RE:Demetrios 80

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,2 (1901), Sp. 28142817
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80) Demetrios (FHG IV 382. Susemihl Gr. Litt.-Gesch. I 507f. Scheurleer De Demetrio Magnete [wertlos]. Maass De biographis Graecis [= Philol. Untersuch. III] 23ff. Wilamowitz Antigonos [= Philol. Unters. IV] 104. 322ff. Leo Griech.-röm. Biographie 39ff.) von Magnesia (ὁ Μάγνης sehr häufig), – aus welchem, ist nicht überliefert –; gehört zu der sehr zahlreichen Sippschaft gelehrter Compilatoren, die im 1. Jhdt. v. Chr. ihren Lesefleiss in den Dienst der die griechische Bildung sich assimilierenden römischen Gesellschaft stellten. Nach Dionys (de Dinarch. 1) stand er im Ruf ein πολυίστωρ zu sein, für die damalige Zeit ein Ehrentitel, der auch ohne wissenschaftliche Gedanken erworben werden konnte; nach der Vereinigung von bibliothekarischer Gelehrsamkeit und rhetorischem Interesse lässt sich D. am ersten mit seinem Zeitgenossen Aristodem von Nysa zusammenstellen. Nur durch Cicero (ad Att. VIII 11, 7 = 12, 6. IX 9, 2) bekannt ist ein Atticus gewidmetes Buch Περὶ ὁμονοίας, wahrscheinlich eine nach irgendwoher aufgelesenen Gesichtspunkten zusammengestellte Sammlung historischer Beispiele; Cicero wollte sie für ein zum Frieden mahnendes Pamphlet benützen, mit dem er im Frühjahr 49, als er mit Pompeius Politik unzufrieden war, in den Gang der Dinge einzugreifen dachte, eine Hoffnung, die er bald fallen liess. Nach seinem Ausdruck (ad Att. VIII 11, 7) memini tibi afferri muss man annehmen, dass das Buch schon seit einiger Zeit erschienen war, und so ist es wahrscheinlich mit dem Buch identisch, das Cicero 55 an Atticus zurückgab (IV 11, 2); dieser wird es ihm, der damals an De republica arbeitete, unmittelbar nach dem Erscheinen zugeschickt haben. Während dies Werk völliger Vergessenheit anheimgefallen ist, sind zwei Nachschlagewerke öfter benutzt, die Bücher Περὶ ὁμωνύμων πόλεων (so muss der Titel in correcter Fassung gelautet haben, ἐν ταῖς Συνωνύμοις πόλεσι Harpocr. s. Μεθώνη; ἐν Συνωνύμοις Steph. s. Ἀλαβών; verdorben ἐν ταῖς συγγραφαῖς Steph. s. Ἀλθαία) und Περὶ ὁμωνύμων ποιητῶν τε καὶ συγγραφέων (Diog. I 112. V 3; ἐν τοῖς Περὶ ὁμωνύμων ποιητῶν Harpocr. s. Ἰσαῖος; meist zu ἐν τοῖς Ὁμωνύμοις oder ἐν Ὁμωνύμοις abgekürzt; ἐν τῇ Περὶ τῶν ὁμωνύμων πραγματείᾳ Dionys. de Din. 1; incorrect ἐν τοῖς Περὶ συνωνύμων Plut. Dem. 15). Eine Vorstellung, wie das litterargeschichtliche Buch ausgesehen hat, giebt das grosse, wörtlich excerpierte Stück über die Δείναρχοι bei Dionys (de Dinarch. 1). Am Anfang werden vier litterarische Träger des Namens aufgezählt, der erste und bekannteste durch den Zusatz ἐκ τῶν ῥητόρων τῶν Ἀττικῶν, die drei anderen durch ganz kurze Bemerkungen über ihre Production vorläufig gekennzeichnet; bei dem dritten wird ausdrücklich bemerkt, dass er älter als die beiden ersten gewesen sei; also war die Ordnung nicht chronologisch. Es folgt die Behandlung der einzelnen, von der nur die des Redners erhalten ist. Biographisches wird nicht gegeben, was Dionys ausdrücklich rügt (de Dinarch. 2), sondern nur ein Urteil über den Stil mit einer kritischen Spitze, [2815] indem die bekannteste Rede, die gegen Demosthenes, für unecht erklärt wird. Dem vorgeschrittenen Classicismus des Dionys, der durch die Arbeiten des römischen Atticismus bedingt ist, erscheint dies Urteil farblos; aber die Mustergültigkeit der attischen Redner, die Schlagworte von der χάρις des Hypereides und dem τόνος des Demosthenes, der schon an die erste Stelle gerückt ist, die Forderung des πιθανὸν und κύριον, offenbar im Gegensatz zum πεπλασμένον hellenistischer Stilarten weisen auf den sich anbahnenden Classicismus und stehen der Darstellung von der Entwicklung und Entartung der griechischen Beredsamkeit am nächsten, wie sie Cicero, noch vor dem Aufkommen des römischen Atticismus, in de orat. II 92ff. gegeben hat, wie ich glaube nachweisen zu können, auf Grund dessen, was er in Rhodos gelernt hatte. Grammatische Gelehrsamkeit, die aus Bibliothekskatalogen und Sammelwerken verschollene Schriftsteller ausgräbt und den bekannten Namen anreiht, ein starker Zusatz von κρίσις, nach dem Urteil des in Rhodos lehrenden Aristarcheers Dionysios Thrax (ars gramm. 1) τὸ κάλλιστον πάντων τῶν ἐν τῇ τέχνῃ, die für das Absterben des Hellenismus bezeichnende Bewunderung der attischen Prosa, daneben aber eine formlose Anordnung des Stoffes nach einem äusserlichen Schema, absichtlich gepaart mit sorgfältiger, ja gezierter Diction, beides Erbschaften der kallimacheischen Schule, dies sind die in sich widerspruchsvollen Elemente, die in der Schriftstellerei des D. ihr Wesen getrieben haben müssen und sie als das Gebilde einer Übergangszeit charakterisieren.

Es erhebt sich die Frage, ob dies aus dem Bruchstück bei Dionys gewonnene Bild durch weiteres Material ergänzt und lebensvoller gemacht werden kann. Von vornherein lag es nahe, die zahlreichen Homonymenlisten, die sich bei Diogenes finden, mit D. in Verbindung zu bringen, und auch abgesehen von der allgemeinen Wahrscheinlichkeit findet sich in diesen Listen nicht weniges, das zu der Art des D. gut stimmen würde. Nur im 1. Jhdt. v. Chr. und ehe der Weltfriede des Kaiserreichs angebrochen war, ist das starke Interesse an dem Römerfeind Metrodor von Skepsis, das V 84 ohne besondere Motivierung hervorbricht, begreiflich. Ephemere Poeten und Rhetoren, besonders eine Unmasse völlig verschollener Technographen, treten auf, wie sie nur ein gelehrter Sammler aufstöbern konnte; den Classicisten verraten Urteile wie das über einen Thales I 38 ῥήτωρ … κακόζηλος, oder wenn die karische Abstammung eines der glänzendsten Vertreter des sog. Asianismus, Menipp von Stratonikeia besonders hervorgehoben wird (V 101). Sehr merkwürdig ist die Bemerkung IV 15, dass die Dichter sich in der Regel erfolgreich mit der Prosa abgäben, die Prosaiker in der Poesie Fiasco machten, mit der daran geknüpften Schlussfolgerung ᾧ δῆλον τὸ μὲν (die Prosa) φύσεως εἶναι, τὸ δὲ τέχνης ἔργον, die direct gegen die stoische, von Strab. I 18 vorgetragene Lehre polemisiert, aber zu der von D. in Übereinstimmung mit Cic. de or. II 92 verlangten Naturwahrheit des Prosastils gut passen würde. Aber der Nachweis von Maass, dass in die Listen nicht nur bildende Künstler und andere Persönlichkeiten, die D. gemäss [2816] dem Titel ausgeschlossen hat, sondern auch Schriftsteller der Kaiserzeit wie Herakleides ὁ λεσχηνευτής (V 93) aufgenommen sind, dass D. den Grammatiker Seleukos (III 109) nicht citiert haben kann, die Beobachtung von v. Wilamowitz (Antigonos 325f.), dass die Listen der Χρύσιπποι (VII 186. VIII 89. 90) sich widersprechen und von einander unabhängig sind, verbieten, die Listen alle auf einen Gewährsmann direct zurückzuführen, und zwingen dazu, zum mindesten eine so starke Überarbeitung des von D. gebotenen Materials anzunehmen, dass das Aussondern dessen, was D. angehört oder angehört haben kann, ein sehr problematisches Geschäft wird.

Der Redner Deinarch war bei D. ohne Biographie geblieben; trotzdem steht durch zahlreiche Fragmente fest, dass er, gerade bei den Litteraturgrössen, biographisches Material geboten hat. So spielt D. in der biographischen Überlieferung und der damit zusammenhängenden Analyse des Diogenes Laertios eine Rolle. Ein Resultat ist durch v. Wilamowitz (Antigonos 330ff.) mit Sicherheit gewonnen, dass D. die Biographie Xenophons mit Hülfe der Rede Deinarchs Ἀποστασίου ἀπολογία Αἰσχύλῳ πρὸς Ξενοφῶντα (Diog. II 52. Dionys. de Dinarch. 12) mit ausgezeichnetem Material bereichert hat. Es muss aber nachdrücklich davor gewarnt werden, dies Resultat durch verallgemeinernde Schlüsse zu verderben. Durchmustert man die übrigen, sicher bezeugten Fragmente, so ergiebt sich, dass D. keineswegs einer wissenschaftlichen Reaction gegen die biographische Legende, wie sie Hermipp, Satyros und andere cultivierten, huldigte, sondern in ganz der gleichen Weise weitergearbeitet und seine Vorgänger, wenn es ging, übertrumpft hat; als Beispiele mögen [Plut.] vit. X orat. 847 a ~ Plut. Demosth. 30; Diog. IX 27. 36 genügen. In jenem einzelnen Fall hat ihn nicht die wissenschaftliche Brauchbarkeit, sondern das Sensationelle der ‚Enthüllungen‘ über Xenophons Lebensgang angezogen, wie ja auch seine Verwerfung der bekanntesten Rede Deinarchs bei Dionys lediglich sensationell ist. Es ist und bleibt ferner das weitaus wahrscheinlichste – ein stricter Beweis ist hier nicht möglich –, dass er seinem Werk höchstens ausnahmsweise vollständige Biographien einverleibt, in der Regel aber sich damit begnügt hat, den traditionellen κεφάλαια neue Glanzstücke, unter Umständen mit Pseudokritik renommierend, hinzuzufügen. Wo er angeführt wird, bildet er nie den Grundstock der Überlieferung, seine Varianten treten accessorisch hinzu, und damit hat die Analyse zu rechnen. Die Art, wie D.s Bemerkung über Heraklits μεγαλοφροσύνη Diog. IX 15 der zur Hauptüberlieferung gehörigen Auseinandersetzung über das gleiche Thema IX 2. 3 angeflickt wird, zeigt nicht nur, dass D. ausgetretene Pfade wandelte, sondern auch, dass er nachträglich an den schon zusammenkrystallisierten Kern der Tradition angeschoben ist. Es würde zu den bedenklichsten Consequenzen führen, wollte man aus Stellen, wie Diog. IX 35 mehr schliessen, als dass Antisthenes Διαδοχαί mit D.s Varianten schon vor Diogenes zusammengearbeitet sind oder etwa die mehrfach auftretenden Citate aus der Diatribe gegen den Bildungshass des attischen Demos, die in D. des [2817] Phalereers Ἀπολογία Σωκράτους gestanden haben muss (Diog. IX 15. 37. 52), mit apodiktischer Sicherheit auf D. zurückführen; Diog. II 43. 44 zeigt unwiderleglich, wie die Schriftsteller über Διαδοχαί, also der breite Strom der Überlieferung, dies Thema schon aufgenommen haben.