Regeln für den der in den Bergen baut

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Regeln für den der in den Bergen baut
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 329–330
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1913
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: erstdruck im jahrbuch 1913 der Schwarzwald’schen schulanstalten, Wien. Im selbstverlage, Wien 1913, s. 25 ff. Abdruck danach in „der brenner“, IV. jahr, heft 1, 1. oktober 1913, s. 40.
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung:
Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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REGELN FÜR DEN, DER IN DEN BERGEN BAUT
(1913)


Baue nicht malerisch. Überlasse solche wirkung den mauern, den bergen und der sonne. Der mensch, der sich malerisch kleidet, ist nicht malerisch, sondern ein hanswurst. Der bauer kleidet sich nicht malerisch. Aber er ist es.

Baue so gut wie du kannst. Nicht besser. Überhebe dich nicht. Und nicht schlechter. Drücke dich nicht absichtlich auf ein niedrigeres niveau herab, als auf das du durch deine geburt und erziehung gestellt wurdest. Auch wenn du in die berge gehst. Sprich mit den bauern in deiner sprache. Der wiener advokat, der im steinklopferhansdialekt mit dem bauern spricht, hat vertilgt zu werden.

Achte auf die formen, in denen der bauer baut. Denn sie sind der urväterweisheit geronnene substanz. Aber suche den grund der form auf. Haben die fortschritte der technik es möglich gemacht, die form zu verbessern, so ist immer diese verbesserung zu verwenden. Der dreschflegel wird von der dreschmaschine abgelöst.

Die ebene verlangt eine vertikale baugliederung; das gebirge eine horizontale. Menschenwerk darf nicht mit gotteswerk in wettbewerb treten. Die Habsburgwarte stört die kette des wienerwaldes, aber der Husarentempel fügt sich harmonisch ein.

Denke nicht an das dach, sondern an regen und schnee. So denkt der bauer und baut daher in den bergen [330] das flachste dach, das nach seinem technischen wissen möglich ist. In den bergen darf der schnee nicht abrutschen, wann er will, sondern wann der bauer will. Der bauer muß daher ohne lebensgefahr das dach besteigen können, um den schnee wegzuschaffen. Auch wir haben das flachste dach zu schaffen, das unseren technischen erfahrungen nach möglich ist.

Sei wahr! Die natur hält es nur mit der wahrheit. Mit eisernen gitterbrücken verträgt sie sich gut, aber gotische bogen mit brückentürmen und schießscharten weist sie von sich.

Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim alten. Denn die wahrheit, und sei sie hunderte von jahren alt, hat mit uns mehr inneren zusammenhang als die lüge, die neben uns schreitet.

Anmerkungen des Herausgebers

[460] Der aufsatz steht in zusammenhang mit dem großen projekt der Schwarzwaldschule auf dem Semmering, Kulka, abb. 73/75.