Riedligers Tochter (Badisches Sagen-Buch)

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Siehe auch: Riedligers Tochter (Werkausgabe 1834)
Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Riedligers Tochter
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 199–203
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Kurzbeschreibung:
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Riedligers Tochter.

Spinnet, Töchterli, spinnet, und Jergli, leng mer der Haspel!
D’Zit vergoht, der Obed chunnt und ’s streckt si in’s Früeijjohr.
Bald gohts wieder use mit Hauen und Rechen in Garte.
Werdet nur flißig und brav, wie’s Riedligers Tochter!

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In de Berge stoht e Huus, es wachse jez Wesme

uffem verfallene Dach, und ’s regnet aben in d’Stube.
Frili ’s isch scho alt, und sin jez anderi Zite,
Weder wo der Simme-Fritz und ’s Eveli g’huust hen.
Sie hen ’s Huus erbaut, die schönsti unter de Firste,

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Und ihr Name stoht no näumen am rueßige Tremel.

Het me gfrogt, wer sin im Wald die glücklichsten Ehlüt,
Het me gseit: „der Simme-Fritz und ’s Riedligers Tochter!“
Und ’s isch dem Eveli grothe mit gar verborgene Dinge.

Spinnet, Chinder, spinnet, und Jergli, hol mer au Trieme! –

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Mengmol, wo der Fritz no bi den Eltere glebt het,

Het en d’Muetter gno, und gfrogt mit biwegliche Worte:
„Hesch di no nit anderst bsunne? G’falle der ’s Meiers
Matte no nit besser zue siner einzige Tochter?“
Und der Fritz het druf mit ernstliche Worten erwiedert:

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„Nei, sie gfalle mer nit, und anderst b’sinni mi nümme.

’s Riedligers suferi Tochter zue ihre Tugede gfallt mer.“ –
„D’Tugede laß den Engle! Mer sin jez no nit im Himmel!“ –
„Lönt de Chüeihe ’s Heu ab’s Meiers grasige Matte!“ –
„D’Muetter isch e Hex!“ – „Und soll au d’Muetter e Hex sy,

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25
Muetter hi und Muetter her, und ’s Töchterli willi!“ –

„’s Meidli soll’s gwiß au scho tribe, d’Nochbere sage’s.“ –
„Sel isch en alte B’richt, und dorum chani’s nit wende.
Winkts mer, se mueß i cho, und heißt es mi näumis, so thuenis.
Luegt’s mer no gar in d’Augen, und chummi em nöcher an Buese,

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Wird’s mer, i weiß nit wie, und möchti sterbe vor Liebi.

’s isch ke liebliger Gschöpf, aß so ne Herli, wo jung isch.“ –

Näumis het d’Muetter gwüßt. Me seit, das Meideli seig gwiß
In sim zwölfte Johr e mol elleinig im Wald gsi,
Und hab Erberi g’suecht. Uf eimol hört es e Ruusche,

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Und wo’s um si luegt, se stoht in goldige Hoore,

Nummen en Ehle lang, e zierlig Frauweli vor em,
Inneme schwarze Gwand und g’stickt mit goldene Blueme
Und mit Edelgstei. „Gott grüeß di, Meideli!“ seit’s em,
„Spring nit furt, und förch mit nit! I thue der kei Leidli.“

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’s Eveli seit: „Gott dank der, und wenn du’s Erdmännli’s[1] Frau bisch,

Willi di nit förche!“ – „Jo freili,“ seit es, „das bini. –
Meideli, los und sag: channsch alli Sprüchli im Spruchbuech?“ –
„Jo, i cha sie alli, und schöni Gibetli und Psalme.“ –
„Meideli, los und sag: gohsch denn au flißig in d’Chilche?“ –

45
„Alli Sunntig se thueni. I stand im vorderste Stüehli.“ –

„Meideli, los und sag: folgsch au, was ’s Muetterli ha will?“ –
„He, wills Gott der Her, und froget ’s Muetterli selber!
’s chennt ich wohl, i weiß es scho, und het mer scho viel gseit.“ –
„Meideli, was hesch g’seit? Bisch öbbe ’s Riedligers Tochter?

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Wenn de mi Gotte bisch, se chumm au zue mer in d’Stuebe!“

Hinter der Brumberi-Hurst gohts uf verschwiegene Pfade
Tief dur d’Felsen i. Hätt ’s Frauweli nit e Laternli
In der Linke treit, und ’s Eveli sorgli am Arm g’füehrt,
’s hätt der Weg nit gfunde. Jez goht e silberni Thür uf.

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„O Her Jesis, wo bini? Frau Gotte, bini im Himmel?“ –

Nei doch, du närrisch Chind. In mi’m verborgene Stübli
Bisch, bi diner Gotte. Sitz nieder und biß mer Gottwilche!
Gell, das sin chospere Stei an mine glitzrige Wände?
Gell, i ha glatti Tisch? Se sin vom suferste Marfel.

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Und do die silberne Blatten, und do die goldene Teller!

Chumm, iß Hunigschnitten und schöni gwundeni Strübli!
Magsch us dem Chägeli Milch? Magsch Wi im christalene Becher?“ –
„Nei, Frau Gotte, lieber Milch im Chächeli möchti.“

Wones gesse het und trunke, seit em si Gotte:

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„Chind, wenn d’flißig lehrsch, und folgsch was’s Müetterli ha will,

Und chunnsch us der Schuel und gohsch zuem heilige Nachtmohl,
Willi der näumis schicke. Zeig, wie, was wär der am liebste?
Wärs das Trögli voll Plunder? Wärs do das Rädli zum Spinne?“ –
„Bald isch’s Plunder verrisse, Frau Gotte, schenket mer’s Rädli!“ –

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„’s Rädle will gspunne ha. Nimm lieber’s Trögli voll Plunder!

Siehsch die sideni Chappe mit goldene Düpflene gsprenglet?
Siehsch das Halstuech nit mit siebefarbige Streife,
Und e neue Rock, und do die gwässerti Hoorschnuer?“ –
„Jo, ’s isch mer numme z’schön. Frau Gotte, schenket mer’s Rädli!“ –

75
„Willsch’s, se sollschs au ha, und chunnts, se halt mer’s in Ehre!

Wenn de ’s in Ehre hesch, solls au an Plunder nit fehle,
Und an Segen und Glück. I weiß em verborgeni Chräfte.
Sieder nimm das Rösli und trag mers sorglich im Buese!
Aß denn au öbbis hesch von diner heimliche Gotte!

80
Los, und verlier mers nit! Es bringt der Freuden und Gsundheit.

Wärsch mer nit so lieb, i chönnt der jo Silber und Gold ge.“
Und jez het sie’s gchüßt, und wieder usen in Wald gfüehrt:
„Bhüet di Gott, und halti wohl, und grüeß mer di Muetter!“ –
So viel isch an der Sach, und deshalb het me ne nogseit,

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D’Muetter seig e Hex, und nit viel besser ihr Meidli.


Nu das Meideli isch mit si’m verborgene Blüemli
Hübscher vo Tag zue Tag und alliwil liebliger worde.
Und wo’s us der Schuel mit andere Chindere cho isch,
Und am Ostertag zuem Nachtmohl gangen und heim chunnt,

90
Nei, se bhüetis Gott, was stoht im heitere Stübli?

’s Rädli vo Birbaumholz, und an der Chunkle ne Riste

[202]

Mitteme zierlige Band us rosiger Siden umwunde,
Unte ne Letschli dra, und ’s Gschirli zuem Netze vo Silber,
Und im Chrebs e Spüehli, und scho ne wengeli g’spunne.

95
D’Gotte het der Anfang gmacht mit eigene Hände.

Wie het mi Eveli gluegt! Was isch das Eveli gsprunge!
Gsangbuech weg und Maie weg und ’s Rädli in d’Arm gno,
Und het’s g’chüßt und druckt. „O liebi Frau Gotte, vergelts Gott!“
’s het nit z’Mtttag gesse. Sie hen doch e Hammen im Chöl gha.

100
’s isch nit ufen in’s Gruen mit andere Chindere gwandlet,

Gspunne hets mit Hand und Füeße; het em nit d’Muetter
’s Rädli in Chaste gstellt, und gseit: „Gedenke des Sabaths!
Isch nit Christus der Her hüt vo de Todten erstande?“ –
Nu, di Rädli hesch. Doch Eveli, Eveli, weisch au,

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Wie mes in Ehre haltet, und was d’Frau Gotte wird gmeint ha

Frili weisch’s, worum denn nit, und het sie ’m verheiße:
„Wenn de ’s in Ehre hesch, solls au an Plunder nit fehle
Und am andere Sege;“ se het sies g’halte wie’s recht isch.
Het nit in churzer Zit der Weber e Trogete Garn gholt?

110
Hets nit alli Johr vom finste gliichliche Fade

Tuech und Tuech uf d’Bleiche treit und Strängli zuem Färber?
He, me het jo gseit, und wenns au dussen im Feld seig,
’s Rädli spinn elleinig furt, und wie si der Fade
Unten in d’Spuehle zieh’, wach’s unterm rosige Vendel

115
D’Riste wieder no, – sell müeßt mer e chummligi Sach sy; –

Und wer het im ganze Dorf die suferste Chleider
Sunntig und Werchtig treit, die reinlichsten Ermel am Hemd gha,
Und die suferste Strumpf und alliwil freudigi Sinne?
’s Frauweli im Felseg’halt si liebligi Gotte.

120
Drum het’s Simme’s Fritz, wo’s achtzeh’ Summer erlebt het,

Zue der Muetter gseit mit ernstlige Mine und Worte:
„Numme ’s Riedligers Tochter zue ihre Tugede gfallt mer!“
Muetterherz isch hald verschreckt, zwor sotti’s und sage.
Wo sie wieder e mol vo’s Meiers Tochter und Matte

125
Ernstlig mittem redet, und wills mit Dräue probiere:

„’s git e chräftig Mittel,“ seit sie, „wenn de verhext bisch.
Hemmer für’s Riedligers g’huust? Di Vater setzt di ufs Pflichttheil,

[203]

Und de hesch mi Sege nit, und schuldig bisch du dra.“ –
„Muetter,“ erwiedert der Simme, „soll Euer Sege verscherzt sy,

130
Stand i vom Eveli ab, und gehri vom Vater ke Pflichttheil.

Z’Stette[2] sitzt e Werber, und wo men uffeme Berg stoht,
Lütet d’Türkeglocke an allen Enden und Orte.
Bluet um Bluet, und Chopf um Chopf, und Leben um Lebe.
Färbt mi Bluet e Türkesäbel, schuldig sin Ihr dra!“

135
Wo das d’Muetter hört, se sitzt sie nieder vor Schrecke:

„Du vermessene Chind, se nimm sie, wenn de sie ha witt!
Aber chumm mer nit go chlage, wenn’s der nit guet goht.“ –
’s isch nit nöthig gsi. Sie hen wie d’Engel im Himmel
Mit enander g’lebt, und am verborgene Sege

140
Vo der Gotte hets nit gfehlt im hüsliche Wese.

He, sie hen jo z’lezt vo’s Meiers grasige Matte
Selber die schönsti g’meiht, ’s isch Alles endli an Stab cho,
Und hen Freud erlebt an frumme Chinden und Enkle. –
Thüent jez d’Räder weg, und Jergli, der Haspel ufs Chästli!

145
’s isch afange dunkel und Zit an anderi G’schäfte.


Und so hen se ’s gmacht, und wo sie d’Räder uf d’Site
Stellen, und wen go, und schüttle d’Agle vom Fürtuech,
Seit no’s Vreneli: „So ne Gotte möchti wohl au ha,
Wo eim so ne Rad chönnt helfen und so ne Rösli.“

150
Aber d’Muetter erwiedert: „‚’s chunnt uf kei Gotten, o Vreni,

’s chunnt uf ’s Rädli nit a. Der Fliß bringt heimlige Sege,
Wenn de schaffe magsch. Und hesch nit ’s Blüemli im Buese,
Wenn de züchtig lebsch und rein an Sinnen und Werke?
Gang jez und hol Wasser und glitsch mer nit usen am Brunne!‘“

J. Peter Hebel.

  1. Aus der Haselhöhle.
  2. Pfarrdorf Stetten, eine halbe Stunde von Lörrach.