Reisen und Reisende in der Schweiz

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Textdaten
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Autor: Ernst Kossak
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Titel: Reisen und Reisende in der Schweiz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 12–16
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Reisen und Reisende in der Schweiz.
Von E. Kossak.
Der gemeine Meilen- oder Stundenfresser – Das Mitglied des Alpenclubs – Der falsche Clubbist – Die Inseparables – Der Sonntagsfußgänger – Der deutsche Professor – Der reitende Tourist – Der „Gorilla“ der touristischen Menschheit – Der deutsche Reisende.

Die Luft ist rein und von milder Wärme, in einer Höhe von 7000 Fuß beginnen die Blumen und Gräser aus der dünnen Erdkrume zu sprießen, weiterhin, wo sich Felsen von 9000 Fuß Höhe und darüber trotzig aus einem wildverworrenen Schrattenselde erheben, schmelzen an der Abdachung nach dem Gletscher hin die letzten Schneeflecken und bilden allerlei kleine Rinnsale, die in wilder Eile, aber lautlos zu Thale stürzen. Dort, wo die Arvenwaldung beginnt und eine grüne Schlucht sich öffnet, steht eine Sennhütte, aber weder der Senn, noch sein Vieh sind sichtbar, und nur der blaue kerzengerade aufsteigende Rauch verkündet, daß der Bewohner

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Die Gartenlaube (1862) b 013.jpg

Die Cavallerie der Alpen.
Originalzeichnung von H. Jenny.


schon in seinem Sommerhause weilt. Es herrscht Todtenstille, und mit schauerlichen Gesichtern sehen die weißen Riesen der Umgebung auf den einsamen Grat nieder; die einzige Gesellschaft lebender Wesen besteht in drei Bergdohlen, die zwischen Felsgeröll nach Futter suchen, und dabei nach einander zum Scherz mit den Schnäbeln hacken. Der Stand der Sonne zeigt die Mittagstunde an, aber von dem gastlichen Geist dieser dem Gaum und Magen so holden Tageszeit ist keine Spur vorhanden; hier hat die Civilisation noch nicht das Reich der Natur verkümmert. Aber was ist das? Dort in der mit Alpenrosen halb bedeckten Felsfurche kriecht ein lebendes vier- oder zweifüßiges Wesen bergan, es trägt einen mit dem Gemsbart geschmückten grauen Spitzhut, eine einst blaue, verblichene Blouse und grüne Gamaschen, es hilft sich mit einem Alpenstock mühselig weiter, jetzt hat es die Felsplatte erreicht, wischt den Schweiß von der Stirn, ein anderes Wesen mit Gepäck auf dem Rücken folgt ihm, rollt einen Plaid auf und wickelt ihn rasch um die Schultern des männlichen Säugethiers mit den grünen Gamaschen.

Der erste Reisende der Saison mit seinem Führer ist auf der Höhe eingetroffen, ein Exemplar jener merkwürdigen Gattung von Geschöpfen, welche der treffliche Friedrich von Tschudi in seinem beliebten Werke „das Thierleben der Alpenwelt“ entweder vergessen oder aus Zartgefühl absichtlich ausgelassen hat. Sobald die Schneefelder dem warmen Strahl der Sonne weichen und die Höhen gangbar werden, erscheint zuerst die in ganz Europa verbreitete, aber in der weiten Fläche zerstreut lebende Species des Schweizerreisenden, der sogenannte „gemeine Meilen- oder Stundenfresser“, auf den Alpen. Den Winter und das Frühjahr hindurch lebt er in den Städten von Actenarbeit, Rechtshändeln, Vorlesungen, Bücherschreiben und Gymnasialunterricht, wird seines bissigen Wesens wegen gefürchtet, ist von magerer Leibesbeschaffenheit, [14] hat tiefliegende Augen mit einem gelblichen Hofe und liebt das Kurella’sche Brustpulver oder auch gebackene Pflaumen, die er selbst nüchtern in den Morgenstunden, jedoch ohne die Steine, verzehrt. Gleich jenen Geschöpfen, die den Moschus, Bisam und Bezoars liefern, zeichnet er sich durch eine „Hämorrhoiden“ genannte Eigenthümlichkeit aus, die ihn, nachdem er schon Monate lang dadurch lebhaft beunruhigt worden, endlich in den längsten Tagen des Jahres aus den Mauern der Städte auf die Berge treibt.

Hier findet man ihn im Juli, August und September auf allen für Fußgänger besonders schwierigen Straßen und Punkten, meistens in Begleitung eines Führers oder Knaben, niemals aber zu Pferde. Den Namen „Stundenfresser“ hat er wegen seiner Manie erhalten, die längsten Tagereisen ohne sonderliche Rast zurückzulegen und das Vergnügen seiner Reise nach den möglichst in einem Athem durchrannten Strecken abzuschätzen. An seinen Füßen trägt er außer den Gamaschen dicke, mit ungeheueren Nägeln beschlagene Schuhe, welche, von Seinesgleichen im gebirgigen Norden Deutschlands angewandt, den Harz oder Thüringen als Berglandschaft vollständig ruiniren würden. Seine Tracht verziert er gern mit Haaren und Federn von Alpenthieren; er liebt vor Allem die Hörnchen der Gemsen und die Spielhahnfeder. Wegen Milz- und Leberbeschwerden strebt er nach einer von seinen städtischen Gewohnheiten ganz abweichenden Lebensweise und schließt sich gern den Sennen an, bei denen er sich Tage lang von Milchkost nährt. In den Hotels entwickelt er einen ungeheueren Appetit, auch wohl mäklerische Unarten, die er von Hause mitgebracht, aber unterwegs durch philosophische Reflexion unterdrückt hat. Er glaubt noch an den Original-Gemsbraten und ißt während der Schonzeit den ältesten Ziegenbock des Dorfes als ein im Hochgebirge geschossenes Zicklein. Er führt regelmäßig in der Reisetasche ein Notizbuch, in welchem er Abends die Ereignisse jedes Tages aufzeichnet, um im Winter daraus kleine Artikel für das Localblatt seiner Heimath oder Vorlesungen für Damen anzufertigen. Wie gesagt, trifft man ihn überall, vom Genfer- bis zum Bodensee, von Basel bis Pontresina in der Nahe des Bernina, im Chamouni, wie im Lauterbrunnenthal, nur nicht in Pensionen und Ortschaften, die sich für einen längeren und ruhigen Aufenthalt eignen.

Eine seltenere und feine Spielart dieses Reisenden ist das in England und vorzüglich in London lebende „Mitglied des Alpenclubs“. Man begegnet ihm in Savoyen, im Engadin, am häufigsten aber in Zermatt, am Ende des Vispachthales. Er unterscheidet sich von dem gemeinen Fußreisenden, wie der Gold- und Silberfasan von seinem böhmischen Vetter, dessen Braten wir ohne wissenschaftliche Gemüthsbewegung verzehren. Das Mitglied des Alpenclubs gelangt zu dieser Würde erst nach Ersteigung gewisser Höhen über der Meeresfläche und nach Zurücklegung ausgezeichnet schwieriger Wege. Kenntnisse in der Physik, Mathematik, Geologie und Chemie dürfen ihm nicht fremd sein, da es zur Anstellung von Beobachtungen für den Club verpflichtet ist und zu den gelehrten, an Tabellen arbeitenden, für Akademieen schreibenden und sammelnden Touristen gehört. Der Alpenclubbist ist stets ein gesunder, stattlicher Bursche von mehr Manieren, als seine ungelehrlen Landsleute, da er die Hülfe der Eingeborenen dringend braucht und die Erfahrungen der Reisenden anderer Nationen gern für seine Zwecke ausbeutet. Die Tracht dieser Herren ist anscheinend nach einer Theorie des Clubs geordnet und mit englischer Praxis allen Schwierigkeiten der Bergreisen angepaßt. Leichtere, aber doch unverwüstliche Bergschuhe, Kniehosen, lederne oder wollene Strümpfe, ein elegantes rothes oder blaues Hemde ans Vigognewolle, ein Hut, unter dem ein zartes, leinenes Tuch den Hals vor dem Sonnenbrande schützt, handliche Bestecke und Becher, Schreib- und Zeichenmaterialien, Alles auf den engsten Raum zusammengepackt, vollenden die Ausrüstung. Das Mitglied des Alpenclubs hat längst sein Testament gemacht und fügt vor der Abreise auf den Continent ein Codicill hinzu, einen Beitrag für milde Anstalten betreffend. Da sein Beruf ihn wesentlich auf Gletscherfahrten, Durchwaten von Schneefeldern, Ueberkletterung von Felsspalten auf Leitern, Ersteigung der äußersten Bergspitzen mittelst in das Eis gehauener Stufen anweist, regt sich in ihm eine löbliche Neigung zu religiösen Uebungen. An den wichtigsten Anfangspunkten der Bergfahrten des Clubs halten sich daher, z. B. zu Zermatt, junge Geistliche auf, welche den sonntägigen Gottesdienst feiern, beim Diner den Vorsitz führen, durch ihre fromme Gegenwart jeden sittigen Engländer, auch wohl solchen deutschen Heiden, wie den Verfasser dieser Naturbeschreibung, veranlassen, nach der Landessitte Messer und Gabel stets über Kreuz zu legen, und den Clubbisten den nöthigen geistlichen Beistand leisten, sobald sie Rippen, Arme und Beine zerbrochen oder anderweitige lebensgefährliche Unfälle erlitten haben.

Die heroische Species der Alpenclubbisten sucht mit sichtlicher Leidenschaft jungfräuliche Gipfel zu ersteigen, oder auf ältere Berge von einer neuen Seite zu klimmen, errichtet auf allen Spitzen weit sichtbare Malzeichen und versteckt in Spalten gern Thermometer mit jener den Physikern bekannten Vorrichtung, den tiefsten Kältegrad des Winters für die Beobachtung des nächsten Clubbisten zu fixiren. Die Schweizerführer haben eine geheime Scheu vor dieser stattlichen Race, weil die Angehörigen derselben ihr Leben ebenso leichtsinnig in die Schanze schlagen, wie ihr Geld, und es für eine Auszeichnung halten, ihren Namen auf dem Leichensteine irgend eines entlegenen Alpenkirchhofes zu lesen.

Ganz das Gegentheil des Alpenclubbisten ist die häufig vorkommende Bastardart des falschen Clubbisten, dessen Beobachtung die Zoologie erst den neuesten Naturforschern verdankt. Der falsche Gletscherfahrer wird von der Oberflächlichkeit zwar vermöge seiner gutnachgemachten Außenseite leicht mit dem Original verwechselt. Dem Scharfblick macht sich indessen die kokette Ausstaffirung seiner Effecten verdächtig, aber auch der Neuling erkennt ihn sehr bald am „Pferde“ oder „Maulthier“ als nachgemacht. Der echte Alpenclubbist reitet nie und wird deshalb von allen seinen weniger rüstigen Landsleuten mit größter Hochachtung behandelt. Die bezeichnete Bastardspielart renommirt ferner bei Tisch mit ihren Exkursionen, trägt Compasse und Thermometer, chirurgische Bestecke und Arzneibüchsen tendenziös zur Schau, verhält sich aber der Unbill des Wetters gegenüber überaus weichlich. In Randa, am Fuße des berüchtigten Gletschers, der im Jahre 1819 herabstürzte, wurde ich eine Stunde lang durch einen jungen, prachtvollen Clubbisten arg getäuscht. Es stürmte draußen rasend, und der Jüngling erzählte während dessen mit Wonne von seiner Besteigung des Monterosa; als aber das Schweizermädel im Kamin ein Feuer aus Lärchenholz anzündete und der prachtvolle Clubbist sich zuerst vor mehreren Damen herandrängte, um seinen hintern Menschen zu wärmen, war er in meinen Augen sofort entlarvt und nie Mitglied des tapfern Clubs gewesen.

Zu den interessantesten Spielarten der Schweizer Fußreisenden gehört die Species der Inseparables. Sie leitet ihren Namen von der Eigenthümlichkeit des Männchens her, das Weibchen stets mitzunehmen, mit ihm aus einer Schnapsflasche zu trinken, schlimmsten Falles auf demselben Heu zwischen Führern und Pferdeknechten zu schlafen, mit großer Ausdauer die schwierigsten Kämme zu überschreiten und jeder Witterung Trotz zu bieten. Das Weibchen ist nur ganz in der Nähe vom Männchen durch seinen bis hoch über die Kniee aufgeschürzten Rock zu unterscheiden; hinsichtlich der Größe der Hände und Füße, der Derbheit des Knochensystems, der braunen Gesichtsfarbe und der groben Stimme sind beide Geschlechter einander bis zum Verwechseln ähnlich. Am leichtesten erkennt man den Hahn an dem Ranzen, den er über die Schultern gehängt trägt. Die Inseparables durchziehen alljährlich die Schweiz und sind in den meisten Hotels bekannt und angesehen. Sie gehören zu ihren Stammgästen, und ein unerfahrener Fußreisender erspart viel Geld, macht gute Erfahrungen und reist mit Sicherheit, wenn er stets hundert Schritte hinter einem solchen behäbigen Paare drein geht und in Kost, Logis und Reiseeintheilung unbedingt seinem Beispiele folgt. Kann er das Vertrauen der Inseparables erwerben, so ist es für ihn noch vortheilhafter. Auch dem Fußreisenden, der sein Junges, gewöhnlich einen deutschen Gymnasiasten oder englischen Kostschüler, mit sich führt, darf der Unerfahrene unbedingt vertrauen, insofern er nicht von verwöhnterer Complexion ist, denn fußreisende Väter und Onkel in Begleitung ihrer Kleinen sparen in pädagogischer Tendenz gern Geld, nehmen keinen Anstoß, in Ställen, hart über den Ferkeln und unter den Ziegen zu schlafen, leben nicht selten Tage lang von einer Morgenportion Kaffee, nebst Käse und hartem Brod in den späteren Nachmittagsstunden, und gehören zu den hartmäuligsten Trabern der Felspfade.

Den Sonntagsfußgänger fängt der Naturforscher leicht in Wäggis am Rigi, in Thun, Zürich und Interlaken. Er klagt in den meisten Fällen über eine Blase am Fuß, entzündete Augen und hartnäckige Verstopfung. An ihm zehrt eine krankhafte Schwermuth, die auf einen mit eingebrannten Berg- und Paßnamen versehenen [15] Alpenstock gerichtet ist, ohne daß er ihn sich jedoch anders, als durch Kauf von einem die Schweiz verlassenden und des schwer transportabeln Geräthes überdrüssigen Touristen verschaffen kann. Mit einem großen Aufwand von Redensarten bringt er sich endlich auf den Rigi oder die Wengernalp, ersteht dort mit beträchtlichen Kosten einige Holzschnitzwaaren zum Andenken für die Seinigen und beschließt seine Reise durch die Erwerbung einer bunten Reliefkarte der Alpen in Zürich. Im Winter erkennt man ihn in der flachen Heimath leicht an seinen selbstzufriedenen Erzählungen von gemachten Bekanntschaften berühmter Bergsteiger und Führer. Im Haslithale lebt ihm ein vertrauter Freund, der zweimal in eine Gletscherspalte gefallen und glücklich herausgeholt worden!

Zuweilen wird der Sonntagsfußgänger von einer fieberhaften Verlegenheit überfallen, die, namentlich in der Schweiz selber, unerfahrene Personen in große Verlegenheiten stürzen kann; man thut daher wohl, den Angaben keines Sonntagsfußgängers unbedingt zu trauen, oder gar seinen persönlichen Anschluß zu dulden. In letzter Instanz ist er immer auch Sonntagsesser, Trinker und Schläfer. Er verursacht regelmäßig mehr Unbequemlichkeiten, als Vergnügen durch seine Gesellschaft. Aber er kann vermöge seiner zeitweiligen Begeisterung und Ekstase zu den angenehmen Genossen bei Tisch gehören. Der kantigste Champagner von Neuschateller Fabrik wird in den Hotels für den enthusiastischen Sonntagsfußgänger aufgespart, und die zur Cither jodelnde Schweizerin verdankt seiner Emphase stets ihre reichlichste Gabe. Kann er irgendwo, wenn auch nur für Stunden, „Nationaltracht“ anlegen, so thut er es nicht mehr als gern, selbst wenn er sich dadurch von Seiten eifersüchtiger Eingeborenen des Landes Unannehmlichkeiten zuzieht. Mißlingen ihm durch schlechtes Wetter Bergpartien, so ergiebt er sich gewöhnlich dem Molkentrunk oder dem Fischfang, obgleich selbst die Forellen ihn zu kennen und zu verachten scheinen. Die meisten schlechten Verse und Verwünschungen des Gebirges in den Fremdenbüchern der Hotels, aber auch die wärmsten Empfehlungen in den Albums der Führer rühren von dieser weitverbreiteten Gattung der Reisenden her. Jüngere Exemplare werden nicht selten von Leidenschaften für Mädchen in der kleidsamen Tracht des Berner Oberlandes verzehrt und zeichnen ihre Portraits mit Bleistift.

In dunklen Schluchten, an steilen Felswänden, wo mannigfaltige Gesteine klar zu Tage liegen, auf Matten, die sich durch seltene Alpenpflanzen auszeichnen, an eigenthümlicheren, entweder rasch vorrückenden oder zurückweichenden Gletschern, trifft man die freundliche Spielart des deutschen Professors. Seiner geringen, oft hart mitgenommenen Tracht nach gleicht er einem ärmeren Landmann; da er als gefühlvoller Mensch seinen Bart nur dem Messer eines städtischen Figaro’s anvertraut, starrt aus den Wangen des Professors ein wildes, meistens schon angegrautes Grummet, die Bergschuhe sind vielfach geflickt, die leinenen Kleidungsstücke nicht übermäßig reinlich, Alles deutet auf Strapatzen und rastlosen Fleiß in der Erforschung schwer zugänglicher natürlicher Gegenstände. Der sparsame, Monate lang die Alpen durchwandernde Professor bedient sich keines Führers, sondern nur eines Knaben, der für eine Kleinigkeit seine Reisetasche von Dorf zu Dorf trägt. Regnet oder schneit der Professor ein, so beginnt er gleich am Kaffeetisch, mitten unter den schwatzenden Touristen, an seinem Tagebuch zu arbeiten, oder mikroskopische Untersuchungen von Pflanzentheilen oder aufgespießten Insecten anzustellen. Immer führt er etwas häßliches Mehrfüßiges in Spiritus bei sich, das er unumwunden zwischen das Kaffeegeschirr und die Milchtöpfe stellt, ohne an den Ekel und das Grauen der Laien zu denken. Der Wechsel von Einsamkeit und Umgang mit den verschiedenartigsten Menschen haben ihn zum Humoristen gemacht; Heil dem gebildeten Reisenden, den er in seiner Nähe duldet, oder dem er gar gestattet, sich ihm für längere Zeit anzuschließen! Er kennt die Schweiz aus- und inwendig. Es giebt kaum einen Ort in den Alpen, an dem er nicht schon einmal gewesen wäre. Wißbegierige Menschen können in jeder Hinsicht von ihm lernen, vorausgesetzt daß sie seine Marschrouten aushalten, denn unter gewissen Umständen ist der deutsche Professor nichts weiter, als ein „gemeiner Stundenfresser“ der gefährlichsten Art. In mancher Hinsicht ähnelt ihm der reisende Künstler (Landschaftsmaler), doch sucht dieser statt düsterer, verkommener Punkte, wo das zerbröckelte Material des Erdballs deutlicher zum Vorschein kommt, gewöhnlich nur die liebenswürdigen Seiten der Natur auf. Er wird nicht selten in Gegenden angetroffen, wo sich sonst nur die Gemsen und Murmelthiere wohl zu fühlen pflegen. Diese beiden Species von Reisenden sind in den Hotels wenig angesehen, da sie nicht viel verzehren und fast niemals mit dem Reisetrain von Führern, Kutschern und Trägern in Verbindung stehen. Der Künstler ist schon vermöge seiner Beschäftigung gewöhnlich ungesellig und nur Abends in Sennhütten genießbarer. Er jodelt und versteht das Alphorn zu blasen.

Erstrecken sich diese mannigfaltigen Species des Fußreisenden bis in die Region der Hochalpen, ja der Firnmeere und des ewigen Schnees hinauf, so beschränkt sich der reitende Tourist fast ganz auf Gegenden in der Höhe der Mittelalpen. Er liebt gute und reichliche Fütterung, namentlich warme Fleischspeisen und frisches Brod, ist zu verwöhnt, um auf Heu zu schlafen, will seinen Durst mit Wein löschen und vermeidet daher grundsätzlich die höheren Regionen, wo dem Menschen nur Milch, Käse und hartes Brod geboten werden können. Niemals trennt er sich von gewissen Bequemlichkeitn des bürgerlichen Lebens, er führt einen reichlichen Wäschevorrath mit sich, Seifen feiner Art, Pomaden und Parfüms, er verfügt stets über einen ausreichenden Cigarrenvorrath, eine kleine Reiseliteratur zur Ausfüllung von Regentagen, und disponirt der Sicherheit wegen über Anweisungen auf Banquiers in Genf und Basel. Befindet sich das Weib seiner Wahl mir ihm auf Reisen, so wird nicht selten ein drittes Roß oder Maulthier zum Tragen der Effecten gemiethet, das nicht selten unter einer Last von drei bis vier Koffern seufzt.

Im Rhonethale brachte ich einen halben Tag in Gesellschaft eines solchen (alten) Ehepaares zu. Der Gatte, ein Lord von schwerstem Kaliber, kleidete sich täglich dreimal um. Frühmorgens repräsentirte seine Toilette in den Stunden, wo gewöhnlich bergan geritten wurde, den „Frühling“: mitteldichter Rock, leichterer Plaid, halb Regen- halb Sonnenschirm[WS 1], schottische Mütze, braune Gamaschen, Cognac! Von elf Uhr an ging er in den „Sommer“ über: weiße Tracht, feiner Leinen, Sonnenschirm, hellgraue Gamaschen, Glacé- oder seidene Handschuhe, blaue Brille oder grüner Flor, moussirende Limonade aus Sion, Mittagschlaf auf dem Sopha des Gastzimmers! Um drei Uhr begann der Winter: langer Oberrock, dunkler Hut, bis an den Hals zugeknöpfte Weste, Stiefeln mit dicken Sohlen, dunkelgrüner Regenschirm, schwarze Cravatte, Bordeaux! Mylady folgte zwar nicht ihrem Gemahl in der Nachbildung der Jahreszeiten, allein sie war von Bewunderung seiner Person durchdrungen und betrachtete den merkwürdigen Gespons nach dem Uebergange aus einer Saison in die andere oft Viertelstunden lang durch ihr Augenglas. Nach Tisch hielt sie ihren Mittagsschlaf, gelehnt an die Schulter des „Winters“; das schien zur Tagesordnung des Paares zu gehören.

Der größere Theil der in Gruppen reitenden Touristen stammt überwiegend ans England und Amerika, doch rekrutirt er sich in den letzten Jahren auch stärker aus Frankreich und Deutschland. Er giebt den Ton in den Hotels an und entscheidet über die Rentabilität der Saison. Als ich einen Oberkellner mit weißer Cravatte nach dem Reisebesuch des letzten Jahres fragte, sagte er, wie Talleyrand das Kinn in die Cravatte ziehend: „Monsieur, die Saison ist verpfuscht!“ Das Hotel wurde seit acht Tagen nur von niederträchtig Wohlfeilen Fußreisenden, pro Kopf und Tag zu acht bis zehn Franken gerechnet, besucht. Dabei muß das gastliche Helvetien zu Grunde gehen. England sitzt obenan beim Mittagstisch, in manchen Hotels hat es sogar eine eigene Specialtafelrunde, und der gemeine Tourist wird an den „Katzentisch“ verwiesen. Für die Cavallerie der Alpen werden die besten Cotelettes, die frischen Eier, die ruhigsten Zimmer, die trockensten Betten verwahrt. Die Insulaner werden zuerst, oft sogar allein aufmerksam bedient. Ihnen werden in kritischen Fällen stets die besten Pferde, die sichersten Kornaks zu Theil. Die Zahl der schweizer Gasthäuser ist seit einigen Jahren jedoch so angewachsen, daß diese Unbequemlichkeit für anspruchslosere, namentlich deutsche Reisende zu verschwinden beginnt, allein es giebt noch immer empfindliche Naturfreunde, die lieber in Tyrol Mangel und Entbehrungen ertragen, ehe sie sich in der comfortabeln Schweiz absichtlich hintenan setzen lassen. Nur die eingetretene große Concurrenz der Wirthe kann diesen couventionellen Uebelstand beseitigen, doch giebt es auch noch glückliche Districte, in denen der englische Reisende sich noch nicht übermäßig vermehrt hat, so die östliche Schweiz, vorzüglich das Oberinnthal.

Bis zur Bösartigkeit verwildern kann der reiche englische [16] Tourist, wenn er sich an einem schönen Punkte für längere Zeit ansiedelt und in Pension thut. In Vevay am Genfersee, in Interlaken, in Luzern und in Zürich artet er zuweilen förmlich in einen „Gorilla“ der touristischen Menschheit aus. Er geht, wie wir, zwar noch auf den Hinterfüßen, allein jeder minder von sich eingenommene Sterbliche wird wohlthun, seine Nähe zu meiden. Der aristokratische Gorilla hält sichtlich alle anderen Nationen, ja seine bescheideneren und gebildeten Landsleute, für „unrein“. Auf dem Dampfboote setzt er sich mit dem Rücken gegen das Proletariat gerichtet, selbst wenn er dadurch den Anblick der herrlichsten Gegend einbüßen sollte. In den Salons und Gärten der Pensionen legt er Beschlag auf die reizendsten Lauben und die elegantesten Fensternischen. Wenn man ihm und seinen Angehörigen nicht zu nahe kommt, verhält er sich ruhig, allein er flößt dem furchtsamen Deutschen meistens Furcht ein, auch wenn er von ihm keine Notiz nimmt. Er starrt von Vornehmheit, wie das Stachelschwein von seiner natürlichen Wehr. Auch das Hotel, in welchem er sich nur vorübergehend aufhält, sucht der Engländer in ein „Castell“ umzuschaffen und wenigstens mit „Armstrong-Blicken“ daraus zu feuern. Im Hotel Byron zu Villenenve gerieth ich Abends halb neun Uhr in den Speisesalon. Ich hatte seit acht Stunden nichts genossen und setzte mich hungrig an den in der Mitte des großartigen Saales stehenden Tisch, die mir versprochenen Reste der Mittagstafel erwartend. Ringsum in den weiten, mit seidenen Gardinen verhüllten Fensternischen nahm bei hohen, strahlenden Astrallampen Altengland den Thee ein. Herren und Damen waren in großer Toilette, man trug sich almacksfähig, es wurde Morningpost gelesen, der alte Lord Mac Steaks lag träumerisch hinten übergebeugt im Lehnstuhl, sein jüngerer Gefährte, Lord Fitz Roastbeef, stocherte mit einem goldenem Kneif seine langen Zähne, Mylady knotete lebensmüde an einer Filetarbeit. Der unglückliche Kellner (Wehe ihm!) hatte mein Couvert in ihre Nachbarschaft gelegt; sie betrachteten mich wie einen mit dem Aussatz Behafteten. Mylady und ihre Tochter richteten ihre gläsernen Fischaugen magisch gehässig auf mich, und die Lachsforelle blieb mir im Halse stecken! Ich kann noch heute nicht begreifen, daß ich davongekommen bin, ohne versteinert worden zu sein.

Jungengland hat sich seit der Macdonaldgeschichte außerordentlich gebessert. Schon kommt es vor, daß ein jüngerer Gentleman dem älteren Deutschen Salz und Pfeffer reicht, mit ihm ein Gespräch anknüpft und ihm unterwegs Hülfe leistet, oder ihm auch wohl einen frischen Trunk aus seinem Becher anbietet, aber das „jüngste England“ unter zwanzig Jahren läßt immer noch viel zu wünschen übrig. Diese Jungen, wenn sie sich mit Fischfang beschäftigen und stundenlang wie verdorrte Stämme mit der Angelruthe in der Hand dastehen, oder in ihren eleganten Kielböten flegelnd das Seeufer unsicher machen, gehören zu den großen Schattenseiten des Aufenthaltes in Pensionen. Durch die deutschen Reisenden wird die meiste Mannigfaltigkeit an diesen beliebten Ruhepunkten gebildet. Sie leben gern von anderen Nationen getrennt und finden sich sehr bald in gemüthlichen Gruppen zusammen, deren jede einem „Weisel“ zu folgen pflegt. Bald männlichen, bald weiblichen Geschlechts ordnet er stets die Vergnügungen an, handelt um Wagen und Pferde und thut sich durch eine bemerkenswerthe Suada, gemeinhin in mehreren Sprachen, hervor. Der „Weisel“ versteht sich auf Gesang und sorgt für Quartetts oder doch für Volkslieder. An die Spitze von Excursionen, die mit Laternen um Mitternacht aufbrechen und ein Maulthier mit Proviant und Mänteln mitnehmen, stellt er sich gar zu gern. Nicht selten besucht er jährlich dieselbe Pension, schaffst ihr ein bestimmtes Publicum, einen guten Ruf und genießt deswegen im Hause fast göttliche Verehrung. Wenn er abreist, brennt der Wirth ein Feuerwerk im Garten ab, falls die Häuser im Orte nicht aus Holz gebaut sind, der dumme Junge der Pension, der die Schuhe und Kleider reinigt, löst sich in Thränen auf, und die Wirthin bäckt am letzten Abende einen riesigen Obstkuchen. Wir gerathen hier indessen zu tief in die Geheimnisse des schweizerischen „Stilllebens“ hinein, die wir vielleicht gelegentlich in einem anderen Genrebilde behandeln; überlassen wir den Reisenden ruhig seinem jetzigen Winterschlafe.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sonnenschirn