RE:Hypereides

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IX,1 (1914), Sp. 281285
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Hypereides, Sohn des Glaukippos, von Kollytos, berühmter Redner. Über Namensform, Deklination und Ableitung vgl. Blass Att. Ber. III² 2, 2.

a) Leben.

Geboren ist er 390, da er im J. 330/29 öffentlicher Schiedsrichter war, IG II 941, aus begüterter Familie, die ein Stadthaus (Athen. XIII 590c) und vor dem Reitertor ein Erbbegräbnis hatte [Plut.] vit. X or. 849c. Er hatte den Unterricht Platons (Chamaileon bei Diog. Laert. III 46. [Plut.] vit. X or. 849d. Suid.) und des Isokrates (Hermippos bei Athen. VIII 342c. [Plut.] a. O. u. 837c) genossen. Er widmete sich der [282] Tätigkeit eines Sachwalters, [Plut.] 848e, und rühmt sich III 28, nie einen Privatmann belangt, wohl aber manchem Hilfe geleistet zu haben. Diese Beschäftigung trug ihm viel Geld ein, er hatte Besitzungen in Eleusis, [Plut.] 849d, und dazu zeitweise heiliges Land gepachtet, CIA IV 2, 834b II 41. Er führte ein üppiges Leben, war als Feinschmecker bekannt und verspottet, Athen. VIII 341e. 342c, huldigte dem Würfelspiel, ebd. 342a, und war den Weibern ergeben, Athen. XIII 590c. [Plut.] 849d. Vgl. dazu seine Verteidigungsrede für Phryne und die mehrfachen für und gegen Hetären geschriebenen Reden und deren erhaltene Bruchstücke. Dies hinderte ihn jedoch nicht, sich in der Staatsverwaltung tatkräftig und opferwillig zu betätigen. Schon 362 klagte er den mächtigen Aristophon wegen seiner Übergriffe gegen die Einwohner von Keos auf einem Feldzuge an, und nur wenig fehlte zur Verurteilung, III 28. Schol. Aisch. I 64. Ebenso den Diopeithes von Sphettos ans unbekannter Veranlassung, III 29. Er war es, der 343 den bekannten Philokrates wegen seiner bestochenen Handlungsweise durch Eisangelie vor Gericht zog, indem er gleich in der Anklageschrift fünf bis sechs verhängnisvolle Beschlüsse anführte, so daß Philokrates seine Sache aufgab und sich dem Urteil durch Flucht entzog, III 29. Aisch. II 6. III 79. Von da ab hat er unentwegt an der Seite des Demosthenes den makedonischen Einfluß bekämpft. Witz und Hohn sind die Waffen des ebenso kühnen wie gewandten Redners, wenn ihm auch der weite Blick und die sittliche Kraft seines Partners abgehen. Bald nach jenem Prozeß erhielt H., vom Areopag anstelle des vom Volke erwählten Aischines dazu erkoren, die Vertretung Athens vor den delphischen Amphiktyonen gegenüber den Ansprüchen der Delier auf das Eigentum an dem Apollontempel ihrer Insel und erwirkte durch seine eindrucksvolle Rede Abweisung der Delier (Δηλιακός, Demosth. XVIII 134. [Plut.] 850a. Schäfer Demosthenes II² 370). Im 341 ging er wahrscheinlich als Gesandter nach Chios und Rhodos, um diese Inseln zur Hilfeleistung für das bedrohte Byzanz zu bewegen (Χιακός und Ῥοδιακός, [Plut.] 850a. Böhnecke Forschungen I 461. Schäfer II² 484; vgl. Theopomp. bei Didymos Berl. 1904 col. 15). Im Frühjahr 340 war er eifrig für die Rüstung einer Flotte tätig, schenkte für sich und seinen Sohn zwei Trieren für den Zug gegen das anscheinend bedrohte Euboia, [Plut.] 849f. Schäfer II² 495, bei dem Hilfszuge nach Byzanz im folgenden Jahre war er selbst Trierarch, IG II 808c 103. 809d 242, und übernahm trotzdem gleich nach seiner Rückkehr die Choregie, [Plut.] 848e. Schaefer II² 512f.; 338 beantragte er mit Demonides die Bekränzung des Demosthenes und siegte, von Diondas παρανόμων angeklagt so, daß der Gegner nicht den fünften Teil der Stimmen erhielt, Demosth. XVIII 222. [Plut.] a. O. Als Mitglied des Rates vom Kriegsdienst befreit, war er nicht in der Schlacht bei Chaironeia zugegen, Luc. Parasit. 42. Dagegen war er der Antragsteller mehrerer Beschlüsse, darunter eines, die Metöken zu Bürgern, die Sklaven frei zu machen, wenn sie sich an der Verteidigung der Stadt beteiligten, Lyk. Leocr. 36. 41. [283] Rut. Lup. I 19. Die Klage παρανόμων des Aristogeiton schlug er zurück, [Plut.] 849a. Hyp. frg. 32–43. Übrigens kam dieser Beschluß wegen der schnellen Beendigung des Krieges nicht zur Ausführung, Dio Chrys. XV 21 p. 453R. Vielleicht war er danach Gesandter bei den kleinen Städten und Inseln, um Hilfe zu erbitten, Lyk. Leocr. 42. Din. I 80, und hielt bei dieser Gelegenheit seinen Κυθνιοκός, Suid. s. θαρραλέον, Boehnecke Forschungen I 664. Auch nach der Niederlage bewies er seinen Mut durch die Anklage gegen Demades, der für Euthykrates, den Verräter Olynths, die Proxenie beantragt hatte, vgl. frg. 80 und dazu Georg. fol. 70, 31 bei Schilling Quaest. rhet., Jahrb. f. Phil. Suppl.-Bd. XXVIII 687, sowie durch die Rede κατὰ Φιλιππίδου. Trotzdem scheint er nicht unter den Rednern gewesen zu sein, deren Auslieferung Alexandros nach der Zerstörung von Theben forderte, obwohl die Angaben schwanken (Arrian. I 10, 4. Plut. Phok. 17. Suid. s. Ἀντίπατρος gegen Plut. Dem. 23. Schaefer III² 137). Er sprach gegen diese Forderung und ebenso gegen die Stellung von Schiffen zu dem Zuge des Alexandros nach Asien. Im J. 332 vertrat er die Interessen Athens bei den Eleern, die den Athener Kallippos wegen Bestechung beim Wettkampf mit Strafe belegt hatten, diesmal ohne Erfolg, Paus. V 21, 5. [Plut.] 850b. Schaefer III² 294. In diese Zeit wird auch die Rede περὶ Εὐβούλου δωρεῶν gehören, in der er die dem Verstorbenen zugedachten Ehren bekämpfte, Schol. Aisch. 2, 8. Blass Att. Ber. III 2², 7. Um 324 trat er für den Plan der Athener ein, gegen die tyrrhenischen Seeräuber an der adriatischen Küste einen Stützpunkt zu schaffen (περὶ τῆς φυλακῆς τῶν Τυρρηνῶν frg. 195f.), IG II 809a 170, ebenso für Erhaltung des Söldnerheeres des Chares bei Tainaron, [Plut.] 848e. Schaefer III² 307, 4. Im Ärger darüber, daß die Gelegenheit verpaßt wurde, mit dem Gelde des Harpalos gegen die Makedonier Krieg zu führen, entzweite er sich mit Demosthenes, trat sogar als Ankläger gegen ihn auf und ging soweit, ihn als von Alexandros bestochen hinzustellen, I col. 17f. Blass III 2², 14. 72. Er selbst hielt sich auch in dieser Zeit rein (Plut. Phok. 10), und die Spöttereien des Timokles bei Athen. VIII 342a sind unbegründet. Auch in dem schmählichen Handel gegen die Söhne des Lykurgos nahm er sich der Beschuldigten an, frg. 139. Schaefer III² 349. Als Alexandros gestorben war, da endlich glaubte er die Zeit der Freiheit gekommen, unterstützte des Leosthenes Pläne aufs eifrigste bei der Bürgerschaft, [Plut.] 849f. Dexipp. frg. 2 = FHG III 669, ging selbst, um Hilfe zu werben, nach dem Peloponnes, wo sich ihm Demosthenes anschloß, Iustin. XIII 5, 10. Plut. Demosth. 27. Er hielt im Winter 322 die Grabrede auf die vor Lamia Gefallenen, Diod. XVIII 13, 5. Hyp. VI. Nach der Schlacht bei Krannon floh H. aus Athen und wurde mit Demosthenes und anderen auf Demades’ Antrag abwesend zum Tode verurteilt, Plut. Demosth. 28. Suid. s. Ἀντίπατρος 2. Er wurde dann auf Aigina im Tempel des Aiakos ergriffen, zu Antipatros nach Kleonai gebracht und dort hingerichtet, Plut a. O.; Phok. 29. Vorher soll ihm die Zunge ausgeschnitten worden sein, [284] Suid. 1. Luc. Demosth. enc. 31. Hermippos bei [Plut.] 849b. Seine Gebeine jedoch wurden nach Athen gebracht und in dem Erbbegräbnis beigesetzt, [Plut.] a. O. Suid. 1.

b) Schriften.

Das Altertum kannte von ihm 77 Reden, von denen 52 oder 56 als echt anerkannt waren, [Plut.] 849d. Phot cod. 266 p. 495b. Suid. 1. Eine Handschrift mit reichen Scholien soll im Anfang des 16. Jhdts. zu Ofen in der Bibliothek des Matthias Corvinus vorhanden gewesen sein. Sie gilt als verloren, Kiessling Comm. de Hyp. I 9. Hager Quaest. Hyp. 1. Was wir vor den Reden haben, stammt aus ägyptischen Papyri, und zwar erwarb zuerst A. C. Harris 1847 32 Bruchstücke der Reden gegen Demosthenes und für Lykophron (Anfang), herausgeg. London 1848, dann noch in demselben Jahre Jos. Arden Bruchstücke desselben Papyrus, das Ende der Rede für Lykophron und die für Euxenippos, erschienen Cambridge 1853. Ferner erstand 1856 H. Stobart Bruchstücke der Leichenrede aus einer anderen Hs., herausg. von Babington Cambr. 1858, dazu kamen Ergänzungen von Egger Mémoire snr quelques nouveaux frg. d'Hyp., Paris 1868, durch Tancock und Raphaël bei Kenyon Class. Rev. 1892, 288. Nach mehr als dreißigjährigem Zwischenraum erschienen Bruchstücke der Rede κατὰ Φιλιππίδου in Kenyon Classical texts from Papyri, London 1891. Endlich hatte 1888 Revillout eine Handschrift der ersten Rede gegen Athenogenes erworben, die in Paris 1891 und 1892 erschien, Corp. pap. Aeg. III fasc. 1. Wir besitzen also bisher Stücke von sechs Reden.

1. κατὰ Δημοσθένους aus dem harpalischen Prozeß 324/23;
2. ὑπὲρ Λυκόφρονος gegen eine Eisangelie des Ariston, die auch Lykurgos befürwortete, wegen Ehebruchs um 340;
3. ὑπὲρ Εὐξενίππου gegen eine Eigangelie des Polyeuktos wegen falscher Wiedergabe eines Traumorakels zwischen 330 und 324;
4. κατὰ Φιλιππίδου wegen eines Antrags auf Bekränzung der Proedren παρανόμων, 366;
5. κατὰ Ἀθηνογένους α’, bald nach 330, βλάβης;
6. ἐπιτάφιος auf die Gefallenen des J. 323.

c) Rednerische Eigentümlichkeiten.

Seine Wertschätzung im Altertum war hoch, zeitweise, namentlich von der rhodischen Schule des 2. Jhdts., wurde er über Demosthenes gestellt, [Plut.] 849d. Dionys. Dein. 8. Das ausführlichste und treffendste Urteil findet sich π. ὕψους 34. Sein Grundcharakter ist Einfachheit und Natürlichkeit, gepaart mit Scharfsinn und Witz. Weniger ist ihm an der Würde gelegen wie er selbst im Dialekt nicht ängstlich die Reinheit bewahrt, so benützt er unbedenklich Ausdrücke des gewöhnlichen Lebens, berührt sich daher vielfach mit der Komödie. Aber der Scherz verliert sich nie ins Niedrige, sondern haucht eine unnachahmliche Feinheit und Anmut aus. Auch bei scharfen Angriffen verleugnet er, so weit wir sehen – die schärfsten gegen Demades freilich kennen wir nicht, und sie erregten doch auch im Altertum Anstoß, Plut. mor. 810d –, ein gewisses Maß nicht. Minder gelang ihm, wo er es anstrebte, das Erhabene, der Ausdruck tritt dann in Gegensatz zu der Einfachheit der Gedanken und sieht darum leicht wie erborgt aus.

d) Ausgaben.

Um die Herstellung der [285] älteren Reden I–III. VI haben sich besonders Sauppe Philol. 1848, 610 Suppl. I 1 und Or. Att. II 347, Babington I Lond. 1850. VI Cambr. 1859 und Comparetti III Pisa 1861, VI Pisa 1864 verdient gemacht. Zu IV und V vgl. Kenyon ed. Lond. 1893. Weil Rev. ét. gr. V 1. 157. Die erste Gesamtausgabe v. Blass mit Wörterverzeichnis, Lips. 1897, dann v. Kenyon 1907. Vgl. Blass Att. Ber. III 2² 1f. Kirchner Prosop. Att. II 331.