RE:Leleger

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XII,2 (1925), Sp. 18901893
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Leleger (Λέλεγες). Mit diesem Namen bezeichneten die Griechen Überreste der vorgriechischen Bevölkerung in Hellas und Kleinasien sowie auf den Inseln. Es ist den L. ähnlich ergangen wie den Pelasgern; man hat ihre Abstammung, ihre Wohnsitze, ihre Verbreitung genau zu bestimmen versucht und sogar ihre Lebensweise feststellen zu können gemeint, indem man sie zu einem räuberischen und umherschweifenden Küstenvolke machte, das mit den Pelasgern oft in feindliche Berührung geraten sei. Es soll ein Hauptzweig des großen Urvolkes gewesen sein, aus dem die Hellenen hervorgingen. In der antiken Überlieferung spielt der Eponym der L., Lelex, eine wichtige Rolle, und auch diese Erfindung der genealogischen Dichtung ist von den Neueren historisch verwertet worden. Die ganze ältere Literatur ist so lediglich bestrebt, aus Mythen und Sagen Geschichte zu machen, und daher unbrauchbar; das zusammenfassende Werk dieser Richtung ist Deimlings Die Leleger, Leipzig 1862, wozu noch Forbigers Artikel in Pauly R.E. zu vergleichen ist. Auch die Versuche A. Ficks (Vorgriech. Ortsnamen, Göttingen 1905, und Hattiden und Danubier, 1909), die vorgriechischen Ortsnamen nach Völkern zu scheiden und so die Wohnsitze der L. gegen die der Karer abzugrenzen, sind als mißlungen zu bezeichnen. Fick legt auf die späte Ausgestaltung der Überlieferung über die L. zu großes Gewicht, da bereits die Angaben Herodots beweisen, daß man eigentlich nichts Sicheres von ihnen wußte. Unsere Kenntnisse über die vorhellenische Bevölkerung sind zu gering, um die einzelnen Völkernamen mit historischem Leben zu erfüllen, und die Sprachwissenschaft ist noch nicht imstande, mit Sicherheit etwa karisches und lelegisches Sprachgut zu scheiden. Die Schlüsse Ficks erscheinen deshalb zum größten Teil [1891] als wenig beweiskräftig, und seine Versuche, gar eine lelegische Sonnenverehrung zu beweisen und die hier und dort verehrten Zwillingsgötter als lelegisch in Anspruch zu nehmen, streifen ans Komische. Ehe ich versuche, über die Beziehungen der L. zu Karern und Griechen zu einem einigermaßen sicheren Ergebnis zu kommen, will ich kurz die Nachrichten der Alten über sie vorlegen. Beginnen wir mit Kleinasien, so trifft man sie in Ionien (Pherekydes frg. 111, FHG I 98. Strab. VII 321f. XIV 634. 661. Paus. VII 2, 8. 4, 1. 2. Athen. XV 672 b); Milet soll hier ein Hauptsitz der L. gewesen sein (Strab. VII 321. XIV 635 [nach Ephoros]. Steph. Byz. s. Μίλητος [Milet früher Λελεγηΐς]. Athen. II 43 d. Aelian. var. hist. VIII 5. Parthen. 14). Bis nach Karien (Strab. VII 321: sog. Λελεγεία. XIV 661. Athen. VI 271 b. Steph. Byz. s. Μεγάλη πόλις und Νινόη. Schol. Eurip. Rhes. 505. Parthen. 11. Eustath. zu Hom. p. 623, 20ff. 816, 32ff. 1090, 59) und Pisidien (Strab. XII 570) waren ihre Spuren zu verfolgen. Im Norden lokalisierte man sie am Ida (Hom. Il. XX 92ff. XXI 86f.) und sonst in Troas (Assos, Gargara, Antandros, Lampsakos: Strab. VII 321. XIII 611. Alkaios 20. Etym. M. 221, 33. Steph. Byz. s. Γάργαρα). Auch auf den Kykladen sollen sie gesessen haben (Herod. I 171. Strab. XII 572f. XIV 661). Im Mutterlande finden wir sie vor allem im Westen und auf dem Peloponnes. Für Ätolien und Akarnanien beruft sich Strabon auf das Zeugnis des Aristoteles (VII 321f.); dasselbe gilt für Lokris und Megara. Auf Leukas soll der Autochthone Lelex heimisch gewesen sein (Strab. a. O.; vgl. Hom. Od. XV 427. XVI 426). Besonders gut bezeugt erscheinen die L. für Lokris (Hesiod. frg. 115 Rz. Strab. VII 322. Dion. Call. 70 [Geogr. Gr. min. I 240]. [Skymn.] 591. Steph. Byz. s. Φύσκος). Dann wird uns von L. in Boiotien (Strab. IX 401. VII 322) und auf Euboia berichtet ([Skymn.] 571). Im Peloponnes begegnet uns Lelex vor allem in Megara (Paus. I 39, 6. 44, 3. Strab. VII 322 [Aristoteles]) und in Lakedaimon (Paus. III 1, 1. 12, 5. Steph. Byz. s. Λακεδαίμον. Apollodor. bibl. III 10, 3); Lakedaimon soll sogar den Namen Λελεγία geführt haben (Paus. IV 1, 1). Ein Unterschied besteht nur darin, daß Lelex in Megara aus Ägypten eingewandert sein soll, während er in Lakedaimon als Autochthone auftritt. Von Sparta aus soll dann Messene (Paus. IV 1, 5), dagegen Pylos von Megara aus besiedelt sein (Paus. IV 36, 1); auch die Gründung von Pylos in Elis wird auf einen Nachkommen des Lelex zurückgeführt (Paus. VI 22, 5). Schließlich treten uns auch im Norden L. entgegen, einmal als Nachbarn der Molosser (Steph. Byz. s. Ἄμυρος), dann als Nachfolger der Pelasger in Thessalien (Dion. Hal. hist. rom. I 17). Suchen wir nun den Wert der antiken Überlieferung festzustellen, so fragt es sich zunächst, welchen Angaben eine wenn auch nur beschränkte Glaubwürdigkeit beizumessen ist. Die ältesten Gewährsmänner sind von Historikern Pherekydes von Athen [Leros] und Herodot. Nun hat zwar Meineke bei Steph. Byz. s. Ἄμυρος statt ‚Σουίδας‘ ἐν ταῖς γενεαλογίαις ‚Ἑκαταῖος‘ vorgeschlagen, [1892] und Fick (Vorgriech. Ortsnamen 108; Hattiden 24) hat ihm zugestimmt. Doch kann man auf diese doch sehr hypothetische Emendation gestützt Hekataios nicht als Zeugen anrufen (vgl. über Suidas Susemihl Gesch. d. griech. Lit. II 398). Pherekydes (frg. 111. FHG I 98; erste Hälfte des 5. Jhdts. v. Chr.: Christ-Schmid Griech. Lit.-Gesch. I6 454) weist den L. als Wohnsitz vor den Griechen die Küstengegend um Phokaia sowie Chios und Samos zu, während Herodot (I 171) sie mit den Karern gleichsetzt. Dazu kommen noch Hesiod (frg. 115 Rz.) und Alkaios (20 Hiller-Cr.), von denen jener die L. in Lokris vorauszusetzen scheint, während dieser Antandros in Troas eine lelegische Siedlung nennt. Die Autorität des Aristoteles, auf die sich Strabon (VII 321f.) beruft, hat in historischen Dingen seit der Auffindung der Ἀθηναίων πολιτεία stark gelitten. Diese Stellen beweisen aber nichts weiter, als daß bei den Griechen hier und da eine dunkle Erinnerung an ein Volk lebte, das vor ihnen ihre späteren Wohnsitze inne hatte. Dazu gehören auch die angeführten Homerstellen. Zudem zeigen Herodots Worte (a. O.), wie unsicher seine Kenntnis über die L. war. Die späteren Angaben sind dann fast alle aus solchen dunklen Reminiszenzen herausgesponnen. Nur eine Notiz erheischt noch eine genauere Betrachtung. Philippos von Suangela (Theangela) (vielleicht 1. Jhdt. v. Chr.: Susemihl II 396) vergleicht in seinem Buche über die Karer die L. als Sklaven der Karer mit den Heloten und den thessalischen Penesten (bei Athen. VI 271 b. FHG IV 475), und dasselbe erklärt Eustathios (zu Hom. 1090, 59); dazu vergleiche man Plut. quaest. Gr. 46, wo die L. als durchaus minderen Rechtes erscheinen. Danach könnte man in den L. eine von den Karern verschiedene Urbevölkerung erblicken. So hat denn auch Aly (Philol. LXVIII 428ff.) in den Karern ein von Osten eingewandertes Volk sehen wollen, das die L. unterworfen hat. Zu einem sicheren Ergebnis kann man nur mit Hilfe der Sprachwissenschaft kommen. Diese hat wohl längst festgestellt, daß in Hellas zahlreiche Ortsnamen ungriechisch und teils in Kleinasien ebenfalls zu belegen sind, teils dort an ähnliche Bildungen anklingen (das Material bei Fick). Dies beweist, daß vor der griechischen Einwanderung und Kolonisation die Umlande des Ägäischen Meeres von Völkern gleicher Abstammung bewohnt wurden, zu denen dann auch die L. gehört haben. Ob sie aber ein besonderes Volk gebildet haben oder es sich nur um einen Sammelnamen handelt, unter den man an verschiedenen Stellen die Spuren vorgriechischer Bevölkerung zusammenfaßte (vgl. die Ableitung des Namens von λέγω bei Strab. VII 322 und Pape-Benseler II 782), entzieht sich unserer Kenntnis. Auch Alys Annahme läßt sich infolgedessen sprachwissenschaftlich nicht beweisen. Im übrigen ist auch für ihn (S. 432) der Name ein Sammelname, der jedoch nie die Karer mit umfaßt haben soll. Sein Aufsatz ist jedenfalls die in kritischer Hinsicht beste Erörterung des ganzen Problems: die Nachprüfung erleichtert er durch die Wiedergabe des Wortlauts der wichtigsten Stellen. — Sonst sind [1893] vor allem zu vergleichen: P. Kretschmer Einl. i. d. Gesch. d. griech. Sprache 376ff.; Einl. i. d. Altertumsw. I2 525f. Ed. Meyer Gesch. d. Alt. I 23, 765ff. Busolt Gr. Gesch. I2 182ff.; Griech. Staatsk. I 109ff.