RE:Deïphontes

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,2 (1901), Sp. 24062408
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Deïphontes (Δηιφόντης), Sohn des Antimachos, eines Urenkels des Herakles (Nicol. Damasc. 38, FHG III 376. Paus. II 19, 1), vermählte sich mit Hyrnetho, der Tochter des Herakliden Temenos in Argos (als dessen Sohn ihn Ps.-Scymn. 534 irrtümlich bezeichnet). Da Temenos mit Übergehung seiner Söhne den D. als Ratgeber und Feldherrn verwandte, dingten diese, die von der Erbfolge ausgeschlossen zu werden befürchteten, mit Ausnahme des jüngsten (Agelaos, Agaios, Aigaios, Agraios, Argeios) Mörder gegen ihren Vater, die ihn bei einem einsamen Bad im Flusse tötlich verwundeten. Sterbend übertrug er die Herrschaft auf D. und Hyrnetho und teilte ihnen die nur ihm bekannten Orakelsprüche περὶ τοῦ πολέμου mit. Als später der Anschlag ans Licht kam, wurden Keisos und seine Brüder verbannt, und D. und Hyrnetho herrschten in Argos mit Zustimmung des Heeres (Nicol. Damasc. u. Paus. [2407] a. a. O. Diod. VII 13. Apollod. II 8, 5, 3). Da aber die Söhne des Temenos ihre Mitschuld an dem Morde leugneten und ihre Ansprüche an die Herrschaft nicht aufgaben, brachte D. heimlich die Troizenier, Asinaier, Hermioneer und die andern dort wohnenden Dryoper, die ohnehin fürchteten, von den Doriern vertrieben zu werden, zum Abfall von den Argivern (Nicol. Damasc. a. a. O.). Und in der That muss er später von den Temeniden vertrieben worden sein; denn Pausanias (a. a. O.) führt den ältesten derselben, Keisos, als Nachfolger seines Vaters an. Die Quelle dieser Erzählung war wahrscheinlich Ephoros, der ausdrücklich D. und den jüngsten Sohn des Temenos Agraios (Agelaos) als Gründer der Städte an der argivischen ἀκτή bezeichnet (Strab. VIII 889. Ps.-Scymn. 533). Doch scheint schon Euripides im Temenos diesen Stoff behandelt zu haben (vgl. frg. 743f.). D. wandte sich mit einem Teile des Heeres, der ihm anhing, nach Epidauros. Der dortige Herrscher Pitireus, ein Nachkomme des Ion, überliess ihm das Land ohne Kampf und zog nach Athen (Paus. II 26, 2, vgl. Busolt Griech. Gesch. I² 216), von wo sein Sohn Prokles später Samos besiedelte (Paus. VII 4, 2, vgl. E. Meyer Gesch. d. Altert. II 243f.). Nach der Überlieferung der Epidaurier versuchten später die Temeniden Kerynes und Phalkes, Hyrnetho ihrem Gatten zu rauben. Sie beriefen ihre Schwester zu einer Unterredung vor die Mauer von Epidauros und entführten sie, als sie sich ihren Bitten und Versprechungen unzugänglich zeigte, mit Gewalt. Der nachsetzende D. traf den Kerynes; den Phalkes aber, der seine Schwester umklammert hielt, wagte er nicht anzugreifen. Dabei tötete aber Phalkes, ohne es zu wollen, die schwangere Hyrnetho und floh entsetzt. D. begrub mit seinen Kindern Antimenes, Xanthippos, Argeios und Orsobia die Hyrnetho vor der Stadt und weihte ihr die Stelle als Hyrnethion(Ὑρνίθιον und Ὑρνιθώ bei Steph. Byz.). Unter andern ihr zuerkannten heroischen Ehren wurde bestimmt, dass die dort wachsenden Ölbäume ihr heilig sein und nicht gefällt oder verletzt werden sollten (Paus. II 28, 3, vgl. Curtius Peloponn. II 425. Mannhardt A. W. u. F. K. 27). Doch zeigte man auch in Argos ein Grabmal der Hyrnetho (Paus. II 23, 3, vgl. Curtius Peloponn. II 361. Bursian Geogr. v. Griech. II 56). Vielleicht war diese Cultlegende Gegenstand der Temenidai des Euripides. Nach Polyaen (II 12) hatte D. als Bundesgenosse der Dorier diesen zur Herrschaft über Argos verholfen, indem er von seiner Flotte aus das Lager der Argiver überfiel, während sie gegen die plündernden Dorier kämpften.

Dass der Sage von D. und Hyrnetho ein historischer Kern zu Grunde liegt, ergiebt sich, wie E. Meyer (Gesch. d. Altert. II 270f.) hervorhebt, daraus, dass es in Argos eine Phyle Hyrnathiai gab, welche als vierte den drei altdorischen Phylen der Hylleis, Pamphyloi (Pamphylos soll die Tochter des D. Orsobia geheiratet haben. Paus. II 28, 6) und Dymanes hinzugefügt wurde (Ephoros bei Steph. Byz, s. Δυμᾶνες). vgl. CIG 1130 und 1131, ebenso inschriftlich bezeugt aus Nemea (Bull. hell. IX 350). sowie eine deiphontische Phyle in Mykenai (Ἐφημ. ἀρχ. 1887, 156, vgl. Busolt Griech. Gesch. I² 213) und in dem messenischen Thuria [2408] (Le Bas Voyage arch. II 302). Darnach erscheint D. nicht als Heraklide, sondern als Repräsentant eines Teils der einheimischen Bevölkerung, und die Sage gewährt uns einen Einblick in deren Verhältnis zu den eingewanderten Doriern.