Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Rauenstein

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Textdaten
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Autor: O. M.
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Titel: Rauenstein
Untertitel:
aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 46–48
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Schloss Rauenstein (16. Aug. 2016, 1).jpg
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV 079.jpg
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Rauenstein.


Rauenstein, in Urkunden Rowenstein, Rawenstein und noch vor zweihundert Jahren Ravenstein geschrieben, hat den Namen nicht von seiner rauhen Lage sondern von dem adligen Geschlecht der Rabe oder Rabod, welches vor vielen Jahrhunderten auf der hiesigen Felsenburg hauste und dieselbe auch erbaut haben mag. In der frühesten Zeit war Rauenstein eine bedeutende Herrschaft und gehörte zu dem Gebiet, welches Friedrich der Kleine ein Sohn Heinrichs des Erlauchten und seiner dritten Gemahlin Elisabeth von Maltitz, an den König von Böhmen abzutreten gedachte. Die Herrschaft Rauenstein grenzte mit den Dynastieen Wolkenstein, Scharfenstein, Schellenberg und Lauterstein, so dass sie einen Umfang von drei Meilen enthielt.

Das Dorf Rauenstein gehört zu dem hiesigen altschriftsässigen Rittergute und liegt sehr zerstreut, so dass die äussersten Häuser wohl ziemlich eine Stunde von einander entfernt sind. Das Schloss liegt zwei und eine halbe Stunde von Zschopau, eine Viertelstunde von Lengefeld und fünf Stunden von Freiberg an der Annaberg-Freiberger Strasse, die sich hier an dem hundertfunfzig Ellen hohen Rottenberge hinaufzieht. Ausser dem Rittergute enthält der Ort noch die Häuser an der Flöhe, nämlich die Schlossmühle, das Zollhaus, zwei Häuser am rechten Ufer des Flusses, und das Marterbüschel, welches letztere aus einer verpachteten Mühle sowie einigen Häusern besteht, die erst in neuer Zeit angebaut wurden und seinen Namen im dreissigjährigen Kriege empfing. Das Hölzchen nach dem der Ort benannt ist hat keine Bedeutung.

Westlich von hier beginnt der grosse königliche Wald welcher sich durch drei Aemter verbreitet und bei einer freilich nicht ganz regelmässigen Form vier bis fünf Stunden im Umfange hat. Im Augustusburger Amte, bei Krumhermsdorf und Börnichen, heisst er der Forst, im Wolkensteiner die schwarze Laide oder der Lengefelder Wald und im Lautersteiner, in Lauta und Lauterbach, der Hauptwald. In letzterem befinden sich die zwei höchsten Berge der Gegend von denen man eine [47] ausserordentlich weite Aussicht geniesst, und die sich auch durch ihre besondere Form auszeichnen. Die Hammermühle, welche ebenfalls zu Rauenstein gehört, liegt eine halbe Stunde nördlich von Lengefeld am Lauterbache, der aus einer finstern dreihundert Ellen tiefen Thalschlucht, die zum Theil von dem sonderbar gestalteten Spitzberge gebildet wird, hervorströmt und hier ein reizendes Wiesenthal bewässert. Zu der Mühle gehört ein Schankhaus, das von den Zschopauern fleissig besucht ist, und nahe bei derselben liegt auch die Wünschendorfer Ziegelei; westlich aber, am Waldrande, sieht man die sehr zerstreuten zu Börnichen gehörenden Häuser, welche Neunzehnhain heissen. Den Namen hat die Mühle von einem vormals hier befindlichen Zainhammer. Die Jägerwohnung, unweit der Stelle wo der Lauterbach in die Flöhe mündet, liegt auf dem reizendsten Punkte des Thales. Niederrauenstein, ehedem ein Vorwerk, besteht jetzt nur aus einigen Scheuen und Schoppen sowie Oberrauenstein, auch ein vormaliges Vorwerk, jetzt die Schäferei enthält.

Zu dem Rittergute Rauenstein gehören auch das Städtchen Lengefeld, und das im Amte Lauterstein, jedoch nur eine Viertelstunde vom Rauensteiner Schlosse, gelegene Dörfchen Reifland, welches letztere eigentlich ein besonderes neuschriftsässiges Gericht bildet. Der untere Theil Lengefelds besteht aus etwa funfzig Häusern, die, grösstentheils auf Grund und Boden des Rittergutes erbaut, das Städtchen vollkommen mit diesem verbinden. In alten Zeiten gehörte auch Wünschendorf und Stolzenhain hierher. Rauensteins Oekonomie ist auf das Gehöfte am Schloss auf Ober- und Unterrauenstein und ein Zweihafengut in Reifland vertheilt, welches letztere jedoch erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Rittergute gehört, wo es ein Herr von Carlowitz dazu kaufte. Die beiden grossen Kalköfen und die Kalkniederlage an der schwarzen Laida gehören nicht nach Rauenstein, sondern unter das Rentamt zu Wolkenstein.

Das Schloss Rauenstein steht auf einem steilen 1160 Pariser Fuss über Meereshöhe emporragenden Felsen, dessen Fuss in einem tiefen vielfach gewundenen Thale wurzelt, eingefasst von ziemlich hohen mit den schönsten Eichen, Buchen und Birken bewachsenen Bergen zwischen denen die Flöhe ihre hellen Wellen dahintreibt. Herrlich ist die Aussicht in dieses Thal namentlich von dem Wege welcher Rauenstein mit Reifland verbindet, vor Jahrhunderten aber näherte man sich nicht ohne Furcht und Zagen der finstern in Höhen und Waldungen versteckten Burg, denn sie war damals ein höchst gefürchtetes Raubnest von wo aus die Ritter von Rabod verwegene Streifzüge unternahmen, die nahen Ortschaften belästigten und Reisende beraubten. So trieben es die Herren auf dem Rauensteine bis in das funfzehnte Jahrhundert, wo durch ein landesherrliches Aufgebot der Bürger von Freiberg und Zschopau eine Belagerung des Raubschlosses stattfand, die mit der Vertreibung der Schnapphähne endigte. Im Jahre 1443 war die Burg Eigenthum des Churfürsten und 1476 des Herzogs Albrecht der in diesem Jahre Rauenstein an seinen Rentmeister Hans von Günterode, einen Thüringischen Edelmann, verkaufte. Hans von Günterode hatte seinen Wohnsitz in Freiberg wo seine Nachkommen sich Jahrhunderte hindurch in hohem Ansehen erhielten und im Rathsstuhl wie bei dem fürstlichen Bergwesen die höchsten Aemter bekleideten. Hans von Günterode starb 1496 und wurde in der Domkirche zu Freiberg beerdigt. Nach ihm besass Rauenstein durch Erbschaft Albrecht von Günterode, der jedoch ebenfalls in Freiberg wohnte und 1519 gestorben zu sein scheint, denn im nächsten Jahre wurden seine beiden Söhne Heinrich und Albrecht mit dem Gute belehnt, 1540 aber besass es Albrecht allein. Dessen Söhne Heinrich und Albrecht verkauften Rauenstein mit Lengenfeld und Reifland, im Jahre 1567 für 54874 Gulden an den Churfürsten August, der bereits 1559 von Hans von Günterode Wünschendorf an sich gebracht hatte. Der Churfürst verwandelte Rauenstein in ein Amt, das nach einem noch vorhandenen alten Register aus dem Städtlein Lengefeld, drei Dörfern, hundertfunfzig gesessenen Leuten, dem Vorwerk Wünschendorf, Ober- und Niederrauenstein, zwei Mühlen, drei Teichen, bedeutender Waldung u. s. w. bestand. Der Pacht betrug damals 984 Gulden und an Zinsgetreide wurden 158 Scheffel grosses Maas geschüttet. Der Churfürst baute das zum Theil verfallene Schloss wieder auf, und sein Nachfolger, Christian schlug das Amt 1596 zu Wolkenstein, obgleich es mit diesem nur in geringer Breite grenzte. Das Vorwerk Wünschendorf wurde zu einem besonderen Rittergute erhoben und vom Churfürsten einem Herrn von Böhlau in Lehn gegeben. Rauenstein überliess 1651 der Churfürst Johann Georg I. an Jobst Christoph von Römer für 24000 Gulden, der grösste Theil der schönen Waldungen aber mit den darin befindlichen Kalkbrüchen und Kalköfen blieb landesherrliches Eigenthum, woher es auch kommt, dass Rauenstein nicht mehr Waldung besitzt als für den Bedarf des Gutes nöthig ist. Unter den Herren von Römer, welche Rauenstein besassen sind namentlich zu bemerken der Kreisoberaufseher Christoph von Römer und der um die Kirche zu Lengefeld so verdiente Carl Gottlob von Römer, der 1743 kinderlos starb. Im Jahre 1748 heirathete dessen Wittwe den Domherrn, auch geheimen Kriegs- und Appellationsrath von Spohr der 1750 mit Tode abging, worauf das Gut durch Erbschaft in Besitz des Appellationsrathes Baudiss gelangte. Dessen Sohn, Andreas Gottfried Baudiss starb 1784 ohne Nachkommen, seine Wittwe aber, die früher mit einem Herren von Carlowitz verheirathet gewesen war, überliess die Besitzungen bei ihrem am 9. Februar 1810 erfolgten Tode ihrem Sohne [48] erster Ehe dem Rittmeister Georg Friedrich von Carlowitz, der Rauenstein 1816 an den Kaufmann August Hänel in Schneeberg für mehr als 100000 Thaler verkaufte. Dieser verkaufte das Gut wiederum 1843 an den Oberbergamtsassessor Ernst Wolfgang von Herder in Freiberg dessen Wittwe Frau Therese von Herder geborne von Wolf es jetzt noch besitzt.

Das Schloss Rauenstein grösstentheils in einen Gneusfelsen gehauen, welcher vor der Erbauung desselben eine freistehende Klippe bildete, besteht aus einer Menge sehr kurzer offenbar ohne alle Ordnung zusammengesetzter Flügel, welche auch einen kleinen Hof einfassen, und in der Mitte einen viereckigen Thurm zeigen‚ der Spuren hohen Alterthums trägt. Früher war dieser Thurm viel höher und wurde, wie auch der vordere Flügel des Gebäues, erst in neuerer Zeit erniedrigt, wodurch freilich das alte Schloss eine seiner besten Zierden verloren hat. In der Halle des Schlosses befinden sich verschiedene interessante Hirschgeweihe und die Bilder eines ungeheueren Hirsches, eines in der Nähe geschossenen Luchses, eines Wolfes der 1621 im Amte Altenberg lebendig gefangen wurde und 130 Pfund wog, eines Steinadlers und eines Pelikans, geschossen in der Hoyerswerdaer Haide am 5. Mai 1617. – Auf einem Flügel der zum Theil neuen Wirthschaftsgebäude befindet sich ein Thürmchen mit einer Uhr, auch ist die Mauer hier mehrfach aus dem Felsen gehauen. Die Ebenung des Hofes muss bei der Härte des Gesteins viele Mühe verursacht haben. Interessant ist auch die Auffahrt in den Schlosshof indem sie einen aus dem Felsen gearbeiteten siebzig Ellen langen Gang bildet, an dessen Gewölbe durch das unaufhörlich herabträufelnde Wasser sich Tropfsteinzapfen gebildet haben. Das Schloss bietet aus dem Grunde eine hübsche Ansicht während es von den Höhen wegen seiner versteckten raubnestmässigen Lage (ausser von Nordost) nirgends wahrgenommen werden kann.

Das Rittergut Rauenstein ist nebst Lengenfeld den königlichen Kalköfen, Marterbüschel und den Dörfern Reifland, Pockau und Wünschendorf mit Stolzenhain und den neuen Häusern zwei Mahlmühlen und zwei Baumwollenspinnereien in die Kirche des Städtchen Lengefeld eingepfarrt. Erst seit dem Jahre 1831 besitzt Lengefeld Stadtgerechtigkeit und jeder seiner Bewohner muss das Bürgerrecht erwerben, daher man auch oft noch von einem Oberdorfe und Unterdorfe Lengefeld reden hört. Der Hauptnahrungszweig der Einwohnerschaft besteht in Baumwollenweberei und Feldbau, auch befand sich noch vor wenigen Jahren hier eine bedeutende Dosenfabrik die viel Verkehr mit dem Orte herbeiführte. – Die Gründung der Stadt fällt in das sechszehnte Jahrhundert, sie erhielt ihren Namen von den Leinwandlängen, welche man hier fertigte, die damals den Haupterwerbszweig der Einwohnerschaft bildeten.

Im dreissigjährigen Kriege hatte Lengefeld harte Drangsale durch die Soldateska und verheerende Seuchen auszustehen. Auch im Jahre 1680 herrschte hier eine schreckliche Pest, so dass ganze Häuser ausstarben, aber auch viele Kranke dem Hunger erlagen, weil die Gesunden sich scheuten ihnen Nahrungsmittel zu bringen. Die Leute flüchteten auf das Feld und in die Waldungen, wo sie sich Hütten errichteten, als aber zärtliche Besorgniss um die hülflosen Kranken Einzelne nach Lengefeld zurückführte, nahmen diese die Seuche mit, so dass auch in den Hütten der Tod zu wüthen begann. Der damalige Pfarrer Major verlor sein Weib und die einzige Tochter, dann starb auch der Knecht und endlich die Magd – da wünschte der tieferschütterte Mann noch einmal das Abendmahl zu geniessen und dann zu sterben. Sein Beichtvater war der Pastor zu Lauterbach, der aber den Muth nicht hatte, mit dem Pfarrer Major zusammen zu treffen. Da hörte der Pastor Rümmler in Lippertsdorf[VL 1] von des unglücklichen Amtsbruders Sehnsucht nach dem heiligen Mahle und liess ihm wissen er werde auf dem Wege zwischen Lengefeld und Lippersdorf ihn erwarten. Noch jetzt bezeichnet ein Stein mit eingehauenem Kelche den Ort, wo die beiden Priester zusammentrafen und die rührende Feier abhielten. Der Pastor Major lebte noch bis 1688. – Die Spuren jener unglücklichen Zeilen sind nun längst verschwunden und Lengefeld das 1710 etwa 300 Einwohner hatte, zählt jetzt deren fast 2500 in 230 Häusern.

Die Kirche zu Lengefeld ist ein hübsches freundliches Gebäude, das in den Jahren 1725 bis 1729 einen Umbau erfuhr der einem Neubau glich, wozu der damalige Herr auf Rauenstein, Oberflossaufseher und Kriegscommissair Carl Christoph von Römer, 8000 Thaler, hundert Stämme Holz und den Kalk schenkte, seine Gemahlin aber Kanzel und Altar auf ihre Kosten herstellen liess. Die Orgel der Kirche, ein Werk Hildebrands, eines Schülers des berühmten Silbermann, hat zwei Manuale und zweiundzwanzig klingende Stimmen. – Die Pfarrwohnung entstand im Jahre 1730, seit 1843 besteht aber auch in Lengefeld ein Diakonat, welches von dem damaligen Kirchenpatron Kaufmann Hänel auf Rauenstein zur Erleichterung des Pfarrers gegründet wurde. Die Schule ist 1826 erbaut. – – Das Dorf Reifland, an der alten Strasse nach Freiberg auf einer Ebene gelegen hat 64 Häuser (15 Begüterte und 49 Häusler) mit fast 500 Einwohnern. In der Nähe des Ortes befinden sich bedeutende Torfstiche.

O. M.     



Anmerkungen der Vorlage

  1. handschriftliche Korrektur: Lippersdorf