RE:Kynos 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XII,1 (1924), Sp. 2932
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Kynos (Κῦνος). 1) Vorgebirge, Stadt und Hafen der Ostlokrer, speziell der Opuntier, nach Kynos (s. Nr. 2) genannt, aber von Deukalion und Pyrrha oder von Lokros (s. u.) begründet. Daß es auch Vorgebirge sei, berichtet Strab. IX 425 (wohl nach ihm Eustath. Il. II 53l), und [30] es muß als eine seiner örtlichen Bestimmungspunkte gelten, da er davon so viele Entfernungsangaben gibt (die aber von der Stadt und nicht von dem etwa 25 Stadien entfernten Vorgebirge gelten), d. h. daß von hier aus der Golf von Opus 40 Stadien weit sei (richtig 50). Opus 60 Stadien entfernt sei (richtig), Aidepsos in Euboia 160 Stadien entfernt sei (richtig 80-90; der euböische Golf ist hier am weitesten. d. h. vom innersten Winkel bei Opus, nicht ganz 140 Stadien breit, vom Vorgebirge K. aber bis auf Euboia kaum 50 Stadien breit), der Berg Knemis 50 Stadien (richtig, wenn man nur den östlichen Ausläufer Xero-Vouni betrachtet), der Hafen Daphnus 90 Stadien (ungefähr richtig). Dagegen besagt es nichts, daß bei Ptolem. III 14, 9 K. zwischen Knemides und der Boagriosmündung gesetzt wird, da der Text hier sicher entstellt und korrupt ist. Die richtige Lesart und Reihenfolge hat Müller gesehen, d. h. τοῦ Ὀπουντίου (Οἰταίου Hss.) κόλπου ὅ μυχός, Κῦνος, Κνήμιδες. Seit dem 5. Jhdt. ist K. soweit von Opus überflügelt und erdrückt, daß es eigentlich nicht mehr als des letzteren Hafen gilt. Darauf bezieht sich die polemische Äußerung des Stephanos von Byzanz gegen Herennius Philo und Pausanias, es sei mehr als einfacher Hafen, auch eine Stadt gewesen, wobei er auf Hekataios verweist; und Stephanos hatte recht. Nicht nur ist K. eine der Hauptstädte der Lokrer bei Homer Il. II 531. es ist auch Metropolis der Ansiedlung Kanai in Aiolis (Strab. XIII 615). Damit stimmt die Angabe des Hellanikos (FHG I 48), worin ihm Apollodor zum Schiffskatalog beistimmt (Schol. Pind. Ol. IX 62 a. 64 b. dem Strab. IX 425 folgt; vgl. Niese Rh. Mus. XXXII 269), daß Deukalion und Pyrrha nach der Sintflut zu K. (nicht Opus) wohnten (s. v. Wilamowitz Herm. XVIII 430, 2) und Pyrrha dort beigesetzt wurde. Wenn dagegen Pindar (Ol. IX 41ff.) Opus als Wohnort von Deukalion und Pyrrha angibt, so ändert er, zugunsten des Siegers aus der damaligen Hauptstadt Opus, einfach die Tatsachen, wie schon die Scholiasten bemerkten, und wie er selbst mit dem Ausdruck ἄνθεα δ’ ὕμμων νεωτέρων (v. 48f.) andeutet. Die ältere, gewiß epichorische Sage bei Hellanikos a. a. O. läßt auch den λάρναξ nicht auf dem Parnass, sondern auf dem Othrys stehen bleiben, einen Berg, der sich wirklich über Ostlokris emportürmt und der höchste aller in der Gegend zu sein scheint. Die ätiologische Sage über die Gründung einer Stadt, wo man von einem hölzernen Hunde gebissen werden soll, ist in einfacher Form bei Athen. III 70 d überliefert, wo durch die Worte ἔκτισε τὴν πόλιν klar hervortritt, daß eine Erklärung des Namens K. dabei gesucht wird, wie Wilamowitz bei Kaibel z. St. gesehen hat Dagegen hat eine erweiterte, den Verhältnissen der Westlokrer angepaßte Form der Sage bei Plut. quaest. gr. 15 (294 E) gar keinen rechten Sinn mehr. Worauf der Sinn ‚hölzerner Hund‘ (oder Hündin) ursprünglich deutete, ob Hagedorn oder Weinstock, darf man in diesem Zusammenhang unentschieden lassen.

Im J. 426 v. Chr. wurde die Stadt durch Erdbeben beschädigt (Demetrios Kall. bei Strab. I 60. Das benachbarte Livanates wurde auch [31] sehr beschädigt durch das große Erdbeben von 1894; s. Th. Skuphos Ztschr. d. Ges. f. Erdk. XXIX 413. 433. 446). Zur Zeit von Ps-Skylax 60, d. h. um die Mitte des 4. Jhdts, ist K. (nach Gronovs Verbesserung Κῦνος, Ὀποῦς für Κυνοσοῦρος der Hss.) noch eine der vier namhaften Städte der opuntischen Lokrer. Sonst wird es nicht oft erwähnt; einmal als Landungsort für Philipps Heer, das im J. 219 von Thessalien über Euboia nach Mittelgriechenland rückte (Polyb. IV 67, 7), und dieser Teil des Golfes von Euboia wird von Strabon (X 446) der ἐπὶ Κῦνον (Palmer Καῦνον die Hss.) πορθμός genannt; dann wieder als emporium von Opus im J. 207, als Attalos da landete (Liv. XXVIII 6, 12. Niese Gesch. d. gr. u. mak. St. II 49l), oder als ἐπίνειον von Opus (Paus. X 1, 2), dagegen als oppidum von Plin. n. h. IV 27 (der für die Lokrer einer recht alten Quelle folgt), sowie unter der Aufschrift de locis atque urbibus quae mare non adluit haec maxime memoranda sint zusammen mit Iolkos, Eleusis u. ä. (!) von Mela II 40. Da nun Mela mit Cynus Calliaros anführt, eine Ortschaft, die nur bei Homer vorkommt und später gänzlich verschwunden ist, hat er hier irgendwie ein Exzerpt aus einer Liste der homerischen Städte Griechenlands unter eine falsche Rubrik gesetzt. Inschriftlich ist eine Ἁρμοδία Κυνία zu Athen aus der Kaiserzeit bekannt (IG III 2534), wohl das einzige Vorkommen des Ethnikons Κύνιος, das von Stephanus neben Κυναῖος erwähnt ist. Als Stadt wird K. sonst von Hesych und Lykophron 1147 (und Paraphr. dazu) erwähnt.

Lage und Überreste. Smiths Dict. of Geogr. I 728 (z. T. nach Leake North. Gr. II 175) hat sich geirrt, indem er über Liv. XXVIII 6. 12 falsch referiert, da Livius nicht sagt, daß K. eine Meile von Opus entfernt sei, sondern nur, daß Opus ungefähr eine Meile vom Gestade entfernt sei, was eine ganz andere Sache ist, da das Meer in der Nähe von Opus sehr seicht ist und man eine beträchtliche Weile gehen muß, um gute Tiefe in der Nähe der Küste zu finden, was bekanntlich noch jetzt nur zwischen Kap Livanates und Kap Akritsa, gerade wo die Überreste von K. zu sehen sind, möglich ist (s. Brit. Admiralty chart nr. 1556 Gulf of Volo). Dieselbe Nachricht wird auch von Strab. IX 425 bestätigt, wonach Opus l5 Stadien vom Meer entfernt sei, dagegen 60 von seinem Hafen K. Dasselbe Werk irrt sich wieder, indem es die Überreste von K. bei Paleopyrgo eine Meile südlich von Livanates ansetzt, statt ungefähr so weit nordöstlich davon. Hier an der Küste auf einem flachen, um 15 m über den Seespiegel erhobenen Hügel, dessen Oberfläche ungefähr 200 m vom Norden nach Süden und etwa 70m von Osten nach Westen mißt, sind die Trümmer einer antiken Akropolis mit Mauerresten von rötlichem Konglomerat, der in dieser Gegend reichlich vorkommt. Der Turm, wonach die Stelle Pyrgos oder Palaiopyrgos genannt wird, ist mittelalterlich. Der Hafen lag wohl nach Norden zwischen der Akropolis und den Ruinen bei Hag. Nikolaos und Hag. Theodoros, eine kurze Strecke davon entfernt, wo betrachtliche Überreste eines Tempels und Peribolos zu sehen sind. Südlich und westlich von der Akropolis finden sich Reste von Häusern und Gräbern, [32] und die Stadt K. lag ohne Zweifel um diese Akropolis herum. Die Ruinen bei Villovo auf dem Berge westlich von Livanates (erwähnt von Dodwell Tour II 60. Leake North. Greece II 175) könnten zwar Kalliaros sein, wie Lolling Hell. Landesk. 132, 1 vermutet, sind aber wahrscheinlich nur eine Festung gewesen.

Im 5. und 4. Jhdt. v. Chr. blühte zu K. (und daneben auch Halai und Abai) eine Terrakottaindustrie, von deren Erzeugnissen viele in den letzten Dezennien in die Museen Europas gekommen sind. Girard vermutete (Bull. hell. III 220), daß sie alle von K. stammten, weil ‚la terre de Livinatais paraît avoir aujourd’hui encore quelque analogie avec la terre des statuettes‘. Das scheint aber angesichts der örtlichen Beschränkung der Funde recht zweifelhaft. Der phokische Krieg, wobei die Ostlokrer bekanntlich sehr litten, ist es wohl, der diese Industrie und Wohlhabenheit vernichtete. Über diese Terrakotten s. Girard Bull. hell. III 213ff.; De Locris Opuntiis 89ff. (mit Verzeichnis der verstreuten Literat.) F. Winter Typen d. figürl. Terrakotten I, XXIf. Über ähnliche Terrakotten zu Halai vgl. Misses Walker and Goldman Amer. Journ. of Arch. XIX 430f. Die schon 1917 angekündigte Universität von California-Diss. von Miss Walker über die Necropolis of Locrian Halae ist, wie es scheint, leider noch nicht publiziert. Über die Geologie vgl. Bittner Denkschr. d. Akad. Wien XL 12. Philippson Ztschr. der Ges. für Erdkunde XXV 387f.

Die Ruinen von K. sind kurz besprochen von Gell Itin. 232. Dodwell Tour II 59f. Ross Wanderungen I 94f. Brandis Mitt. aus Gr. I 133 Leake North. Greece II 175. Forbiger III 613. Bursian Geogr. v. Gr. I 190. Girard Bull. hell. III 213; De Locris Opunt. 46f. Lolling Hellen. Landesk. 132; bei Baedeker (Engl. Ausg.) 188 (wo aber S. W. statt N. E. gedruckt worden ist). Vgl. auch Philol. LXVII 425ff. 440. Amer. Journ. Arch. XX 47.