RE:Lykos 52

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIII,2 (1927), Sp. 2408–2417
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52) Λύκος ὁ Μακεδών, Arzt im 2. Jhdt. n. Chr.

a) Leben. Die Angabe Lupus pelobi im Ärzteverzeichnis des Laur. 73, 1 fol. 143r (Herm. XXXV 369) versteht Wellmann 383 so, als ob L. ein Sohn des Pelops, des Lehrers Galens, gewesen sei. Allein diese Annahme erregt, mag sie auch zeitlich nicht unmöglich sein, schwere Bedenken, denn es wäre seltsam, wenn Galen, der sich oft über Pelops äußert, aus dem Munde seines Lehrers gar nichts von der Existenz dieses Sohnes erfahren, und wenn L., dessen Werke Galen genau kennt, seinen Vater nie als den bekannten Arzt in Smyrna bezeichnet haben sollte. Man müßte denn annehmen, Vater und Sohn seien miteinander verfeindet gewesen und hätten einander totgeschwiegen. Wenn nun aber auch die Beziehung auf den Lehrer Galens fragwürdig [2409] erscheint, so wird doch anderseits die Angabe, daß L. der Sohn eines Pelops sei, anscheinend durch die Mitteilungen über Anatomen bestätigt, die sich in der Gynecia Vindiciani finden (bei Theod. Prisc. 427–429 Rose: lupio et pilupio; lupione uel opphi; lupo. peone; lupo. phylopio). Es ist allerdings auch nicht ausgeschlossen, daß die beiden zeitgenössischen Anatomen, deren Bücher im Besitze vieler Leute waren (Galen in seinen Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις XIV bei M. Simon Sieben Bücher Anatomie des Galen 1906, II 168), hier nebeneinander (Lupo, Pelope) genannt sind, so daß dann im Laur. Pelops zu lesen wäre. Diese Kombinationen und Vermutungen stehen jedoch alle auf durchaus unsicherem Boden. Nach Galens Angabe war der Makedone L. ein Schüler des Quintus, welch letzterer ,zur Zeit des Hadrian in der Stadt Rom mit Auszeichnung hervorragte‘ (Simon II 167), später aber aus Rom vertrieben wurde (Gal. XIV 602) und etwa 145 starb (Gal. II 224); er genoß aber diesen Unterricht nicht einmal ein ganzes Jahr (XVII A 575). Als Lebenden hat der Pergamener den Makedonen, den er zu den πρεσβύτεροι rechnet (II 449f. 470), nie gekannt. Denn der Name des L. war, solange sein Träger lebte, bei den Griechen unbekannt; andernfalls wäre Galen vor keiner noch so weiten Reise zu Lande und zur See zurückgeschreckt, um auch diesen Schüler des Quintus kennenzulernen (II 470. Simon II 168). Erst nach dem Tode des L. tauchten seine Schriften in Rom auf und fanden bei vielen Ärzten Beifall (a. O. und Gal. II 458).

b) Schriften. Was wir über die Werke des L. wissen, verdanken wir (höchstens mit einer Ausnahme, s. u. δ) Galen. Da sie wiederholt, zum Teil entscheidend, auf die literarische Tätigkeit des Pergameners eingewirkt haben, so behandeln wir sie im Zusammenhang mit Galens Schriftstellerei.

α) Anatomische Schriften. Noch im vierten Buche der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις erklärt Galen, nur anatomische Schriften des L. zu kennen (II 470: περὶ μὲν οὖν τῶν ἄλλων, οἷς οὐκ ἐνέτυχον, οὐδὲν ἔχω φάναι, τὰς δ’ ἀνατομάς, ἃς γοῦν ἄχρι νῦν ἀνέγνων, ἁμαρτήματα ἐχούσας ηὗρον πολλά). Es war vor allem die Muskelanatomie des L., mit der er sich hatte befassen müssen. Diese war ἒν μέγιστον βιβλίον (XVIII B 926) von etwa 5000 Zeilen, also von dem dreifachen Umfange der galenischen Schrift gleichen Namens (II 227). Die Länge erklärte sich aus der Weitschweifigkeit der Darstellung und aus dem Anstellen theoretischer Betrachtungen, ja auch ausgedehnter pathologischer Erörterungen, die in einer derartigen Schrift ganz und gar nicht angebracht waren (XVIII B 927); vieles war falsch, eine ganze Anzahl Muskeln fehlte (II 227). Nun hatte Galen zwar von vornherein keineswegs die Absicht gehabt, von der Anatomie der Muskeln in einer besonderen Schrift zu handeln, sondern sie im Rahmen der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις geben wollen. Aber seine Schüler hatten ihn gedrängt, von diesem Standpunkt abzugehen, damit sie bei ihrem Aufenthalte außerhalb Roms für ihre anatomischen Übungen einen Leitfaden der ihnen von Galen vorgeführten Sektionen [2410] und eine Berichtigung des Werkes des L. hätten, das doch für das deutlichste und beste auf diesem Gebiete gelte (II 227. XVIII B 928). Galen hatte sich ihrem Begehren gefügt und die uns erhaltene Μυῶν ἀνατομή (XVIII B 926—1026) geschrieben, in der die Fehler des L. eingehend berücksichtigt sind. Diese Polemik klingt in den ersten vier Büchern der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις nach. Der Ton ist scharf; Galen wirft dem L. Unkenntnis, Irrtum, auch Nachlässigkeit (II 451) vor. Auf Grund der oben angezogenen Erklärung (II 470) müssen wir annehmen, daß sich auch die Theorie des L., der Urin sei als Rückstand der bei der Ernährung der Nieren nicht verbrauchten Stoffe aufzufassen, in einer anatomischen Schrift gefunden hat; sie mag in einer jener überflüssigen Betrachtungen in der Muskelanatomie vorgebracht worden sein. In Περὶ φυσικῶν δυνάμεων (II 70) übergießt Galen ihren Vertreter mit beißendem Hohn und bezieht sich in Περὶ χρείας μορίων (III 366) auf diese Stelle; beide Schriften sind vor der zweiten Ausarbeitung der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις, aber erst nach 169 abgeschlossen. Ilberg (Rh. Mus. LI 183. 194. 196) hält es für wahrscheinlich, daß auch die in Περὶ μελαίνης χολῆς (V 130) zitierte, jetzt verlorene Schrift ρὸς τὴν καινὴν δόξαν περὶ τῆς τῶν οὔρων διακρίσεως gegen L. gerichtet gewesen sei. Wir stimmen ihm bei, legen aber weniger Wert auf die wörtlichen Übereinstimmungen des Titels mit II 70 (Ilberg 183. 1: δόξαν . . . διὰ τὸ καινόν) als auf die sachliche (II 70: περίττωμα τῆς τῶν νεφρῶν θρέψεως εἶναι τὸ οὖρον, V 129: ὑπὸ τῶν νεφρῶν ἀλλοιούμενον τὸ αἷμα τὴν τῶν οὔρων γένεσιν ἐργάζεσθαι)- denn die ἀλλοίωσις ist ein Unterteil der θρέψις. Wenn jedoch Ilberg die Schrift bereits der Zeit des ersten römischen Aufenthalts (162—166) zuweisen möchte, so will zu diesem Ansatz das νῦν (II 70. 458. 470) nicht recht passen; wir haben hier wohl, wie schon oben angedeutet, ein πάρεργον der Μυῶν ἀνατομή vor uns. Während Galen im vierten Buche der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις (II 470) sein ungünstiges Urteil über die ἀνατομαί des L. durch den Zusatz ἃς γοῦν ἄχρι νῦν ἀνέγνων einschränkt (die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß er nur die Muskelanatomie, die ihm seine Schüler gebracht haben, gelesen hat), erklärt er später in Περὶ τῶν ἰδίων βιβλίων (XIX 25), 1 aus sämtlichen anatomischen Schriften des L. einen Auszug in zwei Büchern gefertigt zu haben. Er muß demnach in der Zwischenzeit mindestens ein neues Werk — er kann ja bei dem Plural an dessen einzelne Bücher denken — genauer studiert haben. Leider ist die Inhaltsangabe seiner Epitome in der Überlieferung verloren gegangen (XIX 30). Aber der geringe Umfang des Auszugs läßt nicht auf gar zu zahl- und umfangreiche Schriften des L. schließen. Außer der schon erwähnten Muskelanatomie können wir eine Präparierlehre aus dem 14. Buche der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις (Simon II 168) feststellen. Hier spricht Galen von einem Buche des Makedonen L. über die Anatomie, welches zur Zeit in vieler Leute Händen ist; gleich darauf redet er von Schriften, ‚welche ich in dieser unserer Zeit im Besitze vieler Leute gesehen habe‘, er meint wohl die einzelnen Bücher dieser Ἀνατομικαὶ [2411] ἐγχειρήσεις. Es steht für Galen fest, daß diese Schriften des L. aus denen des Marinos stammen, ,nur daß sie voller Irrtümer sind und der Vollständigkeit noch mehr ermangeln als die Bücher des Marinos. Denn der hatte nicht geringe Erfahrungen im Präparieren gesammelt und war selbst derjenige gewesen, welcher an alles, was er in seinen Schriften erklärte, Hand angelegt und es mit eigenen Augen betrachtet hatte‘. Galen kommt hier also zu demselben ungünstigen Urteil über L. wie bei der Muskelanatomie, und wenn er (XIX 25) den Ausdruck χρήσιμος seinem eigenen Auszuge aus L. gebraucht, so will er damit wohl nicht, wie Ilberg Rh. Mus. XLVII 503 annehmen möchte, die Werke des L. wegen der Vollständigkeit, mit der dieser die Resultate der älteren Anatomen zusammengetragen hatte, anerkennen, sondern eben nur seinen Auszug als förderlich bezeichnen, der vielleicht mit kritischen Bemerkungen ausgestattet war. Sollte sich unter den Schriften des L. ein deskriptiv-anatomisches Werk nach Marinos’ Vorgang befunden haben, so ist es wahrscheinlich, daß Galen, der das zwanzigbändige Hauptwerk des Marinos selbst in 4 Büchern exzerpiert hatte (XIX 25—30), bei der sklavischen Abhängigkeit des L. von seiner Vorlage auf eine eingehende Inhaltsangabe verzichtete. Wie aber kam Galen dazu, aus den anatomischen Sehriften des L., den er so wenig schätzte, einen Auszug zu machen? Für ihn war doch Marinos die Autorität der neuesten Zeit; ihm folgte er, soweit es angängig war. Freilich bemängelt er wiederholt die Unklarheit und Lückenhaftigkeit der Ἀντομικαὶ ἐγχειρήσεις des Marinos, außer der oben ausgeschriebenen Stelle aus dem 14. Buche vgl. noch Gal. II 283. 470. Sonst aber erkennt er das redliche Streben des Marinos an (z. B. II 621), der auch die älteren Anatomen berücksichtigte (z. B. II 716). Er hatte gar keinen Anlaß, sich mit der sekundären Schrift des L. genauer zu befassen. Um ihn zu einer eindringenderen Beschäftigung mit L. zu bewegen, war auch hier (wie bei der Muskelanatomie) ein Anstoß von außen nötig. Dieser erfolgte bei den öffentlichen Demonstrationen, die Galen im Friedenstempel vor den angesehensten Ärzten Roms ausführte, um die Richtigkeit seiner anatomischen Beobachtungen in Περὶ χρείας μορίων und in den Ἀντομικαὶ ἐγχειρήσεις zu beweisen. Als er bei dieser Gelegenheit auf die Ansichten der älteren Anatomen eingehen wollte, forderten ihn die als Schiedsrichter ihres Amtes waltenden medizinischen Größen auf, dies zu unterlassen und lediglich die Darlegungen in den Werken des L. seinen eigenen gegenüberzustellen, da L. der Makedone, der Schüler des Quintus, des bedeutendsten Anatomen, das bis auf seine Zeit errungene anatomische Wissen vollständig aufgezeichnet habe. Galen ging auf diesen Vorschlag ein. Viele Tage lang widerlegte er die Irrtümer des L. und faßte dann auf Bitten seiner Freunde den Bericht über seine Demonstrationen und Ausführungen in der Gegenschrift Περὶ τῶν ἀγνοηθέντων τῷ Λύκῳ κατὰ τὰς ἀνατομάς zusammen. Erst jetzt, während dieser Demonstrationen, wird der Auszug entstanden sein. Wie die Polemik der Μυῶν ἀνατομή in den ersten vier Büchern der Ἀντομικαὶ ἐγχειρήσεις nachklingt, so taucht der Name des L., nachdem er lange nicht mehr gelesen worden ist, offenbar infolge der Polemik in Περὶ τῶν ἀγνοηθέντων im 12. Buche wieder auf, Simon II 102: ,Alle Anatomen, mit Ausnahme des L., stimmen völlig darin überein, daß die weiblichen Tiere Testikeln (d. h. Ovarien) haben‘, und im 14. Buche (168) erwähnt er die Demonstrationen mit den Worten: ,wie ich das von ihm (dem Marinos) zu wiederholten Malen in der Stadt Rom in ausgezeichnetem Kreise, im Beisein aller Ärzte von Ansehen, festgestellt habe‘. Daß er den Marinos und nicht den L. nennt, erklärt sich daraus, daß L. durchaus von Marinos abhängt, wie kurz vorher gesagt wird; hier lesen wir auch, er würde den L. gar nicht erwähnt haben, ,wenn jenes (das vielgelesene Buch) nicht wäre‘.

β) Hippokrateskommentare. Die Hippokrateskommentare Galens waren ursprünglich nur für die ἑταῖροι, den engeren Schülerkreis, bestimmt und im allgemeinen nicht polemisch gehalten. Nur gelegentlich wurde auf die abweichenden Ansichten anderer Kommentatoren eingegangen, wenn Galen eine verkehrte Auslegung im Gedächtnis (XIX 34 am Ende) hatte; befand sich doch anfangs seine Bibliothek noch in Pergamon. In dieser Weise entstand die erste Reihe seiner Erläuterungsschriften, also die erste Auflage der Aphorismenkommentare und die Kommentare zu Περὶ ἀγμῶν, Περὶ ἄρθρων, (Περὶ ἑλκῶν, Περὶ τῶν ἐν κεφαλῇ τρωμάτων, beide sind verloren), Προγνωστικόν , Ἐπιδημιῶν α’, Περὶ διαίτης ὀξέων. Da trat ein Ereignis ein, das Galen bestimmte, in Zukunft für ein größeres Publikum zu schreiben, also zur κοινὴ ἔκδοσις überzugehen: er hörte, wie einer die schlechte Auslegung eines Aphorismus lobte (XIX 35). Offenbar fühlte er das Bedürfnis, da seine bis dahin geschriebenen Kommentare in weitere Kreise gedrungen waren (XVII A 577), diesen Fernerstehenden gegenüber seinen Standpunkt zu begründen und abweichende Meinungen zurückzuweisen. Wir können den Vorgang jedoch noch schärfer erfassen. Als Galen die erste Ausarbeitung seiner Aphorismenkommentare niederschrieb, kannte er die Kommentare des L. noch nicht: man gab sie ihm erst später (XVII B 414). In welcher Weise dies geschah, erfahren wir aus XVIII A 198: einer seiner Schüler bat den Meister, trotz seines geringschätzigen Urteils — Galen schwört bei allen Göttern, er sei nach den ersten Sätzen nicht imstande gewesen, den Hippokrateskommentar des L. zu Ende zu lesen — doch wenigstens die Erklärung des L. zu Aphor. I 14 (IV 466 L.) anzuhören. Es ist nicht zu kühn, wenn wir jene Mitteilung, daß jemand die ἐξήγησις ἀφορισμοῦ μοχθηρά lobte (XIX 35), zu diesen Worten (τῶν ἑταίρων δέ τινος ἀξιώσαντος ἐπακοῦσαί με τῶν εἰς τόνδε τὸν ἀφορισμὸν ὑπ’ αὐτοῦ γεγραμμένων) in Beziehung setzen. Jetzt erst wird es klar, warum Galen sich zur κοινὴ ἔκδοσις veranlaßt sah: er erkannte in L., dessen Kommentare ihm bis dahin fremd geblieben waren, einen gefährlichen Nebenbuhler; denn wenn dessen Schriften in Galens eigener Schule Unheil stifteten, so mußten sie erst recht bei den anderen Ärzten sein Ansehen untergraben. [2413] Diesen Liebling des größeren Publikums (II 470: νυνὶ δ’ ἀποθανόντος αὐτοῦ βιβλίων τινὰ περιφέρεται σπουδαζόμενα. περὶ μὲν οὖν τῶν ἄλλων, οἱς οὐκ ἐνέτυχον, οὐδὲν ἔχω φάναι: das sind eben die Hippokrateskommentare) galt es unschädlich zu machen. So bedeutet das Bekanntwerden mit den Aphorismenkommentaren des L. den Wendepunkt in Galens Art, den Hippokrates zu kommentieren. Von jetzt an zieht er die Kommentare des Sabinos-Rufos eifrig zu Rate, aber auch die des L. weiß er sich zu verschaffen. Da die Aphorismenkommentare längst geschrieben waren, so wandte sich Galen in der uns erhaltenen Sonderschrift wider seinen Gegner: Πρὸς Λύκον, ὅτι μηδὲν ἡμάρτηται κατὰ τὸν ἀφορισμόν, οὗ ἡ ἀρχή ‚τὰ αὐξανόμενα πλεῖστον ἔχει τὸ ἔμφυτον θερμόν‘ (XVIII A. 196—245; vgl. XVII B 179. 203. 414. XIX 37). Er ist über die abfällige Art, in der L. über Hippokrates urteilt, empört (vgl. das häufige ἐγκαλεῖν und ἐπηρεάζειν der Gegenschrift und XIX 57: Λύκος δ’ ἐνίοτε καὶ προσεγκαλεῖ τῷ Ἱπποκράτει καί φησι ψεύδεσθαι τὸν ἄνδρα) und schlägt auch hier einen überaus scharfen Ton an. Aus der Interpretation dieses einen Aphorismus erkennt er, daß er es mit einem philosophisch ungeschulten Gegner zu tun hat; er wirft ihm ἀπαιδευσία vor (XVIII A 209. 218. 220. 245), nicht einmal die Elemente der hippokratischen Lehre beherrsche er (197), kein Lehrer habe ihn in die Lehrsätze des Hippokrates eingeführt (245). Quintus wird nicht erwähnt; es sieht fast so aus, als ob Galen bei der Abfassung dieser Abhandlung an der Identität des Kommentators mit dem ihm als Schüler des Quintus bekannten Anatomen irre geworden sei. — Dagegen ist sich der Pergamener in der zweiten Reihe seiner Kommentare über die Person des L. vollkommen klar. Bei der Erklärung des dritten Epidemienbuches nennt er den L., dessen Kommentar zu dieser Schrift er vor kurzem erhalten hat, den Makedonen. Zugleich lesen wir, daß L. sich bei seinen Deutungen auf Quintus beruft (XVII A 502. 506. 515), aber nicht einmal ein ganzes Jahr den Unterricht des Quintus genossen hat, und daß Satyros und Aiphikianos, die lange Zeit Schüler des Quintus gewesen sind, die verkehrten Interpretationen des L. nicht kennen (575; vgl. XIX 57). Wie in jener Gegenschrift Πρὸς Λύκον wird dem Makedonen vorgeworfen, er wisse die Lehrsätze der hippokratischen Schule nicht (504f.); er ist ein νόθος τῆς Ἱπποκράτους αἰρέσεως (507); Quintus und L. zeigen sich in ihren Auslegungen als reine Empiriker (515. 726). — Auch einen Kommentar zum sechsten Epidemienbuch scheint Galen zu berücksichtigen (XVII A 966), wenn diese Stelle nicht etwa in einem anatomischen Werke des L. herangezogen war. In dem Kommentar zu Περὶ φύσιος ἀνθρώπου wird L. lediglich als Anatom genannt (XV 136) Ob man dem L einen Kommentar zu Περὶ χυμῶν auf Grund von XVI 197f., wo dem Makedonen ἀσέλγεια bei der Erklärung des Wortes ἔρριψις vorgeworfen wird, zusprechen darf, ist zweifelhaft; man wird gegen die Echtheit dieser Stelle mißtrauisch, wenn man sieht, daß die beiden andern Zitate (82. 484) in dieser Schrift nicht ursprünglich sind, s. u. Im achten Buche von Περὶ τῶν Ἱπποκράτους καὶ Πλάτωνος δογμάτων verweist [2414] Galen (V 704) auf die Schrift Πρὸς Λύκον, wir haben hier einen späteren Zusatz vor uns, da das achte Buch bereits vor 176 entstanden ist, während der Wendepunkt in Galens Art, den Hippokrates zu kommentieren, sicher nach 179 angesetzt werden muß. Den richtigen Sachverhalt erkannte schon Siegfr. Vogt De Galeni in libellum Κατ’ ἰητρεῖον commentariis, Marburg 1910, 8. An dieser Stelle bezeichnet übrigens Galen, im Gegensatz zu der Schrift Περὶ Λύκον selbst, den Verfasser als Schüler des Quintus. In der spät anzusetzenden zweiten Auflage der Aphorismenkommentare (XVIII A 88 wird Περὶ πεπονθότων τόπων und XVII B 647 Περὶ τῆς τάξεως τῶν ἡμετέρων ὑπομνημάτων zitiert) wird ein Hinweis auf die Schrift Πρὸς Λύκον eingefügt (XVII B 414), und das Urteil, das Galen sich bei der Lektüre von L.s Kommentar zu Ἐπιδ. γ’ gebildet hat, klingt wider in seinem Zusatz XVII B 562: Θαυμάζω δὲ κἀνταῦθα τὴν ἀνωμαλίαν τοῦ Λύκου γράφοντοςμέν, ὥς φησιν, ἐξηγήσεις Κοΐντου τοῦ διδασκάλου, μηδενὶ δὲ τῶν κατὰ τὰς ὤρας καὶ ἡλικίας εἰρημένων προσθέντος πίστιν ἀποδεικτικήν, ἀλλ’ εἰς ἐμπειρίαν καὶ τήρησιν ἀναπέμψαντος ἅπαντα, καίτοι γ’ ἄλλους πολλοὺς ἀφορισμοὺς ἐξηγούμενος αὐτὸς ἐπισκέπτεται λογικῶς ὑπὲρ τῆς ἐν αὐτοῖς ἀληθείας, οὐκ ἀρκούμενος μόνῃ τῇ πείρᾳ. Aus dieser Stelle stammt die Bemerkung im Kommentar zu Περὶ χυμῶν (XVI 82); anderseits ist XVI 484, wo bei Kühn Z. 5 Σάτυρος für καὶ Ἥρος und οἷς für εἷς zu lesen ist, aus XVII A 575 geflossen.

γ) Zur Chronologie der galenischen Schriften. Da wir die Schriften des L. nach ihrem Inhalte behandelt haben, so tritt die zeitliche Folge ihrer Bekämpfung durch Galen nicht klar hervor. Wir fügen daher noch einige Bemerkungen hierüber an. Obwohl wir uns der problematischen Natur dieser Aufstellungen bewußt sind, wollten wir sie trotzdem nicht völlig beiseite lassen, da sie geeignet erscheinen, Licht in die Entstehung der galenischen Schriften zu bringen. Die Ansicht Ilbergs Rh. Mus. XLIV [1889] 223), daß Galen die zweite Ausarbeitung seiner Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις unter der Regierung Mark Aurels abgeschlossen habe, läßt sich nicht mehr halten. Wir wissen jetzt aus dem arabischen Texte der Schlußbemerkung des 11. Buches (Simon II 98, vgl. 294, 328), daß noch im J. 192 erst 11 von den 15 Büchern vollendet und veröffentlicht waren; der in Arbeit befindliche Rest verbrannte damals bei der großen Feuersbrunst des Friedenstempels. Da nun die Polemik Galens gegen L. erst im 12. Buche wieder einsetzt, so werden wir jene Demonstrationen und damit die Schrift Περὶ τῶν ἀγνοηθέντων τῷ Λύκῳ nicht allzuweit vor 192 anzusetzen haben. Galen hat also sein großes anatomisches Werk nur langsam erarbeitet und stückweise herausgegeben. Er war ja von vornherein entschlossen, hier auf Grund der Resultate, die er, seit der ersten Auflage in zwei Büchern, gewonnen hatte, eine besonders sorgfältige Arbeit zu liefern (Gal. II 216). Seine Schüler kannten diese Absicht, und in diesem Bewußtsein drängten sie ihren Meister zur vorherigen Abfassung der kürzer gefaßten Muskelanatomie. Aber er erfüllte ihren Wunsch nicht sofort, berücksichtigte jedoch [2415] die Muskelanatomie des L. bereits in Περὶ φυσικῶν δυνάμεων und schrieb auch in dieser Zeit, in der er besondere physiologische Interessen hatte, die kleine Abhandlung Πρὸς τὴν καινὴν δόξαν περὶ τῆς τῶν οὔρων διακρίσεως. Erst nach Vollendung seines physiologischen Hauptwerkes Περὶ χρείας μορίων (Ilberg Rh. Mus. XLVII 501) kam er dem Begehren seiner Schüler nach und kritisierte den L. in der Μυῶν ἀνατομή. Damit war die geplante Ausführung der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις weniger dringend geworden. Zwar ging Galen bald darauf an die Arbeit heran. Im ersten Buche (II 227) sagt er: γέγραπται δ’ οὐ πρὸ πολλοῦ καὶ ἡ τῶν μυῶν ἀνατομὴ κα’ ἑαὐτήν; er steht noch unter dem frischen Eindruck der Polemik gegen L., a. O.: Λύκου τι σύγγραμμα νῦν ἡμῖν ἐκομίσθη, und auch im vierten Buche begegnet uns noch dieses νῦν (II 458. 470). Dann aber stockte die Arbeit. Andere Aufgaben drängten sich vor. Von größeren Werken entstanden die Pulsbücher, Περὶ τῶν Πλάτωνος καὶ Ἱποκράτους δογμάτων ζ'–θ', Περὶ κράσεως καὶ δυνάμεως τῶν ἁπλῶν φαρμάκων α'–η', Θεραπευτικὴ μέθοδος α'–ς', Ὑγιεινά (in fünf Büchern, vgl. Hartlich De Galeni Ὑγιεινῶν libro quinto, Grimma 1913). Nach Vollendung des sechsten Buches der Θεραπευτικὴ μέθοδος wurde die erste Reihe der Hippokrateskommentare begonnen. Im Kommentar zu Περὶ ἀγμῶν verweist Galen auf das erste Buch der Ανατομικαὶ ἐγχειρήσεις (XVIII B 360 a. E.), in dem zu Περὶ διαίτης ὀξέων auf das dritte Buch (XV 529). Im Kommentar zu Περὶ ἄρθρων wird allerdings neben einer Verweisung auf die anatomischen Verhältnisse des Oberarms (XVIII A 310), die im ersten Buche behandelt sind, auch aufs Gehirn, also das 9. Buch (531), und Arterien, Venen und Nerven, also das 13. Buch (529), das ja sicher erst nach 192 entstanden ist, verwiesen. Aber hier haben wir nur eine Bestätigung der Worte Ilbergs (Rh. Mus. XLIV 230): ,Keinesfalls sind die vier Bücher zu Περὶ ἄρθρων zuerst buchstäblich genau so niedergeschrieben, wie wir sie heute lesen; es finden sich darin Bemerkungen, die später vom Schriftsteller selbst hinzugesetzt sein müssen‘. Die Kommentare zu Ἐπιδημιῶν α' und zum Προγνωστικόν gehören in das J. 178 oder 179 (Vogt 8), demnach gelangen wir mit dem zu Περὶ διαίτης ὀξέων an das Ende der Regierung Mark Aurels; die stofflich damit zusammenhängenden Bücher Περὶ τῶν ἐν ταῖς τροφαῖς δυνάμεων sind nicht vor 182 vollendet worden (Hartlich 19). In dieser Zeit also tritt der Wendepunkt in Galens Art, den Hippokrates zu kommentieren, ein; hier müssen wir die Schrift Πρὸς Λύκον ansetzen. Nachdem die Ὑγιεινά in ihrer ersten Fassung noch unter Mark Aurel zum Abschluß gebracht waren (Hartlich 19), hatte Galen Muße genug, an der Fortsetzung seiner Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις zu arbeiten. Vom fünften Buche an ist die Polemik gegen L. vollständig verblaßt; erst im 12. Buche lebt sie dann infolge der Demonstrationen wieder auf. So sind wir der Ansicht, daß Buch 5—11 der Regierungszeit des Commodus zuzuweisen sind. Nur in scheinbarem Widerspruche zu unserm Ergebnis steht die Stelle des siebenten Buches II 645: καὶ τοίνυν καὶ ἄλλος τις οὐ πρὸ πολλοῦ γεγραμμένης ἐγχείρησειν [2416] ὑπ’ ἐμοῦ κατὰ τὸ βιβλίον, οὗ ἐπίγραμμά ἐστιν ,εἰ κατὰ φύσιν ἐν ἀρτηρίαις αἷμα‘ διηγεῖτο πρὸς τοὐναντίον, ἢ κατὰ ἀλήθειαν ἔχει. Sowohl Ilberg (Rh. Mus. XLVII 500) als auch Fr. Albrecht (Galeni libellus An in arteriis natura sanguis contineatur, Marburg 1911, V) mißverstehen die Stelle so, als ob die Abhandlung Εἰ κατὰ φύσιν kurz vor dem siebenten Buche der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις geschrieben sei. Aber selbst wenn wir οὐ πρὸ πολλοῦ mit γεγραμμένην verbinden, so besagt die Stelle nur, daß die falsche Darstellung jenes ἄλλος τις kurz nach der Abfassung von Εἰ κατὰ φύσιν gegeben worden ist. Ich verbinde jedoch οὐ πρὸ πολλοῦ mit διηγεῖτο; die normale Wortstellung ἐγχείρησιν γεγραμμένην ὑπ’ ἐμοῦ wurde von Galen geändert, um den schweren Hiatus zu vermeiden; auch die lateinische Übersetzung bei Kühn faßt die Stelle wie ich auf. Auf keinen Fall aber gibt die Stelle den Sinn, den Ilberg und Albrecht ihr unterlegen. — Wenn Galen auch ,gewissermaßen à quatre mains, gleichzeitig an zwei Schreibtischen gearbeitet haben muß‘ (Ilberg 512), so sind es doch gar zu viele große und kleine Schriften, die sich in dem letzten Jahrzehnt der Regierung Mark Aurels zusammendrängen und noch vor den Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις angesetzt werden müssen; außerdem nahm doch auch seine nicht geringe Praxis und seine Lehrtätigkeit ein gut Teil des Tages in Anspruch. Wir können uns also nur freuen, wenn wir Gelegenheit haben, Buch 5—11 der Ἀνατομικαὶ ἐγχειρήσεις der Zeit des Commodus zuzuweisen.

δ) Zweifelhafte Fragmente des L. Im Parisin. gr. 2255/54 fol. 29 hat eine manus tertia an der Stelle, wo die mit α beginnenden Glossen in Galens Τῶν Ἱπποκράτους γλωσσῶν ἐξήγησις anfangen, folgende Bemerkung beigeschrieben: ** αἱ ἐπὶ τῶν | ⟨σ⟩ελίδων ἔξωθεν γε⟨γρ⟩αμμέναι παρα | ⟨σ⟩ημειώσεις εἰσὶν | ⟨ἐκ⟩ τῶν ἡρωδιανοῦ | ⟨καὶ⟩ λύκου· τὰ μὲν σχό⟨λια⟩ το[λύκου, αἱ δὲ λέξεις | ⟨ἐκ⟩ τῶν περὶ γλωσσῶν | ⟨ἡ⟩ρωδιανοῦ; vgl. Ilberg Comm. Ribb. 335ff. Nachmanson Erotianstudien 1917, 179ff. Diese Bemerkung ist ebenso wie die hierher gehörigen 10 Scholien der Handschrift einer (verlorenen) Hippokrateshandschrift entnommen. Die Scholien lassen sich zum Teil bei Erotianos belegen, der Rest, nur fraglich, in welchem Umfange, gehört dem L. Leider ist ein Unterschied zwischen σχόλια und λέξεις für uns nicht feststellbar. Weder Ilberg noch Nachmanson wagen zu entscheiden, ob wir hier Scholien des Neapolitaners oder des Makedonen vor uns haben. Wenn überhaupt an einen der beiden zu denken ist, so spricht die alberne Erklärung von ἅλες; (Ilberg 337, 2) für den Makedonen.

c) Die medizinische Richtung des L. Man darf aus Stellen wie Gal. XVII A 515 (οἱ περὶ Κόϊντον καὶ Λύκον) ψς ἐμπειρικὰς τὰς ἐξηγησεις ἐποιήσαντο, 726 οἱ μὲν ἐμπειρκικοὶ καὶ σὺν αὐτοῖς δὲ ὁ Λύκος, XVII B 562 (= XVI 82) (τοῦ Λύκου) εἰς ἐμπειρίαν καὶ τήρησιν ἀναπέμψαντος ἅπαντα nicht schließen wollen, daß L. der empirischen Schule angehört habe (so Ilberg 337). Es wird an diesen Stellen nur gesagt, daß er wie ein Empiriker den Hippokrates interpretierte. Wir dürfen uns auch nicht durch XVII [2417] A 506f. beirren lassen, wo Galen von Empirikern redet, die auch vor Quintus und L. ihre Rolle als Hippokratesinterpreten gut gespielt hätten. Es ist nur grimmer Hohn, wenn 507 dem L. ὡς νόθῳ τῆς Ἱπποκράτους αἱρέσεως Verzeihung gewährt wird, nur daß er bei seiner Unfähigkeit überhaupt nicht erst die Komödie hätte spielen sollen, und wenn ihm hier die Ἱπποκράτειοι Sabinos und Metrodoros entgegengestellt werden. Wir haben tatsächlich in L. ein verunglücktes Exemplar der alexandrinisch-dogmatischen Schule vor uns. Das beweisen seine logischen Betrachtungen in den Hippokrateskommentaren (XVII B 562 ἐπισκέπτεται λογικῶς . . . οὐκ ἀρκούμενοςμόνῃ τῇ πείρᾳ) und in der Muskelanatomie (XVIII B 927 λογικὰς ζητήσεις ἀνέμιξε τοῖς ἐξ ἀνατομῆς φαινομένοις); das beweist vor allem seine ausgiebige Beschäftigung mit der Anatomie. Galen scheint ihn in nähere Beziehung zu den Erasistrateern bringen zu wollen. Erasistratos hatte darauf verzichtet, nähere Angaben darüber zu machen, durch welche Kraft der Urin in den Nieren vom Blute getrennt werde (II 63). Seine Nachfolger suchten diesen Vorgang auf verschiedene Weise zu erklären (II 68f.), und diesen Versuchen reiht Galen die Theorie des L. (II 70) an. Wenn wir die Sonderschrift Galens Πρὸς τὴν καινὴν δόξαν mit Recht gegen L. gerichtet sein ließen, so finden wir auch hier eine Bestätigung unserer Ansicht. Denn wenn Galen (V 129) sagt, die Vertreter dieser Theorie müßten die Wassersüchtigen zur Ader lassen, anstatt ihnen Diuretika zu verordnen, so trifft er damit die Therapie des Erasistratos (Cael. Aurel chron. III 8, 146) im Gegensatz zu seiner eigenen, die er in der Φλεβοτομία πρὸς Ἐρασίστρατον vertritt (XI 166: ἐγὼ . . . . καὶ ὕδερον αἵματος κενώσει πολλάκις ἰασάμην).

[Kind.]