RE:Hibernia

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VIII,2 (1913), Sp. 13881392
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Hibernia ist die zweitgrößte der britannischen Inseln (größte Länge ca. 480 km, Breite ca. 280) und der westlichste Teil der alten Welt. Die Urbevölkerung scheint ,iberisch‘ gewesen zu sein, die dann von dem Zweig der keltischen Völker, den man gewöhnlich Gaal oder Goidel [1389] nennt, erobert wurde. Die klassischen Benennungen der Insel lassen sich alle aus einer altkeltischen Urform, *iwerijo oder *iweriju (gen. *iwerinos, vgl. das jetzige Erin) herleiten, und sind zwar: 1. der bei den Griechen übliche Name Ἰέρην, zuerst bei Strabon (p. 75, 201 u. a., vgl. Diod. Sic. V 32 Ἴριν), aber offenbar aus älterer Quelle entlehnt. Da Ἰέρην an ἱερός erinnert, so wird Irland von Avien ora mar. 108 insula sacra genannt; 2. die seltenere Ἰουερνία (Ptol.), lat. Iuverna (Mela III 53. Iuv. II 159), in der das ursprüngliche erhalten ist; 3. die herrschende lat. Form Hibernia, wohl durch Nachahmung der adj. hibernus gebildet; daher bei Claudian de IV. cons. Honor. VIII 33 glacialis Hiverne; 4. einzig dastehend und wohl aus dem keltischen unmittelbar entlehnt ist Hiberio (Confessio s. Patrici; vgl. Itin. marit. ed. Parthey-Pinder W. 509). S. weiter Holder Sprachschatz s. *Iveriū und Rhys Proc. Brit. Acad. I 30f.

Die Alten haben die Insel wohl zu derselben Zeit wie Britannien kennen gelernt, obgleich Nachrichten von Entdeckungen fehlen; Pytheas hat sie wahrscheinlich nicht besucht, und welcher Gewährsmann hinter Strabon p. 75, 201 und Diod. Sic. V 32 steht, ist nicht zu ermitteln. Sicher hat sich eine genaue Kenntnis der Insel sehr langsam verbreitet. Auch die römische Eroberung Westeuropas in der caesar.-augusteischen Zeit brachte wenig Licht, und die damaligen Schriftsteller haben wenig zu berichten. Irland liege am Ende der bewohnbaren Welt (Strab. p. 72), entweder nördlich von Britannien (so Strabon, Mela) oder südwestlich, gegenüber Spanien (Caes. bell. Gall. V 13), und etwa so weit von Britannien entfernt wie Britannien selbst vom Festland. Die Einwohner seien äußerst roh, das Klima sehr feucht, die Weide fett, so fett nach Mela III 53 (der wohl an Klee denkt), daß pecora diutius pasta dissiciant; Strabon fügt hinzu daß die Iren sich mit Mutter oder Schwester ehelich verbinden. Vielleicht aus demselben Alter stammt Solins (23, 2) aus unbekannter Quelle entnommene Bemerkung, daß in Irland weder Schlangen noch Bienen leben könnten. Die Größe der Insel wird von Caesar u. a. unbestimmt aber doch nicht unrichtig (als kleiner als Britannien) angegeben, von Plinius (n. h. IV 102: 300 × 600 mill. pass.) und Mela hoch überschätzt. Offenbar wußte man in Rom damals über Irland sehr wenig.

Auch die Eroberung Britanniens (43 bis etwa 85) brachte Irland nicht in den römischen Kreis. Zwar beabsichtigte Agricola, Statthalter 77/78–84/85, im J. 81/82 (Tac. Agr. 24) einen Einfall, und mit dieser Absicht eam partem Britanniae quae Hiberniam aspicit copiis instruxit, d. h. Lancashire und Cumberland, oder vielleicht Wigton und Galloway (wo aber römische Überreste vollständig fehlen), sicher nicht das für militärischen Zwecken ganz unpassende Cantire. Er hatte die Idee, durch die Annexion Irlands die starken westlichen Provinzen des Reiches Britannien, Gallien und Spanien (valentissimam imperii partem, vgl. Tac. hist. III 53, 5) enger zusammenzubinden, und hoffte (als erster der zahllosen Optimisten, die sich um Irland geplagt [1390] haben), das Land mit wenigen Truppen, (legione una et modicis auxiliis) erobern und niederhalten zu können. Daß er aber wirklich eingefallen sei, sagt Tacitus nicht. Es ist zwar bisweilen in der neueren Zeit behauptet worden (Pfitzner Ist Irland jemals von einem röm. Heere betreten worden? Neustrelitz 1883 und Jahrb. f. Phil. CIII 560. Gudeman Classical Review XI 328. XIV 51), aber nie bewiesen. Sicher weiß Tacitus nur in einem Punkt mehr über Irland als seine Vorgänger zu berichten. Daß es kleiner sei als Britannien und inter Britanniam et Hispaniam liege, steht schon bei diesen; wichtig und neu ist seine Bemerkung, in melius aditus portusque per commercia et negotiatores cogniti. Ob in dieser vielumstrittenen Stelle mit Halm in[teriora parum], melius usw. zu lesen sei, oder einfach in zu streichen, d. h. die Häfen seien besser als die eben erwähnten ingenia cultusque bekannt, oder eine andere Auskunft zu finden ist, läßt sich nicht entscheiden. Klar ist nur, daß (wie zu erwarten war) die Küsten Irlands damals leidlich bekannt und von Händlern besucht waren. Daß einige von solchen Händlern unmittelbar aus Gallien nach Irland übersegelten, ohne Britannien zu berühren, Zimmer S.-Ber. Akad. Berl. 1909, 363f., ist wahrscheinlich genug; gallische Händler, hauptsächlich wohl Weinhändler, werden in der That nicht selten im frühen Mittelalter erwähnt, als direkt nach Westengland oder Ostirland fahrend. Aber die Zeugnisse reichen gar nicht aus, einen intensiven Verkehr auf dieser Linie zu beweisen, und die meisten in der Römerzeit Irland aufsuchenden Kaufleute werden doch aus Britannien gekommen sein.

Auf Berichten solcher Händler beruhen wohl die Angaben Ptolemaios (geogr. II 2), der 10 oder 11 (darunter 7 binnenländische) πόλεις, 16 Stämme, 15 Flußmündungen, 5 oder 6 Vorgebirge namentlich anführt. Wie man sieht, besaß er gute Kenntnisse der Küsten, obgleich seine Beschreibung der Westküste unklar und unbefriedigend ist. Aber die Ortschaften die er mit den 47 Namen bezeichnen wollte, sind schwer zu identifizieren. Man darf vielleicht die Iverni mit den späteren Ernai in Münster, die Erdini mit Lough Erne, die Voluntii mit den Ulaid (jetzt Ulster), die Usdiae mit Ossory, die Coriondi mit den mittelirischen Coraind, den Senosfluß mit Shannon zusammenstellen; s. weiter Bradley Archaeologia XLVIII 380. Orpen Journal Royal Soc. Antiquaries Ireland 1894, 115. Rhys Proc. Brit. acad. I 30, 34. Daß aber diese 47 Namen sehr wenig bedeuten, daß römische Kultur und sogar römischer Handel in die Insel nicht wirklich eingedrungen sind, erhellt aus den archäologischen Funden römischer Münzen und sonstiger Altertümer. Diese Funde sind nicht nur äußerst dürftig (nur 20 sind leidlich genügend beglaubigt, darunter keine Keramik), sondern fast alle sind auf oder unweit von der Nordostküste (zwischen Lough Foyle und der Nähe von Dublin) gefunden worden.

Folgendes Verzeichnis ist von Norden nach Süden geordnet. 1. Unweit Coleraine, großer Schatz, 1506 Silbermünzen (wovon aber etwa 700 unlesbar) aus dem 4. Jhdt., zwei Silberbarren (CIL VII 1198) und andere Silberarbeit; nach den [1391] Münzen zu urteilen (wenn man ein wohl schlecht gelesenes Stück von Honorius VOTIS XXX MVLTIS XXXX außer acht läßt), war der Schatz gegen J. 408 vergraben; 2. Giants Causeway, in derselben Gegend, Schatz von mindestens 500 Denaren, von den aber nur 17 Stück untersucht waren (Vespasian bis Faustina II.); 3. Ballyclough bei Bushmills (ders. Gegend), Schatz von etwa 300 Silbermünzen, nie untersucht; 4. Ballintoy (ders. Gegend), eine Goldmünze Valentinians; 5. Dungiven (Lononderry) eine Münze Neros; 6. Moira, südlich von Belfast, eine Münze Vespasians; 7. Downpatrick, acht Kupfermünzen verschiedener Kaiser, Hiberius bis Konstantin I.; 8. New Grange, bei Drogheda, ein Denar Getas, zwei Kupfermünzen, etwas Goldarbeit, zwei Goldmünzen, Valentinian und Theodosius; 9. Lambayinsel, etwas nördlich von Dublin, ,römische‘ nicht genauer beschriebene Münzen; 10. Tarahügel, nördlich von Dublin, 13 konstantinische Kupfermünzen; 11. Dublin, eine Goldmünze Valens; 12. Clondalkin bei Dublin, eine Kupfermünze Pius; 13. Rathfarnham, südlich von Dublin, ,römische‘ Münzen; 14. Bray Head (ders. Gegend), Kupfermünzen Traians, Hadrians u. a., je ein oder zwei in Skelettgräber verteilt. Das sonstige Irland bringt nur wenige weitere Nummern: 15. Grafschaft Fermanagh, Ort nicht genau überliefert, drei Kupfermünzen; 16. Unweit Tipperary, Stempel eines Augenarztes, CIL VII 1315. 17. Templemore (Tipperary) Münzen Pius und Gordian; 18. Castle Lyons (Grafschaft Cork), eine Münze Gordians; 19. Killenumery (Grafschaft Leitrim), ca. 100 Kleinerz, Florian bis Konstantin I; 20. Grafschaft Tyrone, Kupfermünze von ,Augustus‘.

Mit diesen wenigen und unbedeutenden Römerfunden kann man die Tatsache verbinden, daß sowohl die einheimische Kleinkultur der Eisenzeit in Irland, wie auch die früheste (leider nicht genau datierbare) irische Literatur keine Spur von römischem Einfluß verraten, während andererseits Irlands vorgeschichtlicher Reichtum an Gold und hervorragende Goldschmiederei, die vielleicht bis zum Anfang der Kaiserzeit fortdauerte (Beispiele in Brit. und Dubliner Museen; s. auch Evans Archaeologia LV 397), nie von klassischen Schriftstellern erwähnt wird.

Die erste wirkliche Berührung zwischen Irland und Rom kam nicht von dem Eindringen römischer Kultur in Irland sondern von dem Eingreifen der Iren ins Reich. Ob in dem 1. und 2. Jhdt. irische Seeleute die britannischen Küsten verheerten, ist unbekannt; sicher sind Einfälle von etwa 250 an. Über diesen Einfällen liegt selbstverständlich schweres Dunkel; hauptsächlich hängt man von unverläßlichen irischen Quellen ab, und die häufig darauf gebauten Vermutungen entbehren solider Gründe. Doch steht es fest, daß im 4. Jhdt. Scoti oder Scotti (s. d.) aus Nordirland Britannien überfielen (der Coleraineschatz (s. o.) mag ihrer Beute zugehören), um schließlich sich in Caledonia niederzulassen (Rhys Celtic Britain 1904, 246). Kleinere Bewegungen trifft man früher und auch im Süden. So sollen die Dessi oder Deisi um das J. 270 aus Deece in Meath ausgetrieben oder ausgewandert sein und haben sich dann nach Demetia [1392] (jetzt Pembrokeshire in Süd-Wales) überschifft (Rhys Cymmrodor XVIII 26. 179. Zimmer Nennius Vindicatus 84–90. K. Meyer Cymmrodor XIV 101). So zog, gegen 405, Irlands Oberkönig Niall gegen Britannien aus und fand seinen Tod in dem ,ictischen Meer‘; d. h. im englischen Kanal (K. Meyer Otia Merseiana II 84).

Schließlich hat doch das Reich Irland beeinflußt. Durch Handel (Zimmer a. O. Bury Life of St. Patrick 350) oder Krieg oder alle beide kam die christliche Religion nach Irland. Nicht nur die Anfänge, wie überall, sondern auch die spätere Geschichte sind hier dunkel. Der geschichtliche Wert der Patricius- (s. d.) Urkunden und Legenden läßt sich hier nicht erörtern. Auch muß es unsicher bleiben ob Pelagius in Irland (Zimmer Pelagius in Irland und S.-Ber. Akad. Berl. 1909, 558) oder, wie mir wahrscheinlicher ist, in Britannien (Bury Hermathena XXX 26; Life of St. Patrick 15. 296) geboren war. So viel aber darf man behaupten, daß gegen Ende des 4. Jhdts. Irland bald christlich wurde. Im J. 431 ging Palladius als erster Bischof nach Irland (Prosper chron. s. a. 431), und Patricius (Sucat) oder wer immer hinter diesem Namen stecken mag, fand offenbar den christlichen Glauben schon verbreitet (Bury Patrick 349f.). Die Geschichte weiterzuführen, ist nicht meine Aufgabe. Zu den Kriegen sind endlich zwei lateinische Namen zuzuschreiben, welche auf irischen Inschriften vorkommen, Galeatos (Killorglin, jetzt Dublin Mus.) und Sagittari (Burnfoot, Grafschaft Cork); diese sind wohl Iren, die in den letzten Jahren der Kaiserzeit unter den römischen Fahnen dienten (Rhys Proc. Royal Soc. Antiq. of Ireland XXXII 1902, 16).