RE:Tutmosis, Thutmosis

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VII A,2 (1943–1948), Sp. [VII_A,2 1617]–[VII_A,2 1626]
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Tutmosis, besser Thutmosis, ägyptischer Eigenname, den auch mehrere Könige des Neuen Reiches tragen.

Thutmosis I.

(1550 v. Chr.). Angeblich gehörte er nur durch Heirat mit der Schwester des letzten Königs (Amenophis I., s. d.) zum Herrscherhause. Ob er auch sonst ein Verwandter war, läßt sich nicht feststellen.

Jedenfalls ist er auf den Bahnen des bisherigen Herrscherhauses weitergegangen. Hatten seine Vorgänger Ägypten von der Fremdherrschaft der Hyksos befreit, so mußte er, falls nicht eine neue Invasion kommen sollte, die Macht des neubegründeten Reiches nach außen erweitern. Seine ersten Feldzüge galten Nubien. Das südliche Grenzland Ägyptens war durch die Könige des Mittleren Reiches (der XII. Dynastie) unterworfen worden. Was dazu geführt hatte, ist erst in den letzten Jahren, vor allem durch Junkers Forschungen und Ausgrabungen klar geworden. Um die Wende des 2. vorchristl. Jahrts. sind die Neger von Süden im Niltal vorgestoßen und haben im Laufe der Zeit einen großen Teil des oberen Niltals besetzt. Es war keine bloße Eroberungssucht, die die Könige der XII. Dynastie (2000-1800 v. Chr.) nach Nubien trieb und unter Sesostris III. bis nach Semneh (dem zweiten Nilkatarakt) führte. Auch die Könige der Übergangszeit zwischen Mittlerem und Neuem Reich haben diese Feldzüge, wie es scheint, fortgesetzt.

Einige Inschriften aus dieser Zeit geben davon Zeugnis. Im Neuen Reich (nicht früher) haben die Ägypter auch persönliche Bekanntschaft mit Negern gemacht, als Thutmosis I. sein Reich bis in die Grenzen des späteren Napata vorschob. Wie zu erwarten, ging die Eroberung nicht mit einem Schlage vor sich, noch in späterer Zeit hören wir von Empörungen in Nubien.

Die große Tat des Königs aber war der große Feldzug nach Syrien, der im schnellsten Siegeslaufe bis an das Ufer des ,verkehrten Wassers‘ (des Euphrat) führte. Dieser unerwartet schnelle Erfolg ist nur zu verstehen bei einem raschen Zusammenbruch des Hyksosreiches und dies macht die seit einigen Jahren von Ed. Meyer vorgetragene Hypothese, das Hyksosreich sei [1618] einer Koalition zum Opfer gefallen, nicht allzu unwahrscheinlich.

Daß die Besetzung Syriens keine dauernde war, zeigt die Folgezeit. Was nach Thutmosis I. folgte, ist seit Jahrzehnten Gegenstand eines lebhaften Streites gewesen, der mit Sethes erster größerer Arbeit, ,Die Thronwirren nach Thutmosis I.‘ Lpz. 1896, einsetzte. Es handelt sich um einen Streit über die Erbfolge des Pharao. Der in den Königslisten nach ihm folgende Thutmosis II. galt früher als der Sohn Thutmosis I. und als Vater Thutmosis III., bis Sethe a. O. glaubte nachweisen zu können, daß er der Bruder Thutmosis III. und der späteren Königin Hatschepsut sei. Nach Sethes Auffassung waren als Kinder Thutmosis I. und der eigentlichen Thronerbin Ahmes einzig thronberechtigt (zwei Söhne waren frühverstorben) die beiden Töchter Hatschepsut und Bitnofru. Aus nicht ebenbürtiger Ehe stammte der spätere Thutmosis III., von einer dritten Frau dann Thutmosis II. Sethe hat, nachdem seine Ansicht u. a. von Naville, Ed. Meyer, Edgerton u. a. bestritten war, einen Teil seiner früheren Theorie zurückgenommen. (Das Hatschepsut-Problem noch einmal untersucht, Abh. Akad. Berl. 1932 ) Nach Sethes letzter Arbeit ist Thutmosis I. von seiner Tochter Hatschepsut gestürzt worden. Diese hat dann auch ihren Gemahl Thutmosis II. beseitigt. Unter der Herrschaft der Witwe seines Vaters kam dann der spätere Thutmosis III. auf den Thron, mußte ihn aber vorerst mit Hatschepsut teilen. Im J. 20 oder 21 ist Hatschepsut gestorben, von ihrem Nachfolger bis über den Tod hinaus mit leidenschaftlichem Hasse verfolgt.

Diese reichlich komplizierte Aufstellung hat, wie es scheint, keinen Anklang gefunden. Man begreift in der Tat schwer, daß ein so energischer König, wie es Thutmosis I. nach seinen Taten gewesen sein muß, sich so leicht von seiner eigenen Tochter gegen alles Herkommen verdrängen ließ. Daß die Titulatur der Hatschepsut wechselt, ist richtig; übersieht man die weitere Geschichte Ägyptens, so die Amonspriester und Gottesweiber des späten Neuen Reiches, so hält man auch für glaubwürdig, daß die thebanische Priesterschaft schon unter Hatschepsut versucht, was ihr bei Ende der XX. Dynastie gelang, die Herstellung einer Theokratie. Doch lassen sich für eine überragende Stellung der Amonspriesterschuft schon in dieser Zeit keine Belege anführen. Aus den seinerzeit von Wreszinski und neuerdings von Lefèvre veröffentlichten Listen der Amonspriester sieht man eher, daß dieser Priestertitel im Anfang des Neuen Reiches recht wenig bedeutet So halte ich es für das richtigste, zu der Blackmann< Auffassung zuruckzukehren, die auch Wynton teilt, daß der alternde Thutmosis I. gegen Ende seiner Regierung seine hochbegabte Tochter (sie ist nicht, wie man früher meinte, eine Puppe in der Hand ihrer Hintermänner gewesen) auf den Thron berief. Es war auffallend, aber nicht das erstemal, daß eine Königin auf dem Thron der Pharaonen saß. Zur Stärkung ihres Ansehens verheiratete Thutmosis I. dann seine Tochter kurz vor seinem Tode mit dem späteren Thutmosis II. Nach dem Tode ihres Mannes nahm [1619] sie ihren Neffen zum Mitregenten an, dem es nach jahrelangen Wirren gelang, sich selbständig zu machen. Er hat im Tempel seiner Vorgängerin deren Namen fast überall ausmeißeln lassen und ihn teils durch seinen eigenen, teils durch den Namen Thusmosis I. und II. ersetzt. Aus den verschiedenen Formen der Namen auf verschiedene Perioden zu schließen, ist, wie schon Ed. Meyer in seiner Geschichte des Altertums II 2², 111 Anm. hervorhob, nicht angebracht.

Von Thutmosis II.

(ca. 1520 v. Chr.) ist eigentlich nicht viel mehr als seine Existenz sicher bezeugt. Gelegentliche Anführungen in Karnak und Der el Bahhri, sein Totentempel (1926 freigelegt) und seine Mumie (aus dem Versteck in Der el Bahri, das 1886 entdeckt wurde) Smith Royal Mummies S. 28 Pl. XXIV, sind alles, was erhalten ist. Im Museum in Kairo wird eine Inschrift angeblich aus seinem 18. Jahre aufbewahrt, sonst können wir nur mit einer kurzen Regierung rechnen. Ob die vielen Erwähnungen in den thebanischen Tempeln, die die Namen der Hatschepsut verdrängt haben, wirklich von ihm (und nicht von seinem Sohne) herrühren, ist nach dem oben Gesagten nicht sicher.

Auf ihn folgte seine Gattin, die Königin Hatschepsut, wahrscheinlich seine Halbschwester, die formell ihre Herrschaft mit ihrem Neffen Thutmosis III. teilen mußte. Unter ihrer 22jährigen durchgängig friedlichen Regierung erfolgte die große Expedition nach dem Weihrauchlande Punt (doch wohl an der Somaliküste gelegen), eine Expedition, die im Terrassentempel von Der el Bahri verewigt und durch die überrealistischen Darstellungen der Neger und ihres Landes berühmt geworden ist.

Thutmosis III.,

der große Krieger unter den Pharaonen (1480-1450 v. Chr.) (J. 23 seiner nominellen Regierung).

Thutmosis III. ist gleich im Anfang seiner Regierung ausgezogen, das Reich seines Großvaters, das in der Zwischenzeit sicher zerfallen war, wiederzugewinnen. Über die Koalition, mit der er zu kämpfen hatte, läßt sich mit unseren heutigen Mitteln noch nichts Genaueres feststellen. In der griechischen Version, die der ägyptische Priester Manetho in früh-ptolemäischer Zeit wiedergab (Fragmente bei Iospehus u. a. erhalten) ist Thutmosis III. der letzte und entscheidende Besieger der Hyksos. Das ist in neuerer Zeit in der Regel mit aller Entschiedenheit bestritten worden, bis Sethe in mehreren eigenen Aufsätzen und den Arbeiten seiner Schüler (zuletzt Pahor Labib ,Die Herrschaft der Hyksos und ihr Sturz‘, Berliner Dissertation 1936) die alte Behauptung wieder aufnahm. Die Frage läßt sich noch nicht mit Sicherheit beantworten; die Entdeckungen von Ras Schamra haben gezeigt, daß man hier auf alle möglichen Überraschungen gefaßt sein kann. Zunächst: Die Stellen, die Set he anführt, sind nicht sonderlich beweiskräftig. Das Reich der Hyksos darf nun einmal nicht nach den uns erhaltenen kümmerlichen Überresten beurteilt werden, die wir unserer bisher erhaltenen Überlieferung verdanken. Aus denen läßt sich an und für sich nichts schließen, aber destomehr aus der Tatsache der Invasion überhaupt. Das alte Wort Max W. [1620] Müllers: ,Wer nicht ganz Syrien besaß, konnte so etwas (die Eroberung Ägyptens) überhaupt nicht wagen‘ (zuerst in den Studien zur vorderasiatischen Geschichte, Berl. 1898) bleibt auch heute noch bestehen. Dazu berücksichtige man die verhältnismäßig lange Dauer der Hyksosherrschaft, die jetzt auch durch ägyptische Quellen bestätigt wird, mindestens 150 Jahre (Labib Die Herrschaft der Hyksos 22); neben den Hyksos haben sich allerdings noch eine ganze Anzahl Kleinkönige in ihrer Lokalherrschaft behauptet. Man muß freilich zugeben, daß die Einheit der Hyksosherrschaft bei ihrem Sturze längst dahin war, zu Thutmosis III. Zeiten bestand sie längst nicht mehr. (Ebenso haben sich Splitter des einstigen Hethiterreiches noch Jahrhundertelang behauptet.)

Was nun den Krieg Thutmosis’ III. anlangt, so ist nicht anzuzweifeln, daß die Koalition, die sich gegen den Pharao zusammenfand, beim ersten ernstlichen Angriff zusammenbrach. Dann muß das Band, das sie einte, sehr locker gewesen sein. (Bei der Schlacht von Kadesch unter Ramses II. war es anders.)

Das stimmt ungefähr zu den letzten Feststellungen der Alttestamentler (Alt Der Gott der Väter u. a.), nach deren Ansicht die relative Einheit, die in Palästina zur Zeit des Mittleren Reiches geherrscht hat, später (in der Zeit der Hyksosherrschaft und nachher) verloren gegangen sei. Die aus der Hyksoszeit erhaltenen spärlichen Angaben deuten nur an, daß sie sich als Herrscher der Welt (nicht Herrscher der beiden Länder, d. h. Ober- und Unterägyptens) fühlen, und daß sie nicht sich als von einem ägyptischen Gott, sondern ,von seinem Ka, d. h. Schutzgeist, geliebt‘ bezeichnen, d. h. offen zugeben, daß sie keine Ägypter sind. Der Name des bekanntesten Hyksos Chajan kommt Jahrhunderte später (in Sendschirly) als nordsyrischer Lokalkönig vor. Auf Manethos Angaben ist nur soweit Gewicht zu legen, als in seinen Angaben sich Reste historischer Kenntnis erhalten haben müssen; wie weit, läßt sich nicht sagen, es ist eben in Ägypten, wie überhaupt im alten Orient, mit Ausnahme von Israel, nicht zu einer wirklichen Geschichtsschreibung gekommen, sondern nur zu Annalen und Siegesberichten (erst in letzter Zeit ist aus Assyrien ein historisches Epos bekannt geworden).

Die Erinnerung an die Fremdherrschaft hat sich allerdings lebendig erhalten (s. vor allem die Inschrift der K-Hatschepsut in Stabl Antar, Sethe Urkunden der XVIII. Dynastie 2, 390. 3, 37ff.). Die Pharaonen der XVIII. Dynastie haben, um eine Wiederkehr der Fremdherrschaft unmöglich zu machen, eine Offensive eingeleitet, wie ein Jahrtausend später die Griechen gegen die Perser. In diesem Sinne ist es berechtigt, die Kriege der XVIII. Dynastie als eine Fortsetzung des Kampfes gegen die Hyksos zu bezeichnen.

Es ist auch bei unserer heutigen Kenntnis nicht zu sagen, wie weit damals bereits von einem Reich (oder von Reichen) der Chetiter gesprochen werden kann. Möglich, daß Kades am Orontes damals schon in den Händen der Chetiter gewesen ist; wie wir heute wissen, erscheinen dieselben bereits Jahrhunderte früher.

[1621] Thutmosis’ III. erster Feldzug. über diese erste größere Schlacht der Weltgeschichte, über deren Hergang wir einiges wissen, haben wir in dem Bericht aus dem Tempel von Karnak, zuletzt herausgegeben von Sethe Urkunden der XVIII. Dynastie, genaue Angaben. Die geographische Grundlage dazu liefert die Arbeit des Amerikaners Nelson, der an Ort und Stelle genaue Studien gemacht hat. (The battle of Megiddo, Chicago 1919.)

Das ägyptische Heer ist den Weg entlang gezogen, der an der Küste von Palästina bis zum Karmel führt und hat dieses Gebirge auf einem heute noch vorhandenen Paß überschritten. Vor Überschreiten des Gebirges hielt der König einen Kriegsrat ab, der uns genau geschildert wird.

Entgegen der Meinung seiner Offiziere glaubte der König, auf dem nächsten, aber auch beschwerlichsten Weg, dem ,Aruna Weg‘ vordringen zu müssen, der südlich von Megiddo (Tell el Mutesellim) herauskommt. Das Überschreiten des Passes gelang, wenn auch mit einigen Beschwerden, der Weg gestattete nur einem einzelnen Mann zu gehen. Das ägyptische Heer entwickelte sich schließlich vor Megiddo. Der südliche Flügel stand in der Nähe von Taanck, der nördliche südlich von Megiddo. Betrachtet man die von Nelson gegebene Karte, so gelangt man zu dem Schlusse, daß die feindliche Armee von ihrem Stützpunkt Megiddo abgedrängt werden sollte. Der Plan gelang nur zum Teil, zwar wurden die feindlichen Haufen überraschend schnell geworfen, doch hielt sich nach dem ägyptischen Bericht das Heer des Königs zu sehr mit der Plünderung des Lagers auf, so daß der größte Teil der Feinde entkommen konnte. Die Führer der Feinde wurden von den Einwohnern die Mauer hinaufgezogen. So fielen zwar viele Streitwagen und Kriegsgerät den Ägyptern in die Hände, aber wenig Gefangene. Megiddo wurde, wie das im Altertum oft geschah, so schon zu Davids Zeiten, später bei Syrakus 415, bei Alesia 52 v. Chr., durch einen Wall eingeschlossen und durch Hunger zur Übergabe genötigt. Da Thutmosis später (bei Kadesch) vor einer Einnahme durch Sturm nicht zurückschreckte, wird er hier besondere Gründe zu der langwierigen Belagerung gehabt haben, vielleicht scheute er den Menschenverlust; die Zahl seiner Streiter wird man sich (im Gegensatz zu Ramses II. bei Kadesch) nicht allzugroß vorstellen. Mit Stolz hat der König eine Liste von über 100 Namen eroberter Städte an den Wänden des Tempels einmeißeln lassen. Eine Menge davon lassen sich ohne weiteres feststellen: Kadesch, Megiddo, Damaskus, Taanak, Aschtharoth, Akko, Joppe, Gerar u. a., aber die meisten haben sich noch immer nicht mit Sicherheit feststellen lassen. Großes Aufsehen erregte seinerzeit die Deutung der Namen 102 und 78 durch Ed. Meyer, der in beiden Namen Jakob-El und Joseph-El zu erkennen glaubte und daraus auf das schon von anderen vermutete Dasein der beiden Stämme Jakob und Joseph in vorbiblischer Zeit schloß (Ztschr. für alttestamentl. Wiss. VI). Es ist hier nicht möglich, auf die äußerst schwierigen Probleme einzugehen (s. das Literaturverzeichnis am Ende). Daß es einen kanaanäischen Stammesgott [1622] und Stamm Jakob (Kurzform von Jakob-El) gegeben hat, wird sich schwerlich heute leugnen lassen. (Bei Joseph ist die Sache zweifelhafter.) Ob die Zersplitterung der Staaten oder Stämme Palästinas, die uns die Thutmosisliste zeigt, eine Folge der Hyksoszeit war, wie heute angenommen wird (s. o.) oder nicht, läßt sich einstweilen nicht entscheiden. Daß in Megiddo ägyptische Beamte eingesetzt wurden, scheint sich aus den Ausgrabungen Schumachers zu ergeben (s. u.). Die Eroberung Syriens konnte natürlich noch nicht als definitiv gelten. Der erste Feldzug hatte einstweilen die Vernichtung der Hauptmacht gebracht, und der Bund der Kanaanäer war zersprengt. Damit war aber noch nicht jeder einzelne Stamm unterworfen. (Unwillkürlich denkt man an den Zusammenbruch der belgischen Koalition im 2. Jahr von Caesars Gallischem Krieg.) Nordsyrien scheint überhaupt noch nicht besiegt zu sein, denn im 29. Jahr muß Thutmosis gegen Damaskus ziehen. Es wurde Tunip in Nordsyrien erobert, und man versuchte sogar eine Unternehmung gegen Karkemisch am Euphrat. Diese und die folgende Unternehmung scheinen zu Schiffe erfolgt zu sein. Im 30. Jahre fiel endlich der Hauptherd der Rebellen, das feste Kadesch am Orontes. Von dort aus wurden die beiden Küstenstädte Tyrus und Aradus eingenommen. In den folgenden Jahren wurde das Errungene weiter befestigt und die Festung Anretu (noch nicht identifiziert) erobert.

Im J. 33 drang der König endlich bis zum Euphrat vor, wo er neben der Siegesstele Thutmosis’ I. eine neue aufstellte, dann in Nii am Euphrat eine zweite. Es folgen nun kleinere Unternehmungen. Im 41. Jahre mußte Thutmosis noch einmal gegen Kadesch ziehen, das zum zweitenmal erobert werden mußte. Damit waren die Feldzüge im wesentlichen beendet. Das Ergebnis war: das ägyptische Reich erstreckte sich vom Sudan bis nach Nordsyrien. Wie weit in Syrien ist fraglich, ob das Gebiet bis zum Euphrat dauernd behauptet werden konnte, ist ungewiß, nach den Meinungen vieler (so Ed. Meyer und Junker) mußte das nördliche Syrien wieder abgetreten werden an den Fürsten von Mitanni, dem damaligen Euphrat-Reich).

Ob das ägyptische Reich noch weitere Gebiete umfaßte, ist noch weniger sicher. Die älteren Ägyptologen, zuletzt noch Ed. Meyer, glaubten, daß Thutmosis auch die Inseln des ägäischen Meeres unterworfen habe. Das läßt sich heute nicht mehr aufrecht erhalten. An eine Unterwerfung Mesopotamiens ist nicht zu denken; und ob die Tribute von Alaschia (Cypern) mehr als gelegentliche Geschenke waren, bleibt fraglich.

Über die Verwaltung der eroberten Gebiete sind wir einstweilen auf die Inschriften von Karnak und der thebanischen Gräber angewiesen. Ob die Funde aus Palästina uns weiter helfen werden, muß die Zukunft lehren. Ebenso sind die einst überschätzten Angaben des Papyrus Anastasi I., der eine Reise eines Ägypters nach Palästina schildert, mit größter Vorsicht aufzunehmen. Wie zuletzt Nelson gezeigt hat, hat der Schreiber z. B. von der Straße, die nach Megiddo führt, keine Ahnung; es ist sehr zweifelhaft, ob er aus eigener Anschauung schildert.

[1623] Aus den Königsinschriften von Karnak erfahren wir nur, daß die Prinzen der unterworfenen Fürsten mit nach Theben zur Erziehung genommen wurden; im Todesfalle mußten ihre Verwandten für sie eintreten. Daß durch das ganze Reich militärische Kolonien angelegt wurden, ist bereits gesagt. Anzunehmen ist, daß die fortwährenden Streitigkeiten der lokalen Dynasten aufhörten und daß das Land im Vergleich zu früheren Zeiten sich einer verhältnismäßigen Ruhe erfreute. Aber an inschriftlichen Belegen dafür fehlt es zur Zeit. Man muß erwarten, daß sich bei weiteren Ausgrabungen in Palästina (bisher ist außer Megiddo das alta Gaza, Beth Peleth, Gerar u. a. ausgegraben) noch Zeugnisse finden. Bisher fanden sich in Megiddo in einem Grabe der Mittelburg (nach Watzinger ca. 16. Jhdt. v. Chr., das könnte der Frühzeit Thutmosis III. entsprechen) einige merkwürdige Siegel, die zum Teil nichtägyptische Arbeit sind, darunter ein Offizier (oder Beamter) der Zeit des M. R. (solche Siegel wurden aber auch noch in der frühen XVIII. Dynastie getragen) als Verwalter eines dem Könige gehörigen Eigentums (,Haus‘). Auch die in Sichem gefundenen Siegel dürften der gleichen Zeit angehören. Die großen ägyptischen Inschriften, die in Palästina gefunden sind (Hiobstein, Inschrift von Beth-Schean u. a) gehören erst späterer Zeit an.

Weiter hilft uns vielleicht die schon erwähnte Tatsache, daß die Kinder der palästinensischen Fürsten nach Theben mitgenommen wurden, um dort eine ägyptische Erziehung zu erhalten. Vielleicht glaubte der König es so zu erreichen, daß sie dereinst nicht rebellierten. (Darauf hat vor allem Junker in seiner Geschichte Ägyptens hingewiesen.)

Innere Politik.

Fürsorge für die Finanzen und Rechtspflege. Der höchste Beamte, der Vezier Rechmerē, hat uns in seinem Grabe eine Urkunde hinterlassen, die die Regeln enthält, nach denen sich ein Vezier zu verhalten hat. Der erste Grundsatz, nachdem er zu verfahren hat, ist absolute Unparteilichkeit ohne jedes Ansehen der Person. Aber — und das ist bezeichnend — er soll auch nicht übertreiben, er soll Leute, die seine Verwandte sind, deshalb nicht schlechter behandeln, wie das einst der Offizier Chety im Übereifer getan hat. Wer das ist, läßt sich zur Zeit nicht feststellen. (Der berühmte Chety, den der neue Papyrus Beatty erwähnt, dürfte der Vater des Königs Meri-ka-re sein, von dem aus der Anfang der Lehre für ihn nicht erhalten ist.) Von bestimmten Anordnungen für einzelne Fälle, also gesetzlichen Vorschriften, findet sich in der Dienstanweisung für Rechmerē nichts, auch nicht in einer größeren Inschrift, in der zwar davon die Rede ist, daß der Vezier die 40 Rollen (was das ist, wird aber nicht gesagt) vor sich liegen haben soll, auch sollen die Großen von Oberägypten in 2 Reihen vor ihm stehen, 2 hohe Beamte und die Schreiber des Veziers zu seiner Seite. (Abb. Erman-Ranke Ägypten, S. 158, Abb. 44.) Was wir haben, ist eher als Prozeßordnung zu bezeichnen. Ein Gesetzbuch ist aus der Zeit Thutmosis III. ebensowenig erhalten wie aus anderen Zeiten. (Das Dekret des Harem-heb will nur bestimmte Mißstände beseitigen, [1624] könnte also geradezu als Notverordnung bezeichnet werden.) So wird man immer wieder die Frage aufwerfen müssen, die Sethe seinerzeit verneint hat (in seinem Vortrag: Die Ägyptologie 26), ob es im alten Ägypten ein kodifiziertes Recht, wie in Babylonien und Israel und sonst im Orient gegeben habe. Auch hat Sethe bereits dargelegt, daß die Dienstordnung nicht für Rechmerē allein erlassen ist, es sind in anderen Gräbern fast gleichlautende Verordnungen für andere Veziere erhalten. Daß sie schon aus dem Mittleren Reich stammt, wie Sethe meint, ist damit nicht gesagt. Die offizielle Sprachform hat sich während der XVIII. Dynastie vor der Amarnazeit nicht geändert, erst mit Amenophis IV. erhalten auch die offiziellen Inschriften neuägyptischen Charakter; in der Volkssprache hatte sich die neue Sprachform allerdings schon seit dem Mittleren Reich durchgesetzt.

Die Dienstordnung Rechmerēs enthält nun über den Pharao die Worte: ,Der König verstand, was immer geschah, es gab nichts, wofür er nicht einen Weg wußte, er war Thot (der Weisheitsgott) in allem, keine Sache gab es, die er nicht zu Ende führte‘ (Sethe Urkunden d. XVIII. Dynastie 1014). Man muß in ägyptischen Inschriften freilich immer mit übertreibenden Phrasen rechnen, aber hier dürften sie einmal der Wahrheit entsprechen, da die Achtung, mit der die Amarnabriefe von Thutmosis III. sprechen (s. z. B. Amarna 51, 4. 59, 8 Anm. S. 1103 und 1125) dazu stimmt. Einzelheiten über die Verwaltung sind uns allerdings spärlich erhalten. Ein von Sethe veröffentlichter und erläuterter Bericht erzählt, daß der Schatzmeister Sennufe gewaltige Zedernstämme im Libanon fällt und voll Stolz über seine Leistung in Theben Bericht erstattet. Ein Verzeichnis von Schiffshölzern ist aus einer Werft bei Memphis erhalten. Über die Schiffahrt im Mittelmeer unter Thutmosis III. s. Köster Schiffahrt und Handel im östlichen Mittelmeer im 3. und 2. Jahrt. v. Chr., Beihefte zum Alten Orient, Lpz. 1924.

Vielerlei Bedeutung hat Thutmosis III. für die ägyptische Kultur: allerdings nicht, soweit wir urteilen können, auf literarischem Gebiet. Die Berichte über seine Kämpfe haben keinerlei persönliche Färbung, erinnern in ihrer tatsächlichen Darstellung an den Bericht des Kamose aus der XVII. Dynastie und des Amosis von El Kab. Von Erzählungen aus den syrischen Kriegen hat sich nur eine erhalten: die Eroberung von Joppe (oft behandelt: Ermann Literatur 216, Pieper Äg. Märchen 27). Es ist das sog. Habersackmotiv, das hier zum erstenmal erscheint. Eine Anzahl Krieger ist in einem Sack versteckt; diese erobern heimlich Joppe, wie die Griechen mittels des hölzernen Pferdes Troja erobern. Auch die Keule des Königs spielt eine Rolle in der Erzählung, mit ihr erschlägt der General des Königs den Fürsten von Joppe. Da die Person des Generals historisch ist (sein Dolch ist in der Darmstädter Sammlung erhalten), wird die Erzählung einen historischen Kern haben.

Wohl aber muß Thutmosis direkt oder indirekt einen Einfluß auf die Entwicklung der ägyptischen Kunst gehabt haben. Fast ein jeder, [1625] der sich um die Erforschung der XVIII. Dynastie bemüht hat, hat gesehen, daß mit Thutmosis III. eine Wandlung im ägyptischen Stil einsetzt. Bereits Hatschepsut hatte den herrlichen Tempel von Der el Bahri gebaut, und seine Reliefs und die vielen Statuen, die bei seiner Aufdeckung seit Lepsius’ Zeiten zum Vorschein gekommen sind, sind für manche Kenner vielleicht das Schönste der ägyptischen Kunst überhaupt. Aber wer die schönen Porträts der Königin betrachtet, empfindet doch immer noch Anklänge an die feine und stille Kunst des Mittleren Reiches. Jetzt hört das auf. Der Unterschied ist freilich mehr für das Auge fühlbar, als daß er sich gleich in Worten ausdrücken ließe. In dem großen Tempel in Karnak taucht ein Motiv auf, das die ägyptische Kunst wieder aufgegeben hat. Die Säulen erscheinen hier als verdickte Zeltstangen. In den Reliefs, die fremde Pflanzen (aber nicht nur fremde) darstellen, erscheinen Formen, die wir später nicht mehr finden, allerdings zeigt der Formenschatz nicht so umstürzende Änderungen wie später, da er unter den zweifellosen Einfluß der ägäischen Kunst gerät, wie es die Reliefs im großen Säulensaal von Karnak und besonders im Tempel Ramses III. in Medinet Habu zeigen. Der Ägypter fühlte sich eben schon in dieser Zeit als Herr der bekannten Welt. Auch die Musik ändert sich nach dem Urteil sachverständiger Musiker, sie wird lauter und rauschender.

Nachleben Thutmosis’ III.

Wie jeder der Großen in der Weltgeschichte ist auch Thutmosis III. nicht der Vergessenheit anheimgefallen. Es läßt sich das ja schwer urkundlich beweisen, aber es fehlt doch nicht an Spuren. In den Tell-Amarna-Tafeln ist er von den syrischen Fürsten mit höchster Achtung genannt; in den ägyptischen Urkunden fehlt sein Name allerdings, von Königslisten u. dgl. abgesehen; aber dafür ist er auf den kleinen Siegeln, den sog.. Skarabäen, die in alle Welt hinausgingen, um so häufiger. Kein einziger Königsname kann sich auf Skarabäen mit Mencheperre, dem Vornamen Thutmosis’ III., messen. Ja man darf geradezu behaupten, sein Name ist auf diesen Siegeln häufiger als alle andren Königsnamen zusammengenommen. Und zwar nicht bloß aus seiner eigenen Zeit, bis in die griechisch-römische Zeit reichen diese kleinen Denkmäler mit dem Namen des großen Königs. Man hat dafür alle möglichen Erklärungen versucht, an der einfachsten ist man meistens vorübergegangen. Der Vorname Thutmosis’ III. (Men-che-perre) findet sich noch einmal, von einem obskuren Könige der XXI. Dynastie getragen. In demotischer Zeit erscheint sein Name in dem sog. 2. Setna-Roman, allerdings nicht in allzu günstigem Lichte. Er wird dort von einem äthiopischen Zauberer heimgesucht und mehrere Nächte verprügelt, bis der ägyptische Zauberer seine äthiopischen Gegner besiegt Es ist das für jeden, der die Weltgeschichte weiter übersieht, nicht verwunderlich. In den deutschen Sagen des Mittelalters kommen Karl und Otto der Große auch gelegentlich schlecht weg.

Literatur.

Die ägyptischen Urkunden sind fast sämtlich von Sethe veröffentlicht; vom ersten Band auch deutsche Übersetzung. Die [1626] thebanischen Denkmäler in den englischen Publikationen von Der el Bahri (Naville) und einzelne Gräber: Amenemheb (Gardiner, vorher Ebers, der es entdeckt hatte u. a.). Weiter sämtliche äg. Geschichten, sowie Ed. Meyer G. d. A. ³II 1.

Thutmosis IV.

Von ihm werden nur kleinere Unternehmungen berichtet, Feldzüge in Syrien und Nubien. Berühmt geworden ist vor allem seine Freilegung der großen Sphinx von Gizeh; ich gebrauche in Übereinstimmung mit Sethe Sphinx als Femininum, da das sich nun einmal eingebürgert hat; genau genommen müßte man der Sphinx sagen, da es sich regelmäßig um das Bild des vergötterten Königs handelt, doch kommen auch vereinzelt weibliche Sphinx vor, im Auslande wird dann die weibliche Auffassung der Sphinx allmählich üblich, doch hat (wie Robert stets mit Recht betonte), die Würgerin der Ödipussage (eigentlich Phix) mit dem ägyptischen Bilde nichts zu tun.

Aufgedeckt ist das Grab des Königs; das wertvollste Stück daraus ist der Streitwagen, mit feinen Reliefs auf dem Wagenkasten, den König als Besieger seiner Feinde darstellend.