RE:Diodoros 57

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 713–714
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57) Diodoros, Bischof von Tarsus 378–394. Er stammte aus vornehmer antiochenischer Familie, war schon als Presbyter in Antiochien um 360 eine weithin berühmte Persönlichkeit. Hieronymus de vir. ill. 119 scheint ausser Commentaren des D. ,in apostolum‘ nicht viel zu kennen; die vielen übrigen Arbeiten des D. vergleicht er mit den Schriften des Eusebios von Emesa und findet, dass D. die Beredsamkeit seines Vorbildes nicht erreicht habe propter ignorantiam saecularium litterarum. Gerade dieser Vorwurf, dessen Unbilligkeit auf der Hand liegt, lehrt uns das Urteil des Hieronymus richtig verstehen; wahrscheinlich hat D. einmal seine Eitelkeit verletzt, oder Hieronymus beneidete ihn um den Ruhm, der grösste unter den lebenden Theologen und der im mönchischen Sinn Heiligste zu sein. Im 5. Jhdt. freilich änderte sich die Stimmung der kirchlichen Kreise gegenüber D.; er galt als der Vater des Nestorianismus und verantwortlich für die Haeresien seines Schülers Theodoros von Mopsuestia; nach Phot. bibl. c. 18 wäre er sogar auf der fünften ökumenischen Synode 553 anathematisiert worden. Dies ist zwar ein Irrtum, aber weil die Antiochener und gerade Theodoros und Nestorios den D. als das Haupt ihrer Schule so unbedingt verehrten, verband sich sein Name mit denen seiner Anhänger, und empfindlich gemachte Leser fanden wie Photios a. a. O. 102 nun in seinen Schriften Anstössiges, daher sie fast alle untergegangen sind. Suidas giebt s. v. ein reichhaltiges Verzeichnis seiner Werke; aus Leontios von Byzanz und Photios können wir es noch ergänzen. Für uns sind von grösstem Interesse seine exegetischen Arbeiten. Er soll die ganze Bibel commentiert haben, und in den Catenen ist von diesen Commentaren manches aufbewahrt; er hat aber auch in einem Briefe τίς διαφορὰ θεωρίας καὶ ἀλληγορίας die exegetischen Grundsätze der antiochenischen Schule theoretisch verteidigt und offenbar gegenüber der alexandrinischen Allegorisierung der Bibelworte nur eine ,θεωρία‘ zugelassen, eine von dem geschichtlichen Wortsinn ausgehende typische Deutung. Als Polemiker ist er gegen Hellenen und Juden, gegen Arianer, Apollinaristen und Manichäer aufgetreten; eine teils polemische teils apologetische Untersuchung κατὰ εἱμαρμένης hat noch dem Photios, der nicht mit gutem Vorurteil herantrat, so imponiert, dass er von ihren 8 λόγοι, sogar von ihren 53 κεφάλαια eine ganz genaue Inhaltsangabe [714] anfertigt (bibl. c. 223). Von seinen dogmatischen Schriften, z. B. περὶ τοῦ ἁγίου πνεύματος, περὶ νεκρῶν ἀναστάσεως kennen wir kaum mehr als die Titel. Aus griechischen Catenen (z. B. der bei Tischendorf-Gregory Novum Testam. ed. maior III 441 beschriebene Codex We enthält Überreste seines Commentars zum Evang. Joh. c. 3) und aus der syrischen Litteratur wird sich unser Besitz an D.-Fragmenten noch sehr bereichern lassen; das bisher Bekannte ist ziemlich vollständig gesammelt bei Migne Patrolog. gr. XXXIII. Dass er Verfasser der ps.-iustinischen Quaestiones et Responsiones ad Orthodoxos sei, ist bisher nur eine gescheite Hypothese. Vgl. H. Kihn Theodor von Mopsuestia 1880 und Theol. Quartalschr., 1880, 531ff. Smith and Wace Dict. of Christ. Biogr. I 836ff.