RE:Glossographie

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Sammlung von Schriftstellen, Griechische G. s. Lexikographie
Band VII,1 (1910) Sp. 14331466
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Glossographie I. Griechische Glossographie s. Lexikographie.

II. Die lateinische G. knüpft, wie schon die Wörter glossa und glossema vermuten lassen, an die griechische an. Glossa steht bei Varro de l. l. VII 10 (in griechischer Form bei Quint. I 1, 34), bei Iulius Romanus (Charis. 229, 31. 242, 10), Auson. epigr. 127, 2 (86, 2), Anecd. Helv. 177, 34 und in den Glossen. Der Streit, ob glossa zu schreiben sei oder mit L. Mueller (Jahrb. f. Philol. 1868, 68) glosa, erledigt sich durch den Hinweis darauf, daß glosa im Mittelalter die vulgäre und romanische, glossa die gelehrte Form darstellt (Loewe Prodr. 1ff. Gröber Arch. f. Lex. II 439). Das Deminutivum steht bei Diom. 426, 26 (poeticis glossulis); ebenso Schol. zu Pers. I 95 und in den Glossen. Gleichbedeutend ist glossarium bei Gell. XVIII 7, 3 = γλωσσάριον (glosaria namque colligitis et lexidia, res taetras et inanes). Das lateinische Wort glossarium findet sich z. B. im Cod. Bern. A 91 nr. 18 (incipit glosarium roboratum summa auctoritate), bei Papias (unde glossarium dictum quod omnium fere partium glossas contineat) und später öfter: dafür in junger Zeit dictionarium, dictionarius, vocabularium, vocabularius. In älterer Zeit nannte man dergleichen Sammlungen glossa, glossae, glossulae, glossemata, explicationes quarundam vocum (Cod. Paris. lat. 16702), glosae ide interpretationes (Steinmeyer IV 410), conscriptio glossarum, explanatio sermonum (Notices et Extr. XXXVIII 12 [348]) usw. (vgl. Loewe Prodr. 1 Anm. 2. 2). Glossema lesen wir bei Varro de l. l. VII 34 (qui glossemata interpretati) und 107 (sub hoc glossema callide subscribunt); ferner bei Asinius Gallus (Suet. gramm. 22), bei Fest. 166 b, 8 (glossematorum scriptores) und 181 a, 18 (Ateius Philologus in libro glossematorum), bei Quint. I 8, 15 (circa glossemata etiam id est voces minus usitatas), bei Charis. 131, 10. Cassiod. Gr. L. VII 167, 9. 174, 10. 175, 4. 176, 14. 177, 9 (vgl. Gr. L. IV 121, 13–16); dazu zwei testimonia in den Glossen. Was die Bedeutung anlangt, so sind glossema und glossa synonym. Entweder bezeichnet glossa das zu erklärende Wort allein oder zugleich mit dem Interpretament, das Interpretament allein erst in den Anecd. Helv., im Plural wohl auch eine Sammlung von Glossen. Glossematicum (scil. genus locutionum) steht bei Diom. 440, 1; γλωσσηματικῶς bei Phorphyrio in Hor. epist. II 1, 15.

Wie die griechische G. in dem Bedürfnisse der Unterweisung ihre Wurzel hat (vgl. z. B. Cohn Griech. Lexikogr. 577ff.), so gilt von der lateinischen das gleiche. Es ergibt sich das sowohl aus dem bereits erwähnten Epigramm des Asinius Gallus (qui caput ad laevam didicit, glossemata nobis Praecipit) als aus den klaren Worten des Quint. I 1, 34 und dem obszönen Scherz des Auson. 127, 2 (86, 2 = p. 217 ed. Schenkl). Vgl. Lersch Sprachphil. 111. Goetz Ind. Ien. a. 1886 Xf. Daß man sich für die praktischen Zwecke des Unterrichts Sammlungen angelegt haben wird, liegt in der Natur der Sache. Auf solche Sammlungen beziehen sich vermutlich einige Stellen bei [1434] Varro und Verrius-Festus; so z. B. de l. l. VII 107 (itaque sub hoc glossema callide subscribunt); VII 10 (... tesca, aiunt sancta esse qui glossas scripserunt; id est falsum)', VII 34 (camillam qui glossemata interpretati dixerunt administram); Verrius-Festus 166 b, 6 (naucum ... glossematorum ... scriptores fabae grani quod haereat in fabulo). An manchen dieser Stellen werden die scriptores glossematorum ausdrücklich von Gelehrten wie Aelius Stilo, Aurelius Opillus und Ateius Philologus unterschieden, trotzdem der letztere einen liber glossematorum verfaßt hat (Fest. 181 a, 18). Die Namen dieser scriptores waren entweder nicht bekannt, was bei solchen Schulbüchern nicht auffällt, oder man hielt es nicht für nötig, sie zu nennen. Die Lemmata hatten nach den angeführten Beispielen die Form, die die Quellenstelle darbot; die Interpretamente gaben die Bedeutung mit einem bekannten Worte wieder (tesca-sancta), ganz wie es später wieder gebräuchlich wurde und vermutlich nie ganz aus dem Gebrauche kam. Hierher gehören meines Erachtens auch Stellen wie de l. l. VII 107 (clucidatus suavis), VII 10 und 34. Solche Sammlungen zogen neben andern Quellen Varro und Verrius heran, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß manche einfache Glosse bei Festus aus einer Quelle dieser Art genommen ist (vgl. Loewe GL. Nom. 99f. Goetz Ind. Ien. 1886 X). Auch bei Placidus steht einiges, das an diese uralte G. erinnert (vgl. Karl De Plac. glossis 128); obwohl sich ein evidenter Nachweis dieser Herstammung in den einzelnen Fällen nicht mehr erbringen läßt. Daß diese Form die eigentliche Glossenform ist, weiß noch Isidor, wenn er Orig. I 30, 1 sagt: quid enim illud sit in uno verbo positum declarat (scil. glossa), ut ,conticescere est tacere‘ (vgl. II 29, 6).

Von diesen anonymen Glossographen der ältern Zeit unterscheiden sich die Vertreter der gelehrten G. Entsprechend der Entwicklung der Grammatik erweiterte sich die ursprüngliche Glossenform in verschiedener Weise. Wenn massucum edacem bei Placidus ein Beleg der älteren Form ist, so zeigt uns die verwandte Glosse des Festus (masucium edacem a mandendo scilicet) bereits einen etymologischen Zusatz. Eine andere Erweiterung besteht in der Zufügung von besonderen Belegstellen neben der ursprünglichen Fundstelle, wie z. B. bei der Glosse ocrem (Fest. 181 a, 17), die aus Ateius Philologus genommen ist. Auf diese Weise entstanden Sammlungen wie priscorum verborum cum exemplis (so wollte Fest. 218 b, 10 eine besondere Schrift betiteln). Ich erwähne ferner die glossae veterum (Charis. 242, 10), die glossae antiquitatum (ebd. 229, 30), die idonei vocum antiquarum enarratores bei Gell. XVIII 6, 8. die libri rerum verborumque veterum ebd. XIII 24, 25, ohne die sachlichen und chronologischen Verschiedenheiten zu erörtern. Auch L. Cincius gehört hierher, der nach Fest. 330 b, 2 de verbis priscis geschrieben hat. Des Santra Schrift de antiquitate verborum oder de verborum antiquitate (Fest. 277 a, 2) begnüge ich mich zu erwähnen. Wenn übrigens Bremer die Fragmente des Cincius als fragmenta iuris behandelt, so widersprechen dem Glossen wie naccae (166 b, 2), naucum (166 b, 7), peremere (214 b, 31), scena [1435] (330 b, 1), tuditantes (352 a, 25). Andrerseits ist es bekannt, wie gern man in dieser Zeit grammatische und juristische Fragen verknüpfte. Ich verweise nur auf C. Aelius Gallus, den Bremer lieber zu den Philologen rechnen möchte, obwohl sich seine Schriftstellerei eng mit juristischen Fragen berührt. Spezielle Grammatiker sind L. Aelius Stilo und Aurelius Opillus. Zwar ist es nach Reitzenstein (Ter. Varro und Joh. von Maurop.) kaum noch möglich, mit Mentz (De L. Ael. Stil. 21) von einer ,glossographischen‘ Schrift des Aelius zu sprechen, statt von einer ‚etymologischen‘, die freilich auch glossographisches Material enthalten haben wird. Ein wirklicher Glossograph aber und zwar der princeps der gelehrten G. ist Aurelius Opillus, dessen ,Musae‘ (Suet. de gramm. 6. Gell. I 25, 17) auch glossographische Partien hatten; darauf deuten die Fragmente hin, in denen die Etymologie hinter der Erklärung dunkler oder seltener Worte ersichtlich zurücksteht. Auch Servius Clodius gehört hierher, obwohl er, nach den Fragmenten zu urteilen, sich besonders an Aelius Stilo anschloß. Den liber glossematorum des L. Ateius Philologus erwähnt Festus 181 a, 18; darauf bezieht man gewöhnlich eine Anzahl von Fragmenten, die ohne nähere Angabe zitiert werden. Von diesen Glossographen – es mag deren noch weit mehr gegeben haben – erhalten wir dürftige Kunde hauptsächlich durch Varro und Verrius; im übrigen ist ihre Spur selten oder doch nicht mehr für uns erkennbar.

Über die Stellung Varros zur G. sind wir mangelhaft unterrichtet. So wahrscheinlich es ist, daß er die glossographische Literatur vor ihm ausgiebig benützt hat, und zwar nicht nur in den speziell grammatischen Schriften, so resultatlos sind im ganzen die Versuche, dies im einzelnen nachzuweisen. Es gilt dies z. B. auch von den Büchern V und VI der Schrift de l. l., obwohl diese sich in vielen Einzelheiten mit der glossographischen Literatur berühren. Greifbare Beziehungen zur G. zeigt nur das VII. Buch, und zwar sowohl zu jenen anonymen Glossographen, von denen vorher die Rede war (§ 10. 34. 107), als zu der gelehrten G. So wird Aurelius Opillus mehrfach ausdrücklich erwähnt, unter dem Namen Aurelius VII 65. 70. 106, unter Opillus VII 50. 67. 79. Zweimal wird er mit Claudius verbunden, d. i. Servius Clodius (VII 70. 106). Die Beziehungen zu Aelius Stilo übergehe ich, da dessen Schrift nicht glossographisch im engeren Sinne war. Auch in der Schrift de re rust. finden sich manche Anklänge an die glossographische Art. Eine andere Frage ist die nach dem Einfluß, den Varro auf die uns überlieferten Reste der G. ausgeübt hat. Soweit wir aus dem vorliegenden Material zu urteilen vermögen, ist er – von Verrius Flaccus abgesehen – nirgends direkt benützt worden. Die nicht sehr zahlreichen Zitate (unter arina, arundo, axilla, pampinus, proceres, prodigium, prolicere?, prosa, saltator, sepulcrum, sinum, vannus, venilia, vir) sind durchweg aus zweiter, dritter oder überhaupt späterer Hand.

Weit wichtiger ist für uns die Stellung, die Verrius Flaccus mit seinen Epitomatoren Festus und Paulus in der G. einnimmt. Sein [1436] Werk ist für uns das receptaculum der Schätze früherer Glossographen, die uns vielleicht gerade durch den Einfluß des Verrius verloren gegangen sind. So hat er Aelius Stilo ausgeschrieben (Mentz 23. Reitzenstein Verr. Forsch. 88; Ter. Varro und Joh. v. Maur, an verschiedenen Stellen. Kriegshammer Comm. phil. Ien. VII 1, 74ff.); ebenso den Aurelius Opillus (s. d.); Ateius Philologus (s. d.; Reitzenstein Verr. Forsch. 92); die Schrift de obscuris Catonis (Reitzenstein 56), um nur die wichtigeren zu nennen. Auch Varro ist vielfach benützt (vgl. Willers De Verrio Flacco, Halle 1898, an verschiedenen Stellen; nicht in den Büchern de l. l., vgl. Kriegshammer 74ff.). Wieweit er manche Autoren selbst ausgezogen hat (vgl. z. B. die Plautusreihen bei Reitzenstein Verr. Forsch. 63ff.), läßt sich nicht ermitteln. Verrius ist aber nicht nur das receptaculum der Schätze früherer Zeit, er ist auch der Vermittler für glossographische Werke der späteren Jahrhunderte, obwohl wir diese Seite seines Einflusses nur in einigen Fällen direkt nachzuweisen in der Lage sind. Auf Verrius könnten in letzter Linie die wertvollen Zusätze zurückgehen, die aus den glossae asbestos in der praef. des IV. Bandes abgedruckt sind; vgl. jedoch meine Ausführungen im Rh. Mus. XL 328. Sicher benützt ist Festus von Ps.-Philoxenus (vgl. Adoriosus ἔνδοξος ὡς Πομπήϊος und Ador νίκη ὡς Πομπήϊος, dazu die Nachweisungen von Dammann De Festo Ps.-Philoxeni auctore, Comm. Ien. V 26ff.). Spuren der Benützung finden sich in den glossae ab absens (Goetz De Astrabae Pl. fragmentis, Ind. Ien. a. 1893 IIIf.), ferner im Cod. Vat. 3321 (vgl. Abh. Sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1888, 231), um nur das Wichtigste hervorzuheben. Die deutlichen Beziehungen zu Nonius brauchen nicht auf direkte Entlehnung zurückgeführt zu werden; es ist recht gut möglich, daß Autoren wie Plinius und Caper die Vermittler sind (P. Schmidt De Non. Marc. auctoribus grammaticis 145. Nettleship Lect. and ess. 229. Fröhde De Nonio Marc. et Verrio Flacco 2; zur Kommentartheorie bei Nonius Beitr. zur Philol. und Bücherkunde, Aug. Wilmanns gewidmet, 265. Lindsay Non. Marc. dictionary of republican Latin 100. Vahlen Ennius² XCV. Goetz Epilegomena in deperd. Plauti fab. 195). Auch die Parallelen bei Placidus sind aus der Benützung gemeinsamer Quellen zu erklären (vgl. P. Karl De Placidi glossis, Comm. Ien. VII 2, 103ff., wo die sonstige Literatur über diese Frage verzeichnet ist). Wieweit sich verlorene Werke, wie z. B. das des Caesellius Vindex, mit Verrius berührten, läßt sich nicht mehr ermitteln; doch dürfen wir im allgemeinen einen weitreichenden Einfluß des Verrius oder Festus für wahrscheinlich halten. Vom 9. Jhdt. an finden sich zahlreiche Spuren der Benützung des Paulus, worüber später zu handeln sein wird.

Auch die Wurzel der bilinguen, d. h. der griechisch-lateinischen und lateinisch-griechischen Glossare, reicht in frühe Zeit zurück. Das Fundament dieser Glossare ist doppelter Art. Sie entspringen entweder dem Bestreben der Grammatiker, die Eigentümlichkeiten der lateinischen Sprache durch Vergleichung mit der griechischen in klare Beleuchtung zu setzen, oder dem praktischen Bedürfnisse der Spracherlernung. Was [1437] die hervorgehobenen grammatischen Bestrebungen anlangt, so ist deren erster Vertreter kein geringerer als Remmius Palaemon, wenn es richtig ist, daß die Idiomata des Charisius (292, 16ff.; vgl. Marschall De Q. Remmii P. libris gramm. 22) auf ihn zurückzuführen sind. Sicher ist der Terminus idiomata bei C. Iulius Romanus (Charis. 254, 9). Cum ab omni – so heißt es bei Charis. 292, 16–19 – sermone Graeco Latina lingua pendere videatur, quaedam inveniuntur vel licentia ab antiquis vel proprietate linguae Latinae dicta praeter consuetudinem Graecorum, quae idiomata appellantur. Aus der großen Masse der möglichen Idiomata treten namentlich zwei Arten hervor, die idiomata casuum und idiomata generum (sive nominis sive verbi). Die idiomata quae ex generibus nominum fiunt, die bei Charisius zu fehlen scheinen, hat der Cod. Neapol. an anderer Stelle; vgl. Gr. L. IV 573ff. I 551ff. Von ihnen sind dem Wesen nach nicht verschieden die glossae Servii (Corp. gloss. lat. II 507ff.), bei denen nur das eine unklar bleibt, in welcher Beziehung Servius zu dieser Sammlung von Idiomata gestanden hat (vgl. Goetz S.-Ber. Sächs. Ges. d. W. 1888, 230). An die Norm der glossae Servii lehnen sich die Idiomata an, die im frühen Mittelalter mit Benützung des Ps.-Cyrill angefertigt worden sind (Corp. gloss. lat. II 487ff.: praef. XXXIII). Außer den idiomata nominativa quae per genera efferuntur gab es auch verborum idiomata, quae ,ex verborum significationibus contrariis‘ fiunt ,velut luctor παλαίω; hoc enim verbum apud nos passive effertur, apud Graecos active‘ (Charis. 291, 7). An solche Idiomata denkt, wenn auch nicht ausschließlich, Iulius Romanus an der Stelle, von der oben die Rede war; ebendahin gehört zum Teil wenigstens Macrobius Gr. L. V 627ff. Doch sind mir keine besonderen Sammlungen solcher Idiomata in der Art der glossae Servii bekannt geworden. Im Gegensatz zu den idiomata generum stehen diejenigen quae ex casibus agnoscuntur; vgl. Charis. 293, 8–296, 18. Diom. 311, 3–320, 9. Gr. L. IV 566, 2–572, 15. In den bilinguen Glossaren sind wenig Spuren dieser Idiomata, während die idiomata nominativa sehr zahlreich vertreten sind. Namentlich bei Ps.-Cyrill sind viele Beispiele zu finden. Doch will ich bemerken, daß die Zahl der Idiomata, in denen Griechisches und Lateinisches zusammengestellt wurden, mit den genannten Kategorien nicht erschöpft ist. Ich verweise z. B. auf Gr. L. I 31, 25–42, 21 (vgl. 327, 1 –328, 34). 546, 20–39 (Corp. gloss. lat. II 507f.). 548, 1–551, 31. Im Thesaurus gloss. emend. habe ich an vielen Stellen auf die vorhandenen Parallelen hingewiesen.

Dem Bedürfnis der Spracherlernung (Griechisch für den Römer, Lateinisch für die hellenistische Welt) dienten teils systematische Werke, teils Lexika. Unter den systematischen Werken ragt hervor die Übersetzung des Dositheus, an die sich schon frühzeitig die sogenannten Hermeneumata anlehnten, eine in mehreren Rezensionen vorliegende, unter griechischem Einfluß und nach gleichem Muster gearbeitete Sprachschule, die aus je drei Teilen besteht: 1. einem mehr oder weniger frei angeordneten Glossar; 2. einem nach Kapiteln gegliederten Verzeichnis [1438] von Wörtern, die jedesmal derselben Sphäre angehören, so von Tieren der verschiedensten Art, Pflanzen, Gebrauchsgegenständen für verschiedene Seiten des Lebens, Landwirtschaft, Krieg, Medizin usw. (gerade in diesen Teilen zeigt sich der griechische Einfluß; vgl. Schoenemann De lexicis antiqu. 122. Knaack Phil. Rundsch. 1884, 372); 3. einer Sammlung von Lesestücken und Gesprächen in beiden Sprachen. Welcher Gegend des Reiches das Grundexemplar dieses Sprachbuchs seine Entstehung verdankt, läßt sich nicht mit Sicherheit ermitteln. Auf die Beziehungen zu Palmyra und Antiochia habe ich in dem Artikel Dositheus hingewiesen. Über die Zeit der Entstehung will ich nur soviel sagen, daß in den Hermeneumata Leidensia die Übersetzung aus Hygins mythologischem Handbuche vom 11. September des J. 207 datiert ist, wobei es freilich unsicher ist, wieweit man dieses Datum auch auf andere Stücke beziehen darf. Das Grundexemplar hat im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Rezensionen erfahren, für die man verschiedene Zeiten in Anspruch nehmen darf. So enthalten die Hermeneumata Vaticana eine christliche Überarbeitung, deren Entstehung Traube einem irischen Gelehrten zugewiesen hat (vgl. Byzant. Ztschr. III 605 und David Comment. Ien. V 197ff.). Außer den eigentlichen Rezensionen der Hermeneumata gibt es noch verschiedene aus ihnen abgeleitete bilingue Glossare, die zum Teil epitomatorischen Charakter tragen; doch stammen diese aus jüngerer Zeit. Die beiden großen bilinguen Glossare des Ps.-Philoxenus und Ps.-Cyrill zeigen nur geringe Berührung mit Ps.-Dositheus; größeren Einfluß auf die glossographische Literatur gewinnen diese sprachlich und kulturgeschichtlich ungemein wichtigen Überreste erst in späterer Zeit. Über die hsl. Grundlage verweise ich auf die Ausführungen in der praef. des III. Bandes des Corpus, in dem diese Ps.-Dositheana abgedruckt sind. Das hsl. Material hat einige Erweiterungen erfahren; so den Codex Andegavensis 477 (461) (vgl. H. Omont Glossarium Andegavense, Biblioth. de l’École des chartes t. LIX, Paris 1898); auf ein Exemplar der Hermeneumata Monacensia in Admont hat mich F. Rühl hingewiesen. Für die Kritik ist aber daraus ein Ertrag nicht zu erhoffen. – In die Kategorie der Gesprächbücher gehört das kleine Stück auf einem Pariser Papyrus (Corp. gloss. lat. II 530), das ich nach einem nicht in allen Einzelheiten treuen Faksimile abgedruckt habe. Ein anderes kleines Stück auf Papyrus, in dem die lateinischen Worte mit griechischen Zeichen geschrieben sind (Greek Pap. in the Brit. Mus. 481), ist zu gering, um den Zweck des Ganzen daraus zu erkennen. – Eine besondere Stellung haben die bilinguen medico-botanischen Glossare, die sowohl chronologisch wie sachlich hier einzuordnen sind (Corp. gloss. lat. III 535ff.) Den Grundstock dieser Glossare bilden alte Pflanzenlisten, von denen uns Ps.-Apuleius in der Schrift de herbarum virtutibus und Ps.-Dioskurides (vgl. Μ. Wellmann Hermes XXXIII 360f.) verschiedene Rezensionen überliefert haben. Die letzte Wurzel ist nach Wellmanns Vermutung Pamphilus περί βοτανών. Die Fassung freilich, die uns in den von mir edierten Glossaren vorliegt, [1439] ist verhältnismäßig jung; sie hat sowohl Zusätze wie Einbußen erfahren. Abweichender Art ist das aus dem Cod. Vatic. reg. Christ. 1260 unter der Überschrift HERMENEVMA abgedruckte Glossar, das vorzüglich Krankheitsnamen enthält.

Zu den kostbarsten Resten der bilinguen G. gehören die beiden großen, schon seit Jahrhunderten allgemein bekannten Lexika, von denen man das lateinisch-griechische früher dem Philoxenus, das griechisch lateinische dem Cyrill zuerteilte. Beides ist gleich unrichtig. Die Zuerteilung an Philoxenus, den Consul des J. 525, hat schon Rudorff als grundlos bezeichnet (Abh. Akad. Berl. 1865, 220f.); ihm stimmten zu Loewe Prodr. 183. Mommsen CIL V 8120. Ebensowenig ist Cyrill der Verfasser des großen griechisch-lateinischen Glossars, von dem Stephanus sagt, daß es in calce quorundam Cyrilli scriptorum inventum sei. In beiden Fällen werden wir uns darauf beschränken müssen, mit Übergehung der Frage nach den Verfassern die Art der Zusammensetzung darzulegen. Das lateinisch-griechische Glossar verdankt seine gegenwärtige Gestalt – von Verderbnissen und Modifikationen untergeordneter Bedeutung abgesehen – einem griechischen oder doch unter griechischem Einflusse arbeitenden Grammatiker; dafür zeugt schon die Anordnung (A B G D E F I C L M N Ο P Q R S T V). Dieser Grammatiker benutzte zwei unter sich eng verwandte Glossare, die er miteinander verschmolz; das beweisen einmal die zahlreichen Doppelglossen (Loewe Prodr. 190. A. Dammann De Festo Pseudophiloxeni auctore 12ff.), zweitens die kontaminierten Glossen (Dammann 16). Beide Glossare haben, soweit der Ursprung hat festgestellt werden können, als nahe Verwandte dieselbe Grundlage, nämlich 1. Glossen zu lateinischen Autoren; 2. speziell juristische Glossen; 3. Exzerpte aus Festus. Zu den ersten gehören vor allem die zahlreichen Horazglossen (Horaz wird auch direkt zitiert), die zum Teil noch rein lateinisch sind, zum Teil zu der ursprünglichen Fassung nur die griechische Übersetzung hinzugenommen haben (Dammann 17ff. Loewe Prodr. 188f.); dazu kommen Glossen aus den catilinarischen Reden des Cicero (Loewe 186), aus den Satiren des Iuvenal (Goetz in Friedländer Vorrede 107f.), aus Virgil (der mit Namen genannt wird; vgl. Loewe 188. Dammann 20) u. a. Über die juristischen Glossen handelt Rudorff a. a. O., der mir aber in der Zurückführung einzelner Glossen auf Gaius zu weit geht. Gaius wird direkt zitiert und ist auch sonst sicher benutzt. Erwähnt wird ferner die Schrift de officio proconsulis, worüber ich auf Rudorff verweise. Daß Festus benutzt sei, wie übrigens schon Scaliger in seiner Ausgabe erkannt hat, erweisen klarer als die beiden ausdrücklichen Zitate (s. o.) die vielen untereinander verwandten Glossen, die Dammann 29ff. zusammengestellt hat. Somit gewinnen wir wertvolles Material für die Rekonstruktion des Festus, das über Paulus hinausgeht. Das Glossar bietet aber auch sonst eine Anzahl auserlesener Glossen. Der Quellenforschung bleibt hier noch mancherlei Arbeit zu tun. Die Hss. stammen insgesamt direkt oder indirekt von dem Cod. Paris. 7651 des 9. Jhdts., aus dem der Abdruck im Corp. gloss. [1440] lat. II 1–212 gemacht ist. Schwieriger ist es, mit Ps.-Cyrill ins reine zu kommen (vgl. Loewe Prodr. 210ff.). Die Lemmata sind streng alphabetisch angeordnet. Man könnte zunächst glauben, daß sie den ursprünglichen Bestandteil darstellten, etwa auf Grund eines rein griechischen Glossars, und daß die lateinischen Übersetzungen später hinzugetreten seien. Das trifft auch in einer Anzahl von Glossen in der Tat zu; so z. B. in den zahlreichen Interpretamenten mit sine (wie ἄβιος sine vita, ἄζυμος sine fermento usw.) oder mit non (ἀβαρής non gravis, ἄπληκτος non percussus usw.). Damit würde stimmen, daß nicht selten die lateinischen Interpretamente gänzlich fehlen. Der Übersetzer hätte in diesen Fällen einfach versagt, sei es aus Nachlässigkeit oder aus Unfähigkeit (vgl. δρυοτόμος, ἐνάκρατον, ένόρχης und andere Beispiele). Aber damit wäre doch nur ein Teil der vorhandenen Glossen erklärt und zwar der weniger interessante Teil. Bei einer weit größeren Zahl ist die griechisch-lateinische Form offensichtlich die jüngere. Es ergibt sich das 1. aus zahlreichen Einzelglossen, deren Wortlaut ohne weiteres die Priorität der lateinisch-griechischen Form erweist (so z. B. ὁ πρό τῆς παρεμβολῆς τόπος procastrium); 2. aus den vielen grammatischen Glossen, die man als idiomata generis et numeri bezeichnen kann und deren Zusammenhang mit Abschnitten bei Charisius und verwandten Werken evident ist; 3. aus den gehäuften lateinischen Synonymen, die offenbar aus einer speziellen Sammlung dieser Art entlehnt sind; 4. aus den lateinischen Zitaten aus Terenz, Cicero und Virgil; 5. aus den nicht seltenen Glossen, die bei Ps.-Philoxenus sich in lateinisch-griechischer Form finden, wenn sie auch weniger auf direkte Benutzung als auf Ausbeutung verwandter Quellen zurückzuführen sein dürften. Zu Nr. 2 möchte ich noch besonders auf die Sammlungen aus Macrobius (Keil V 655) hinweisen, die fast wörtlich Aufnahme gefunden haben. Daraus ergeben sich auch einige Verbesserungen, auf die ich früher nicht geachtet habe; so νέμω προστασίαν patrocinium tribuo, wo patrocinium bei Ps.-Cyrill fehlt (vgl. Goetz Comm. Macrob. p. VII). Aus der eben charakterisierten Sachlage entnehmen wir sofort die richtige Erklärung eines im ersten Augenblick auffallenden Umstandes, daß nämlich zwischen den griechischen Lemmata und der bekannten griechischen Lexikographie so geringe Berührung vorhanden ist. Die griechische Lexikographie hat eben auf dieses Lexikon, soweit wir urteilen können, keinen oder doch nur ganz geringen Einfluß ausgeübt. Das ganze Glossenmaterial ist vielmehr zwiefacher Art: den Hauptbestand bilden umgedrehte lateinisch-griechische Glossen; dazu kommen zahlreiche griechische Wörter, deren Interpretament aus einer Übersetzung hervorgegangen ist, also des eigentlichen glossematischen Charakters entbehrt. Danach erledigt sich auch die Frage nach dem Werte der lateinischen Bestandteile, über die z. B. Hildebrand (gloss. Paris. praef. IVf.) sehr geringschätzig geurteilt hat. Die ursprünglich lateinisch griechischen Glossen sind die wertvolleren, wenn sie auch an Bedeutung hinter den Glossen des Ps.-Philoxenus zurückstehen. Die Übersetzungen haben im allgemeinen geringeren Wert; [1441] immerhin wird man auch hier manche brauchbare Form finden, und mehr als einmal hat sich herausgestellt, daß in Fällen, wo man geneigt war, Flüchtigkeit oder Entstellung anzunehmen, Vulgarismen vorliegen, deren Bezeugung wir mit Vergnügen registrieren. In vielen Fällen ist es freilich schlechterdings unmöglich, zu entscheiden, ob eine Glosse der ersten oder zweiten Kategorie zuzuschreiben ist. Über die Zeit der Entstehung oder letzten Redaktion des Glossars lassen sich nur Vermutungen äußern. Zu beachten ist, daß einesteils Macrobius benutzt ist und daß der Cod. Harleianus, der die Quelle der übrigen Hss. bildet, ins 7. Jhdt. gehört; man wird also nicht über das 6. Jhdt. hinausgehen, wohin auch das Cölner Fragment eines andern bilingnen Glossars gehört (Corp. gloss. lat. II 561). Die Textesgeschichte dieses Glossars findet sich Praef. vol. II S. XXff.; der Abdruck des Cod. Harleianus ebd. auf S. 215–483 [vgl. Μ. Hoffmann De ratione quae inter glossas graecolatinas et grammaticorum lat. scripta intercedat. Jena 1907]. Aus diesem Glossar stammen auch die Idiomata, die S. 487–506 abgedruckt sind. Dahingegen hängt vielleicht die Helmstedter Sammlung von Substantiven und Adjektiven, die nach Alphabet und Endung angeordnet ist, mit dem Glossar zusammen, dessen Fragment in Cöln vorhanden ist (vgl. 559–561 und Praef. XLI; einige Nachträge gibt Dziatzko Archiv 594). Aus griechisch-lateinischen Glossen ist die hinsichtlich der künstlichen Anordnung der Endung verwandte Sammlung von Nomina geflossen, die jetzt in rein lateinischer Form vorliegt, die glossae nominum, wie sie Loewe genannt hat (II 563–597). Der Verfasser hat die griechischen Erklärungen ins Lateinische übertragen, zum Teil mit sehr ergötzlichen Irrtümern. Die Entstehung dieser Übersetzung wird man mit Hilfe der eingestreuten angelsächsischen Interpretamente dem 8. Jhdt. zuzuweisen haben (vgl. Gloss. Nom. ed. G. Loewe Praef. VIII). Das Material hat sich nach dem Erscheinen des zweiten Glossenbandes gemehrt durch die Entdeckung einiger neuen Fragmente (vgl. E. Steinmeyer Ztschr. f. deutsch. Altert. 1889, 242ff.), worauf ich bereits im Thesaurus gloss. emend. Rücksicht genommen habe. Die späteren Schicksale dieser Glossen, die eine sehr verwickelte Geschichte haben, gibt die Praef. des zweiten Bandes.

Die Spuren der rein lateinischen Glossare in den ersten vier Jahrhunderten der Kaiserzeit sind, von Verrius–Festus abgesehen, im ganzen nicht gerade zahlreich. Ut in glossis antiquitatum legimus scriptum steht, wie bereits erwähnt, bei Charis. 229, 30 (aus Iulius Romanus); ebd. 242, 10 heißt es: hoc Plautus pro nihilo et pro nugis posuit, ut in glossis veterum. Ob diese glossae identisch sind und wie sie sich zu den glossemata per litteras latinas ordine composita verhielten, die dem Werke dieses Grammatikers nach dem Index S. 6 bei Keil einverleibt waren, ist für uns nicht mehr erkennbar, da jede Spur dieser Glossen, soweit ersichtlich, verloren ist. Rein lateinische Glossen liegen bei Ps.-Philoxenus vor (s. o.); rein lateinisch müßten auch die Glossare gewesen sein, die Nonius benutzt hat, wenn man der Lindsayschen Analyse Vertrauen schenkt. Die Adverbiensammlung des Statilius Maximus [1442] sind nicht eigenlich glossographisch. Über das glossarium Plautinum vgl. Ritschl Op. II 234ff. Die bilinguen Glossare sind bei dem späten Grammatiker Martyrius mehrfach benutzt; vgl. Bücheler Rh. Mus. XXXV 69. XXXVII 330. Dem Namen nach sind uns aus dieser älteren Periode nur zwei Persönlichkeiten bekannt, Fulgentius, der eine sehr bedenkliche Rolle spielt, und Placidus, der für uns als der wichtigste Vertreter der rein lateinischen G. in dieser Zeit zu gelten hat.

Placidus heißt der Verfasser eines der wertvollsten Glossare in den maßgebenden Hss., den Codices Romani sowohl wie dem Liber glossarum. Dafür findet sich in sekundären Quellen Luctatius Placidus, so z. B. dem Apographon des Cod. Hamburg. in London (Egerton 270) und dem Cod. Corsianus (Corp. gloss. lat. V Praef. VIII, in dem sich auch das famose in Plauti comedias findet), vermutlich, weil man an den Statiusscholiasten dachte, mit dem die glossae Placidi in keiner irgendwie erkennbaren Beziehung stehen. Über die Person des Placidus wissen wir so gut wie nichts. Betreffs seiner Zeit läßt sich nur das eine sagen, daß die seltsame, aus Glossen zusammengestoppelte Praefatio der Anthologie des Codex Salmasianus (vgl. S.-Ber. d. Sächs. Ges. d. W. 1896, 66, wo die sonstige Literatur verzeichnet ist) das Vorhandensein der Placidusglossen in irgendeiner Form voraussetzt; wir kommen damit etwa in das 6. Jhdt., und zwar, wie es scheint, nach Nordafrika. Von da kamen sie nach Spanien, wo sie Isidor benutzt hat (vgl. Deuerlings Vorrede XIX). In Spanien lebte auch der zweite Benutzer, der Verfasser des liber glossarum, der die gesamten glossae Placidi mit dem Ursprungszeichen (de Plac oder ähnlich) seiner Encyklopaedie einverleibte. Man möchte deshalb den Placidus zu einem Afrikaner machen, wie Fulgentius und Nonius Afrikaner waren und vielleicht Charisius; doch läßt sich ein zwingender Beweis nicht erbringen. Wenn wir von der Praefatio der Anthologie des Cod. Salmas. sowie einigen Exzerpten, z. B. im Cod. Ambros. (vgl. V Praef. XVIII) absehen, so liegen uns diese Glossen in einer dreifachen Rezension vor: 1. den Codices Romani (aus dem 15. und 16. Jhdt.); 2. dem liber glossarum, dessen Verfasser den Placidus aufgelöst und seinem Material zugesetzt hat; 3. dem Cod. Paris. nov. acquis. 1298 (saec. XI), einem Sammelglossar, in dem aber die Placidusglossen von den übrigen geschieden sind und noch Beziehung zu ihrer ursprünglichen Reihenfolge haben. Aus diesen Rezensionen, die im V. Bande gesondert abgedruckt sind, muß der ursprüngliche Bestand wiedergewonnen werden, wobei auch die Frage der Zugehörigkeit in den Rezensionen 2 und 3 allerlei Probleme stellt (vgl. die Vorrede des V. Bandes, die Abhandlung über den Liber glossarum 63 [273]ff. Deuerling Blätter f. bayr. Gymn. XIV 285ff. Karl a. a. O. 83ff). Die Glossen des Placidus lassen sich in den Buchstaben A bis P in zwei stets auch äußerlich getrennte Reihen zerlegen, deren zweite in A am Ende, in B am Anfang steht und so weiter abwechselnd in den folgenden Buchstaben (Karl 90ff.). Die zweiten Reihen enthalten Glossen von kürzerer Fassung; diese repräsentieren die ursprünglichere Form, obwohl sie unter sich nicht einheitlicher [1443] Art sind. Sie haben fast keine direkten Zitate und berühren sich oft mit Festus, zu dem sie eine Parallelüberlieferung darstellen. Die anderen Reihen enthalten vielfach ausführlichere Glossen, nicht selten sprachliche und sachliche Notizen, Differenzien und Bemerkungen über Wortbildung und Orthographie, augenscheinlich aus jüngerer Zeit; in ihnen finden sich auch fast alle direkten Zitate, die Placidus überhaupt hat; mit Festus haben sie nur selten Berührung. In den Buchstaben R–V sind diese Glossen allein vertreten, woraus sich der verhältnismäßig geringe Umfang erklärt (vgl. Loewe Gloss. Nom. 86). Der Wert des Placidusglossars beruht ohne Zweifel mehr in den kurzen Glossen; die übrigen sind nicht wertlos, stehen aber hinter den andern zurück. Beide Abschnitte sind miteinander nur äußerlich verbunden, und in beiden finden sich Spuren davon, daß die Glossen aus ihrer Fundstelle zum Teil mit geringer Sorgfalt ausgehoben worden sind. Mit dieser Sachlage wird sich jede Untersuchung der Quellen auseinanderzusetzen haben. Die Notiz des Codex Corsianus ‚in Plauti comedias‘ hat sich als ein Irrlicht erwiesen. Freilich läßt sich nicht bestreiten, daß Plautusglossen vorhanden sind (von dem direkten Zitat unter exanclare ganz abgesehen), und zwar häufiger in den kurzen Glossen als in den längeren. Das erkannte schon Ritschl, der zwar vorsichtiger war als Koch und Kettner (vgl. Op. III 55ff.), jedoch immer noch zu viel Gewicht auf jene Notiz gelegt hat. Es kommen aber neben Plautus auch andere Autoren, vorzugsweise der archaischen Zeit, in Frage. So hat z. B. schon Loewe auf eine Anzahl Luciliusglossen hingewiesen (s. auch Karl 99, wo die sonstige Literatur verzeichnet ist). Über einzelnes gibt der Thesaurus gloss. emend. die nötige Auskunft. Die Placidusglossen sind seit langer Zeit bekannt und werden schon früh gelegentlich erwähnt: die eigentliche Editio princeps stammt von A. Mai (Class. auct. III 427–503, von R. Klotz in Deutschland wiederholt); es folgt der Abdruck des Cod. Corsianus in den Annali delle Università Toscane (Parte prima. Science neologiche. Tomo primo. Pisa 1846) 149–174. Einen Fortschritt bedeutet die Ausgabe Deuerlings im J. 1875. Vgl. die Praefatio des V. Bandes, in der eine Übersicht über die kritische Grundlage gegeben ist. Um die Emendation hat sich außer Loewe und Deuerling vor allen F. Bücheler Verdienste erworben; seine Vermutungen sind dem Thesaurus gloss. emend. zugute gekommen.

Fulgentius ist der Verfasser der expositio sermonum antiquorum ad grammaticum Chalcidium oder de abstrusis sermonibus, wie es im Text (113, 3 ed. Helm) heißt. Diese expositio besteht aus 62 Abschnitten meist mit je einem Lemma, öfter auch mit zwei oder drei. In den Erklärungen findet sich allerlei sonderbare Gelehrsamkeit mit auserlesenen Zitaten und Autoren. Ein Teil dieser Zitate ist gut und richtig; andere sind nicht gerade falsch, aber aus der Erinnerung wiedergegeben und dabei entstellt; ein dritter Teil ist von eigener Fabrik, zusammengestoppelt mit Benutzung Apuleianischer, Plautinischer und sonstiger Reminiszenzen; vgl. vor allen Lersch in seiner Ausgabe und Wessner [1444] Comment. Ien. VI 2, 135ff. Diese expositio sermonum antiquorum fügte sich bequem der glossographischen Schriftstellerei ein, wenn man die Belegstellen wegließ; und in der Tat haben wir Redaktionen in strenger Glossenform. Von hier aus fanden diese Überreste ihren Weg in andere Glossare und haben die Benutzer zuweilen getäuscht; vgl. die Ausführungen von Wessner a. a. O. 139 sowie die hierhergehörigen Nachweise im Thesaurus gloss. emend.

Unter den sonstigen Quellen, die sich an einen bekannten Namen anknüpfen, ist vor allen Nonius zu erwähnen. Ich denke dabei weder an die oben berührten Glossare, die Nonius herangezogen hat, noch an die gelegentlichen Zitate aus Nonius, wie sie sich in den glossae Aynardi der Metzer Hs. und anderswo finden, sondern an die glossae Nonianae, von denen ich die bemerkenswerteste Rezension (die glossae Leidenses) im Corpus (V 637ff.) abgedruckt habe. Man notierte am Rande der Nonius-Hss. – wie noch jetzt Exemplare existieren – den Inhalt der einzelnen Abschnitte mit und ohne Benutzung der Worte des Textes und brachte diese epitomierten Glossen in alphabetische Form. So entstanden Noniusglossare, die wieder in andere Sammlungen übergingen (vgl. die Münchener Glossen, die ich V praef. XXXV besprochen habe; Onions und Lindsay Harvard Stud. IX 67ff. Lindsay Nonii praef. XXI). Die Überschrift des Cod. Leid. lautet: Incipiunt glosas Agelli et Marcelli. Wie A. Gellius hier hereingekommen ist, den Nonius bekanntlich sehr benutzt hat, ist nicht recht klar. Äußerlich ähnlich ist die Entstehung der glossae Eucherii oder glossae spiritales secundum Eucherium episcopum, wie der hsl. Titel lautet (vgl. K. Wotke S.-Ber. Akad. Wien CXV 425ff.). Der Bearbeiter der Glossae nahm die formulae spiritalis intellegentiae dieses Kirchenschriftstellers vor und machte daraus einen alphabetischen Auszug, der uns in einer größeren Anzahl von Hss. erhalten ist (agricola deus, ager mundus – zelum indignatio). Diese Exzerpte sind in jüngere Glossare übergegangen, wurden mit andern Glossen verbunden und haben ergötzliche Verderbnisse und ebenso ergötzliche Versuche, sie zu beseitigen, hervorgerufen. Sie sind für uns völlig wertlos; nur für die Kritik des Eucherius selber haben sie einige Bedeutung.

Unter den Quellen, deren Wurzeln in frühere Zeit hineinragen, sind nicht an letzter Stelle die Differentiae zu nennen (s. o. unter Differentiarum scriptores), die schon bei Placidus eine gewisse Rolle spielen, namentlich aber in der mittelalterlichen G. eine große Verbreitung gefunden haben. Ich verweise auf die oben gegebene Zusammenstellung. Einzelne Differenzien reichen in uralte Zeit zurück; die meisten Sammlungen aber verdanken ihre Entstehung dem späteren Altertum. Neben ihnen kommen die in zahlreichen Hss. vertretenen Synonyma Ciceronis in Betracht, über deren Ursprung ich in der Berl. philol. Wochenschr. 1890, 195f. und ,Der Liber glossarum‘ 5 [215] kurz gehandelt habe; vgl. die Darlegung Becks Wochenschr. ebd. 297ff. und Sittls ebd. 267; Archiv VI 594. Der Name Ciceros scheint dabei keine andere Bedeutung zu haben als die, daß man solche Sammlungen von [1445] synonymen Wörtern ursprünglich vorzüglich aus Cicero anlegte; der Name blieb dann auch später, ohne daß die so benannte Sammlung in engerer Beziehung zu Cicero stand. Im Mittelalter kam der bekannte Brief ad L. Veturium hinzu, der in vielen Hss. überliefert wird. Zwei Rezensionen solcher Synonyma sind seit alter Zeit bekannt und veröffentlicht; vgl. den Abdruck secundum editiones Romanas und secundum editionem Parisinam, besorgt von W. L. Mahne (Leiden 1850. 1851). Zwei Sammlungen dieser Art enthält der uralte Cod. Harleianus des Ps.-Cyrill auf fol. 260–272. Die erste bietet, wenn auch in andrer Anordnung, verwandtes Material wie die römischen Drucke; die zweite ist davon völlig verschieden. Solche Synonyma bringt an verschiedenen Stellen Ps.-Cyrill; eine besondere Rezension hat der Liber glossarum (vgl. meine Abhandlung 5 [215]). Eine Ausgabe, die den Forderungen der Gegenwart entspricht, haben wir noch nicht; in Aussicht gestellt wurde sie von J. W. Beck. – Über den Zusammenhang der Glossen mit den Tironischen Noten vgl. W. Heraeus Arch. XII 83ff.

Eine reiche Fundgrube für die G. waren, wie leicht zu verstehen, die verschiedenen Scholiensammlungen. Aus den Bemerkungen der Scholiasten, die man tunlichst verkürzte, ließen sich leicht alphabetisch geordnete Glossare herstellen oder vermehren, die dann wieder mit anderen Glossaren zusammenflossen. Ein gutes Beispiel aus späterer Zeit gibt der Cod. Leid. Voss. lat. 88 (V 657), der eine Reihe von Glossen aus den Scholia Gronoviana des Cicero in alphabetischer Form darbietet (vgl. meine Bemerkungen in den Jahrb. f. Philol. CXLIII [1891] 429ff.). Ein älteres Beispiel sind die glossae Iuvenalianae (V 652ff.), nur daß hier fremde Zusätze aus andern Quellen beigefügt sind. Anders geartet sind die Prudentiusglossen im Cod. Vatic. lat. 1715 saec. IX fol. 1–15 mit der Überschrift: INCIPIT GLOSA IN PRVDENTII AVRELII CLEMENTIS; hier schließen sich die Glossen genau an die Reihenfolge des Textes an, die nur alphabetisch angeordnet zu werden brauchten, um ein regelrechtes Glossar zu werden. Vgl. jetzt Glossemata de Prudentio edited from the Paris and Vatican manuscripts by John Μ. Burnam, Cincinnati 1905. So finden sich noch oft enge Beziehungen zu Scholien, wie z. B. zu Servius; doch sind mir wohl einzelne Abschnitte, die aus Servius stammen, bekannt geworden, nicht aber kompakte Massen. Auch die jüngeren Horazscholien weisen solche Beziehungen auf. Bisweilen ist aber Vorsicht angebracht; die Glossierungen jüngerer Hss., die sich mit den Glossen berühren, sind gelegentlich lediglich aus Glossaren genommen, deren man sich bei der Glossierung bediente. – Neben den Scholiasten kommen die eigentlichen Grammatiker in Betracht. Von Charisius (oder einer verwandten ars, denn es gab mehrere Rezensionen dieser ars, bezw. ihrer Grundlage) war schon die Rede; benutzt wurden ferner Traktate de dubiis generibus, die scriptores orthographici (besonders Caper und Beda), vor allen aber Priscian, der bekanntlich im Mittelalter der Grammaticus κατ' ἐξοχήν gewesen ist. Über seinen Einfluß auf die jüngere G. – in der älteren ist er nur spärlich vertreten [1446] – habe ich in den Mélanges Boissier 224 das Wichtigste zusammengestellt; dort habe ich auch über die grammatischen Studien in Constantinopel sowie über des Priscian Schüler Eutyches kurz gehandelt. Ich füge einen Hinweis auf die Priscianglossen bei, die im Cod. Vatic. reg. Christ. 1650 saec. IX enthalten sind.

Die wichtigste Quelle für lateinische G. waren zweifellos glossierte Hss., deren das späte Altertum und frühe Mittelalter eine große Anzahl besaß, d. h. also Hss. mit knappen Interlinear- oder Marginalnoten, die oft nur in einem einzigen Worte, gelegentlich auch in einem kurzen Satz bestanden. Wenn man nun diese Glossen samt dem Worte, zu dem sie gehörten, exzerpierte, so ergab sich sofort ein Glossar, wenn auch kein alphabetisches. Auf diese Weise erklärt sich z. B, die Metamorphosenreihe V 546, 23–547, 6 (I 5–40). Eine weiter reichende Reihe hat der alte Cod. Paris. lat. 7530 saec. VIII auf fol. 302u. Fast ganz aus solchen Glossen ist der Cod. Leid. Voss. Q 69 saec. VIII–IX zusammengesetzt. Eine Apuleiusreihe steht V 657 (aus der Schrift de deo Socratis; vgl. Landgraf Arch. IX 174). Eine zweite Stufe repräsentiert die alphabetische Form. Diese findet sich z. B. in dem Terenzglossar des V. Bandes (529ff.; einige Spuren dieses Glossars zeigt der Cod. Paris. lat. 10588); ebenso in den Virgilglossen (IV 427ff.). Von einer dritten Stufe rede ich in Fällen, in denen solche Reihen mit anderen Glossen kontaminiert sind, so daß die ursprüngliche Zusammengehörigkeit ganz oder zum Teil verwischt ist (so in dem alten Glossar des Cod. Vatic. 3321, mit dem der IV. Band beginnt; kontaminiert sind Glossen aus Terenz, Vergil und anderen Autoren). Im Cod. Casin. 90 sind zahlreiche Liviusglossen verarbeitet, wie W. Heraeus erkannt hat. Wir haben ja heute noch genug glossierte Hss., die sich öfter mit dem bekannten Glossenmaterial berühren. Doch wird man sich hüten müssen, diese Interlinearglossen ohne weiteres als die Quelle der betreffenden Glossen zu bezeichnen; es läßt sich umgekehrt nachweisen, daß ältere Glossensammlungen zur Glossierung jüngerer Hss. benutzt wurden, so daß die Übereinstimmung von selbst gegeben ist. Die Zeit der Entstehung unserer Glossare ist verschieden; doch muß im 7. Jhdt. bereits die Grundlage der meisten vorgelegen haben. Stammen doch manche unserer Hss. aus dem 7. Jhdt., so der Vatic. 3321, dessen Material aber schon wieder seine eigene Geschichte hinter sich hat. Aus demselben Jahrhundert stammt auch das Fragment, das Pascal Bolletino de filol. cl. 1905, 88ff. veröffentlicht hat. Die G. war bereits für Isidor ein Teil der regelmäßigen grammatischen Tätigkeit; vgl. orig. I 5, 4 (divisiones ... grammaticae artis a quibusdam triginta dinumerantur ... analogia, etymologia, glossae, differentiae usw.).

Der Zweck, den man bei der Abfassung yon Glossaren im Auge hatte, muß in erster Linie in den Bedürfnissen des Unterrichts gesucht werden. So hat der uralte Vatic. 3321 auf S. 1 das Bild eines sitzenden Mannes, der offenbar ein Lehrer sein soll. Die Glossare waren ein wichtiges Mittel zur Unterstützung der Lektüre, der lateinischen Bibel und der sonstigen geistlichen [1447] wie profanen Autoren. Doch finden sich schon frühzeitig Spuren einer andern Benutzung, die sich auch durch das spätere Mittelalter hindurchzieht; man bediente sich dieser Sammlungen zur Ausschmückung des Stiles mit seltenen und dunkeln Worten. Ich habe diese Unart – denn eine solche ist es doch im Grunde, soweit sie auch mit ihren Wurzeln in die alte Zeit hineinragt – im Zusammenhange verfolgt in meinem Aufsatze über Dunkel- und Geheimsprachen (S.-Ber. Sächs. Ges. d. Wiss. 1896, 62ff.). Ein wichtiges Beispiel bietet die Praefatio der Anthologia Salmasiana, die Riese in der lateinischen Anthologie 82ff. der neuen Auflage mit genauem Apparat veröffentlicht hat. Mit Hilfe der Placidusglossen ist es gelungen, einiges Licht in das Dunkel dieser Rede zu bringen. Weitere Beispiele glossematischer Ausdrucksweise bietet aus älterer Zeit Aethicus Ister (vgl. a. a. Ο. 72), aus späterer Zeit Abbo von St. Germain (a. a. O. 72) im dritten Buche des Gedichts de bellis Parisiaeae urbis, Atto von Vercelli in seinem für die G. interessanten Polipticum (a. a. O. 75). Eine etwas andere Art der Benutzung findet sich in der Vorrede der Panormia Osberns von Glocester (a. a. O. 79), sowie den Disticha Cornuti, die H. Liebl im Straubinger Programm vom J. 1888 sorgfältig behandelt hat. Auch in den seltsamen Hisperica famina (vgl. Mai Class. Auct. V 479–500. Geyer Arch. f. Lexik. II 255ff. Thurneysen ebd. III 546. IV 341f.; Ztschr. f. d. Phil. 1895, 11Off. Stowasser Arch. f. Lexik. III 168ff.; Wien. Stud. IX 309ff.; Progr. des Franz Joseph-Gymn. 1886/87; Stolones latini 1889; Ztschr. f. österr. Gymn. 1894, 724. Zimmer Nennius vindic. 291ff. und Neue Fragm. von Hisp. fam. aus Hss. in Luxenb. und Paris, Nachrichten Ges. d. Wiss. Gött. 1895. 117ff.) zeigen sich merkwürdige Spuren verkehrter Benutzung. Übrigens sind auch die bilinguen Glossare öfter zu ähnlichen Stilblüten verwandt worden, so z. B. in den Excerpta latina barbari bei Frick Chron. min. praef. LXXXVII. Dergleichen Mißbrauch der Glossen zieht sich fort bis hinein in die Zeit der Renaissance.

Eine wichtige Etappe in der G. bilden die Origines des Isidorus von Hispalis († 636). Nicht aus Begeisterung für die klassische Literatur, die bei ihm nicht vorhanden war, sondern lediglich den Bedürfnissen seiner Zeit zuliebe hat er diese Encyclopaedie verfaßt, in der er in der Weise Cassiodors die Wissenschaft göttlicher und menschlicher Dinge miteinander verschmolz. In manchen Büchern ist die Quellenfrage durchsichtig, in andern wieder unklar; sicher aber ist, daß er neben den Hauptquellen auch Glossare benutzt hat, die den Vorteil hatten, den Stoff in bequemer Form darzubieten. Eine besondere Stellung hat das X. Buch, in dem von der Etymologie quorundam nominum die Rede ist, d. h. es behandelt eine Anzahl von Substantiven und Adjektiven in alphabetischer Folge, aber nur mit Berücksichtigung des ersten Buchstabens. Daß Isidor diese Sammlung selber zusammengebracht, d. h. aus verschiedenen Quellen kompiliert hat, möchte ich für sicher halten. Seine wichtigste Quelle ist Servius, über den ich auf die Auseinandersetzungen Thilos in der Praef. XXXIXff. verweise. Außer Servius kommen die patres ecclesiae [1448] in Frage, so Augustin, Hieronymus, Lactantius. Von klassischen Autoren ist noch Donat zu nennen, der manches beigesteuert hat. Eine Reihe seltsamer Etymologien dürften dem Isidor selber zur Last fallen. Übrigens wurde diesem Buch auch separat abgeschrieben und fortgepflanzt, sowohl allein als in Vermischung mit Stücken anderer Provenienz (vgl. Loewe Prodr. 167, 21). Neben diesem Hauptwerke kommen zweitens die Differentiae für die G. in Frage. Seine Hauptbedeutung ruht aber nicht sowohl in dem, was er wirklich geleistet hat, als in dem Schicksal, das seinem Werke zufiel: die Etymologien waren die Hauptfundgrube für Glossographen späterer Zeit, die nicht müde wurden, daraus zu schöpfen und das Material in immer neue Form zu gießen.

Nächst Isidor kommt in Frage ein Werk, das sich zu einem großen Teil auf Isidor stützt, der sog. Liber glossarum, den man in neuerer Zeit vielfach mit einem gotischen Bischof Ansileubus in Verbindung gebracht hat. Der Name Ansileubus an sich ist ein möglicher Name; daß ihn jemand erdichtet habe, ist durchaus unwahrscheinlich. Aber seine Verknüpfung mit dem liber glossarum hängt an einem dünnen Faden. Unter den bekannten, ziemlich zahlreichen Hss. (vgl. V Praef. XXff.), von denen einige bis ins 8. Jhdt, zurückgehen, trägt keine eine Spur dieses Namens. Auf dem Vorsetzblatte des Cod. Cambracensis wird eine Notiz aus dem Vorsetzblatte des Cod. Sangermanensis erwähnt (die aber heute nicht mehr vorhanden ist), derzufolge Caseneuve in seinen Origines Françoises (1694) verschiedene Glossen des Ansileubus zitiere, die sich tatsächlich im Codex Sangermanensis finden. Daß aber das Glossar des Caseneuve der Codex Sangermanensis war, ist trotzdem eine grundlose Vermutung (vgl. meine Schrift über den Liber glossarum 75 = 285); nur daß es ein liber glossarum war, muß zugestanden werden. Dieser Ansileubus des Caseneuve ist vermutlich identisch mit dem Ansleubius, aus dem Catel (Mémoires de l’histoire du Languedoc, Toulouse 1633) geschöpft hat. Vielleicht ist Ansileubus der frühere Besitzer des Exemplars, oder es war in der Hs. dem Ansileubus ein andres Stück zugeschrieben, von dem der Name auf das Glossar übertragen wurde. Auf diesem Punkte kommt die Untersuchung nicht weiter, weil jene Hs. verloren gegangen ist. Der Name liber glossarum ist uralt; er findet sich z. B. in dem Cod. Bern. 16 saec. IX. Die Heimat dieses Glossars ist zweifellos Spanien; vgl. Goetz a. a. O. 77f. = 287f. und Bd. V S. 20. Entstanden ist es in runder Datierung um 750. Das Fundament bilden die Origines des Isidor; man denke sich dieses große Kompendium in lauter Einzelartikel zerlegt und in alphabetische Ordnung gebracht, so hat man sofort das Gerüst gewonnen, das den liber glossarum zusammenhält. Außer den Origines sind auch die übrigen Schriften Isidors exzerpiert; so namentlich die Differentiae und de natura rerum (oder wie es im liber glossarum heißt, der liber rotarum); daneben finden sich zahlreiche Abschnitte aus den Werken der gefeierten doctores ecclesiae, des Augustin, Hieronymus und Gregors d. Gr., aber auch aus weniger berühmten Werken anderer Väter. Aus den [1449] saecularen Wissenschaften erwähne ich die Differentiae und Synonyma Ciceronis, die Orthographica, die Glossae Placidi, Virgilglossen und allgemeine Glossare; dazu kommen noch rhetorische, historische, geographische, naturwissenschaftliche, medizinische und andere Exzerpte, so daß das Ganze nicht nur ein Lexikon, sondern zugleich eine Encyclopaedie in alphabetischer Ordnung darstellt. Eine Analyse habe ich in meiner Schrift 46ff. = 256ff. gegeben. Dieses Werk wurde in den folgenden Jahrhunderten nicht nur sehr oft abgeschrieben, sondern auch exzerpiert, epitomiert und mit anderen Bestandteilen kontaminiert, wie ich a. a. O. des genaueren nachgewiesen habe (34ff. = 244ff.). Sind diese Fragen mehr von allgemein historischer Bedeutung, so haben die Exzerpte aus Placidus (am Rande finden sich in der Regel Quellenangaben, so z. B. Plac, Virg, Isid usw.) und aus den anonymen Glossaren für uns ein stoffliches Interesse. Über Placidus habe ich dem, was ich oben auseinandergesetzt, hier nichts hinzuzufügen, wohl aber erheischen die anonymen Glossare eine Besprechung. Usener hat gelegentlich die Ansicht ausgesprochen, daß man in den Glossen des Liber glossarum den Hauptbestand der älteren Glossare vor sich habe, so daß sich eine genaue Ausbeutung der Sonderglossare umgehen lasse. Diese Ansicht ist unhaltbar. Gewiß ist es richtig, daß eine Reihe älterer Glossare in den Liber glossarum geflossen ist. Wollte man diese edieren, so hätte man zwar vielfach dasselbe Material, das wir aus Sonderglossen kennen; die Eigenart jedoch, die in den Sonderglossaren vorhanden ist, würde verwischt sein. Aber wenn wir auch davon absehen wollten, so wäre doch mit den Glossen des Liber glossarum der Bestand der Einzelglossare lange nicht erschöpft. Es blieb kein anderer Weg als den Liber glossarum zu exzerpieren und die Exzerpte als Supplement der anderweitigen Überlieferung zu betrachten. Natürlich war mit dieser Methode die Gefahr gegeben, daß manche gute Glosse übergangen wurde; denn man sieht nicht sofort jeder Glosse den Wert an, den sie im Zusammenhange erhalten kann. Infolge davon habe ich das Material bei der Ausarbeitung des Generalglossars abermals durchgenommen und mancherlei nachgetragen, dessen Erwähnung mir nützlich schien. Über die Textesgeschichte habe ich kurz in der Vorrede des V. Bandes, ausführlicher in der erwähnten Monographie gehandelt.

Die Zahl der Glossare, die in den Bibliotheken Europas zerstreut liegen, ist fast unübersehbar. Selbst wenn man die Exemplare des Liber glossarum, des Glossarium Salomonis, des Papias, Osbern, Hugutio und Johannes de Janua, die große Masse der Bibelglossare älteren und jüngeren Datums ansscheidet, bleibt immer noch eine reiche Fülle übrig. Die glossenreichsten Bibliotheken sind im Vatican, in Monte Cassino und Paris; dann kommen München, Bern, das Britische Museum, Leiden, die Bodleiana und hinter ihnen viele andere. Es existiert kaum eine Bibliothek mit älterem Bestand, die nicht ein oder einige wenigstens junge Glossen-Hss. aufzuweisen hätte. Wenn es in den einzelnen Fällen möglich wäre, die Herkunft der Glossare weiter zurück zu verfolgen, so würden sich vermutlich gewisse klösterliche [1450] Mittelpunkt der G. feststellen lassen, wie Monte Cassino, St. Gallen und andere. Wie die Sachlage jetzt liegt, müssen wir hier noch Entsagung üben. Das vorhandene Material würde ausreichen, um Dutzende von Bänden zu füllen. Eine solche Art der Veröffentlichung wäre aber weder nützlich noch möglich. Beim ersten Anblick zeigen die einzelnen Exemplare oft in die Augen fallende Verschiedenheiten; beim genaueren Vordringen merkt man sehr bald, daß vielfach der nämliche Stoff in verschiedener Bearbeitung vorliegt. Man arbeitete eben Glossare ineinander, machte Zusätze zum Bestande und zu einzelnen Glossen; die so entstandenen Glossare wurden dann wieder gelegentlich exzerpiert, epitomiert und von neuem kontaminiert. Bei diesem Stande der Sache galt es, die relativ ältesten Formen aufzufinden, die Ableitungen aber wegzulassen oder doch nur das Neue aus ihnen heranzuziehen. Die weitere Frage war die, ob die einzelnen Glossare gleich in purifizierter Gestalt zu edieren seien. In vielen Fällen liegt die Grundlage der Emendation lediglich in der Vergleichung verwandten Materials. Wie hätte dieses zitiert werden sollen? Sollte in jedem einzelnen Falle das ganze verwandte Material abgedruckt werden? Die Unmöglichkeit dieses Wegs zwang mich zu der Methode, die ich angewandt habe: die einzelnen Glossare, soweit sie nicht andere Fassungen des nämlichen Materials waren, wurden ediert; bei anderen genügten Exzerpte. Durch ein Generalglossar wurde das Material mit einander verbunden. Das so entstandene Corpus erhebt den Anspruch, den Kern des Materials darzubieten, soweit ich dessen habhaft werden konnte. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß sich Ergänzungen nötig machen; die Anlage ist derart, daß sie dergleichen verträgt. Kleinere Ergänzungen, die sich als nötig herausgestellt haben, wird der erste Band bringen; zum Teil sind sie bereits im Thesaurus gloss. emend. berücksichtigt (vgl. S.-Ber. Sächs. Ges. d. Wiss. 1888, 233).

Der vierte Band – der erste der rein lateinischen Glossenbände – beginnt mit dem uralten, bereits von A. Mai im VI. Bande der Clas. Auct. exzerpierten Cod. Vatic. 3321 saec. VII, der an einigen lückenhaften Stellen durch den Cod. Cassin. 439 saec. XI ergänzt wird (vgl. 19, 31–26, 41. 78, 27–80, 2. 164, 8–32. 166, 20–42. 194, 50–195, 17. 197, 8–198, 6). Dieses Glossar ist aus zwei selbständigen Teilen zusammengesetzt, von denen der eine (die glossae abstrusae) auch in besonderer Überlieferung vorliegt. Im Abdruck sind die lediglich im Vatic. und Cassin. erhaltenen Partien in eckige Klammern gesetzt. Diese sind im allgemeinen die wertvolleren; ganze Reihen sind aus Virgil und Terenz (vgl. Gnueg De glossis Ter. Cod. Vatic. 3321, Jena 1903); doch auch andere gute Quellen sind herangezogen (vgl. S.-Ber. Sächs. Ges. d. W. 1888, 231); gelegentlich findet sich sogar Berührung mit Festus. Die glossae abstrusae gehören zu denjenigen, die in den Liber glossarum geflossen sind (vgl. meine Schrift über Lib. gloss. 65 = 275). Sie sind aber auch mit andern Glossen, wie z. B. abavus und affatim verwandt, ohne daß es möglich wäre, die Verhältnisse völlig klar zu entwirren. Über die Hss.-Frage gibt die Vorrede des IV. Bandes [1451] Auskunft. 2. Es folgen die glossae Sangallenses aus dem Cod. Sangall. 912 saec. VIII, bereits von Μ. Warren (Transactions of the American Philological Assoc. XV 1885, 141ff.) ediert und mit Anmerkungen versehen. Verwandten Inhalt haben der Cod. Mediolan. B 31 sup. saec. IX, der Leid. 191 und die von Loewe so genannten glossae asbestos, von denen ein Vertreter, der Vatic. 1469, die kostbaren Zusätze hat, die ich im Rh. Mus. XL (1885) 324ff. besprochen habe (Corp. IV p. XVIII). Die Quellen hat Warren a. a. O. eingehend besprochen. 3. Mitten in das Herz der G. hinein führen uns die Glossen des Cod. Leid 67 E saec. VIII/IX mit folgenden Bestandteilen: a) dem Glossarium abavus minor, b) den glossae ab absens, c) den glossae Vergilianae, d) den glossae affatim. Die glossae abavus haben eine strenge alphabetische Ordnung, die allerdings in der Überlieferung gelegentlich gestört ist. Eine größere Anzahl von Glossen ist durch Umdrehung anderer entstanden. Aus Glossen mit doppeltem Interpretament sind sogar auf demselben Wege drei Glossen hervorgegangen. Auffällig sind zahlreiche vulgäre Formen; in den Interpretamenten finden sich auch Graeca. Neben vielen scheinbar trivialen Glossen finden sich auch sehr wertvolle, die offenbar aus sehr guter Quelle geflossen sind. Die Entstehung dieses Glossars verlegt Loewe Prodr. 97 in das 6. Jhdt., ein Ansatz, der sich nur auf Konjektur basieren läßt. Es ist übrigens dasselbe Glossar, das Hildebrand im J. 1854 unter dem Titel glossarium latinum veröffentlicht hat. Über seine Verwandtschaft mit den glossae ,a a‘ wird später zu handeln sein. Die glossae ab absens (404–427) haben nur geringen Umfang, entbehren aber nicht des Interesses. So läßt sich nachweisen, daß im Buchstaben A sich Berührung mit Festus zeigt, worauf schon oben hingewiesen wurde. Auch eine Anzahl Virgilglossen haben Aufnahme gefunden. Ein spezielles Virgilglossar sind die glossae Vergilianae, wie sie gewöhnlich bezeichnet werden (427–470). Der Hauptteil der Glossen stammt aus den ersten sechs Büchern der Aeneis. Die letzten Bücher sind nur spärlich benutzt; ebenso die Georgica. Bei den Bucolica ist die Benutzung überhaupt nicht ganz sicher. Durch Vertauschung von Lemma und Interpretament sind vielfach neue Glossen entstanden. Bei anderen Glossen steht weder Lemma noch Interpretament in deutlicher Beziehung zu Virgil. Die glossae affatim (471–581) sind so angeordnet, daß innerhalb der einzelnen Buchstaben, von Störungen abgesehen, nur auf die Vokale, nicht auf die Konsonanten Rücksicht genommen wird (vgl. Loewe Prodr. 108). Das Glossar ist aus zwei Quellen genommen; die eine ist im wesentlichen übereinstimmend mit den glossae abstrusae (vgl. IV p. XXIX); darauf beruht auch die Verwandtschaft mit dem Liber glossarum (vgl. meine Abhandlung über den Lib. gloss. 65 = 275). Zahlreiche Glossen gehen auf Virgil; doch auch die Metamorphosen des Ovid scheinen beigesteuert zu haben. Neben dem vorhin besprochenen Abavusglossar existiert ein zweites, umfangreicheres Glossar dieser Gattung, das Loewe Gloss. Nom. 101 als das vollständigere neben dem kürzeren bezeichnet. Das darf aber nicht so aufgefaßt werden, als ob [1452] die kürzere Fassung aus der ausführlicheren hervorgegangen sei. Vielmehr ist die längere Form dadurch entstanden, daß das kleinere Abavusglossar mit anderen Glossaren, darunter den glossae ab absens und dem von Sievers im ersten Bande der althochdeutschen Glossen abgedruckten ,Keronischen‘ Glossar zusammengesetzt ist. Das vollständigere Abavusglossar hat die Überschrift: incipiunt glosae ex novo et veteri testamento seu ex ethimologiarum spiritaliter compositae. Der erste Teil des Titels stammt vermutlich von dem ,Keronischen‘ Glossar, obwohl er auch dort nicht richtig ist; vielleicht ist er von Bibelglossen entlehnt. Auch der zweite Teil des Titels ist sachlich nicht richtig. Durch die Zusammenschweißung haben viele Glossen eine kontaminierte Form erhalten und ihre ursprüngliche Fassung mehr oder weniger eingebüßt. Die Buchstaben B und G sind zur Feststellung des Verhältnisses in der appendix des IV. Bandes abgedruckt. Außerdem sind im V. Bande 625ff. Exzerpte mitgeteilt, so daß wohl nichts Wichtiges ausgelassen ist. Dieses größere Abavusglossar gehört zu den verbreitetsten Glossaren des 9. und 10. Jhdts., ist aber auch noch im 11., 12. und 13. Jhdt. vertreten. Durch seine Verknüpfung mit den Glossae Salomonis (vgl. meine Schrift über den Lib. gloss. 37 = 247) hat das Glossar bis ins späte Mittelalter Bedeutung gewonnen. Die Textesgeschichte habe ich in der Vorrede des IV. Bandes gegeben. Auf eben diesem volleren Abavusglossar beruht das Hauptkontingent der glossae abactor, über deren hsl. Verhältnisse ich im IV. Bande p. XXXIXff. gehandelt habe. Zur Probe habe ich auch die Buchstaben B und G in der appendix eben dieses Bandes (599ff.) abdrucken lassen. Die überschüssigen Glossen sind in der Regel auch anderwärts überliefert; was etwa eigentümlich erscheint, ist durchaus ohne Belang.

Nicht ohne selbständigen Wert sind die Glossae a a, über die ich IV praef. XI und V praef. XXVIII kurz gehandelt habe. Reichhaltige Auszüge daraus stehen im V. Bande 435–490. Wenn man den Bestand dieses Glossars mit anderen vergleicht, so weist es gelegentlich überraschende Ähnlichkeiten mit dem alten Vaticanus 3321 auf, ebenso dem Cod. Sangallensis, den glossae abavus und anderen. Aber bei der ganz selbständigen Anordnung, die in diesen Glossen herrscht, ist es schwer möglich, die Bestandteile zu scheiden; wenigstens ist es bis jetzt noch nicht gelungen. Da nun bei solcher Zusammensetzung des Glossars der überlieferte Zusammenhang in der Regel gleichgültig und nur die Überlieferung selber Wert hat, so hat eine Scheidung, falls sie gelingen sollte, keinen besonderen Wert. Die Exzerpte werden genügen, die Eigenart dieses Glossars zu illustrieren. Die übrigen Glossare, deren Exzerpte im V. Bande stehen, bedürfen teils keiner besonderen Besprechung (außer dem, was in der Vorrede steht), teils werden sie später zu behandeln sein. Eine besondere Gruppe bilden die Glossae Amplonianae nebst den damit in Verbindung stehenden Sammlungen. An dem Interesse für diese Glossen partizipiert die Anglistik wegen der eingestreuten angelsächsischen Glossen. Ja, man wird sagen müssen, daß das Interesse dafür auf diesem Forschungsgebiete ein größeres [1453] ist als in der lateinischen Philologie. Die glossae Amplonianae (die Überlieferung ist V Praef. XXVIf. behandelt) sind dreifacher Art: 1. das erste Amplonianische Glossar (abgedruckt V 337–401 mit den Varianten des Cod. Epinal., von dem Sweet ein Faksimile veröffentlicht hat, 1883) hat Loewe Prodr. 114ff. behandelt und gezeigt, daß es aus ganz verschiedenen und verschiedenartigen Teilen besteht. Der Hauptteil berührt sich eng mit dem berühmten Corpus Christiglossar, von dem ich auf S. 401ff. die Buchstaben B und D abgedruckt habe. Eine Vergleichung ergibt, daß die Reihenfolge im Amplonianus die ältere ist. Im Corpus Christiglossar, das Hessels genau ediert hat (An eigthcentury latin-anglo-saxon glossary, 1890) ist das Material aus einer ähnlich wie im Amplonianus geordneten Hs. genommen und in strengere Ordnung gebracht. Die Quellen dieses Glossars hängen zum Teil mit den Glossen des Cod. Leid. Q 69 zusammen, in denen die ursprüngliche Folge mit Angabe der Quellen noch gewahrt ist. Eine Probe habe ich S. 410ff. gegeben; ein genauer Abdruck findet sich bei Glogger (Das Leidener Glossar 1901. 1903. Vgl. jetzt Hessels a late eighth-century Latin-Anglo-Saxon Glossary. 1906). Den Zusammenhang im allgemeinen erkannte bereits Sweet Old Engl. Texts 5ff. Zahlreiche Quellennachweise übersandte mir der unermüdliche, der Sache in uneigennütziger Weise ergebene Otto B. Schlutter, von denen ein Teil sofort Verwendung fand, während anderes, das einer zusammenhängenden Nachprüfung von mir unterworfen werden sollte, dem 1. (Einleitungs-) Bande vorbehalten blieb. So ist ihm denn K. Gruber (die Hauptquellen des Corpus-, Epinaler und Erfurter Glossares, Erlangen 1904) in zahlreichen Fällen zuvorgekommen. 2. Das zweite Glossar ist anderer Art. Daß es ebenfalls nicht einheitlich ist, ergibt schon die Überschrift (incipit II conscriptio glossarū in unam usw.). Ein Teil des Bestandes deckt sich mit dem ersten Glossar derselben Hs.; ein anderer mit den glossae affatim, zahlreiche Glossen stimmen mit dem größeren Abavusglossar zusammen. Doch sind auch nicht wenige Glossen diesem Glossar eigentümlich, zum Teil auf mittelalterliche Autoren, wie Aldhelm, zurückgehend. Auch dieses Verhältnis ist in neuerer Zeit mehrfach behandelt worden; einen erheblichen Teil der richtigen Nachweise hatte bereits Schlutter gegeben. Für die lateinische G. ist dieses Glossar wichtiger als das erste. Übrigens ist das Glossar aus seiner Isoliertheit gerissen durch die bereits von Gallée (Altsächs. Sprachdenkm. 1894, 331ff.) zum Teil publizierten Werdener-, Münsterer- und Münchener Fragmente, auf die ich im Thesaurus gloss. emend. schon Rücksicht genommen habe; Genaueres darüber wird der Nachtrag bringen. 3. Das dritte kürzere Glossar sind die glossae nominum, die oben bereits behandelt worden sind. Auch in ihnen finden sich angelsächsische Interpretamente. Die Entstehung der vorliegenden Form dieser drei Glossare dürfte ins 8. Jhdt. fallen. Dafür sprechen die angelsächsischen Glossen; damit stimmen die Glossen aus Aldhelm, die auch im ersten Glossar weit zahlreicher sind, als es nach den von mir notierten Quellennachweisen scheinen könnte. Ich werde darauf an anderer Stelle zurückkommen. [1454]

Mit den Glossaren, deren Entstehung in das 6., 7. und 8. Jhdt. fällt, ist der wichtigste Bestand der älteren rein lateinischen G. behandelt. Was in der folgenden Zeit hervorgetreten ist, entbehrt mehr oder weniger der selbständigen Grundlage. Ältere Glossare werden in neue Form gebracht und mit anderen kontaminiert, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, daß eine wertvolle Überlieferung aus alter Zeit sich hineingerettet hat. Aus dem 9. und 10. Jhdt. haben wir eine reiche Fülle von Glossen-Hss.; ebenso aus dem 11. Jhdt., obwohl hier die Masse schon geringer wird. Vom 10. Jhdt. an macht sich das Bestreben geltend, wieder große grammatische Corpora zu schaffen und in ihnen auch glossematisches Material zu verarbeiten. Die Hauptgrundlagen aus älterer Zeit aber sind nunmehr folgende: 1. der Liber glossarum; 2. die Glossen des Paulus; 3. das größere Abavusglossar; 4. Exzerpte aus Priscian und Glossen zu Priscian; 5. Hebräisch-biblische Sammlungen von Eigennamen, die zunächst auf Hieronymus zurückgehen. Dazu kommt dann mittelalterliches Material verschiedener Art, in erster Linie die sog. derivationes. Solche Derivationen finden sich in zahlreichen Hss., von denen ich einige in den S.-Ber. Sächs. Ges. d. W. 1903, 136ff. erwähnt habe, so den Cod. Stuttgart. saec. XII, die unter sich verwandten Cod. lat. Monac. 17151. 17153. 17194 aus demselben Jhdt.; übersehen wurde der unvollständige Monac. 19411 (Tegerns. 1411), den L. Traube im Archiv f. Lexik. VI 264f. herangezogen hat. Der Inhalt dieser Hs. ist aus der Sammlung des Magister Stephanus geflossen, der nach Traube zwischen 1050 und 1150 gelebt hat. Doch fällt der Beginn dieser Schriftstellerei noch etwas früher, da sich ihre Spur schon bei Salomo findet. Diese Derivationen haben in ihrer reinen Form einige Zitate aus Plautus, Ovid, Iuvenal, Persius und Terenz. In der Hauptsache bieten sie etymologische Erörterungen im Anschluß an eine Anzahl von Grundwörtern, an die dann mit Recht oder Unrecht wirklich oder scheinbar verwandte Wörter und Formen in einer oft sehr äußerlichen Weise angegliedert werden. Ich habe a. a. O. einige Beispiele ausgeschrieben. Hier und da zeigen sie Berührung mit Priscian, Eutyches und andern Grammatikern. Beigemischt ist aber allerlei spätes Sprachgut, das ihre mittelalterliche Entstehung offenkundig macht. Eine genauere Erforschung dieser Literatur steht noch aus; ob sie sich lohnt, darf als zweifelhaft gelten. Sicher aber ist, daß diese Derivationen das Fundament der drei wichtigsten Corpora der späteren Zeit bilden, des Osbern, Hugucio und Johannes von Janua.

An der Spitze der großen Sammelwerke steht das sog. Glossarium Salomonis; so bezeichnen wir zunächst einen alten Druck etwa aus dem J. 1483 mit zwei Glossaren, von denen hier nur das erstere ausführlicher behandelt werden soll. Über die Person des Salomo (Abt von St. Gallen, später Bischof von Konstanz, † 919) verweise ich auf Usener Rh. Mus. XXIV 388f. Über seine Beziehung zu dem nach ihm benannten Glossar gibt uns die Praefatio keine ausreichende Auskunft (Salemonis ecclesie Constantiensis epi glosse ex illustrissimis collecte auctoribus heißt es im Titel): wie sich das nun auch verhalten [1455] möge, über den kompilatorischen Charakter des Werks besteht kein Zweifel. Die ältesten uns erhaltenen Abschriften stammen aus dem 11. Jhdt. Das Hauptfundament bildet, wie schon Loewe und andere erkannt haben, der Liber glossarum (vgl. Prodr. 234f.). Daß speziell der kürzer gefaßte Cod. lat. Monac. 14429 saec. IX zu Grunde liegt, glaube ich in meiner Schrift über den Lib. gloss. 35ff. = 245ff. bewiesen zu haben. Die zweite Quelle ist das größere Abavusglossar in der Rezension, zu der der Cod. Paris. 7640 gehört; vgl. meine Darlegung a. a. O. 37 = 247; Corp. IV Praef. XXXVII. Damit wird zugleich die Existenz der zahlreichen biblischen, d. h. hebräischer Personen-, Völker- und Ortsnamen erklärt, die sich auch in zahlreichen Spezialglossaren finden. Auf ihren Zusammenhang mit Hieronymus habe ich schon oben hingewiesen. Für die Kritik habe ich vor allem die Sammlungen bei Lagarde benutzt. Doch wird man in verschiedenen Fällen noch weitere Quellen annehmen müssen; den Zusammenhang mit den Derivationen hat mit Hilfe des Art. Vesper L. Traube a. a. O. festgestellt. Bei der Herstellung des Thesaurus gloss. emend. habe ich auf dieses Glossar häufig Rücksicht genommen. Über das zweite Glossar wird später zu handeln sein.

Aus dem Liber glossarum stammt ferner das Fundament des für das spätere Mittelalter ungemein wichtigen Glossars des Papias aus dem J. 1053, über das ich in den S.-Ber. Akad. Münch. 1903, 267ff. gehandelt habe. Über die Person des Papias wissen wir nur wenig; er lebte unter Klerikern und hat das Werk seinen beiden Söhnen gewidmet; verfaßt hat er noch ein zweites Werk, eine Grammatik, die aus Priscian kompiliert ist (vgl. Hagen Anecd. Helv. CLXXIXff.). Das Hauptmaterial, das im Glossar verarbeitet ist, entstammt dem Liber glossarum in der Rezension des Cod. Palatinus. Eine zweite Hauptquelle ist Priscian (mit Scholien), der zu wiederholten Malen mit Namen genannt ist. Er ist teils einfach ausgeschrieben, teils mit Bestandteilen aus dem Liber glossarum kontaminiert und entsprechend verändert. Daß Priscianglossen benutzt sind, beweist die häufige Glosse stlattaria (Priscian. Gr. L. II 74, 24). An dritter Stelle nenne ich die Derivationen. Die übrigen allgemeinen und gelegentlichen Quellen habe ich a. a. O. 280ff. besprochen. Das Resultat ist, daß wir zwar nicht alle Quellen nachweisen können, daß aber nach Abzug der Hauptquellen wenig Eigentümliches übrig bleibt. Einige Exzerpte habe ich a. a. O. gegeben, wovon aber einige Iuvenalscholien in Abzug zu bringen sind, wie mir P. Wessner nachgewiesen bat. Somit scheidet auch dieser Glossar, von dem ich a. a. O. über 87 Hss. aus dem 12., 13., 14. und 15. Jhdt. verzeichnet habe, aus der Reihe der echten Quellen aus. Seine Bedeutung ist lediglich eine historische. Über die Drucke habe ich a. a. O. erschöpfend gehandelt. – Unter den sonstigen Sprößlingen des Liber glossarum nimmt die erste Stelle ein das Glossar Abba pater, über das meine Schrift über den Liber glossarum 39 = 249 zu vergleichen ist. Ediert ist das Glossar von G. Μ. Thomas S.-Ber. Akad. Münch. 1868 II 369ff. Für die klassische G. hat es keine Bedeutung. Zu erwähnen [1456] ist ferner das aus dem Liber glossarum geflossene griechische Glossar Absida lucida, das ich ebd. S. 41 = 251 besprochen habe, sowie das lateinisch-arabische Glossar des Cod. Leid. Scal. orient. nr. 231, das Seybold in den Semit. Studien Heft XV–XVII (Berl. 1990) veröffentlicht hat. Über anderes verweise ich auf die a. a. O. gegebenen Darlegungen.

Mit dem Paulusglossar kommt ein neuer Strom in die glossographische Überlieferung. Da uns aber Paulus durchweg, zum Teil auch seine Quelle erhalten ist, so haben die Glossare, in denen Paulus steckt, für uns lediglich historisches Interesse. Eines dieser Glossare, das bereits gestreift wurde, ist das zweite Salomonische Glossar. Die Paulusglossen sind in strengere alphabetische Form gebracht und fast ganz herübergenommen. Außerdem sind abwechselnd kleinere oder größere Reihen aus Abavus maior und dem Liber glossarum, sowie gelegentlich Hebraica eingemischt. – Auch sonst kommt es häufig vor, daß kleinere oder größere Abschnitte aus Paulus in andere Bestandteile eingearbeitet sind; so z. B. im Cod. Vatic. 1469 (vgl. V 520ff.), wo die Paulusglossen sich neben Beda, Placidus und anderswoher entlehnten Glossen finden. Ein anderes Glossar dieser Art ist das von Ellis im American Journal of Philology VI nr. 4 und VII nr. 3 exzerpierte ,Phillipps Glossary‘ (Cod. Phillipp. 4626; ähnlichen Inhalts ist nr. 2274), das neben zahlreichen Paulusglossen auch Exzerpte aus Isidor aufgenommen hat. Vgl. das Cambridge Journ. of Philol. VIII 71ff. XIV 81ff. Solche Exzerpte könnte ich noch weiter nachweisen, wenn damit irgend ein Dienst erwiesen würde. Ich gehe jetzt zu den drei großen Corpora der späteren Zeit über, in denen die Paulusglossen ebenfalls vertreten sind.

Osbern von Glocester ist der Verfasser der Panormia, die Angelo Mai unter dem Titel ,Thesaurus novus Latinitatis‘ aus dem Cod. Vatic. reg. Christ. 1392 herausgegeben hat (vgl. über die Person W. Meyer Rh. Mus. XXIX 1874, 179, wo zuerst der Maische Thesaurus seinem richtigen Verfasser zuerteilt wurde). Die sonstigen Hss. mit mehr oder weniger abweichenden Rezensionen habe ich, soweit sie mir bekannt geworden sind, in den S.-Ber. Sächs. Ges. d. W. 1903, 133ff. zusammengestellt (vgl. ebd. 1896, 79). Die Entstehung der Panormia fällt zwischen 1123 und 1200 (vgl. meine Darlegung a. a. O. 135). Derivationen sind es in erster Linie, die Osbern darbietet; daran schließen sich Etymologien und Testimonia, die aus den verschiedensten Quellen entlehnt sind. Die Repetitiones am Schlusse der Buchstaben tragen mehr den Charakter von Glossen, wenn wir von größeren zusammenhängenden Partien und den nicht seltenen Sammlungen synonymer Wörter absehen. Unter den Quellen für die Zutaten ragen Paulus und Priscian hervor (die Nachweise habe ich a. a. O. gegeben); die zahlreichen Plautuszitate, soweit sie nicht aus Paulus und Priscian genommen sind, entstammen durchweg den ersten acht Stücken, also denjenigen, die allein im Mittelalter allgemeiner bekannt gewesen sind. Einen Wert für die Plautuskritik haben sie nicht, da wir die Quelle, d. h. die Hss.-Klasse, aus der sie stammen, noch besitzen. Bei Horaz, Virgil, Ovid, [1457] Iuvenal, Persius, Statius, Lucan ist die Lage, soviel ich gesehen habe, die gleiche; ebenso bei Martianus Capella und Macrobius, die auch nicht selten zitiert werden; schließlich dürfte auch für Ambrosius, Sidonius, Prudentius, Josephus, Hieronymus schwerlich etwas Wertvolles zu holen sein. Gleichgültig sind die Entlehnungen aus Macer (de virtutibus herbarum) und Isidor. Daß der Liber glossarum direkt benutzt sei, ist unwahrscheinlich. Die ausgeschriebenen Glossare sind zum Teil bekannt; teils ist dasselbe Material in anderen Quellen überliefert. Am meisten Gewinn dürfte die mittelalterliche Latinität aus diesem Compendium ziehen. Wenn freilich in dem trefflichen Buche von Neue auch in der dritten Auflage die Testimonia aus diesem Werke in ganzen Reihen neben Zeugnissen aus Autoren auftreten, so möchte ich darauf hinweisen, daß viele der dort aufgezählten Formen und Wörter auch im Mittelalter außer in dieser Quelle völlig unbekannt sind. Im Thesaurus gloss. emend. habe ich vielfach auf Osbern Rücksicht genommen.

Dem gleichen Material, das Osbern verarbeitet hat, begegnen wir in den Derivationen des Hugucio, dessen Compendium viel verbreiteter war als das des Osbern. Über Hugucio und seine sonstigen Schriften vgl. meine Abhandlung a. a. O. 121ff. Die Zahl der von mir nachgewiesenen Hss. beträgt 103. Nach einer etwas ruhmredigen Ankündigung, die ich in verbesserter Form a. a. O. 125ff. mitgeteilt habe, beginnen die Derivationen, deren Stichwörter in der Hauptsache alphabetisch ungeordnet sind. Hugucio schrickt vor keinem Problem zurück und löst jede Schwierigkeit. Neben den eigentlichen Derivationen finden sich fast in allen Buchstaben auch rein glossographische Abschnitte, darunter viele Bibelglossen, speziell Hebraica. Auch kommen einige umfangreiche Traktate vor, wie über lateinische Zahlwörter, Tierstimmen usw. Das Verhältnis zu Osbern kann erst dann sicher bestimmt werden, wenn die Derivationen in den Hss. genauer untersucht sind. Immerhin macht eine Vergleichung des Materials mit den übereinstimmenden Teilen bei Osbern es wahrscheinlich, daß Hugucio aus Osbern geschöpft hat. Was Hugucio mehr bietet als die uns bekannte Fassung des Osbern, ist, von etymologischen Spielereien abgesehen, teils unerheblich, teils stammt es aus solchen Quellen, die uns noch vorliegen. Unter diesen Quellen ist auch Papias, der an vielen Stellen benutzt und oft in seltsamer Weise mit dem aus der Hanptquelle entlehnten Material verquickt ist. Eine Ausgabe existiert nicht; einige Abschnitte gibt Hamann Weitere Mitteilungen aus dem Breviloquus Benthemianus (Hamburg 1882). Vgl. noch A. Thomas Glosses provençales inédites in Romania XXXIV S. 177ff. P. Toynbee ebd. XXV 537ff.

Aus dem J. 1236 stammt das dritte große Kompendium des Johannes de Janua (das Jahr wird in der Praefatio ausdrücklich angegeben). Der richtige Titel ist summa quae vocatur catholicon. Das Ganze besteht aus vier Teilen; die ersten drei umfassen die Lehre vom Accent, von der Etymologie und Syntax sowie von den rhetorischen Figuren. Der wichtigste Abschnitt ist die sog. Prosodie, d. h. das Lexikon, in dem [1458] allerdings auch die Lehre von der Quantität eine Rolle spielt. Doch hat er für uns insofern einen verhältnismäßig geringen Wert, als die Quellen, aus denen er geschöpft ist, jung und von untergeordneter Bedeutung sind. Eine Hauptquelle ist Papias, der an zahlreichen Stellen ausdrücklich zitiert wird. Das Zitat findet sich meist dann, wenn Hugucio und andere ihm gegenübergestellt werden. Noch häufiger als Papias ist Hugucio ausgeschrieben, meistens natürlich dann, wenn es sich um Derivationen handelt. Die Zahl der klassischen Zitate wird eingeschränkt; nur die Horazzitate sind zahlreicher. Bevorzugt werden Zitate aus der Vulgata, die aber bei weitem nicht alle aus Hugucio genommen sind. Eine dritte häufig benutzte Quelle ist Priscian, des Johannes Ratgeber in grammatischen Fragen neben Donat. Dazu kommen Isidor, Exzerpte aus Kirchenvätern, vor allem Hieronymus, Gregorius, Augustinus und Ambrosius. Die zahlreichen Hebraica stammen aus den damals üblichen Sammlungen und gehen meist in letzter Linie auf die genannte Schrift des Hieronymus zurück. Die mittelalterlichen Glossen zur Vulgata haben ebenfalls beigesteuert. Außer älteren Überlieferungen ist aber auch moderne Weisheit vertreten, so z. B. in den geographischen Artikeln. Erwähnt werden der Graecismus des Eberhardus Bethuniensis, die Werke des Rhabanus Maurus, das Doctrinale des Alexander de Villa Dei und die Aurora des Petrus de Riga. Johannes ist es vor allen, der der Weisheit eines Osbern größere Verbreitung verschafft hat. Zahlreiche Exzerpte bei Ducange, die unter dem Namen des Johannes gehen, stammen in letzter Linie aus Osbern, nur daß Hugucio der Vermittler ist. Die Zahl der Hss. des Johannes ist sehr groß; er liegt uns auch in alten Drucken vor.

Eine besondere Spezies der spätmittelalterlichen G. bilden die medicobotanischen Glossare, von denen in der Praef. des dritten Bandes im Vorübergehen die Rede ist. Das Fundament bilden die älteren Glossare dieser Art, von denen die wichtigsten im dritten Bande zum Abdruck gekommen sind. Doch haben sie von seiten der medizinischen Größen späterer Zeit allerlei Änderungen und Zusätze erfahren, teils auch Zusammenziehung und Verschmelzung über sich ergehen lassen müssen, so daß sie vielfach den Anschein erwecken, als seien sie aus selbständiger Grundlage erwachsen. Ein fremder Zusatz, der in dieser Zeit eingedrungen ist, sind die arabischen Wörter mit lateinischer Erklärung, von denen auch Sondersammlungen existieren. Für mittelalterliche Studien ist wohl noch mancherlei aus dieser Literatur zu lernen, besonders in sprachlicher Beziehung: Griechisches, Lateinisches, Hebräisches, Arabisches wechselt mit Formen aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Deutschen. Ich nenne hier nur einige in der Literatur bekannt gewordene Specimina dieser Art. 1. die glossae alphita, die S. de Renzi im dritten Band der Collectio Salernitana (Napoli 1854) 271ff. aus den Codices Paris. lat. 6954 saec. XIV und 6957 saec. XV veröffentlicht hat. Es stehen darin viele Zitate aus mittelalterlichen und alten Autoren. Übrigens finden sich verwandte Glossare auch in älteren Hss. Ein älteres Glossar dieser Art enthält z. B. der Cod. Paris. lat. 7056. Daß die älteren botanischen [1459] Glossare, die ich veröffentlicht habe, zu Grunde liegen, ist leicht festzustellen. – 2. Sinonoma Bartholomei ed. J. L. G. Mowat (Anecd. Oxon. Mediaeval and mod. ser. vol. I 1, 1882); vgl. Loewe Gloss. Nom. 116ff. Sie sind ,verfaßt‘ von John Mirfeld gegen Ende des 14. Jhdts. Sie enthalten Namen heilkräftiger Pflanzen und Stoffe sowie von Krankheiten und anatomische Termini. Diese Sammlung berührt sich vielfach mit Nr. 1, hat also dieselben oder verwandte Quellen benützt. Eine Reihe von Emendationen gibt Loewe a. a. O. – 3. die Compilationen des Simon de Janua (clavis sanationis, Ende saec. XIII) und des Matthaeus Silvaticus (pandectae medicinae, saec. XIV), über die noch keine genaueren Untersuchungen vorliegen (vgl. H. Stadler Dioscor. Longob., Roman. Forsch. X 3, 371). Mit diesen Werken haben auch diejenigen Glossare nähere oder fernere Beziehungen, die den im dritten Band der Althochd. Glossare veröffentlichten zu Grunde liegen. Hier ist in der Tat noch manche Frage zu lösen, die besonders für die spät mittelalterliche Forschung von Bedeutung sein kann. Ich hoffe, im ersten Bande Genaueres darüber sagen zu können.

Auch die biblischen Glossare – einzelne biblische Glossen finden sich vielen andern Glossaren beigemischt, so dem Liber glossarum, mehr noch den Glossae Amplonianae – nehmen eine Sonderstellung ein, die ich mangels eingehender Untersuchungen mehr andeuten als beleuchten kann. Ich rede nicht von den hebräischen oder überhaupt den biblischen Eigennamen, die schon mehrfach berührt worden sind und eine Kategorie für sich bilden, sondern von sachlichen und sprachlichen Erklärungen zum Text der Vulgata vom Beginn des Buches Genesis und der Prologe des Hieronymus an. Bibelglossen treten sehr früh auf; nicht nur hat der Liber glossarum vieles, was hierher gehört, zum größten Teil aus den bekannten doctores ecclesiae und andern christlichen Schriftstellern; aber auch wirkliche Glossare treten bereits im 8. Jhdt. auf; so die Glossen der ehemals Reichenauischen Hs. nr. 115, über die ich auf Kögel Gesch. d. Deutsch. Lit. I 424f. verweise. Das verbreitetste Exemplar sind die glossae veteris ac novi testamenti, die sich in zahlreichen Hss. vom 9.–14. Jhdt. finden (Anfang: Prologus graece latine praelocutio sive praefatio). Die einzelnen biblischen Bücher sind getrennt (incipiunt glosae in genesim, de exodo usw.). Der Bestand der einzelnen Glossare weicht erheblich von einander ab. Die Glossen zeigen nicht selten Berührung mit den Profanglossen, was man aber nicht so zu deuten braucht, als seien jene die originalen; denn es sind öfter Profanglossare zur Bibelglossierung benützt worden. Ein Stück dieses Glossars, aus einer Hs., die am Anfang verstümmelt ist, hat Arevalo Isid. VII 407ff. herausgegeben; daraus kann man sich eine Vorstellung von der Eigenschaft dieser Glossen machen; vgl. auch Loewe Prodr. 141 über ein Leidener Apographon. Arevalo meint, daß Isidor der Verfasser sei, hauptsächlich weil in jener Hs. die Origines vorangehen. Doch ist weder dieses Argument noch sind die andern Isidoriana I S. 541 überzeugend. Daß das Glossar aber mindestens in das 8. Jhdt. zurückreicht, scheint sich aus den [1460] Bemerkungen zu ergeben, die Steinmeyer IV 459f. gemacht hat. Über die jüngere biblische G. handelt S. Berger (De compendiis exegeticis quibusdam medii aevi, Paris 1879). Unter ihnen nimmt eine besondere Stellung ein Guilelmus Brito, des Verfasser der Summa (beginnend mit den Worten difficiles studeo partes quas Biblia gestat Pandere). Er lebte um 1250. Sein Kompendium ist in zahlreichen Hss. verbreitet, vorzüglich in französischen Bibliotheken. Von dieser Summa hängt zu einem guten Teil ab der Mammotrectus des Marchesinus, entstanden um 1300 (expositio in singulos locos Bibliorum per singula capitula), der die Reformatoren so in Harnisch brachte, daß Luther seinen und anderer Glossare Inhalt als ,Münchenmist und Teufelsdreck‘ bezeichnet. Dieser Mammotrectus (= μαμμόθρεπτος) liegt uns auch in alten Drucken vor. Über die Methode der Erklärung gibt Berger 47ff. einige Aufschlüsse. Daß für die klassische G. aus dieser späten Literatur nichts zu holen ist, ist von vornherein mehr als wahrscheinlich.

Damit sind wir allmählich in die Zeit der Wiedererweckung der klassischen Literatur gekommen; denn die nicht seltenen Sachglossare, die meist aus Isidor gezogen sind, darf ich hier übergehen; so z. B. die Summa Heinrici und Verwandtes; ferner die unter sich verwandten Werke des Johannes de Garlandia (vgl. Scheler Jahrb. f. rom. u. engl. Philol. VI 1865, 142ff.; dictionarius heißt es der Verfasser selber), Alexander Neckam (ebd. VII 60ff.), die nicht eigentlich glossographisch sind (vgl. R. Ellis A contribution to the history of the transmission of classical literature in the middle age, from Oxford mss. in American Journ. of Phil. X 2). Auffallend ist, daß die Renaissancegelehrten, so oppositionell sie im allgemeinen der mittelalterlichen Gelehrsamkeit gegenüber waren, auf dem Gebiet der Lexikographie erst sehr spät den Versuch machten, das traditionelle Material durch originales, d. h. den Antoren entnommenes Material zu ersetzen. Der sog. Breviloquus hat sein Hauptmaterial aus Papias, Hugucio, Brito sowie andern bekannten Werken; vgl. K. Hamann (Mitteilungen aus dem Breviloquus Benthemianus, Hambg. 1879; Weitere Mitteilungen usw., Hambg. 1882). Ich verweise ferner auf das Vocabularium Ex quo, die verschiedenen Gemmae, Vocabularia rerum, über die Diefenbach im Glossarium latinogermanicum Auskunft gibt. Was diese und ähnliche Bücher an Interessantem bieten, gehört jedenfalls nicht in die lateinische G. Wenn Calepinus in seinem Dictionarium das Material erheblich vermehrte, so hat doch auch er es unterlassen, die originalen Quellen auszubeuten. Eine nur scheinbare Bereicherung bietet das sog. Onomasticon, ein lateinisch-griechisches Lexikon mit 9652 Glossen, das aber, wie Loewe Prodr. 194ff. nachgewiesen bat, durch Epitomierung der Lemmata des Calepinus unter Hinzufügung einer griechischen Übersetzung entstanden ist. Es wäre an der Zeit, daß diese Onomastikonglossen endlich aus der Lexikographie definitiv verschwänden.

In der ersten Periode der Philologie nach dem Wiederaufleben der klassischen Studien ist von der vielverzweigten glossographischen Hinterlassenschaft in ihrer älteren Form, trotzdem die Bibliotheken [1461] reichlich damit ausgerüstet waren, nur selten die Rede. Nicht als ob diese Überreste antiker Gelehrsamkeit völlig unbeachtet geblieben wären: im Gegenteil, man zog sie gern zu Rat, lernte grammatische Tatsachen aus ihnen und manches seltene Wort; indessen bei der täglich wachsenden Fülle neuer Funde, die das Interesse immer wieder von neuem in Anspruch nahmen, lebten sie als untergeordnete Zeugen emsigen Grammatikerfleißes im Schatten der Bibliotheken in stilles Leben. Der eigentliche wissenschaftliche Entdecker der Glossare ist Joseph Scaliger. Seit man durch ihn auf diese Literatur aufmerksam geworden war, ist sie nie wieder ganz vergessen worden. Zwar hatte vor ihm schon Turnebus einige Mitteilungen über Ps.-Philoxenus seinen Adversarien eingeflochten; aber den ganzen Wert dieser Literatur hat doch erst Scaliger erkannt; vgl. meinen Aufsatz Jos. Scaligers glossographische Studien und Pläne in den S.-Ber. Sächs. Ges. d. W. 1888, 219ff. In seiner Festusausgabe hat er von den Ps.-Philoxenusglossen einen vorzüglichen Gebrauch gemacht, so daß O. Müller bloß in seine Fußtapfen zu treten brauchte. Er hat sogar den Plan eines umfassenden corpus glossarum (nicht glossariorum) aufgestellt (vgl. a. a. O. 230), das aber nicht zur Ausführung gekommen ist. Wohl aber hat er eine wichtige Glossensammlung hinterlassen, die unter dem Namen der glossae Isidori eine über ihren wirklichen Wert weit hinausgehende Berühmtheit gefunden hat (V S. 589ff.). Über die hsl. Überlieferung dieser in der vorliegenden Form sicher modernen Glossensammlung habe ich a. a. O. 224ff., sowie in der Praef. des V. Bandes XXXIIff. gehandelt. Der Name glossae Isidori findet sich gelegentlich in alten Glossaren, offenbar in Hinsicht auf das X. Buch der Origines, das auch separat überliefert wird. Diese Glossen hat man lange für besonders wertvoll gehalten, bis Loewe Prodr. 23ff. diesen Wert auf die oft größere, oft geringere Bedeutung der jedesmaligen Quelle reduzierte. Im J. 1573 erhielten die Glossenstudien durch die Ausgabe der bilinguen Glossare des H. Stephanus eine weitere Verbreitung. Diese Ausgabe umfaßte außer den beiden großen Glossaren die Hermeneumata Stephani, d. h. eine besondere Rezension der Ps.-Dositheana (jetzt III 347–390), und die glossae Stephani, die aus einer Sammlung der Hermeneumata exzerpiert sind (III 438–474). In diesen letzteren beiden Fällen muß uns die Ausgabe die verlorenen Codices ersetzen. Dieselben Glossare wiederholte im J. 1600 Vulcanius mit einigen Zutaten: 1. den glossae Isidori, die jetzt zum erstenmal im Druck vervielfältigt wurden; 2. dem unechten Onomasticon; 3. den wertvollen Notae und castigationes, die im wesentlichen auf Scaliger zurückgehen (Loewe Prodr. 183). Auch die im J. 1606 erschienene bequeme Kontamination der Glossare durch die Brüder Carolus und Petrus Labbaeus, denen Scaliger bei der ganzen Arbeit ratend zur Seite stand, haben Beiträge dieses einzigen Mannes, ohne daß dies ausdrücklich bemerkt wird: der Reiche war unerschöpflich im Geben, wenn es galt, einen wichtigen Zweck zu fördern. Über seine sonstigen Arbeiten auf diesem Gebiet vgl. meine Abh. a. a. O. 230. Seit den glossaria [1462] Labbaei, die im J. 1679 von Du Cange neu herausgegeben wurden, hat das 17. und 18. Jhdt. keine Arbeit aufzuweisen, die einen wichtigeren Fortschritt darüber hinaus bedeuten könnte. Zwar werden Glossen häufig in den Ausgaben erwähnt, vorzüglich bei den Holländern, ich verweise auf Apuleius, Amobius, Tertullian, Martial u. a., auf die Sammelwerke von Salmasius, Meursius, Heraldus und Barth, auf die hsl. Sammlungen und Apographa von Fabricius, die teils in Hamburg, teils in Kopenhagen liegen, von Burman in Leiden, die in Verbindung mit den Leidener Original-Hss. Leiden zu einer Hochburg für die G. gemacht haben (vgl. Loewe Prodr. 168ff.): ein herzhafter Versuch, das ganze Gebiet aufzuhellen und zu fördern, ist nicht gemacht worden trotz der beredten Mahnungen eines Ruhnken (vgl. Loewe ebd.). Das 19. Jhdt. brachte noch in seiner ersten Hälfte nach der kleinen Abhandlung Osanns (Glossarii latini specimen, 1826) die glossographischen Publikationen von Angelo Mai im III., VI., VII. und VIII Bd. der Classici auctores, die in den J. 1831 bis 1836 in Rom erschienen. Im VIII. Band steht die Panormia Osberns, in Band III und VI Placidus, außerdem in Band VI und VII vermischte Glossen aus vaticanischen Hss. Diese Ausgaben sind weder sorgfältig noch nach prinzipiellen Gesichtspunkten gearbeitet: sie haben aber trotz ihrer Mängel das Verdienst, der lateinischen Philologie neues Material zugeführt zu haben. Angeregt durch diese Arbeiten, machte Fr. Oehler in den vierziger Jahren einen neuen Anlauf. Er veröffentlichte im J. 1847 eine Abhandlung über den Cod. Amplonianus des Osbern, durch die Mais Ausgabe an vielen Stellen berichtigt wurde; sodann edierte er die berühmten Erfurter Glossare in einem Auszuge, der zwar einer energischen Nachprüfung in keiner Weise Stich gehalten hat, aber den Erfolg hatte, diese Glossare in den Mittelpunkt der philologischen Forschung zu rücken, soweit diese die Glossen überhaupt berücksichtigte. Der Schwerpunkt der Bedeutung dieser Hss. geht nach der anglistischen Seite hin. Aber Oehler hat sich mit umfassenderen Plänen getragen. Seine hinterlassenen Exzerpte und Kollationen liegen in der Königl. Bibliothek in Berlin. Im J. 1854 gab Hildebrand, den seine Apuleiusstudien zu den Glossen geführt hatten, sein glossarium latinum heraus, d. h. die Glossen des Abavus minor in einem Auszug mit Zugrundelegung des Cod. Paris. lat. 7690 (nicht 7651, wie er selber irrtümlich angibt). Auch dieser Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen, trotz der weitschweifigen Anmerkungen, die der Apparat aufweist. Weit förderlicher waren die auf methodischer Grundlage basierten Abhandlungen von Usener (Rh. Mus. XXIII 496. XXIV 382ff.) und Wilmanns (ebd. XXIV 363ff.), die von Ritschl angeregt waren, dem eigentlichen Wiederentdecker der Glossare nach Scaliger. Der Mittelpunkt dieser Abhandlungen, an die sich dann die Arbeiten von Kettner anschlossen, war der Liber glossarum. Usener hatte sich namentlich in Bern eingehend mit der G. beschäftigt; seine Exzerpte hat er später Loewe bereitwilligst überlassen. Die Arbeiten von Wilmanns hatten in römischen Hss. ihr Fundament. [1463] Zeigt sich schon in den genannten Arbeiten, daß ein neuer Geist in diese Studien gekommen war, so wurde das durch den Ritschlschen Aufsatz über Placidus (1870) erst recht offensichtlich gemacht. Die Früchte dieser Bewegung waren 1. die Deuerlingsche Placidusausgabe vom J. 1875 und der dafür Prodromus Corporis glossariorum latinorum von G. Loewe (1876). Mit diesem Werke wurde die Aufgabe aus dem Bereich der Einzeluntersuchung in die Höhe gehoben, wie sie einst Scaliger vorgeschwebt hatte. In den folgenden Jahren erschienen noch eine Reihe von Spezialarbeiten, die nach Loewes Tod (1883) von mir als Anhang seiner unvollständig hinterlassenen Bearbeitung der Glossae Nominum zusammengefaßt wurden (Leipzig 1884). In den J. 1876 bis 1880 hatte Loewe Italien und Spanien bereist, jenes Land zunächst im Interesse des Plautus, dieses für die Patres latini der Wiener Akademie, dabei aber auch in intensivster Weise um die Ausbeutung der Glossare bemüht (vgl. meinen Nekrolog in Bursians Jahrbuch 1884). Infolge letztwilliger Verfügung ist das gesammelte Material nach Loewes Tod in meine Hände übergegangen, bestehend aus einer Reihe von Exzerpten, einigen wenigen Abschriften und ausgedehnten Hss.-Beschreibungen, die einer Weiterarbeit vortrefflich Bahn gebrochen hatten, aber in der vorliegenden Form sich nicht als geeignet erwiesen, einem Corpus glossariorum als Basis zu dienen. Wie dann in den folgenden Jahren von mir und dem um die Förderung des ganzen Corpus wohlverdienten Gundermann mit Unterstützung der Königl. Sächs. Ges. d. W. und der verschiedenen Bibliotheksverwaltungen in und außer Deutschland die Materialsammlung allmählich so weit gefördert wurde, daß im J. 1888 Band II erscheinen konnte, wie sich dann in den folgenden Jahren bald weitere Bände anschlossen, darüber geben die Vorreden Auskunft; auch von der freundlichen Beihilfe anderer Gelehrten, wie z. B. K. Krumbachers im dritten Bande, den er ursprünglich selber hatte bearbeiten wollen, und W. Meyers für Placidus. So konnte ich auch allmählich an den Thesaurus glossarum emendat. herantreten, bei dessen Herstellung mir junge und ältere Freunde hilfreiche Hand geleistet haben; noch bei der Korrektur haben mir Schöll, Stadler und Heraeus, vor allem aber Bücheler viele Emendationen beigesteuert; in den Quellennachweisen bin ich dem unermüdlichen Otto B. Schlutter verpflichtet. Dem Thesaurus hat Heraeus den willkommenen griechischen Index hinzugefügt, durch den erst Labbé ganz überwunden wurde. Dieses Corpus erhebt, wie bereits erwähnt, nur den Anspruch, den Kern der G. erschöpft zu haben; daß Supplemente nötig werden, hat der Herausgeber selber als wahrscheinlich ins Auge gefaßt. Aber eine Beschränkung war geboten, wenn es nicht bei einem abermaligen Anlaufe sein Bewenden haben sollte. Einige wichtigere Nachträge wird der erste Band bringen (gänzlich wertlos ist das kleine Glossar, das Waltzing Mélanges Nicole 537ff. aus einer Brüsseler Hs. veröffentlicht hat; es stammt größtenteils aus Isidor). Ergänzungen bieten auch in verschiedener Hinsicht verwandte Sammlungen auf anderen Forschungsgebieten, so die vortrefflichen althochdeutschen [1464] Glossen von Steinmeyer und Sievers (wichtig ist auch die Hss.-Beschreibung in B. IV), die angelsächsischen Glossen bei Wright und Wülcker sowie Sweet in seinen verschiedenen Werken (wobei die Nachträge von Schlutter durchaus Beachtung verdienen), die Arbeiten von Stokes und Strachan. Wichtigere Beiträge lieferten während der Ausarbeitung Funck, Nettleship, Pokrowskij, Stowasser und Schlutter; dazu zahlreiche kleinere Beiträge von verschiedenen Seiten in Wölfflins Archiv für lat. Lexikographie, unter denen ich Langrafs Beitrag im IX. Bande besonders hervorhebe.

Mit dem Erscheinen des Generalglossars konnte nun auch die Ausbeutung der Glossare für die lateinische Philologie sowohl wie für die verwandten Forschungsgebiete, die der Herausgeber nur anbahnen konnte, von den Fachgenossen im weitesten Sinne in Angriff genommen werden. Außerordentlich willkommen ist gerade auf diesem Gebiete die freundnachbarliche Hilfe der Linguisten, Romanisten und Germanisten. Gar manche Form, die ich bei aller Vorsicht, deren Notwendigkeit ich sehr wohl empfand, beanstandete, ist von dieser Seite her verteidigt und erklärt worden. Unter den sprachwissenschaftlichen Beiträgen verweise ich auf die Aufsätze von Stolz (z. B. ,Sprachwissenschaftliches aus den lateinischen Glossen‘, Wiener Stud. XXII 1900, 307ff. XXIII 158ff. und an anderen Stellen), Pokrowskij in den russisch geschriebenen Materialien (Moskau 1898 und in verschiedenen deutschen Zeitschriften), Niedermann (Notes d’étymologie latine, Macon 1902; besonders Contributions à la critique et à l'explication des gloses latines, Neuchatel 1905), um nur einige Namen zu nennen. Unter den Romanisten bin ich namentlich W. Meyer-Lübke verpflichtet für die wertvollen Nachweise in seinem Aufsatze ,Zu den lateinischen Glossen‘ in den Wiener Stud. XXV (1903) 90ff., in der Bearbeitung ,der lateinischen Sprache in den Romanischen Ländern‘ im Gröberschen Grundriß und in seinen übrigen Werken an zahlreichen Stellen; dazu kommen viele feine Bemerkungen von Schuchardt, dessen Arbeiten nebst denen von Gröber ich schon bei der Ausarbeitung des Thesaurus gloss. emend. benutzen durfte. Unter den Germanisten weise ich vor allem auf meinen alten und treuen Freund Kluge hin, der sowohl in seinem Lesebuch wie an andern Stellen manches mir dunkle Problem aufgehellt hat. Aber auch von vielen anderen Seiten ist gelegentlich Hilfe und Aufklärung gekommen. – Die Ausbeutung der Glossare wird nach vier Richtungen hin zu erfolgen haben: 1. nach der literarisch-kritischen Seite; 2. für die Exegese; 3. für Lexikographie und Kulturgeschichte; 4. für die Grammatik. Es möge mir gestattet sein, eine kurze Orientierung hier anzufügen.

Die Glossen bringen uns eine Anzahl neuer Zitate aus alten Autoren, darunter Stellen aus Ennius, den XII Tabulae, Plautus, Lucilius, Naevius und anderen; ist die Zahl dieser Stellen auch eine beschränkte, so sind doch nicht wenige darunter, die wir nicht missen möchten. Gar manche Notiz ist auch literarhistorisch wertvoll; man vgl. z. B. den Art. Symposium. Besonders interessant sind auch die kalendarischen Notizen, [1465] die alten Kalendarien entnommen sind; ich verweise auf den Art. Menses. Im Übrigen bemerke ich folgendes: die Glossen gehen zum größten Teile auf bestimmte Textesstellen zurück; in diesen Fällen repräsentieren die Lemmata (von den in einigen Glossaren vorkommenden Umdrehungen sehe ich hier ab) eine alte Textesquelle, die mitunter richtiger ist als die sonstige Überlieferung. So geht z. B. die Glosse poste postea sicher auf Terenz Eun. 493, wo die Überlieferung post hat; das richtige poste hatte bereits Fleckeisen aus metrischen Gründen eingesetzt. Auf dergleichen habe ich bei der Bearbeitung tunlichst Rücksicht genommen; doch ist noch mancherlei Resultat zu erhoffen. Eine andere Art der kritischen Ausnutzung der Glossare findet bei dem Nachweis von Glossemen statt. So hat Plaut. Pseud. 1022 nach der Überlieferung: si occasionem ceperit capsti; die Placidusglosse capsit ceperit zeigt, daß Camerarius den Anfang des Verses mit Recht so gestaltet hat: si occasionem capsit. Aber auch ohne daß die Glosse auf eine bestimmte Stelle zurückgeführt wird, kann sie zur Aufhellung dienen. Tibull I 10, 10 haben die deteriores codices sparsas, wofür AV varias darbieten. Wenn sparsas wirklich richtig ist, wie Némethy in seiner Ausgabe vermutet, so kann man sich mit Recht auf die Placidusglosse berufen (sparsas oves quasi varias), obwohl sie sich sicher nicht auf Tibull bezieht. Doch ist der Fall problematisch. Aber ganz abgesehen davon hat sich die Zahl der Stellen, für die man in neuester Zeit die Glossen in der bezeichneten Weise herangezogen hat, zu meiner Freude in überraschender Weise gemehrt. Ich verweise bei dieser Gelegenheit auf manche treffliche Arbeiten von Heraeus, z. B. ,Die Sprache des Petronius und die Glossen‘ (Leipzig 1899), die viele hübsche Funde betreffen.

Was die Exegese anlangt, so geben die Glossen oft sehr alte Erklärungen, teils gute, teils schlechte, die man auf keinen Fall übergehen darf. Statt einzelner Stellen verweise ich auf die Darlegungen Loewes im Prodromus und den Glossae Nominum, der freilich in seiner Finderfreude oft zu optimistisch war, und auf die vorsichtige, bisweilen vielleicht allzu skeptische Verwendung, die Marx in seinem Luciliuskommentar gemacht hat. Oft schon erregte eine Glosse den Anschein, als biete sie sprachlich unmögliche Dinge; sobald es gelang, die Quelle aufzufinden, ergab sich eine willkommene Exegese einer besonderen Stelle. Im Wölfflinschen Archiv haben Weyman und andere wiederholt auf solche Erklärungen aufmerksam gemacht; auch Stowasser hat manches schöne Inventum dieser Art beigebracht. Hier wird man also gut tun, Geduld zu üben; wer warten kann, findet allmählich das Richtige.

Allgemein anerkannt und in die Augen fallend ist der Gewinn, den die Lexikographie aus den Glossen gezogen hat und fortwährend zieht, sowohl nach der Seite des Bestandes wie der Bedeutungslehre hin. In semasiologischer Beziehung weise ich auf die musterhafte Ausnutzung hin, die in vielen Artikeln des Thesaurus ling. lat. gemacht ist. Hier greifen auch die bilinguen Glossare mit entschiedenem Erfolge ein. Es ist immerhin nicht gleichgültig, wenn mancher feine Übergang, [1466] der sich aus dem Material ableiten läßt, auch von antiker Seite bezeugt wird. Wichtiger aber sind die zahlreichen neuen Wörter und Formen, von denen das Lexikon bisher nichts gewußt hat. Hier hatte schon Loewe tüchtig vorgearbeitet. In der früheren Zeit war man auf den Wust angewiesen, der sich bei De-Vit im VI. Bande S. 462ff. angesammelt hatte. Dazu kam die auf nicht durchweg sicher fundierte Sammlung von Quicherat Addenda Lexicis Latinis, Paris 1862. Mit Hilfe des Corpus wird man sich jetzt mit diesen Sammlungen besser zurecht finden. Was übrig bleibt, braucht nicht ohne weiteres verworfen zu werden, wird aber mit sehr vorsichtiger Kritik zu behandeln sein. Diese Vorsicht ist aber auch den bezeugten Glossen gegenüber zuweilen sehr am Platze. Osbern z. B. ist vielfach ein zweifelhafter Gewährsmann. – Daß übrigens auch das griechische Lexikon vielfache Bereicherung aus den Glossaren schöpfen kann, zeigt der Index von Heraeus auf jeder Seite. Im allgemeinen verweise ich hier noch auf den Diocletianischen Maximaltarif in der Bearbeitung von Blümner, in der die lexikalische Bedeutung der Glossen sehr zu ihrem Rechte gekommen ist.

Nicht der geringste Gewinn ist der, den die Grammatik den Glossen zu verdanken hat. Hier ist ein Unterschied zu machen zwischen Eigentümlichkeiten der Lemmata und der Interpretamente. Über die Lemmata habe ich nichts mehr zu sagen; die Sprache der Interpretamente aber trägt die Spuren ganz verschiedener Zeiten an sich, sowohl in lautlicher Beziehung als in der Formenbildung. Auch hier kann ich auf die zahlreichen Belege verweisen, die Stolz, Sommer, Meyer-Lübke und andere den Glossen entnommen haben; doch ist das Material noch lange nicht erschöpft. Wie sehr sich lautliche Erscheinungen aus den Glossen beleuchten lassen, beweisen viele Beiträge von W. Heraeus, aber auch spezielle Arbeiten wie z. B. Weißbrodt De R et L consonantium latinaram mutua ratione (Comment. Ienens. VI 147ff.) und Leo Sommer De prosthesi et aphaeresi e glossariis latinis illustrandis (Jena 1900). Wichtiger natürlich ist der Nutzen für die Kenntnis der Formenbildung des vulgären Lateins, speziell der lateinischen Volkssprachen in den romanischen Ländern. Man wird freilich auch hier Vorsicht walten lassen müssen; denn bisweilen sind scheinbar gute lateinische Formen späte Rücklatinisierung romanischer Wörter. Immerhin ist reiche Belehrung sicher. Der Geschlechtswechsel, der Übertritt der Deklinationen zueinander, die Wirkung der Analogie: diese und viele andere Fragen wird man mit den Glossen oft in überraschender Weise zu beleuchten im stande sein. Die einzelnen Resultate sind vielfach klein und unscheinbar; durch ihre Fülle und Mannigfaltigkeit erstatten sie dem, der einzelnes unter allgemeine Gesichtspunkte zu bringen weiß, den entsprechenden Dank für die aufgewandte Mühe. In dieser Hoffnung gedenke ich auch den Einleitungsband, der über die in diesem Artikel berührten allgemeinen Fragen orientieren soll und durch andere Arbeiten und Verpflichtungen länger hinausgeschoben wurde, als es geplant war, noch rechtzeitig unter Dach zu bringen.