicht gerecht erscheinen lassen, dass nämlich Cn. Scipio bis zur Ankunft seines Bruders ,nichts Nennenswertes‘ vollbracht habe. Es birgt sich dahinter wohl Appians eigene Unkenntnis.

Jetzt erschien im J. 538 = 216 P., der Bruder des Cn., in Spanien und übernahm den Oberbefehl. Cn. wirkte neben und mit ihm; seine Lebensschicksale sind mit denen seines Bruders (s. d. Nr. 330) so eng verknüpft, dass sie sich nicht davon trennen lassen. Erst im J. 540 = 214 spielt Cn. in unsern Berichten wieder eine selbständige Rolle, als er seinen in eine gefährliche Lage geratenen Bruder befreit und die von den Karthagern belagerte Stadt Iliturgis und ebenso Bigerra entsetzt. Bei Munda wurde er im gleichen Jahre verwundet, Liv. XXIV 41f.

Nach Verlauf von zwei Jahren, also 542 = 212 (Liv. XXIV 49 und XXV 32f.), wollten die Brüder einen Hauptschlag unternehmen und trennten sich zu diesem Zwecke. Cn. blieb gegen Hasdrubal, Hannibals Sohn, bei Amtorgis im Felde. Aus dem Eintreffen der beiden andern feindlichen Führer im Lager Hasdrubals schloss Cn. mit Recht auf ein Unglück, das seinen Bruder getroffen habe, und wich mit seinen durch den Abfall der Keltiberer stark geschwächten Truppen der Übermacht bei Nacht. Doch am Abend holte ihn die Reiterei der Feinde ein. Die Notverschanzung aus Sätteln und Gepäckstücken hielt nicht lange stand, das römische Heer erlag, mit ihm sein Feldherr Cn., der entweder in der Schlacht oder auf der Flucht in einem Turme sein Ende fand (Liv. XXV 34–36. Appian. Ib. 16), 30 Tage später als sein Bruder. Die Trauer um seinen Tod soll wegen seiner grösseren Beliebtheit bei den Spaniern noch heftiger gewesen sein als die um seinen Bruder (Liv. XXV 36).

Dieser Zeitangabe, wonach der Tod der Scipionen in das J. 542 = 212 fällt, widerspricht Livius (XXV 36, 14) selbst, wenn er Cn. Scipio im achten Jahre seit seiner Ankunft in Spanien sterben lässt. Danach wären dann die Scipionen erst im J. 543 = 211 gestorben. Genzken De rebus a P. et Cn. Scipionibus in Hispania gestis, Freiberg i. S., 1879 sucht einen Ausweg: er findet eine Verwirrung in der Erzählung der Ereignisse des J. 540 = 214 bei Livius, so dass die Eroberung von Iliturgis und Bigerra in das J. 542 = 212, das Ende der Scipionen in das J. 543 = 211 fiele. Auch Mommsen (R. G. I⁸ 630) verlegt den Tod der Scipionen in das J. 543 = 211, während Ihne (R. G. II 257–260) die Zahlen des livianischen Berichtes beibehalten hat, den er im übrigen 258, 238 auf seine Glaubhaftigkeit hin charakterisiert. Einen Versuch, den Irrtum aus fehlerhafter Quellenbenutzung seitens des Livius zu erklären, macht Soltau (Herm. XXVI 1891, 411f.).