Rosa Heisterberg

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Rosa Heisterberg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5–9, S. 59–63, 82–84, 97–100, 109–112, 120–128,
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[59]
Rosa Heisterberg.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“

Ich saß eines Abends auf dem Criminalgerichte in meiner Arbeitsstube mit Lesen von Acten beschäftigt. Ich war damals Verhörrichter, hatte sehr viele Arbeit, war fast den ganzen Tag mit Inquiriren geplagt – es war noch die Zeit des geheimen schriftlichen Inquirirens – und mußte die Abende dazu verwenden, mich auf den morgenden Tag zu neuer Arbeit wieder vorzubereiten. [60] Es war mir spät geworden. Ich war mit den wichtigeren Acten fertig. Die wichtigeren[WS 1] Acten sind meist zugleich die dickeren. In den unbedeutenderen und dünneren konnte ich mich morgen während der Termine informiren und orientiren.

Ich wollte mich nach Hause begeben. Da trat noch ein Gefangenwärter in mein Zimmer. Er trug ein versiegeltes Schreiben. Er übergab mir dieses, und meldete, daß die Gefangene, die es betreffe, gleichzeitig mit dem Schreiben in der Gefängnißexpedition abgeliefert sei.

„Es scheint eine vornehme Dame zu sein,“ setzte der Mann hinzu.

„Eine Dame?“ fragte ich.

„Sie ist in schwarze Seide gekleidet.“

„In schwarzer Seide gehen auch andere, als vornehme Damen.“

„Der Polizeicommissarius, der sie arretirt hatte und selbst zum Gefängnisse ablieferte, brachte sie in einer Droschke.“

„Wie sieht sie sonst aus?“

„Sie ist noch jung und ein sehr schönes Frauenzimmer.“

„Ist sie schon in eine Zelle gebracht?“

„Sie ist noch in der Expedition. Der Herr Inspector wollte ihr ohne nähere Bestimmung des Herrn Criminalraths keine Zelle anweisen. Die Gefangene verlangte auch, sofort den Herrn Criminalrath zu sprechen.“

„Mich?“

„Sie verlangte, wenn Sie nicht im Local seien, daß man sogleich zu Ihnen schicke.“

„Gab sie einen Grund an?“

„Gott bewahre. Sie verlangte das Alles in vornehmem Tone, als wenn sie in den Gefängnissen zu befehlen habe.“

Ich ließ den Gefangenwärter warten, um zuerst das Schreiben zu lesen. Ich war zugleich neugierig geworden. Vornehm gekleidete Damen wurden in die Criminalgefängnisse oft eingebracht; es ergab sich aber bald, daß sie trotz ihrer seidenen Kleider und Wiener Shawls gemeine Verbrecherinnen aus den untern Classen waren. Die jetzt eingelieferte Gefangene schien mir jedoch, zumal da auch der Polizeicommissarius jene Rücksichten gegen sie genommen hatte, allerdings den höhern Ständen anzugehören. Dann aber mußte es wieder auffallend erscheinen, daß sie, anstatt durch die Schande einer criminalgerichtlichen Verhaftung und Einsperrung niedergedrückt zu sein, so vornehm, so befehlend, so hochmüthig auftrat.

Ich wurde noch mehr überrascht und neugierig, als der erste flüchtige Blick in das geöffnete Schreiben mir zeigte, daß sie wegen Diebstahls verhaftet sei.

Ich las das Schreiben schnell weiter durch. Es war der Bericht des Polizeicommissarius, der die Gefangene arretirt hatte, über den Grund ihrer Verhaftung. Es war kurz; der Beamte behielt sich vor, die näheren Umstände morgen zum gerichtlichen Protokoll anzugeben.

Die Gefangene nannte sich Rosa von Heisterberg, war nach ihrer Angabe dreiundzwanzig Jahre alt, evangelischer Religion, unverehelicht. Sie war seit einem Vierteljahre in der Residenz, und zwar bis vor wenigen Wochen als Gesellschafterin der verwittweten Majorin von Waldheim. Diese war von ihr bestohlen um mehrere Summen Geldes, zum Betrage von einigen hundert Gulden. Die Majorin hatte die Diebstähle theilweise schon früher bemerkt, ohne gegen Jemanden, namentlich auch gegen ihre Gesellschafterin, einen bestimmten Verdacht fassen zu können. Erst heute war ihr zur Gewißheit geworden, daß die Heisterberg die Diebin sei.

Die Gefangene gehörte also wirklich den höheren Ständen an. Sie hatte wenigstens in der höheren Gesellschaft gelebt. Die Majorin von Waldheim bewohnte ein, wenn auch nicht großes, glänzendes, doch von den Mitgliedern der höchsten Gesellschaft der Residenz besuchtes Haus. Sie selbst hatte Zutritt in den Hofzirkeln, und war in diesen gern gesehen.

Die Verhaftung der Gesellschafterin dieser Dame mußte Aufsehen machen. In der ganzen Residenz, auch am Hofe, mußte man morgen davon sprechen, und am Hofe am meisten. Wo keine Oeffentlichkeit des Criminalverfahrens ist, überwacht das Publicum, namentlich das näher interessirte, eine Criminalsache, die einmal die öffentliche Aufmerksamkeit erregt hat, mit desto schärferen und in der Regel mißtrauischeren und böswilligeren Augen. Nun gar der Hof. Andererseits hatte die Gefangene mich sprechen wollen, und der Gefängnißinspector war über ihre Unterbringung in Verlegenheit, und erwartete meine Bestimmung darüber. Ich begab mich in die Gefängnißexpedition.

Die Gefangene war noch dort mit dem Inspector.

War ich bisher erstaunt gewesen, ich wurde es noch mehr. Ich sah eine große, schöne, stolze, jugendliche Frauengestalt vor mir. Auch das schöne, fein geschnittene, aber längliche und etwas blasse Gesicht zeigte Stolz, besonders die aristokratisch gebogene Nase und ein paar lebhafte hellblaue Augen. Andererseits glaubte ich freilich um die zart aufgeworfenen Lippen ein inniges, gar weiches Gefühl zu lesen, und die hellen Augen schienen durch ihren lebhaften und stolzen Blick selbst einige Schwärmerei hindurchleuchten zu lassen.

Die Gefangene saß, als ich eintrat, dem Anscheine nach sehr ruhig. Von Niedergeschlagenheit war keine Spur in ihrem Aeußeren zu finden. Viel weniger sah man ihr irgend eine Aengstlichkeit an. In tiefes Nachdenken versunken war sie allerdings.

Der Gefängnißinspector war mit Arbeiten beschäftigt.

Sie stand auf, als sie mich sah. Meine Ankunft mit dem Gefangenwärter und das Schreiben, mit dem sie eingeliefert war, in meinen Händen, konnte sie nicht zweifelhaft lassen, daß ich der Verhörrichter sei, den sie zu sprechen begehrt hatte. Ohne meine Anrede abzuwarten, trat sie mir entgegen.

„Herr Criminalrath, Sie haben dieses Schreiben gelesen?“

„Ich habe es gelesen.“

„Ich kenne die Gesetze, mein Herr, auch die hiesigen, wenngleich weniger, als andere. Ich weiß danach, daß Sie auf Grund dieser Anzeige des Polizeicommissarius mich vorläufig zur Haft nehmen müssen.“

„So ist es.“

„Sie können mich danach nicht sofort für unschuldig halten?“

„Nein.“

„Sie würden dies auch nicht können, wenn ich Sie auch etwa bitten wollte, mich noch jetzt in der Nacht zu vernehmen, Sie die Güte hätten, meiner Bitte zu willfahren, und ich Ihnen nun meine Unschuld betheuerte, und Ihnen dafür sehr dringende Beweise brächte?“

„Wenn Sie mir Ihre Unschuld sofort beweisen könnten, so würde ich Sie auf der Stelle freilassen können, gar müssen. Allein –“

„Entschuldigen Sie, ich habe mich nicht genau ausgedrückt, wenigstens nicht nach Ihrer juristischen Sprachweise. Ich hatte sagen wollen: wenn ich Ihnen dringende Beweismittel an die Hand gäbe.“

Ich hatte ihre Worte so aufgefaßt.

„Die bloße Angabe von Beweismitteln würde Ihre Freilassung nicht rechtfertigen können. Erst deren – ich darf mit Ihnen in den technischen Ausdrücken sprechen?“

Sie nickte.

„Erst deren Aufnahme würde über das fernere Verfahren entscheiden.“

„Und mit der Aufnahme selbst würden Sie in der Nachtzeit schwerlich noch verfahren mögen?“

„Mögen? Es kommt mir nur auf das Können an.“

„Ich glaube Ihnen. Und das Können – ich sehe ein, es kann heute nicht mehr geschehen. Ich muß also für heute Nacht in der Haft bleiben. Ich werde auch“ – setzte sie mit einem eigenthümlichen, halb schmerzlichen und halb spöttischen, verächtlichen Lächeln hinzu – „ich werde auch noch wohl längere Zeit hier bleiben müssen. Sie haben in Ihrem Lande, freilich auch in den meisten andern Ländern, die sich civilisirte nennen, gerade gegen Angeklagte Gesetze einer sonderbaren Civilisation. Indeß, nicht um hierüber mit Ihnen zu disputiren, habe ich gebeten, Sie noch heute sprechen zu dürfen. Ich habe eine andere Bitte an Sie.“

„Sprechen Sie sie aus.“

„Wie Sie mich nicht auf der Stelle für unschuldig halten können, werden Sie mich auch nicht von vornherein als eine Verbrecherin, als die überwiesene Diebin ansehen wollen?“

„Ich halte, mit unseren Gesetzen, keinen Angeschuldigten für einen Verbrecher, als bis er überführt, überwiesen ist.“

„Sie werden mich dann auch nicht als eine Verbrecherin, als Diebin behandeln?“

„Ich werde Sie, ich kann Sie aber auch nicht anders behandeln, [61] als nach den Vorschriften des Gesetzes über die Behandlung der Untersuchungsgefangenen.“

„Ach, ich hatte eine Bitte, die Sie zu einer kleinen Abweichung veranlassen sollte.“

„Nennen Sie diese Bitte.“

„Sie ist einfach die, mein Herr, mich –“

Sie stockte. Sie hatte bisher mit der größten Ruhe, Kälte und Unbefangenheit gesprochen und nicht die geringste Aufregung [62] gezeigt nicht einmal irgend ein Gefühl, wenn nicht das jenes Spottes. Sie hatte mit mir gesprochen, etwa wie ihr amtlicher Vertheidiger für sie sich mit mir unterredet, mit mir unterhandelt haben würde. Auf einmal drangen jetzt Thränen in ihre Augen; ihre Lippen zuckten; sie konnte nicht weiter sprechen; es war, als wenn plötzlich in ihrem Innern etwas aufgebrochen, geplatzt sei. War es ein Gefühl der Schuld oder der Unschuld? Das Gefühl ihrer Vernichtung oder ihres Unglücks?

Gefühl zeigte sie jedenfalls, lebhaftes, inniges, starkes Gefühl, ein Gefühl, das sie überwältigte, diese vornehme, stolze, äußerlich so kalte Dame, deren Haltung und Benehmen das Leben in der besten Gesellschaft, deren Sprache und Bemerkungen einen klaren, gebildeten Geist verriethen, die schon in dieser Viertelstunde eine Bildung dargelegt hatte, die über die gewöhnliche Bildung unserer Damen hinauszugehen schien.

Ich ließ sie sich setzen. Erst nach einer Weile konnte sie wieder sprechen. Sie hatte ihre Thränen getrocknet; ihr Gesicht hatte wieder den Ausdruck der Ruhe und nur eines leisen Spottes, und mit diesem Spotte schien sie nur sich selber zu verfolgen. Sie erhob sich wieder.

„Ah, ich wurde schwach. Ich hoffe, Herr Criminalrath, Sie ziehen daraus keinen falschen Schluß gegen mich. Aber ich hatte eine Bitte an Sie. Es ist die, daß Sie mich nicht mit Diebinnen zusammen setzen wollen.“

Sie zitterte doch unwillkürlich wieder, als sie die Bitte aussprach, und es war in der That eine so einfache Bitte. Aber zeigte nicht gerade diese Einfachheit einerseits und dennoch ihre Aufregung über sie andererseits, daß sie keine Bitte eines schuldbewußten, wenigstens nicht eines verdorbenen Herzens sein konnte, daß sie jedenfalls die Bitte einer, schuldig oder unschuldig, Unglücklichen war?

„Sie werden zu keiner Diebin gesetzt werden,“ versicherte ich ihr.

Es schien ihr ein Stein vom Herzen zu fallen.

„Ach, mein Herr, ich bin Ihnen sehr dankbar.“

„Ich habe überhaupt vor,“ fuhr ich fort, „Ihnen eine Zelle für sich allein zu geben, Sie müßten mir denn besondere Umstände anführen, die mich veranlassen müßten, Sie in Gesellschaft zu bringen.“

Sie erröthete vor Freude, fast vor Glück.

„O, mein Herr, ich hatte kaum die Bitte an Sie gewagt.“

Diese innige, dankbare Freude über eine scheinbar so geringfügige Kleinigkeit!

War sie eine Schuldige?

Während ich noch darüber nachdachte, trat ein Diener des Criminalgerichts ein und theilte mir mit, auf dem Criminalgericht sei so eben ein junger Mensch erschienen, der mich dringend zu sprechen wünsche.

„Hat er gesagt, was er mit mir zu sprechen habe?“ fragte ich.

„Er sagte nur, er habe Sie in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Er war überhaupt sehr eilig und aufgeregt.“

„Ich komme.“

Der Diener ging. Ich wollte ihm folgen.

Ein zufälliger Blick, den ich vorher auf die Gefangene warf, zeigte mir deren Gesichtszüge auffallend verändert. Sie war sehr blaß geworden und sah mich mit einem Ungewissen, beinahe ängstlichen Blicke an; ihre Lippen waren halb geöffnet, wie zum Sprechen; eine Frage an mich schien darauf zu schweben, aber sie wagte nicht, sie auszusprechen.

„Haben Sie mir noch etwas zu sagen?“ fragte ich sie.

Sie schien heftig mit sich zu kämpfen.

„Werden Sie mich morgen früh verhören?“ fragte sie mich endlich.

Das war offenbar nicht jene Frage, die sie an mich auf den Lippen gehabt hatte.

„Gewiß,“ antwortete ich ihr.

Ich ertheilte dem Gefängnißinspector die Anweisung, ihr die comfortableste Zelle einzuräumen, die er zur Disposition habe, und ging dann. Vor meinem Arbeitszimmer wartete ein junger Mann; ich ließ ihn eintreten.

Es war ein anständig gekleideter Mann von etwa vier- oder fünfundzwanzig Jahren. Er war von großer Gestalt, die Brust etwas eingedrückt; sein Gesicht war bleich, mit einem krankhaften Ausdrucke. Er schien an der Brust zu leiden. Daher auch wohl seine hastigen und heftigen Bewegungen, die zugleich etwas Eckiges hatten, und seine Aufgeregtheit, die indes; unter einem schüchternen, verlegenen Wesen nicht recht zum Ausbruch kam. Er folgte mir hastig in mein Arbeitszimmer.

„Herr Criminalrath, können Sie mir eine Frage beantworten, auf welche der Gerichtsdiener, wie er mir wenigstens sagte, keine Auskunft geben durfte?“

„Es kommt auf die Frage an,“ erwiderte ich ihm. „Darf ich Sie vorher um Ihren Namen bitten?“

„Sollte mein Name etwas zur Sache thun?“

„Ich weiß das nicht, weil ich Ihre Frage noch nicht kenne. Allein, mein Herr, schon die allgemeine Verkehrs- und Gesellschaftssitte fordert, daß man sich demjenigen nennt, mit dem man irgend eine Angelegenheit abzumachen hat.“

Er besann sich einen Augenblick.

„Sie würden mir einen Gefallen erzeigen, wenn Sie mich anhörten, ohne vorher meinen Namen zu verlangen.“

„Es sei. Was wünschen Sie?“

„Ist Ihnen am heutigen Abende eine Gefangene eingeliefert worden?“

„Es sind heute mehrere Gefangene eingebracht.“

„Am Abend?“

„Auch noch am Abend.“

„Ich erlaubte mir, nach einer Gefangenen zu fragen.“

„Auch Frauenspersonen.“

„Mehrere?“

„Mehrere.“

„War eine –?“

Er zögerte, doch sprach er zuletzt die Frage aus.

„War eine Dame darunter?“

Ich antwortete nicht sogleich.

Nachdem er einmal die Frage vom Herzen hatte, kannte er weniger Zurückhaltung.

„Eine junge Dame?“ setzte er schnell hinzu.

Ich war unschlüssig, ob ich ihm antworten dürfe.

„Sie ist verhaftet,“ fuhr er fort, „weil sie einen Diebstahl begangen haben soll.“

Der junge Mensch war mir völlig unbekannt. Er hatte sich sogar geradezu geweigert, mir seinen Namen zu nennen. Er hatte zwar das Aussehen eines anständigen, ehrlichen Menschen; aber es konnte dennoch bedenklich erscheinen, ihm seine Frage zu beantworten, zumal da mir die Nebenumstände der der Gefangenen schuld gegebenen Verbrechen, so wie die Verhältnisse und Beziehungen der Gefangenen selbst völlig unbekannt waren. Es konnte die Verfolgung von etwaigen Theilnehmern der Verbrechen, von Diebshehlern und manches Andere dadurch erschwert werden. Konnte nicht der junge Mensch selbst, trotz seines unverdächtigen Aeußern, ein Mitschuldiger sein, der je nach dem Inhalte meiner Antwort seine Vorsichtsmaßregeln einrichtete?

„Sie ist verhaftet,“ fuhr er lebhafter, dringender fort, „ich weiß es ja. Warum frage ich Sie noch? Und Sie haben sie auch schon gesehen, gesprochen. Sagen Sie selbst, Herr Criminalrath, haben Sie in ihr eine Verbrecherin gesehen? Hat sie das Gesicht einer Diebin?“

Er hatte zuletzt leidenschaftlich gesprochen. Die kranke Brust des jungen Mannes wogte auf und nieder; seine Stimme war heiser geworden; in seiner Leidenschaft, in seiner Frage lag so viel Wahrheit; meine Menschenkenntniß konnte mich nicht täuschen. Er war kein Verbrecher, kein Mitverbrecher, denn er nahm den lebhaftesten Antheil an der Gefangenen; durch welche Beziehungen veranlaßt, war mir zwar für den Augenblick ein Räthsel, aber immer nur, indem er sie zugleich für völlig unschuldig hielt. Zudem war er jedenfalls überzeugt, daß die Dame, nach der er fragte, wirklich verhaftet sei; eine Bejahung seiner Frage konnte also schon aus diesem Grunde jene befürchteten Nachtheile nicht mit sich führen.

„Ja, mein Herr,“ erwiderte ich ihm, „eine Dame, wie die, von der Sie gesprochen, ist vor etwa einer halben Stunde zum Gefängnisse abgeliefert. Welchen Namen soll sie führen?“

Er war einen Augenblick leichenblaß geworden, so griff die Bestätigung der Wahrheit, die er schon kannte, ihn an.

„Rosa Heisterberg,“ antwortete er auf meine Frage.

„Wünschen Sie etwas weiter, mein Herr?“

„Es ist dies ihr Name?“

„Ja.“

[63] „Und Sie haben sie gesprochen?“ fragte er dann nochmals, rasch, heftig.

„Ja.“

„Schon verhört?“

„Erlauben Sie, daß ich Ihnen darauf die Antwort verweigere.“

„Aber eine andere Frage dürfen Sie mir beantworten! Halten Sie sie für schuldig? Nein, nein, Sie können es nicht. Aber hat nicht schon ihr bloßer Anblick Ihnen gesagt, daß sie unschuldig sei, daß sie unschuldig sein müsse?“

„Mein Herr,“ antworte ich ihm, „für den Criminalrichter geben die Gesetze bestimmte Normen, nach denen er einen Angeschuldigten für schuldig oder unschuldig halten muß. Wünschen Sie sonst noch etwas?“

„Ich habe noch eine Bitte an Sie.“

„Und?“

„Daß Sie die Dame menschlich behandeln, brauche ich Ihnen nicht zu empfehlen.“

„Ich hoffe nicht.“

„Aber“ – er zögerte wieder etwas verlegen – „aber vertragen sich Bequemlichkeiten für sie mit der Ordnung des Gefängnisses?“

„Es kommt darauf an, von welcher Art sie sind.“

„Sie hat in ihrem Gefängnisse kein Bett?“

„Nein.“

„Sondern?“

„Eine Strohmatratze –“

„O, mein Gott –!“

Eine Leichenblässe bedeckte wieder sein Gesicht; er rang, wie in Verzweiflung, die Hände.

„Ein Strohlager!“

„Die Einrichtung des Gefängnisses bringt es mit sich.“

„Mein Herr – Herr Criminalrath, würden Sie ihr die Begünstigung eines Bettes zu Theil werden lassen?“

„Ich würde kein Bedenken finden. Es wird nur nicht sofort ein Bett zur Disposition sein.“

„Ich“ – er zögerte wieder – „ich habe eins mitgebracht. Draußen in der Droschke; sie hält vor dem Gefangenhause. Darf ich es hineintragen lassen?“

„Ich habe nichts dagegen.“

Auch das Gesicht des jungen Mannes wurde hellroth vor Freude.

„Mein Herr, wie bin ich Ihnen dankbar! Der Himmel vergelte es Ihnen!“

[82] Der junge Mensch wollte forteilen; er wandte sich noch einmal zu mir um. Er hatte noch etwas auf dem Herzen und es wurde ihm schwer, es auszusprechen, aber er mußte es aussprechen.

„Herr Criminalrath, die Bitte hat Sie vorhin schon einmal verletzt, aber ich darf sie Ihnen nochmals an das Herz legen; werden Sie nicht böse. Nicht wahr, Sie behandeln die Arme nicht mit Härte? Sie behandeln sie mit Menschlichkeit? O, glauben Sie mir, sie ist unschuldig. Und wenn Sie mir das nicht glauben können, nach Ihren Gesetzen nicht glauben dürfen, so fassen Sie wenigstens kein Vorurtheil für Ihre Schuld.“

„Mein Herr,“ sagte ich ihm, „halten Sie sich überzeugt, daß die Dame in jeder Hinsicht nur nach den Gesetzen der Menschlichkeit behandelt wird.“

„Dank, tausend Dank!“

Er wollte fortstürzen, ich hielt ihn jedoch zurück.

„Mein Herr, darf ich Ihren Namen noch nicht erfahren?“

„Verzichten Sie darauf.“

„Sie sind so fest von der Unschuld der Gefangenen überzeugt. Es könnte möglich werden, auf Ihr Zeugniß zu ihren Gunsten zurückzukommen.“

„Dann werde ich da sein. Jetzt nicht. Aber ich bitte Sie, aus meiner Weigerung keinen falschen Schluß zum Nachtheil der Dame ziehen zu wollen.“

„Sie hören, daß ich Sie nur als einen Vertheidigungszeugen betrachte.“

Er eilte fort.

Dem Gefängnißinspector ließ ich die Ermächtigung zur Annahme des Bettes für die Gefangene Rosa Heisterberg zukommen.

War die Gefangene, die schöne, junge Dame, die den höheren Ständen angehörte, mindestens darin einheimisch war, mit ihrer Bildung, mit ihrem für wahres, starkes Gefühl noch so sehr empfänglichen, mit ihrem vielleicht gar weichen Herzen, war sie schuldig oder unschuldig?

Wer war der, gleichfalls den besseren Ständen angehörende, kränkliche junge Mann mit dem unzweifelhaft braven, edlen Herzen, der sich so lebhaft, so leidenschaftlich für sie interessirte? In welchen Verhältnissen und Beziehungen stand er zu ihr, von deren Unschuld er so fest, so schwärmerisch, fast fanatisch überzeugt war? Ich war in hohem Grade auf die morgenden Verhöre gespannt.

Ich übertrug am andern Morgen von meinen Terminen Alles, was nur möglicherweise abzutreten war, an meine Hülfsverhörrichter und machte die andern Sachen rasch ab, um schnell zu den Verhören in der Untersuchungssache gegen Rosa Heisterberg überzugehen.

Der Polizeicommissarius, von dem sie verhaftet war, hatte sich noch nicht gemeldet. Ich mußte daher die Angeschuldigte selbst zuerst verhören, obwohl, bei jenem kurzen und nackten polizeilichen Berichte, es mir fast an allen Thatsachen zu ihrer näheren Vernehmung fehlte. Ich ließ sie vorführen.

Am Abend vorher hatte ich sie in Aufregung verlassen. Sie [83] hatte seitdem Zeit genug gehabt, über ihre Lage nachzudenken; sie hatte sich diese klar machen können. Mochte sie sich schuldig oder unschuldig fühlen, sie mußte, zumal da sie nach ihren eigenen Worten mit dem gerichtlichen Verfahren nicht unbekannt war, sich sagen, daß sie unter allen Umständen einer unangenehmen, namentlich für eine Dame peinlichen, schmerzvollen Untersuchung und Haft entgegenging. Gestern, unmittelbar nach ihrer Verhaftung, hatte sie, mit trotzigem schlechten oder mit ruhigem guten Gewissen, Manches leichter nehmen, über Manches sich ganz hinwegsetzen können, was bei besonnenerem Nachdenken ihr in hellerem und mithin wahrerem Lichte erscheinen und dann nothwendig schwer auf sie drücken mußte! Sie erschien gleichwohl in der Verhörstube durchaus ruhig, sorglos, fast heiter. Ich hatte sie, meiner Gewohnheit beim Inquiriren gemäß, stehend empfangen. Sie blieb jedoch nur kurze Zeit stehen; dann nahm sie einen Stuhl und sagte kurz, aber höflich:

„Darf ich bitten, mein Herr?“

Sie setzte sich. Ihr Benehmen war das einer vornehmen Dame, die in ihrem eigenen Salon oder Boudoir ist. Ich ließ sie natürlich sitzen, blieb selbst aufrecht stehen und begann mit vollkommener Inquirenten-Ruhe und Kälte das Verhör, vielleicht auch, ich kann es nicht ganz leugnen, mit einigem Vorurtheil gegen sie, das sie durch ihr Benehmen nothwendig in mir hatte wecken müssen.

„Ihr Name ist?“ fragte ich.

Sie sah mich einen Augenblick verwundert an, als ob sie sich auf einmal besinne, dann sagte sie lächelnd:

„Ah, mein Name und mein Alter sind zwar schon in dem polizeilichen Berichte angegeben, den der Commissarius mir mitgetheilt hat. Aber ich dachte nicht sogleich daran, daß der Angeschuldigte vor Gericht Alles selbst angeben muß. So ist es ja wohl?“

„So ist es.“

„Mein Name ist also Rosa Heisterberg, bin dreiundzwanzig Jahre alt und evangelisch-protestantischer Religion.“

„Ja dem Polizeiberichte sind Sie Rosa von Heisterberg genannt.“

„Richtig.“

„Das ist also Ihr wahrer Name?“

„Ja.“

„Sie nannten sich eben blos Rosa Heisterberg.“

„So? That ich das? Ich lege auf das von kein Gewicht.“

„Woher sind Sie gebürtig?“

„Aus einer holländischen Provinz.“

„Der Name dieser Provinz?“

„Es wird wohl nicht darauf ankommen.“ „Es wäre doch möglich.“

„Sie haben Recht: es wäre möglich; es könnte für die Zwecke Ihrer Untersuchung erforderlich werden, mein ganzes bisheriges Leben bis zu meiner Wiege hin zu verfolgen. Das meinen Sie doch?“

„Das meinte ich!

„Nun, so wird es alsdann, wenn dieses Erforderniß eintritt, früh genug sein, Ihnen meinen Geburtsort zu nennen.“

„Nach den Vorschriften des Gesetzes müssen Sie ihn sofort angeben.“

„Ich muß? Und wenn ich nun nicht will?“

„Mein Fräulein, körperliche Zwangsmaßregeln wenden wir gegen Angeschuldigte nicht an. Auch Sie werden sie nicht zu fürchten haben. Aber nur sich selbst haben Sie es beizumessen, wenn Sie durch Verschweigen oder Verdunkeln oder Entstellen von Thatsachen, die nun einmal zu der Untersuchung gehören, diese und Ihre Haft in eine, vielleicht unabsehbare Länge hinausziehen. Erlauben Sie mir überhaupt jetzt gleich schon die Bemerkung, daß Sie mir Ihre Lage so leicht, nicht mit jenem Ernst, noch weniger mit jenem weiblichen Gefühle aufzunehmen scheinen, welche eine schimpfliche und jedenfalls mit einigen Beweismitteln unterstützte Beschuldigung des Diebstahls, eines gemeinen Verbrechens, auch bei dem vollsten Bewußtsein der Unschuld, zumal in einer Dame von Ihrer Bildung und Stellung, nothwendig hervorrufen müssen.“

Diese Ermahnung machte sie doch nachdenklich, ernster; aber mehr fruchtete sie nicht.

„Herr Criminalrath,“ erwiderte sie, „gerade weil ich meine Lage ernst, sehr ernst auffasse, kann ich mich nicht dazu entschließen, Sie mit meinen heimathlichen Verhältnissen bekannt zu machen. So wie ich jetzt in der Untersuchung befangen bin, kann höchstens diese meine Person, wie sie hier vor Ihnen sitzt, compromittirt werden, nichts weiter in der Welt, kein Name, keine Person, kein Ort. Genügt Ihnen diese Aufklärung meiner Weigerung?“

„Sie würden also auch über Ihre übrigen persönlichen Verhältnisse keine Auskunft geben?“

„Nein.“

„Nicht über Namen und Stand Ihrer Eltern?“

„Wo Sie erzogen sind? Wo Sie Ihre Ausbildung erhalten haben?“

„Nein.“

„Wo Sie sich bisher aufgehalten haben? Und in welchen Verhältnissen?“

„Nein, mein Herr, und immer nein, welche ähnliche Frage Sie auch an mich richten mögen.“

„Wie lange halten Sie sich in Berlin auf?“

„Seit einem Vierteljahre.“

„Woher kamen Sie damals?“

„Erlauben Sie, daß ich Ihnen darauf die Antwort wieder verweigere.“

„Kamen Sie mit einem Paß hier an?“

„Nein.“

„Hat die Polizei Sie ohne alle Legitimation hier geduldet?“

„O nein. Ich begab mich sogleich nach meiner Ankunft zu dem holländischen Gesandten und dieser stellte mir einen Paß aus.“

„Wo befindet sich dieser?“

„Ich habe ihn gegen eine Aufenthaltskarte bei der Polizei deponiren müssen; dort wird er noch sein.“

„Legitimirten Sie sich bei dem holländischen Gesandten?“

„Gewiß.“

„Ich welcher Weise?“

„Das muß wieder mein Geheimniß bleiben. Indeß, Sie werden sieh darüber beruhigen dürfen, wenn Sie sich erinnern, daß der Gesandte ein gewissenhafter, gar ein peinlicher Mann war.“

„Sie vergessen, daß ich die Auskunft, die ich haben muß, mir leicht aus den Acten der Gesandtschaft verschaffen kann.“

„Ich zweifle.“

„So hätten Sie dem Gesandten gar keine Legitimationsdocumente übergeben oder vorgewiesen?“

„Es ist möglich.“

„Er kannte Sie persönlich?“

„Nein. Aber, mein Herr, konnte ich ihm nicht in anderer Art überzeugende Mittheilungen über meine Verhältnisse machen? Und konnten ihn diese nicht zugleich veranlassen, mein Geheimniß zu ehren?“

„Danach dürfte man auch den Namen, den Sie hier führen, nicht als Ihren wahren annehmen?“

„Ich bitte, ihn dafür zu halten.“

„Mein Fräulein, der holländische Gesandte ist vor Kurzem gestorben.“

„Ja.“

„Sollten die Gesandtschaftsacten keine Auskunft geben und sollte diese auch Niemand anderes von den Personen der Gesandtschaft geben können, so würde zu meinem Bedauern jene langwierige Verzögerung Ihrer Angelegenheit eintreten, die ich schon vorhin andeutete.“

„Auch ich würde das bedauern, um so mehr als alle Ihre Nachforschungen völlig vergeblich sein würden.“

„Was bewog Sie, hierher zu kommen?“

„Ich hatte durch eine bekannte Familie erfahren, daß eine Frau von Waldheim eine Gesellschafterin suche.“

„Sie werden mir auch den Namen dieser Familie nicht nennen wollen?“

„Nein.“

Sie erhielten sofort die Stelle bei Frau von Waldheim?“

„Sofort.“

„Auf Grund besonderer Empfehlung?“

„Ich brachte ihr wenigstens keine fremde Empfehlung.“

Sie haben Ihre Stellung bei der Frau von Waldheim aufgegeben?“

„Seit etwa drei Wochen,“

„Aus welchem Grunde?“

„Wir fanden beiderseits keinen Gefallen mehr an einander.“

[84] „Wir wohnen Sie seitdem?“

„Bei der verwittweten Generalin von Hochkirch, die ich bei der Frau von Waldheim kennen gelernt hatte.“

„Gleichfalls als Gesellschafterin?“

„Als Mietherin, als Kostgängerin. Die Generalin lebt von einer geringen Pension.“

„Ich muß Sie bitten, mir zu sagen, wovon Sie leben?“

„Von meinen Ersparnissen.“

„Bei der Frau von Waldheim?“

„Auch früheren.“

„Sie brachten also Geld mit hierher?“

„Gewiß.“

„Wie viel?“

„Ich weiß das nicht mehr.“

„Ungefähr!“

„Ich kann es auch nicht ungefähr angeben. Und selbst wenn ich es könnte, ich würde wieder bitten, dies als mein Geheimniß zu betrachten.“

„Mein Fräulein, es wäre das ein Geheimniß, das mehr als eine Verzögerung Ihrer Untersuchung herbeiführen, das zugleich einen Verdacht gegen Sie begründen würde.“

„Ich muß das erwarten.“

„Werden Sie mir auch die Auskunft darüber verweigern, auf welche Art Sie jene früheren Ersparnisse erworben hatten?“

“Auch darüber.“

„Fräulein, ich komme jetzt unmittelbar zu der gegen Sie erhobenen Beschuldigung des Diebstahls. Bevor ich Sie darüber befrage, habe ich die Verpflichtung, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß hier jede Verweigerung einer Antwort oder jede unbestimmte oder unwahre Antwort doppelt zu Ihrem Nachtheile wirken, geradezu als eine Anzeige für Ihre Schuld gelten muß. Ich bitte Sie, das wohl zu erwägen.“

„Fragen Sie, mein Herr.“

„Die Frau von Waldheim soll mehrere Male schon vor einiger Zeit bestohlen worden sein, im Ganzen um Eine nicht unbedeutende Summe, und Sie sollen die Urheberin dieser Diebstähle sein. Die näheren Umstände sind zu den Acten noch nicht angegeben. Sie werden durch offene Mittheilung von dem, was sich darauf bezieht, Ihre Sache nur verbessern.“

Wie sie bisher ruhig, kalt, unbefangen, in der letztern Zeit nur ernster, aber noch keinen Augenblick verlegen gewesen war, so zeigte sie auch, als ich ihr jetzt das ihr angeschuldigte beschimpfende, entehrende, nicht blos aus aller besseren, sondern aus jeder anständigen, ehrenvollen Gesellschaft ausstoßende Verbrechen vorhielt, nicht die geringste Verwirrung, nicht einmal irgend eine Aufregung. Der Blick ihres Auges blieb[WS 2] fest und klar; ihre Lippen zuckten nicht, ihre Farbe veränderte sich nicht. Ich muß gestehen, daß diese Unempfindlichkeit einen unangenehmen Eindruck auf mich machte. Mochte sie eine natürliche, mochte sie eine gemachte sein, auf keinen Fall entsprach sie den Anforderungen einer wahren Bildung, eines richtig fühlenden Herzens, der Ehre; am wenigsten war sie weiblich.

„Fragen Sie mich, mein Herr,“ wiederholte sie.

„Bei dem Mangel an Thatsachen kann ich specielle Fragen nicht an Sie stellen.“

„So kann ich Ihnen auch nichts antworten, als das Eine, daß, wenn die Frau von Waldheim wirklich bestohlen ist, ich an diesen Diebstählen unschuldig bin.“

„Sie scheinen zu begreifen, daß die Frau von Waldheim bestohlen sei?“

„Ich habe keine Untersuchung darüber angestellt.“

„Sie können sich auch außerdem eine Ueberzeugung, mindestens eine bestimmte Meinung darüber gebildet haben.“

„Bis jetzt war das noch nicht der Fall.“

„Was hat man Ihnen darüber, so wie über Ihre Betheiligung vorgehalten?“

„Von welcher Seite?“

„Zunächst von Seite der Frau von Waldheim.“

„Von Seite der Frau von Waldheim?“

Sie warf ihre Lippen spöttisch verächtlich auf. Es war die erste Bewegung, die sie während des Verhörs zeigte.

„Ich soll am gestrigen Nachmittage aus dem Schlafzimmer der Frau von Waldheim dreißig Gulden entwendet haben. Bei der Gelegenheit, hielt mir dann der Polizeicommissarius vor, sei zugleich der Verdacht auf mich gefallen, daß ich schon früher, als ich noch in dem Hause war, dort vorgefallene Diebstähle verübt hätte, einen von hundertundachtzig bis zweihundert Gulden und mehrere kleinere; selbst an Kleinigkeiten, wie eine Scheere, ein elfenbeinernes Nadeletui; vielleicht gar auch die Nadeln. Es wäre lächerlich, wenn es nicht im höchsten Grade empörend wäre, ein unschuldiges, achtbares Mädchen in solcher Weise zu beschimpfen und zu – verfolgen.“

Sie war mehr und mehr aufgeregt geworden. Sie legte namentlich auf das letzte Wort: verfolgen, nachdem sie zuerst gezögert hatte, es auszusprechen, einen eigenthümlich nachdrücklichen Ton.

Ich griff dies auf.

„Wer verfolgt Sie?“ fragte ich rasch.

Sie war plötzlich wieder kalt geworden. War ihre Aufregung nur eine gemachte gewesen? Beinahe kam es mir so vor.

„Es gehört nicht hierher,“ antwortete sie mir ruhig. „Wenigstens zur Zeit nicht. Später.“

„In welchen Beziehungen blieben Sie zu der Frau von Waldheim, nachdem Sie deren Haus verlassen hatten?“

„Sie blieb freundlich gegen mich, und hat mich in meiner späteren Wohnung mehrmals besucht, mich auch wiederholt zu sich eingeladen.“

„Und Sie?“

„Ich kenne die Gesetze der Höflichkeit.“

„Sie haben auch jene Einladungen angenommen?“

„Ja.“

„Würden Sie mir einen speciellen Grund Ihrer Abneigung angeben, von der Sie vorhin sprachen?“

„Von Abneigung habe ich wohl nicht gesprochen.“

„Von Kälte denn.“

„Besondere Gründe dafür wünschen Sie zu wissen?“

„So sagte ich.“

Sie besann sich einen Augenblick, dann sagte sie:

„Auch das vielleicht später.“

Ich hatte sie nur noch über zwei Punkte zu befragen. Im Uebrigen konnte bei dem Fehlen allen thatsächlichen Anhalts ein weiteres Verhör zu keinem Resultate führen.

„Waren Sie gestern in der Wohnung der Frau von Waldheim?“

„Nein.“

„Sie haben gestern noch ein Bette erhalten?“

Sie stutzte, als ich plötzlich und ihr völlig unerwartet die Worte an sie richtete.

„Verzeihen Sie mir,“ sagte sie, „daß ich Ihnen für diese gütige Bevorzugung noch nicht meinen Dank gesagt habe.“

„Mir sind Sie keinen Dank dafür schuldig.“

„Die gewöhnliche Gefängnißordnung würde es mir nicht verschafft haben.“

„Ein junger Mann Ihrer Bekanntschaft hat es für Sie gebracht.“ Sie wurde auf einmal roth und blaß.

„Nannte er sich?“

„Sie sprach die Frage ängstlich lauernd aus. Es schien ihr viel daran gelegen zu sein, ob der junge Mensch sich genannt habe oder nicht. Damit stand auch wohl am gestrigen Abende ihre Verlegenheit in Verbindung, als der Gerichtsdiener mir den Besuch des jungen Menschen meldete.

Ich hätte durch eine kleine Unwahrheit jetzt leicht den Namen des Unbekannten erfahren können. Das Gesetz läßt dem Inquirenten hierin einen weiten Spielraum. Ich habe aus Achtung vor dem Rechte und vor meiner Ehre stets jede, auch die geringste Unwahrheit gegen meine Inquisiten verschmäht.

„Nein,“ antwortete ich der Gefangenen, „er nannte sich nicht.“

Die Mittheilung erleichterte sie sichtlich.

„Ich sehe,“ sagte ich, „ich würde auch Sie vergeblich nach seinem Namen fragen.“

Es schien plötzlich eine seltsame, aber tiefe Rührung sie erfaßt zu haben. Mit feuchten Augen und einer fast zitternden Stimme antwortete sie mir:

„O, mein Herr der brave Mensch hat um meinetwillen, aus Besorgniß für mich, Ihnen seinen Namen verweigert. Ich kann Ihnen diesen um seinetwillen nicht nennen. Dringen Sie nicht ferner in mich.“ Ich ließ sie in das Gefängniß zurückführen.

[97] Ich hatte oft Verhöre mit Angeschuldigten aus den höheren Ständen gehabt. Sie hatten stets einen peinlichen Eindruck in mir zurückgelassen. Personen aus jenen Ständen werden als Angeklagte, zumal als Verhaftete, äußerst selten unschuldig vor Gericht gestellt. In der Regel sind die schon vom Beginn der Untersuchung an gegen sie vorhandenen Beweise so überzeugend, daß sie entweder gar nicht mehr wagen dürfen, das System des Leugnens aufzustellen, oder daß sie dieses System nur noch mit ohnmächtigem Trotze ergreifen können. In jenem ersten Falle wirkte das mit jedem aufrichtigen Geständnisse verbundene Gefühl der Reue, der Zerknirschung, das Bewußtsein der Vernichtung der Existenz an Ehre, an Stellung für sich und für die Familie um so peinlicher auf mich ein, je höher an Ehre, Stellung und Bildung der Schuldige im Leben da stand, je tiefer und erschütternder mithin sein Sturz war. In dem letzten Falle trat das Empörende, Ekelhafte des gemeinen Trotzes in dem gebildeten und hochstehenden, bisher so hochgeachteten Verbrecher hinzu.

In dem mir jetzt vorliegenden Falle hatte ich von Schuld oder Unschuld keine Ueberzeugung gewinnen können. Ich hatte nur die eine, aber desto festere Ueberzeugung, daß ich es mit einer sehr gewandten Person zu thun habe, gegen die ich, wenn sie schuldig sei, sehr auf meiner Hut sein müsse, deren Unschuld aber, wenn wirklich vorhanden, sicher sehr leicht an den Tag kommen werde. Ueber alles Andere war ich bei ihr noch im Unklaren. Ich konnte nicht einmal eine Ahnung davon haben, ob die Feststellung ihrer Schuld sie besonders unglücklich machen werde. Sie konnte vermöge ihrer großen Ruhe und Kälte gar eine schon bestrafte, verhärtete Verbrecherin sein. Zeugte dafür nicht am Ende auch ihr hartnäckiges Schweigen über ihr früheres Leben? Ja, vielleicht selbst ihre Kenntniß des gerichtlichen Untersuchungsverfahrens? Hatte sie dagegen nicht andererseits mehrfach plötzlich, aber desto wahrer und tiefer und inniger hervorbrechende Züge eines warm, fein, ja weich fühlenden Herzens gezeigt?

Sie war mir ein Räthsel. Ich war begierig auf die Lösung des Räthsels. Sie mußte mir zunächst werden durch die Vernehmung der Bestohlenen, Frau von Waldheim, und des Polizeicommissarius.

Die Frau von Waldheim war schon vor Beendigung des Verhörs der Gefangenen an der Gerichtsstelle erschienen. Sie hatte sich ohne Vorladung eingefunden. Ein Beweis, daß die Sache für sie von großer Wichtigkeit war.

Ich ließ sie sofort eintreten.

Ich wußte wenig mehr von ihr, als was ich schon oben angegeben habe: daß sie der höchsten Gesellschaft der Residenz angehöre, ein angenehmes Haus mache und selbst am Hofe gern gesehen sei. Sie war Wittwe. Ihr Mann war ein sehr braver Officier gewesen. Sie bezog eine anständige Wittwenpension und sollte auch außerdem noch Vermögen besitzen. Sie war noch jung und hatte keine Kinder. Das war Alles, was ich von ihr wußte.

Eine schöne stolze Dame trat in mein Verhörzimmer. Sie war nicht mehr so jung, wie die Gefangene Rosa Heisterberg; sie konnte dreißig oder einige Jahre darüber zählen, aber sie war schöner; die Farbe ihres Gesichtes war lebhafter; die Formen ihres Körpers zeigten wunderbar reizende, üppige Rundungen. Dennoch fehlte ihr [98] die eigentliche Frische und Jugend, die gerade der Gefangenen eine so eigenthümliche Anmuth verlieh. Dann auch waren sowohl der Ausdruck ihres Gesichts, wie ihre Haltung stolzer, als die ihrer gewesenen Gesellschafterin. Ihr Gesicht hatte sogar den Ausdruck eines harten Hochmuths. Eine Coquetterie, deren sie sich vielleicht kaum noch bewußt war, die ihr also schon längst zur Gewohnheit geworden sein mußte, sprach sich in ihrem ganzen Wesen aus.

Die Dame der höchsten Gesellschaft der Residenz machte keinen angenehmen Eindruck auf mich. Sie trat mit einiger Heftigkeit in das Zimmer. So auch begann sie gleich zu sprechen, ohne eine Anrede und Frage meinerseits abzuwarten, und was sie sprach, war nicht geeignet, jenen unangenehmen Eindruck ihrer Erscheinung zu verwischen oder nur zu mildern.

„Die Person hat noch kein Geständniß abgelegt?“ fragte sie rasch und dringend.

„Nein,“ antwortete ich sehr kurz und kalt.

„Ich dachte es. O, mein Herr, sie wird Ihnen noch viel zu schaffen machen; sie ist eine sehr freche und verschmitzte Verbrecherin, die sich in mein Haus, in mein Vertrauen, in meine Liebe einzuschleichen gewußt hatte und die zum Danke nun mich bestiehlt. Aber sie wird hoffentlich ihrer Strafe nicht entgehen; sie wird überführt werden.“

Ich antwortete ihr nicht.

„Gnädige Frau,“ sagte ich, „nach dem vorschriftsmäßigen Gange der Untersuchung ist vor Allem Ihre Vernehmung über die erlittenen Diebstähle und dabei zugleich über das gesammte Verhältniß erforderlich, in welchem die Beschuldigte zu Ihnen und zu Ihrem Hause gestanden hat. Darf ich bitten, über die Fragen, die ich deshalb an Sie richten muß, mir vollständige Auskunft zu geben? Nach Vorschrift des Gesetzes habe ich Sie noch darauf aufmerksam zu machen, daß Sie Ihre Aussage mit einem Eide bekräftigen müssen.“

„Ich werde Ihnen nur die Wahrheit sagen, mein Herr.“ „Die Angeschuldigte war in Ihrem Hause als Gesellschafterin?“

„Ja, mein Herr.“

„Seit wann?“

„Sie war drei Monate bei mir. Seit drei Wochen hat sie den Dienst verlassen.“

Die Dame betonte das Wort Dienst.

„Auf welche Weise kam sie zu Ihnen?“

„Schon gleich durch einen Betrug. Sie stellte sich mir vor, als empfohlen durch den holländischen Gesandten. Sie sei hierher gekommen, um eine Stellung als Gesellschafterin oder Erzieherin in einem guten Hause zu suchen. Sie habe erfahren, daß ich einer Gesellschafterin bedürfe. Der holländische Gesandte, der ihr wohlwolle, habe auf ihre Anfrage ihr gestattet, bei ihrer Bewerbung um den Dienst bei mir sich auf ihn zu berufen.“

„Diese Angabe fand sich später unwahr?“

„Der Gesandte hat sie nicht gerade dementirt. Ich bin aber jetzt überzeugt, daß die Person gelogen hat.“

„Warum jetzt erst?“

„Ich hatte früher, ehe ich ihre Verbrechen kannte, keine Veranlassung, darüber nachzudenken. Dann habe ich auch jetzt erst erfahren, daß sie sogar ihren Paß gefälscht hatte.“

„Davon enthält der Bericht des Polizeibeamten nichts.“

„Der Beamte hat auch erst heute die Entdeckung gemacht. Er war vor einer Stunde bei mir; er ist noch mit Recherchen beschäftigt.“

„In welcher Art war der Paß gefälscht?“ „Sie hat sich darin als eine Adlige aufgeführt. Sie ist gar nicht von Adel.“

„Sie kennen ihre Herkunft?“

„Die kennt eben Niemand. Auch der verstorbene Gesandte wollte nie damit heraus. Er beobachtete ein eigenthümliches Stillschweigen darüber.“

„Sprach sich die Angeschuldigte selbst darüber aus?“

„Sie sprach oft davon, aber sie sprach sich nie darüber aus.“

„Das heißt?“

„Die Person liebte es, ihre Herkunft, ihre Heimath, ihr früheres Leben, Alles, was sie betraf, in ein geheimnißvolles Dunkel zu hüllen. Sie sprach oft davon, besonders wenn hohe Personen bei mir waren, deren Aufmerksamkeit sie auf sich lenken wollte. Eitelkeit und Coquetterie sind die Hauptzüge ihres Charakters. Sich in das Dunkel ihrer vornehmen Abkunft, eigenthümlicher Familienschicksale, einer künftigen glänzenden Lage einzuhüllen und dadurch besonders das Interesse der Männer zu erregen, das war bei ihr fast zur Leidenschaft geworden.“

„Können Sie mir Einzelnes aus ihren Erzählungen mittheilen?“

„Sie erzählte nicht, sie deutete nur dunkel an.“

„Aus ihren Andeutungen denn?“

„Sie hat viel gesprochen. Ich für meine Person habe ihr nie große Beachtung geschenkt.“

„Sie sprachen von Herren, denen sie besonders gern erzählt habe. Darf ich bitten, mir einige von ihnen zu nennen?“

Durch das Gesicht der Dame zog eine schnelle Röthe; sie wurde, wenn auch nur auf einen Augenblick, verlegen.

„Wäre es nothwendig?“ fragte sie.

„Gewiß. Die früheren Verhältnisse eines jeden Angeschuldigten müssen von Amtswegen erforscht werden. Bei dieser erscheint es mir doppelt nöthig.“

„Die Herren werden ihr noch weniger Aufmerksamkeit oder Gedächtniß geschenkt haben, als ich. Und mitgetheilt hat sie auch ihnen nicht mehr, als mir. Das Hauptsächliche davon könnte ich Ihnen wiederholen.“

„Ich bitte darum.“

„Sie wollte eine Holländerin oder wenigstens in Holland geboren sein. Zweifelhaft ließ sie dabei, ob in dem europäischen oder in dem amerikanischen Holland. Eben so konnte man aus ihren Mitteilungen völlig so gut entnehmen, daß ihr Vater entweder ein vornehmer Beamter oder ein reicher Pflanzer war. Ihre Mutter schilderte sie als einer sehr vornehmen Familie entsprossen; aber sie hatte von ihrem Gatten sich trennen müssen, einzelnen Andeutungen nach, um einer niedrigen Intrigantin willen, die ihren Vater umstrickt hielt. Wenn man diesen in Amerika suchen mußte, so war es gar eine Sclavin des Hauses. Sie, die diesen Roman erzählte, sie selbst war ihrer Mutter gefolgt, hatte mehrere Jahre lang Elend und Kummer mit ihr getragen und auch nach dem Tode der Armen nicht zu ihrem Vater und der gemeinen Person, die ihn noch immer beherrschte, zurückkehren wollen. Diesen Roman wußte die Betrügerin vielfach auszuschmücken, aber immer nur, um durch einen dichten Schleier eine hohe Geburt, eine frühere bessere, glänzende Lebensstellung und eine gewisse Rückkehr derselben hindurchschimmern, hindurch ahnen zu lassen.“

„Etwas Bestimmtes,“ fragte ich die Dame, „woran man weitere Nachforschungen nach ihrem früheren Leben anknüpfen könnte, hat sie also nie angegeben?“

„Nie. Sie hütete sich geflissentlich davor.“

„Und der holländische Gesandte? Haben Sie nie mit, ihm über die Angeschuldigte näher gesprochen?“

„Nein. Er war ein wenig zugänglicher Mann. Das Personal seiner Gesandtschaft wußte nichts von ihr.“

„Warum hat die Angeschuldigte ihre Stellung bei Ihnen verlassen?“

Die Dame wurde über diese Frage wieder ein wenig verlegen.

„Mir wurde,“ antwortete sie dann, „ihr coquettes Wesen immer mehr unangenehm. Auch jenes prahlerische Geheimthun. So machte ich, daß ich von ihr loskam.“

„Sie entließen sie also?“

„Ja.“

„Welchen Grund der Entlassung gaben Sie ihr an?“

„Ich wolle mein Hauswesen einschränken.“

„Sie schieden also in Freundschaft von ihr?“

„Ohne einen Bruch, mein Herr,“ verbesserte vornehm die Dame.

„Blieben Sie später in Beziehung zu ihr?“

„Wie man zu einer Gesellschafterin bleibt, die man ohne einen Bruch entlassen hat.“

„Das heißt?“

„Ich hatte sie gebeten, mich dann und wann zu besuchen; dies hat sie gethan.“

„Sie haben sie wieder besucht?“

„In den letzten Tagen nur, und dann aus besonderer Veranlassung.“

„Aus welcher?“

„Ich hatte die Diebstähle entdeckt, die mich betroffen hatten, und Verdacht gegen sie geschöpft. Ich wollte mir mögliche Gewißheit [99] über diesen Verdacht verschaffen. Dazu wollte ich die Besuche bei ihr benutzen.“

„Ich bitte jetzt, mir diese Diebstähle zu erzählen.“

„Schon einige Wochen, nachdem die Heisterberg zu mir gekommen war, verschwanden mir öfters Kleinigkeiten, dann eine feine Scheere, dann ein seidenes Nadelkissen mit einer kunstvollen Stickerei, Taschentücher von besonders feiner Leinwand, Spitzenkragen und dergleichen. Sie hatten keinen großen Werth; aber jedes einzelne Stück hatte etwas Besonderes, durch das es sich auszeichnete, durch seine Seltenheit, Feinheit, kunstvolle Bearbeitung oder Anderes. Auf die Heisterberg warf ich damals noch keinen Verdacht.“

„Hatten Sie Jemand Anderes in Verdacht?“ unterbrach ich die Dame.

„Im Grunde nicht. Ich dachte, die Sachen könnten verloren, zerbrochen oder zerrissen sein und man habe sie deshalb ganz beseitigt und leugne nun, von ihnen zu wissen. Die Putz- und Wäschgegenstände konnten die Wäscherinnen und Näherinnen verloren, verdorben, am Ende auch unterschlagen haben.“

„Hatten Sie schon früher, vor der Anwesenheit der Angeschuldigten, ähnliche Verluste gehabt?“

„Mitunter. Sie kamen immer vor; nur waren sie nicht so häufig gewesen.“

„Aus welchen Personen bestand Ihr Haushalt, während die Angeschuldigte bei Ihnen war?“

„Außer ihr selbst hatte ich einen Kutscher, einen Bedienten, eine Kammerjungfer und eine Köchin. Sie sind noch jetzt sämmtlich in meinen Diensten.“

„Dieselben Personen?“

„Dieselben Personen.“

„Schon seit längerer Zeit?“

„Der Kutscher und der Bediente waren schon im Dienste meines verstorbenen Mannes; die Kammerjungfer ist schon seit zwei Jahren bei mir; die Köchin seit beinahe einem Jahre.“

„Halten Sie Ihre Dienstboten für treu und redlich?“

„Ich habe nie eine Untreue oder Unredlichkeit an ihnen bemerkt; sie würden sonst nicht mehr bei mir sein.“

„Sie sprachen so eben selbst von Ableugnen, sogar von kleinen Unterschlagungen?“

„Ich sprach nur Vermuthungen aus, und auch diese nur meist gegen Leute außerhalb meines Hauses, Wäscherinnen und so weiter.“

„Ich bitte, fortzufahren.“

„Einen bedeutenden Diebstahl,“ fuhr die Dame fort, „entdeckte ich erst kurz vorher, ehe die Heisterberg mein Haus verließ. Durch ihn wurde zugleich mein Verdacht über die früheren Diebstähle gegen sie rege gemacht. Ich war vor sechs Wochen nach Louisenhof verreist, wo sich damals der Hof aufhielt.

„Ich hatte die Heisterberg mit der Köchin allein in meiner Wohnung zurückgelassen. Ich hatte ihr die Schlüssel zu der ganzen Wohnung anvertraut, auch zu den Schränken, mit Ausnahme derjenigen in meinem Wohnzimmer und in meiner Schlafstube, in denen ich mein Geld, meine Kostbarkeiten und die bessere, nicht im täglichen Gebrauche befindliche Leinwand verwahrte. Unter diesen Schränken befand sich ein Wandspinde in einer Ecke meiner Schlafstube. Ich verwahrte darin mein Silberzeug, meine Juwelen, und mein nicht für laufende Ausgaben bestimmtes Geld. Meine Juwelen und mein Silberzeug nahm ich nach Louisenhof mit mir. Das Geld aber ließ ich zurück, und zwar in folgender Art. Das unterste Schubfach des Spindes hatte in seinem Boden ein Loch, durch welches man in den darunter befindlichen Boden des Spindes selbst hineinreichen konnte. Durch das Loch nun versteckte ich einen Beutel mit 180 oder, was ich nicht genau mehr weiß, mit 200 Gulden in Kronenthalern, dergestalt, daß der Beutel zwischen dem Boden des Faches ’und dem des Spindes verborgen war; ein Dieb mithin, wenn er auch das Spinde geöffnet hätte, so leicht das Geld nicht hätte entdecken können. Das Spinde verschloß ich sorgfältig, den Schlüssel nahm ich mit den übrigen der Heisterberg nicht anvertrauten Schlüsseln mit mir. Nach acht Tagen kehrte ich zurück. Ich fand im Hause Alles in Ordnung. Nirgends fehlte mir etwas. Nur an das Spinde hatte ich in den ersten Tagen nicht gedacht. Als ich es nach acht Tagen öffnete und nach dem Beutel mit dem Gelde suchte, war er verschwunden. Aeußerliche Spuren von Gewalt oder sonst des stattgehabten Diebstahls waren weder an noch in dem Spinde zu bemerken. Ich hatte es verschlossen und bis auf den Verlust des Geldes Alles darin in derselben Ordnung gefunden, wie ich es bei meiner Abreise verlassen hatte.

„Der Diebstahl war mir ein Räthsel. Von einem Fremden konnte er nicht verübt sein. Die zurückgebliebenen Bewohner des Hauses hätten in irgend einer Weise bemerken müssen, daß ein Dieb dagewesen sei. Er konnte also nur von einem dieser Bewohner herrühren, mithin entweder nur von meiner Gesellschafterin oder von der Köchin verübt sein. Von welcher von Beiden? Die Köchin war seit zehn Monaten bei mir, und hatte sich immer treu bewährt. Die Gesellschafterin? Sie war eine gebildete Dame; sie hatte, wenn sie auch in Betreff ihrer Herkunft nicht immer bei der Wahrheit geblieben sein mochte, doch jedenfalls in der höheren Gesellschaft bisher gelebt. Konnte ich sie eines so gemeinen Verbrechens fähig halten? Und dennoch! Gerade jene Uebertreibungen und Heimlichkeiten über ihr früheres Leben, konnten sie mich nicht am Ende zu dem Schlüsse berechtigen, daß ich eine Abenteurerin bei mir aufgenommen habe? Und andererseits waren feit der Anwesenheit der Heisterberg jene vielen, wenn auch immer nur unbedeutenden Gegenstände mir entkommen. Ich leugne nicht, mein Verdacht fiel auf sie. Aber ich hatte keinen Beweis. Ich äußerte, wie ich überhaupt den Diebstahl verschwieg, meinen Verdacht auch gegen Niemanden. Ich suchte manchmal sogar mich seiner ganz zu erwehren. Doch beobachtete ich sie. Ich entdeckte nun zwar nichts, was meinen Verdacht hätte vermehren oder nur bestätigen können. Allein er mochte dazu beitragen, daß ich ihr Benehmen im Ganzen mit ungünstigern Augen ansah, als bisher, und so entließ ich sie. Ich setzte ein äußerlich freundschaftliches Verhältniß mit ihr fort, um sie fortwährend beobachten zu können. Ich entdeckte jedoch auch jetzt nichts, was sie mehr hätte verdächtigen können. Nur fand ich einmal, als ich sie in ihrer jetzigen Wohnung besuchte, in ihrem Nähtische zufällig eine jener früher vermißten Kleinigkeiten wieder, ein Scheerchen, das ich bei meinen Stickereien gebraucht hatte.

„So blieb der Stand der Sache bis gestern.

„Am gestrigen Vormittage war die Heisterberg zu mir gekommen. Ich ladete sie ein, zu Mittag bei mir zu bleiben und mir Gesellschaft zu leisten, bis ich zum Besuch bei einer Freundin auf dem Lande ausfahren werde. Sie that das. Um drei Uhr Nachmittags fuhr ich aus, um gegen acht Uhr Abends zurückzukehren. Meiner Kammerjungfer theilte ich diese Zeit meiner Rückkehr mit und zwar in Gegenwart der Heisterberg, die sich gleichzeitig, von mir verabschiedete. Kurz vor acht Uhr Abends kehrte ich zurück. Unterdeß hatte sich Folgendes bei mir zugetragen:

„In meiner Wohnung waren die Kammerjungfer, der Bediente und die Köchin zurückgeblieben.

„Meine Wohnung liegt im ersten Stock des Hauses. Sie hat einen doppelten Ausgang; nach vorn durch einen Flur, der stets verschlossen gehalten wird; nach hinten durch die gleichfalls immer verschlossene Thür der Küche. An jenem Flur liegt gleich rechts von der Eingangsthür die Stube des Bedienten, mit einem Fenster, das auf den Hof führt. Am Ende des Flurs befindet sich die Thür zu meinem Wohnzimmer, mit den Fenstern nach der Straße hin. Unmittelbar an das Wohnzimmer, gleichfalls nach der Straße hin, stößt meine Schlafstube.

„Die Köchin war während meiner Abwesenheit in der Küche beschäftigt gewesen, und hatte diese nicht verlassen. Die Kammerjungfer hatte sich in der Bedientenstube bei dem Diener aufgehalten. Beide waren mit Arbeiten beschäftigt gewesen, und hatten sich dabei unterhalten.

„In ihrer Arbeit und Unterhaltung werden sie plötzlich durch ein lautes Geräusch gestört. Sie hören deutlich, wie die Flurthür stark zugeworfen wird. Es mußte ihnen dies unbegreiflich vorkommen. Die Flurthür, außer jener Küchenthür die einzige Thür, durch die man in die Wohnung gelangen kann, wird zwar, wie gesagt, immer verschlossen gehalten, aber, wenn Jemand im Hause ist, des Tages über nur durch das neben dem Hauptschlosse befindliche sogenannte Drückerschloß. Dieses Schloß wird von innen ohne Schlüssel, blos durch Aufheben der Klinke geöffnet, von außen aber mit dem sogenannten Drücker, einem Schlüssel ohne Bart. Dieser Drücker ist blos zum Aufheben jener Klinke, mithin nur zum Oeffnen bestimmt. Jemand also, der die Wohnung verläßt, kann die Thür nur durch Zuwerfen, und zwar durch ziemlich starkes Zuwerfen, wieder in Verschluß bringen.

„Nun existirte, wenigstens nach dem Wissen des ganzen Hauses, zu jener Thür nur ein einziger Drücker, und diesen trug damals [100] der Bediente bei sich. Andererseits waren die Domestiken fest überzeugt, daß sie nach meiner Entfernung die Thür verschlossen und daß keiner von ihnen die Wohnung verlassen hatte. Gleichwohl hatten sie das Zuschlagen der Thür zu deutlich gehört, als daß von einem Irrthum die Rede sein konnte. Sie eilten sofort nach der Thür. Sie fanden sie unverändert verschlossen.

„Der Bediente sprang die Treppe hinunter. Er sah Niemanden, er hörte nichts. Er begab sich auf die Straße. Es war schon lange dunkel, aber die Gaslaternen brannten; er sah indeß auch auf der Straße nichts, namentlich keinen sich entfernenden Menschen. Die Kammerjungfer war unterdeß in mein Wohnzimmer und in die dahinter gelegene Schlafstube geeilt, deren beide Thüren nicht verschlossen waren. Sie hatte darin nichts verändert, nichts Verdächtiges, keine Spur gefunden, daß Jemand dagewesen sei. Die gleichfalls noch an dem Flurgange befindliche Salonthüre war verschlossen. Beide Dienstboten waren durch den Vorfall um so mehr erschrocken, je unbegreiflicher er ihnen erscheinen mußte. Sie besprachen sich noch darüber, als ich, fast in demselben Augenblicke, zurückkehrte. Sie theilten ihn mir auf der Stelle bei meinem Eintritte in das Haus mit.

„Mein erster Gedanke war der eines Diebstahls. Ich eilte in meine Wohnstube. Auch ich fand hier keine Veränderung. Ebenso konnte ich mit den Augen nichts Verdächtiges in meiner Schlafstube wahrnehmen. Ich kehrte in mein Wohnzimmer zurück, und hier entdeckte ich denn bald, daß ich in der That bestohlen war. In dem Zimmer steht mein Schreibsecretair. Ich hatte ihn vor meinem Ausfahren verschlossen und den Schlüssel zu mir gesteckt. Ich fand ihn auch jetzt noch verschlossen. Aber als ich ihn öffnen wollte, konnte ich zuerst gar nicht und nach wiederholten Versuchen nur mit Mühe den Schlüssel umdrehen. Bisher hatte der Schlüssel immer mit Leichtigkeit geschlossen.

„Mir blieb fast kein Zweifel, daß hier ein Dieb mit Nachschlüsseln operirt habe. Dies bestätigte sich bald. Der Schreibsecretair hat in der Mitte ein Fach, das zwar wieder eine besondere, aber nicht verschlossene Thür hat. Zu dessen beiden Seiten befinden sich gleichfalls unverschlossene Schubfächer. Ich untersuchte zuerst diese letzteren. In einem derselben hatte ich das zu den laufenden Ausgaben bestimmte Geld liegen. Ich hatte am Morgen gerade dreißig Gulden hineingelegt. Sie waren fort. Ich war also bestohlen. Die dreißig Gulden waren nur eine Kleinigkeit; aber wie weit mehr konnte mir gestohlen sein!

„Ich öffnete rasch das mittlere Fach; dort lag der Schlüssel zu dem Wandspinde in meiner Schlafstube verwahrt. Ich hatte dieses kurz vor meinem Ausfahren verschlossen und den Schlüssel in das Fach gelegt. Und in dem Spinde hatte ich mein sämmtliches Silberzeug, meine Juwelen und ungefähr fünfhundert Gulden baares Geld. Der Schlüssel lag noch in dem Fache. Ich stürzte damit zu dem Spinde, und öffnete es. Es öffnete sich leicht, wie immer. Ich sah zuerst nach meinen Juwelen; sie waren in einer Chatoulle verwahrt. Die Chatoulle stand auf ihrem Platze. Sie war dem Anscheine nach unberührt. Ich öffnete sie, es fehlte nichts darin. Auch das Silberzeug war vollständig da, und an dem offen daliegenden Gelde fehlte ebenfalls nichts. Ich athmete leichter. Aber es wurde mir wieder schwerer, wenn ich daran dachte, wer der Dieb sein könne, wer es nach Allem sein müsse. Der Diebstahl konnte nur von Jemandem verübt sein, der genaue Kenntniß von der Einrichtung der Wohnung, von meinen Gewohnheiten und auch von meiner gestrigen Abwesenheit hatte, also fast nur von Jemandem, der zu meinen Hausbewohnern gehörte oder gehört hatte. Meine Domestiken waren mir immer treu gewesen; sie hatten mir zu keinem Verdachte Veranlassung gegeben. Wer anders mithin, als die Heisterberg, meine vormalige Gesellschafterin, konnte der Dieb sein?

„Sie kannte die Wohnung, meine Lebensweise, sie wußte, daß mein Geld für die gewöhnlichen Ausgaben in jenem Schubfache des Schreibsecretairs lag. Sie war bei meinem Ausfahren zugegen gewesen und wußte, daß ich vor Abends acht Uhr nicht zurückkehrte. Ich hatte sie schon wegen früherer Diebstähle dringend verdächtig halten müssen. Dazu kam die Mittheilung meiner Dienstboten über das Zuwerfen der Flurthür. Die Heisterberg hatte sich während meiner Abwesenheit in Louisenhof acht Tage lang allein im Besitze des Drückers zu der Thür befunden. Wie leicht war es ihr gewesen, sich einen zweiten machen zu lassen!

„Ich hatte nur noch einen einzigen Zweifel. Die Heisterberg, mochte sie den früheren Diebstahl verübt haben oder nicht, wußte, daß in dem Wandspinde mein übriges Geld, mein Silber und mein Schmuck sich befand. Sie wußte, daß der Schlüssel zu dem Spinde in dem Fache des Schreibsecretairs lag. War sie nun die Diebin, warum hatte sie sich mit jenen dreißig Gulden begnügt, da sie doch ohne alle Mühe auch zu dem Andern gelangen konnte?

„Allein gerade dieser Umstand mußte bei näherem Nachdenken meinen Verdacht wieder bestärken. Ein gewöhnlicher Dieb, namentlich ein frecher und gewandter, und nur ein solcher konnte, wenn ein Fremder den Diebstahl begangen hatte, diesen verübt haben, ein anderer Dieb hätte unstreitig mit dem in dem Secretair gefundenen Schlüssel weitere Versuche gemacht und namentlich auch an dem Spinde in der nebenan befindlichen unverschlossenen Schlafstube. Die Heisterberg dagegen konnte eben nur in einer augenblicklichen Geldverlegenheit, über den Betrag der entwendeten unbedeutenden Summe nicht hinaus, sich befunden haben.

„Endlich, wie oft hatten die geheimnißvollen Erzählungen der Person in mir den Verdacht erwecken müssen, daß sie eine Abenteurerin sei?

„Ich faßte einen raschen Entschluß. Ich mußte mit einem Male darüber in’s Klare kommen, ob die Person die Diebin war oder nicht; dies konnte ich nur durch Ueberraschung.

„Mein Wagen stand noch angespannt; ich stieg sofort wieder hinein, um zu der Wohnung der Heisterberg zu fahren.

„Ich fuhr zuerst bei dem Polizeicommissarius vor, der auf mein Ersuchen mit mir fuhr. Ich theilte ihm unterwegs die Diebstähle und meinen Verdacht mit. Er fand diesen nicht hinreichend zu einem sofortigen polizeilichen Einschreiten gegen die Heisterberg, er wollte sich nur dazu verstehen, in ihrer Wohnung Erkundigungen über ihr Leben überhaupt und besonders darüber einzuziehen, wo sie den Abend zugebracht habe; ich mußte mich damit begnügen. Ich ließ ihn unten in der Wohnung der Generalin, bei der die Heisterberg wohnte, und begab mich allein in ihr Zimmer.

„Sie war zu Hause.

„Sie empfing mich überrascht, aber, ich muß es gestehen, nicht verwirrt, ganz natürlich überrascht, wie sie über den völlig unerwarteten Besuch einer bekannten Dame sein konnte. Sie war entweder unschuldig oder eine vollendete Schauspielerin und dann auch Verbrecherin. Ihre Unbefangenheit brachte mich ein wenig außer Fassung. Wäre sie verlegen, verwirrt gewesen, so hätte ich ihr den Diebstahl auf dm Kopf zugesagt und sie, wenn sie leugnete, aufgefordert, mir, um sich von dem Verdachte zu reinigen, alle ihre Behältnisse zu öffnen und vorzuzeigen. Konnte ich das jetzt?“

[109] „Ich mußte mich damit begnügen, die Heisterberg zu fragen, ob sie heute Abend während meiner Abwesenheit in meiner Wohnung gewesen sei.

„Sie antwortete ruhig:

„Nein. Seitdem ich Sie verließ, habe ich keinen Schritt wieder in Ihre Wohnung gesetzt.“

„Und wo waren Sie diesen Nachmittag, Fräulein, und den Abend?“

„Sie verwunderte sich mehr.

„Darf ich bitten, gnädige Frau, wozu diese Frage?“

„Beantworten Sie sie mir.“

„Wohl denn. Um drei Uhr verließ ich Sie. Ich kehrte unmittelbar hierher in meine Wohnung zurück. Ich habe diese Stube seitdem nicht wieder verlassen.“

„Bis jetzt nicht?“

„Bis jetzt nicht. Aber nun muß ich in der That bitten, daß Sie die Güte haben, mir mitzutheilen, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft, mich aber auch zum Gegenstande eines so sonderbaren Inquirirens macht?“

„Diese Ruhe, dieser halbe Spott, der Gedanke, daß sie doch die Diebin sei, das Alles regte mich wohl mehr auf, als es hätte der Fall sein sollen.

„Soll ich es Ihnen sagen,“ rief ich heftig, „was mich so spät noch hierher führt? Man hat mich in meiner Abwesenheit befohlen, und Sie — und auf Sie ist mein Verdacht gefallen.

„Ah, Sie wollen mich zu einer Diebin machen.“

„Sie sprach die Worte mit einer so stolzen Entrüstung, als wenn sie eine Fürstin wäre. Aber sie sollte sehr bald keinen so hohen Ton mehr anstimmen. Ihre Frechheit hatte mich empört.

„Wir werden sehen, Mademoiselle,“ sagte ich. „Sie wollen den ganzen Abend Ihre Stube nicht verlassen haben? Sollte Niemand im Hause wissen, daß Sie doch fort waren?“ „Ich riß die Thür ihrer Stube auf. „Jungfer,“ rief ich in den Gang hinein, nach irgend einem weiblichen Dienstboten. Ein Mädchen erschien.

„Seit wann ist das Fräulein wieder zu Hause?“ „Seit etwa einer Viertelstunde,“ antwortete das Mädchen. „Ah, Mademoiselle, wir haben jetzt halb neun Uhr: seit sechs Uhr war der Februarabend dunkel genug, daß Jedermann ihn für einen Abend halten konnte. Und Sie wollen den ganzen Abend zu Hause gewesen sein?“

„Noch einmal wollte die unverschämte Person ihren Trotz zeigen. „Madame,“ rief sie, „wer gibt Ihnen ein Recht, mich so in meiner Wohnung zu überfallen und mich zu insultiren?“

„Aber der Polizeicommissarius war unterdeß herbeigekommen. Er hatte bei den andern Bewohnern, freilich vergeblich, Erkundigungen eingezogen.

„Mademoiselle,“ sagte ich zu der Diebin, „ich habe mit Ihnen nichts mehr zu schaffen, dieser Herr wird das Weitere mit Ihnen ausmachen. Herr Polizeicommissarius, die Mamsell will den ganzen Abend ihre Stube nicht verlassen haben; dieses Mädchen versichert, daß sie kaum vor einer Viertelstunde nach Hause gekommen sei. Das Uebrige ist Ihnen bekannt. Was Ihre Pflicht unter diesen Umständen von Ihnen fordert, müssen Sie wissen.“

[110] „Da war sie doch verlegen geworden. Ihr Gesicht wurde blaß; sie holte schwer Athem.

„Wer sind Sie?“ fragte der Polizeicommissarius das Mädchen.

„Ich bin das Stubenmädchen der Frau Generalin.“

„Wann, sagen Sie, ist das Fräulein nach Hause gekommen?“

„Auf die Minute kann ich die Zeit nicht angeben. Ich rechnete, daß es ein Viertel auf neun Uhr sein könne. Die Uhr in der Stube der Frau Generalin hatte schon vor einer guten Weile acht geschlagen!“

„Wie überzeugten Sie sich von der Rückkehr des Fräuleins?“

„Ich war im Vorzimmer der Frau Generalin mit Plätten beschäftigt, als ich die Entreethür sich öffnen hörte. Die Thür des Vorzimmers, in dem ich mich befand, war nur angelehnt, so daß ich, ohne sie weiter öffnen zu müssen, hinausblicken konnte. Ich sah in den Gang hinein, in dem Gange brannte, wie auch noch, die Laterne; ich erkannte deutlich das Fräulein, die in den Gang eintrat und geradewegs in ihre Stube ging.“

„Der Polizeicommissarius wandte sich an die Diebin.

„Und wann wollen Sie nach Hause gekommen sein, mein Fräulein?“

„Sie war in hohem Grade verwirrt geworden. Sie schwankte offenbar, ob sie bei der Lüge, die sie gegen mich vorgebracht hatte, daß sie den ganzen Abend zu Hause gewesen, verbleiben, oder ob sie sie widerrufen sollte. Sie sah ungewiß bald den Einen, bald den Andern von uns an, bald vor sich hin. Ihr Hochmuth, ihre Frechheit siegten.

„Ich war zu Hause,“ sagte sie. „Das Mädchen irrt sich, oder spricht die Unwahrheit.“

„Nun aber wurde das Mädchen offen.

„Fräulein,“ hielt sie der Verbrecherin vor, „geirrt habe ich mich nicht, und wenn hier Jemand die Unwahrheit spricht, so sind Sie es. Ich habe Sie ganz deutlich erkannt, und ich muß es jetzt auch heraussagen, daß Sie leise genug hereinkamen, damit Niemand Sie hören und sehen sollte. Gerade das, daß die Thür so leise aufging, hatte mich neugierig gemacht, zu sehen, wer da sei, und als ich Sie erkannte, dachte ich noch bei mir, auf welchen Wegen Sie gewesen sein möchten, daß man Ihre Rückkehr nicht gewahr werden solle. Und auch das muß ich jetzt sagen, daß Sie um sieben Uhr schon nicht mehr in Ihrer Stube gewesen waren. Die Frau Generalin schickte um die Zeit mich zu Ihnen, um Sie zu bitten, ob Sie nicht den Thee mit ihr trinken wollten. Aber Ihre Thür war verschlossen, und ich klopfte und rief vergebens davor.“

„Das sagte das Mädchen ihr in’s Gesicht. „Sie bleiben dennoch dabei,“ fragte der Polizeibeamte sie, „zu Hause gewesen zu sein?“ „Sie blieb dabei.

„Ich kann nicht anders,“ sagte sie. „Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“

„Sie sagte es mit ihrem vollen Trotz.

„Der Beamte forderte sie demnächst zuerst auf, ihm ihr vorräthiges baares Geld vorzuzeigen. Sie war allerdings sofort bereit dazu. Sie zeigte in einer Lade ihres Secretairs etwa sechzig Gulden vor. Darunter waren zweiunddreißig einzelne Guldenstücke. Gerade dreißig einzelne Guldenstücke waren mir am Abend entwendet worden. Wiedererkennen konnte ich natürlich die einzelnen Stücke nicht. Aber das ziemlich nahe Uebereinstimmen der Summe der Stücke war auffallend.

„Der Polizeicommissarius befragte sie nach dem Erwerbe des Geldes. Sie weigerte sich trotzig, Auskunft darüber zu geben. Man sollte ihr beweisen, daß sie es gestohlen habe.

„Der Polizeibeamte erklärte ihr darauf, daß er sie arretiren müsse. Sie erwiderte ihm nur, daß er seine Pflicht kennen müsse.“

Dies war die Aussage der Bestohlenen. Die Frau von Waldheim schloß ihre Aussage mit dem Bemerken, daß sie am Morgen, bevor sie zum Criminalgericht gekommen, bei der Generalin, die am gestrigen Abend nicht mehr zu Hause gewesen, vorgefahren sei, und diese ihr bestätigt habe, am Abende vorher um sieben Uhr das Stubenmädchen zu der Heisterberg geschickt, aber die Antwort erhalten zu haben, das Fräulein sei nicht in ihrer Stube und müsse ausgegangen sein.

Das Benehmen der Dame hatte den unangenehmen Eindruck, den schon ihr erstes Erscheinen auf mich gemacht hatte, wie ich bereits bemerkte, nicht gemildert. Die Thatsachen, die sie vorbrachte, hatten allerdings überall den Stempel innerer Wahrscheinlichkeit; auch die Art, wie sie sie vortrug, entbehrte im Ganzen des Ausdrucks der Wahrheit nicht. Allein desto mehr mußte die Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit, von der sie während des ganzen Verhörs beherrscht wurde, den Verdacht mancher Uebertreibung gegen sie erregen. Dazu kam, daß ihr Verfahren gegen die Angeschuldigte, namentlich der Umstand, daß sie selbst sich sofort zu dieser begeben und in ungestümer Weise gegen sie inquirirt hatte, wenig weiblich, gar roh war, und zudem kaum durch den Verdruß über den Diebstahl und den Verdacht gegen die Heisterberg allein sich erklären ließ, vielmehr höchst wahrscheinlich auch noch aus einem anderen Motive hervorgegangen sein mußte. Welches war dies?

Jedenfalls erschien in solcher Weise der ohnehin nur entfernte Verdacht gegen die Angeschuldigte sehr geschwächt. Hätte sie die Lüge ihrer Anwesenheit zu Hause nicht vorgebracht, so wäre ein Grund zu einem gerichtlichen Einschreiten gegen sie nicht vorhanden gewesen. Konnte sie sich deshalb rechtfertigen, so fiel auch der Grund zu einem ferneren Einschreiten gegen sie, jedenfalls für ihre fernere Haft, fort. Dies auch selbst, wenn man ihre Persönlichkeit in’s Auge faßte, den nicht vortheilhaften Eindruck, den auch ihre Erscheinung gemacht hatte, die Rolle der Abenteurerin, welche die Bestohlene ihr beilegen wollte und für welche in der That ihr auch gegen mich an den Tag gelegtes Heimlichthun nicht geringen Beleg geliefert hatte. Daß die Frau von Waldheim wirklich bestohlen war, konnte trotz jenem Uebertreiben in ihrer Aussage nicht wohl bezweifelt werden. Auch mochten ihre Angaben über die Treue ihrer Dienstboten richtig sein. Allein einerseits ging aus diesen nur hervor, daß man mit ihr nicht ohne Weiteres einen Verdacht auf ihre Dienstboten werfen dürfe. Dies konnte man aber auch eben so wenig gegenüber der Angeschuldigten, gegen deren Redlichkeit im Grunde, und abgesehen gerade von den in Frage stehenden Diebstählen, durchaus nichts mehr vorlag. Andererseits konnte es außer der Angeschuldigten noch mehrere Personen geben, die gleich dieser mit den Einrichtungen und Gewohnheiten der Bestohlenen bekannt, gar in ähnlichen Verhältnissen früher bei ihr gelebt hatten.

Ich stellte in dieser letzteren Beziehung eine ausdrückliche Frage an die Bestohlene. Sie wollte sich aber keiner Person erinnern können, auf welche sie den geringsten Verdacht werfen dürfe. Wie viele Personen, entlassene Dienstboten u. s. w. mochten gleichwohl in ihrem Hause gewesen sein, von denen, auch ohne daß sie die leiseste Ahnung hatte, Unredlichkeiten begangen sein konnten!

Der Polizeicommissarius, den ich gleich nach der Frau von Waldheim vernahm, konnte, wenigstens über die Diebstähle selbst, keine nähere Auskunft geben. Er bestätigte nur die Aussagen der Bestohlenen. Er war am Morgen in deren Wohnung gewesen, und er beschrieb die Einrichtung derselben, so wie speciell die Lage und Beschaffenheit des Schreibsecretairs und des Wandspindes ganz so, wie die Bestohlene. Er bestätigte auch die Vorgänge des gestrigen Abends in der Wohnung der Angeschuldigten, daß diese trotz des Widerspruches der Stubenmagd dabei geblieben, ihre Stube nicht verlassen zu haben, daß sie freilich dabei auch verlegen und verwirrt geworden sei.

Nur in einem Punkte wich er erheblich ab.

Die Frau von Waldheim hatte in dem Benehmen der Beschuldigten nur frechen Trotz finden wollen. Der Polizeibeamte erklärte dagegen ausdrücklich:

„Ich habe in dem Betragen der Verhafteten nichts weniger als Frechheit oder Trotz wahrgenommen. Sie zeigte allerdings Stolz, aber dies schien mir eher der Stolz eines guten Gewissens zu sein. Dies wurde mir beinahe zur Ueberzeugung, als ich sie aufforderte, sich über den Erwerb des bei ihr gefundenen Geldes auszuweisen. Und als ich sie befragte, ob sie, ungeachtet der entgegenstehenden bestimmten Versicherung des Hausmädchens, dabei verbleibe, das Haus nicht verlassen zu haben, hatte ihr Stolz gar eine solche Beimischung von Verachtung gegen die Frau von Waldheim, daß ich den Gedanken nicht zurückweisen konnte, zwischen den beiden Damen müsse ein ganz eigenthümliches, unbekanntes Verhältniß bestehen, auf welches gerade wahrscheinlich die Entfernung der Heisterberg aus ihrer Wohnung sich bezogen habe. Die Frau von Waldheim selbst schien dies insofern zu bestätigen, als sie plötzlich nachdenklich wurde, und darauf eine besondere Heftigkeit und Bitterkeit gegen die Andere an den Tag legte.“

Ich fragte den Polizeicommissarius, ob er keine Ahnung über die Natur dieses Verhältnisses habe. Er hatte nicht die geringste.

[111] Ueber die Hausgenossen der Bestohlenen wußte er gleichfalls nichts Nachtheiliges. Er konnte auch sonst, wenn die Heisterberg nicht die Thäterin sei, auf keinen Menschen irgend einen Verdacht wegen der Diebstähle werfen.

Dagegen brachte er Nachrichten über die persönlichen Verhältnisse der Angeschuldigten, die, wenn sie auch ohne directe Beziehung auf die Diebstähle waren, doch jedenfalls auf ihren Charakter, ein zweideutiges Licht werfen mußten.

Sie hatte sich bei der Frau von Waldheim als Fräulein von Heisterberg vorgestellt. Auch ihr Paß, den sie von dem holländischen Gesandten erhalten und gegen den Empfang einer Aufenthaltskarte bei der Polizei deponirt hatte, trug ihren Namen: Rosa von Heisterberg. Man hatte indeß auf der Polizei früher keine Veranlassung gehabt, näher oder gar mit mißtrauischen Augen den Paß zu prüfen, der ganz frisch von dem Gesandten ausgestellt und von der Gesellschafterin der in den höchsten Cirkeln lebenden Majorin von Waldheim überreicht war. Jetzt hatte er aufgesucht werden müssen, um zu den Untersuchungsacten gebracht zu werden, und als man ihn nun genauer betrachtete, entdeckte man bald, eine sehr fein ausgeführte, aber desto erheblichere Fälschung darin. Zwischen den Namen Rosa und Heisterberg war das Wörtchen von an die Stelle anderer, dort befindlich gewesener und ausradirter Buchstaben später hinzugeschrieben. Genau konnte man die ausradirten Buchstaben nicht erkennen. Wahrscheinlich hatte der Paß aber gelautet: Rosalie Heisterberg, und die drei letzten Buchstaben des Namens Rosalie hatten dem Wörtchen von Platz machen müssen.

Die Bürgerliche hatte also als eine Adlige erscheinen wollen. Es stimmte dies vollkommen zu jenen mysteriösen Erzählungen und Andeutungen über ihre Herkunft, ihren Stand, ihre künftigen glänzenden Verhältnisse. Es zeigte aber zugleich klar, selbst wenn es aus bloßer Eitelkeit geschehen war, einen Charakter an, der Intriguen, Ränke, selbst offenbare Gesetzübertretungen nicht scheute. Daß eine Paßverfälschung strafbar war, mußte sie wissen, selbst ohne jene genaue Gesetzkunde, die sie schon mir gegenüber geflissentlich dargelegt hatte. Dabei war die Fälschung sehr fein, mit großer Gewandtheit ausgeführt, zeigte also schon eine Leichtigkeit und Festigkeit der Angeschuldigten in solchen Dingen. Freilich das Alles vorausgesetzt, daß eine wirkliche Fälschung vorlag und diese von der Beschuldigten ausgegangen war. Daß das Wörtchen von durch eine andere Hand geschrieben worden, war keineswegs mit Sicherheit zu erkennen; unzweifelhaft erkennbar war nur ein späteres Zuschreiben an Stelle anderer ausradirter Buchstaben. Das konnte auch von dem Gesandten selbst geschehen sein, der anfänglich den Namen unrichtig geschrieben hatte.

Der Polizeibeamte hatte sich mit dem Passe schon sofort auf die holländische Gesandtschaft begeben; dort hatte man aber sogar von dem Passe selbst nichts gewußt. Er fand sich in keinem Register eingetragen; er war ganz und gar, allerdings unverkennbar, von der Hand des verstorbenen Gesandten allein geschrieben.

Indeß blieb der Paß immer ein an sich verdächtiges Document und war in diesem verdächtigen Zustande von der Angeschuldigten der Polizei überreicht worden. Dachte man an ihre geheimnißvollen Prahlereien zurück, so konnte man auch an einer Fälschung, und daß diese von ihr herrühren müsse, kaum zweifeln.

Außerdem theilte der Polizeicommissarius noch folgenden Umstand mit, der gleichfalls ein zweifelhaftes Licht auf die Angeschuldigte werfen mußte. Diese wohnte seit drei Wochen bei der Generalin. In den ersten acht Tagen war sie fast immer zu Hause gewesen; seitdem aber hatte sie beinahe täglich Ausgänge gemacht, immer allein, immer ohne vorher zu sagen, wohin, und ohne bei ihrer Rückkehr sich darüber auszulassen, wo sie gewesen sei. Sehr häufig war sie auch des Abends ausgegangen und mehrere Male erst nach acht Uhr – es war im Monat Februar, also schon vor sechs Uhr dunkel – zurückgekehrt. Einmal wollte das Mädchen der Generalin gesehen haben, wie eine Mannsperson sie bis an die Hausthür begleitet habe.

Der Polizeibeamte hatte diese Mitteilungen von der Generalin selbst, einer im höchsten Grade achtbaren Matrone, welche die Angeschuldigte bei der Majorin von Waldheim kennen gelernt und die junge Dame, als sie sich von der Letzteren getrennt, bis zu einem anderweiten Unterkommen gegen eine geringe Vergütung bei sich aufgenommen hatte. Die würdige Frau hatte sich über das späte Ausgehen und Ausbleiben ihrer Einwohnerin um so ungehaltener gezeigt, als diese über ihr Treiben außer dem Hause ein hartnäckiges, geheimnißvolles Schweigen beobachtet hatte.

Ich erkundigte mich bei dem Polizeibeamten nach dem jungen Manne, der gleich nach der Verhaftung der Heisterberg das Bett gebracht hatte.

Er wußte nichts von ihm; er hatte auch keine Ahnung, wer er sein könne. Gleichwohl schien die Ermittelung des jungen Menschen von Erheblichkeit zu sein. Woher hatte er sofort von der Verhaftung der Heisterberg Kunde erhalten? In deren Wohnung war er nicht gewesen, weder bei noch nach der Verhaftung; wenigstens hatte dem Beamten Niemand etwas von seiner Anwesenheit gesagt.

Der Beamte versprach, ihm nachzuforschen. Vielleicht, wahrscheinlich stand er in Verbindung mit jenen häufigen Entfernungen der Angeschuldigten aus ihrer Wohnung.

Ungeachtet des mangelnden Beweises durfte ich, bei dem großen Dunkel, das über der Sache noch schwebte, die Beschuldigte nicht sogleich entlassen. Zunächst mußte ich sie selbst jetzt ausführlich vernehmen.

Ich ließ sie noch denselben Abend zum Verhör vorführen. Als ich in die Verhörstube trat – sie war noch nicht da – fiel mein erster Blick auf ein ziemlich starkes versiegeltes Paquet, das auf dem Tische lag; es war an mich adressirt und enthielt Bücher. Oben auf lag ein von einer fremden Hand geschriebener und nicht unterzeichneter Zettel, der mich bat, dem verhafteten Fräulein von Heisterberg die beiliegenden Bücher zukommen zu lassen.

Ich kann nicht leugnen, ich erstaunte nicht wenig, als ich die Bücher öffnete. Es waren nur classische Schriften der Italiener, Engländer, Franzosen und Deutschen, sämmtlich in der Ursprache. Tasso’s befreites Jerusalem, Alfieri's Tragödien, Milton’s verlorenes Paradies, der ganze Shakespeare, die Tragödien und die geschichtlichen Werke von Voltaire, die Tragödien von Racine und Corneille, Schiller’s und Goethe’s Werke, so wie die Schriften von Baco und neuere geschichtliche und philosophische Werke der Franzosen und Engländer.

Das war eine Lectüre für einen Gelehrten. Verstand die junge Dame nicht blos alle diese Sprachen, hatte sie auch Bildung und Kenntnisse genug, um namentlich die philosophischen und geschichtlichen Schriften zu verstehen?

Sie erschien im Verhörzimmer. Sie trat vollkommen so ruhig, unbefangen und heiter ein, wie am Morgen. Sie erschien beinahe wie in einem Salon, wo sie eine heitere Gesellschaft, eine angenehme Unterhaltung finden solle. Hatte noch so eben, bei dem Anblicke der für sie bestimmten Bücher, die ungewöhnliche Bildung, die ich bei ihr voraussetzte, mich zu ihren Gunsten eingenommen, diese Ruhe verdroß mich unwillkürlich wieder; ich konnte, gegenüber ihrer Lage, gegenüber den schweren, den im höchsten Grade verletzenden Beschuldigungen, die ihr gestern in doppelt verletzender Weise gemacht waren, nur entweder Mangel an allem Gefühl und an aller Ehre oder aber die gemachte Unempfindlichkeit des Schuldbewußtseins darin finden. Aber sie hatte heute Morgen bei der Erinnerung an den jungen Menschen, der ihr das Bette gebracht, Gefühl, Rührung gezeigt. Ich zweifelte nicht, daß auch von diesem die Bücher herrührten. Ich wollte, ich mußte sie studiren.

Ich hatte die Bücher vor ihrem Eintreten zugedeckt. Bevor ich zum Verhör schritt, deckte ich sie wieder auf. Sie fuhr bei ihrem Anblick zusammen. Sie kannte also schon die Einbände und verbarg das auch nicht. Ihre Gesicht zeigte eine stille, innige Freude.

„Er war wieder hier?“ fragte sie rasch.

Ueberraschung und Freude waren völlig natürlich gewesen, denn wie sie kaum die Worte gesprochen hatte, fiel es ihr schwer auf das Herz, daß sie sich verrathen habe. Sie forschte ängstlich in meinen Augen.

Waren das nicht wieder Zeichen eines Herzens, das unmöglich ganz verdorben sein konnte?

Ich zeigte ihr statt einer Antwort den Zettel, mit dem die Bücher gekommen waren. Sie athmete wieder freier, als sie ihn las.

„Haben Sie mir nichts zu sagen?“ fragte ich sie.

Auf einmal war sie wieder vollkommen ruhig.

„Ich hatte Sie, für den Fall, daß meine Haft längere Zeit dauern sollte, um Lectüre bitten wollen; ich brauche Sie jetzt nicht zu belästigen.“

Ich knüpfte das Verhör sofort an den Zwischenfall an. [112] „Fräulein, Sie wollten mir heute Morgen den Namen des jungen Mannes, der gestern hier war, von dem auch unzweifelhaft diese Sendung herrührt, nicht nennen. Ich hatte damals kein besonderes Interesse, seinen Namen zu erfahren; jetzt bedarf ich seiner für die Zwecke der Untersuchung. Ich muß Sie bitten, mir seinen Namen zu nennen.“

Hatte ich erwartet, daß sie verlegen oder ängstlich werden würde, so hatte ich mich getäuscht.

[120] „Ich bedauere,“ antwortete sie sehr ruhig und kalt, „daß ich Ihnen in dieser Beziehung nur das Nämliche wiederholen kann, was ich Ihnen heute Morgen sagte.“

„Ihre Weigerung würde jetzt ohne Erfolg sein. Mit diesem Zettel in der Hand wird der Polizei seine Entdeckung leicht werden.“

„Ich werde das abwarten.“

„Sie haben in der letzteren Zeit des Abends häufige Ausgänge gemacht?“

Sie wurde glühendroth im Gesicht.

„Werden Sie mir Auskunft darüber geben, wohin Sie gingen?“

Der Röthe folgte eine ängstliche Blässe.

„Ja, mein Herr, ich war seit einiger Zeit mehrmals des Abends ausgegangen; ich kann Ihnen aber nicht sagen, wohin; das Geheimniß gehört nicht mir allein. Aber um Eins bitte ich Sie; denken Sie dabei nicht an –“

Sie stockte.

„Woran nicht?“

Sie antwortete nicht. Sie war sehr verlegen.

„An jenen jungen Mann nicht?“

Auf einmal standen in ihren Augen wieder Thränen.

„O, mein Herr, ich selbst habe Ihnen zu einem ungerechten Verdachte Veranlassung gegeben; geben Sie ihn auf, ich beschwöre Sie, um des braven, des edlen jungen Mannes willen.“

Die Gefangene und ihre geheimen Beziehungen mußten mir immer räthselhafter erscheinen.

Ich schritt zu dem Verhör über die Diebstähle selbst.

Sie war wieder vollkommen ruhig.

„Ich habe die Majorin von Waldheim vernommen,“ begann ich.

Sie fiel mir schnell und ein wenig spöttisch in die Rede. „Und die vornehme Dame hat Sie wohl von meiner Schuld überzeugt? Ich bin die Diebin?“

„Die Frau von Waldheim klagt Sie mehrerer Diebstähle an.“

„Ich weiß es.“

„Die Frau von Waldheim war vor mehreren Wochen auf kurze Zeit verreist?“

„Auf acht Tage nach Louisenhof.“

„Sie begleiteten sie nicht?“

„Ich war in ihrer Wohnung zurückgeblieben.“

„Allein?“

„Allein mit der Köchin.“

„Hatten Sie Zutritt zu allen Zimmern der Wohnung?“

„Ja.“

„Auch zu dem Wohn- und Schlafzimmer der Majorin?“

„Ja.“

„War Ihnen bekannt, wo die Majorin ihr Geld und ihre Kostbarkeiten verwahrt hielt?“

„Ihre Kostbarkeiten hatte sie mitgenommen; ich hatte sie ihr einpacken helfen. Ihr Geld pflegte sie an zwei Orten zu verwahren, in einem Schreibsecretair in ihrem Wohnzimmer und in einem Wandspinde in ihrer Schlafstube.“

„Woher war Ihnen dies bekannt?“

„Die Dame hatte mir nie ein Hehl daraus gemacht.“

„Wo befanden sich die Schlüssel zu dem Secretair und dem Spinde?“

[121] „Ich denke, die Frau von Waldheim hatte beide Schlüssel mit nach Louisenhof genommen.“

„Wo pflegten sie zu sein, wenn die Majorin zu Hause war?“ „Den Schlüssel zum Secretair trug die Frau von Waldheim immer bei sich; den zum Spinde legte sie gewöhnlich in das mittlere Fach des Secretairs.“

„Sollte dies nicht auch bei ihrer Abreise nach Louisenhof geschehen sein?“

„Ich weiß es nicht; ich habe mich nicht darum bekümmert. Ich meinte, sie habe auch ihn mitgenommen.“

„Ist Ihnen die innere Einrichtung des Secretairs bekannt?“ „Sehr genau, da ich der Majorin oft Geld und Anderes herausholen mußte. Er hat zwei Reihen Schubfächer und in der Mitte jenes Fach mit einem unverschließbaren Thürchen.“

„Kennen Sie auch die Einrichtung des Wandspindes?“

„Ich habe es im Auftrage der Majorin gleichfalls häufig öffnen müssen; es hatte mehrere offene Fächer über einander.“

„War nicht eins dieser Fächer defect?“ „Ich weiß es nicht.“

„Hatte die Frau von Waldheim bei ihrer Abreise nach Louisenhof Geld zurückgelassen?“

„Ich weiß das nicht. Sie hatte mir wenigstens nichts davon gesagt.“

„Sie hatte Geld zurückgelassen.“

„Es kann sein.“

„Etwa zweihundert Gulden.“

„Es ist möglich, sie behauptet es; sie hat gestern Abend sogar behauptet, und sie wird dies auch heute vor Ihnen wiederholt haben, daß ich ihr, während ihrer Anwesenheit in Louisenhof, das Geld entwendet hätte.“

„Sie hat dies in der That wiederholt.“

„Wie gesagt, ich bezweifle es nicht.“

„Und Sie haben den, Diebstahl nicht begangen?“

„Nein, mein Herr!“

Alle ihre Antworten waren klar, bestimmt, offen, ohne alles Zögern, ohne irgend ein Zeichen von Verwirrung oder Verlegenheit gegeben. Sie hatte mich klar dabei angesehen.

Bei ihren letzten Worten sah sie mich zugleich stolz an; sie erhob ihre Gestalt; ihr ganzes Wesen drückte die Aufforderung, die Herausforderung aus: „Sieh mich an, ob Du einen einzigen Zug einer Diebin in mir entdecken kannst!“ Und in dem Allen lag eine so einfache, natürliche Wahrheit.

Ich mußte kalt und ruhig mein Verhör fortsetzen.

„Glauben Sie, daß die Frau von Waldheim gar nicht bestohlen sei?“

„Im Gegentheil, ich bezweifle den Diebstahl selbst nicht.“

„Haben Sie einen Andern wegen desselben in Verdacht?“

„Ich habe auf Niemanden einen Verdacht.“

„Wie erklären Sie sich dessen Verübung denn?“

„In der Residenz wird viel gestohlen, mit großer Frechheit, auch mit großer Schlauheit. Ich war nicht immer zu Hause; auch die Köchin nicht. Wie leicht kann während unserer Abwesenheit ein Dieb mit Nachschlüsseln eingedrungen sein!“

„Der Diebstahl setzte eine genaue Kenntniß der Einrichtung des Hauses und der Gewohnheiten der Frau von Waldheim voraus.“

Sie sah mich wieder mit einigem Spotte an.

„Das sagen auch Sie den Anderen nach? Und doch werden sicher Hunderte Ihrer Actenstücke ähnliche Diebstähle aufweisen, in ganz gleicher Art von Menschen verübt, die nie an dem Orte des Diebstahls gewesen waren und keinen einzigen Bewohner desselben kannten.“

Sie hatte nicht Unrecht. Ich war, mit der Bestohlenen, befangen gewesen, als ich annahm, der Dieb sei nur unter den Hausgenossen zu suchen. Ich hatte mich übereilt, als ich ihr dies vorhielt; ich konnte ihr auch nicht die besondere defecte Beschaffenheit des Spindes entgegenhalten; denn die Majorin hatte nur gerade darum, weil diese ihr allein bekannt war, das Geld auf dem untersten Boden des Spindes verborgen.

Die Angeschuldigte fuhr von selbst fort:

„Sollte aber auch jene besondere, genaue Kenntniß zur Begehung des Diebstahls erforderlich gewesen sein, warum muß denn gerade ich allein diese besitzen? Die Frau von Waldheim sieht viele Menschen, hat auch unzweifelhaft vor mir viele Leute in ihrem Hause gehabt; sie hat deren noch –“

Ich unterbrach sie.

„Sie erklärten so eben noch, daß Sie gegen Niemanden einen Verdacht hätten!“

„Und dennoch wollte ich jetzt die Leute der Majorin verdächtigen! Das wollten Sie mir ja wohl vorwerfen?“

„Ihre Worte deuteten es an.“

„Konnte ich sie nicht auch anders meinen? Die Leute der Frau von Waldheim können Bekannte haben. Wie oft werden durch einen Liebhaber, Bruder oder andern Verwandten der Köchinnen oder Hausmädchen Diebstähle verübt!“

Auch darin konnte ich ihr nicht Unrecht geben. Sie war eifrig geworden, und in diesem Eifer fuhr sie lebhaft fort:

„Und sodann, die Frau von Waldheim hatte zwar ihre Domestiken, mit Ausnahme der Köchin, mit sich nach Louisenhof genommen; aber Louisenhof ist nicht weit von hier; wie leicht kann der Eine oder der Andere von ihnen hier gewesen sein! – Und Einer war hier!“ setzte sie auf einmal mit großer Heftigkeit hinzu.

„Wer?“ fragte ich rasch.

Sie gab mir keine Antwort und blickte unruhig vor sich hin, in sich hinein.

„Wer? Wer war hier?“ wiederholte ich.

Sie sah mich an, als wenn sie, mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, die Frage nicht verstanden habe. Ich wiederholte:

„Mein Fräulein, Sie sagten geradezu, während der Abwesenheit der Frau von Waldheim in Louisenhof sei einer von ihren Domestiken hier in der Stavt gewesen. Wer war dieser Eine?“

„Ich weiß es nicht, mein Herr,“ antwortete sie mir kurz und auf einmal wieder völlig ruhig und kalt.

Es mußte hier ein Geheimniß vorliegen; aber ich konnte in diesem Augenblicke nicht darauf rechnen, es zu ergründen. Ich ging zu dem gestrigen Diebstahle über.

„Fräulein, sind Sie noch im Besitz von Schlüsseln zu der Wohnung der Frau von Waldheim?“

„Nein, mein Herr.“

„Wo haben Sie den gestrigen Abend zugebracht?“

Auf einmal wurde sie roth, verwirrt, gerade wie vorhin, als ich sie nach ihren Abendausgängen gefragt hatte. Eine große Unruhe hatte sie wieder ergriffen.

Ich hatte allerdings die Frage plötzlich, unerwartet an sie gestellt; allein dies konnte nicht der Grund ihrer Verwirrung und Unruhe sein; denn das geringste Nachdenken hatte ihr seit dem Augenblicke ihrer Verhaftung sagen müssen, daß jene Frage unausbleiblich vor Gericht an sie werde gerichtet werden und sie mußte deshalb auch vollständig auf eine Antwort vorbereitet sein.

Gleichwohl diese Verwirrung! Sie war von ihrem Stuhle aufgesprungen, ging mit großen Schritten in der Stube umher, sah bald nieder, bald empor zur Decke, bald auf mich und kämpfte heftig mit sich, was sie mir antworten solle. Ich wartete ruhig das Ende ihres Kampfes ab.

Auf einmal trat sie rasch vor mich. Sie hatte einen Entschluß gefaßt. Sie warf nur noch einen unschlüssigen Blick auf meinen Protokollführer.

„Ich hätte Ihnen eine Mittheilung zu machen,“ sagte sie, „ober nur Ihnen allein. Nach den Gesetzen muß Ihr Herr Protokollführer bei dem ganzen Verhöre zugegen sein. Gestatten Ihnen Ihre Gesetze, für einzelne Fälle eine Ausnahme zu machen?“

Ich antwortete ihr offen:

„Sie gestatten mir das allerdings. Sie fordern aber zugleich, jede Erklärung, die Sie mir allein gemacht haben, insofern sie für die Untersuchung von Wichtigkeit ist, mir in Gegenwart des Protokollführers von Ihnen wiederholen zu lassen.“

Sir kämpfte wieder mit sich, zwar nur noch kurze Zeit; dann hatte sie wieder einen Entschluß gefaßt, aber ich sah ihr leicht an, daß dieser nicht ganz der vorhin gefaßte war.

„Mein Herr,“ sagte sie, „ich hatte am gestrigen Abende auf beinahe zwei Stunden meine Wohnung verlassen. Ich war erst wenige Minuten vor dem Eindringen der Frau von Waldheim bei mir zurückgekehrt. Das Dienstmädchen der Frau Generalin hat vollkommen die Wahrheit gesagt.“

„Und wo waren Sie gewesen, Fräulein?“

„Herr Criminalrath, das ist es, was ich Ihnen hier nicht sagen kann, auch nicht mehr Ihnen allein, seitdem ich weiß, daß Sie es zu Protokoll nehmen müssen. Und das müßten Sie, ich sehe es jetzt ein. Es würde Personen compromittiren, die ich unter keinen [122] Umständen compromittiren darf. Darum auch ließ ich mich gestern in der ersten Ueberraschung verleiten, die Unwahrheit zu sagen.“

Sie sprach mit großer Festigkeit und Entschiedenheit. Ich konnte um so weniger eine weitere Auskunft von ihr erwarten, als ich diese unwillkürlich mit ihrem schon vorhin erwähnten Geheimnisse in Verbindung bringen mußte. Ich mußte ihr dennoch meiner Pflicht gemäß vorhalten:

„Fräulein, durch die Verweigerung einer Antwort auf meine Frage werden Sie, eben bei der unwahren Angabe, die Sie gestern und zwar wiederholt gemacht hatten, in sehr hohem Grade verdächtig.“

„Ich muß das auf mich nehmen, mein Herr.“

„Sie steigern den Verdacht gegen sich gar in einer Weise, daß Sie darum allein zu einer außerordentlichen Strafe verurtheilt werden können. Bedenken Sie das wohl, Fräulein.“

Sie wurde sehr blaß, aber sie antwortete mit voller Entschiedenheit:

„Ich müßte auch das aus mich nehmen. Aber, mein Herr, ich kann nicht schlecht handeln.“

Sie sprach die einfachen Worte in einer sehr edlen Weise aus. Man glaubte bis auf den Grund ihres Innern zu sehen, wie sie, um nur nicht andere Personen in eine Verlegenheit zu bringen, lieber unschuldig eine schwere Schuld, die Schuld eines gemeinen Verbrechens auf sich nehmen wollte. War dies Wahrheit, so war sie ein edles Herz. War es Verstellung, so war sie eine durch und durch verdorbene, vollendete Heuchlerin,

Ich war als Mensch, wie als Richter zweifelhaft, was ich glauben sollte.

„Mein Fräulein,“ fuhr ich in meinem Verhöre fort, „in derselben Zeit, während Sie gestern auf geheimnißvolle Weise aus Ihrer Wohnung abwesend gewesen sind, ist wiederum in dem Hause der Frau von Waldheim ein Diebstahl verübt, dessen Umstände auch Sie wieder verdächtig machen.“

Sie hatte ihre völlige Ruhe und Kälte zurückgewonnen.

„Außer jener übereilten Unwahrheit kein einziger, mein Herr.“

„Ich fürchte doch. Sie waren gestern zu Mittag bei der Frau von Waldheim?“

„Ja, mein Herr.“

„Erfuhren Sie von ihr, daß sie ausfahren wollte?“

„Ja. Sie wollte eine Freundin auf dem Lande besuchen.“

„Um welche Zeit wollte sie zurückkehren?“

„Gegen acht Uhr Abends.“

„Die Majorin ist gegen acht Uhr zurückgekehrt. Kurze Zeit vor ihrer Rückkehr haben ihre Domestiken, der Bediente und die Kammerjungfer, deutlich gehört, wie die Flurthür zugeschlagen worden ist. Die Domestiken waren allein zu Hause. Die Thür hatte im Drückerschloß gelegen. Der Drücker war im Besitze des Bedienten. War also ein Dritter im Hause gewesen, so hatte er nur auf unbefugte Weise, mittelst eines falschen oder eigenmächtig nachgemachten Drückers hineingelangen können. Das Zuschlagen der Thür zeigte aber nothwendig an, daß Jemand da gewesen war. Die Domestiken konnten zwar bei sofortiger Nachforschung nichts entdecken, aber die Nachsuchung der gleich nachher zurückgekehrten Majorin bestätigte den Verdacht, daß ein Dieb im Hause gewesen war. Der Schreibsecretair in der Wohnstube der Frau von Waldheim war mit einem Nachschlüssel geöffnet gewesen und bestohlen worden.“

Sie hatte mich mit ihrer vollen Ruhe und Kälte angehört.

„Es waren dreißig Gulden daraus entwendet,“ sagte sie, als ich meine Vorhaltung endigte. „So hat man mir gestern Abend gesagt. Und man hat hinzugesetzt, was auch Sie, mein Herr, mir jetzt wahrscheinlich noch werden vorhalten wollen, daß wieder nur ich die Diebin sein könne, weil ich die Gelegenheit des Hauses gekannt, weil ich mich leicht in den Besitz eines nachgemachten Drückers hätte setzen können, weil ich die Abwesenheit der Majorin und die Zeit ihrer Rückkehr gewußt, weil in dem Secretair auch der Schlüssel zu dem Spinde und in diesem noch mehr Geld und die Juwelen der Majorin gelegen und ein anderer, gewöhnlicher Dieb das genommen haben würde. Vielleicht hat man nur noch mehr gesagt, ich habe es vergessen. Vielleicht wissen Sie noch mehr.“

„Vorläufig nicht.“

„Ich darf mich also verantworten?“

„Sie dürfen.“

„Wohlan, mein Herr, lassen Sie uns dem Gange jener Indicien folgen. Daß auch andere Leute die Gelegenheit des Hauses kennen, darüber haben wir schon gesprochen. Dieselben Leute können ebensowohl unberechtigt im Besitz des Drückers gewesen sein. Die Abwesenheit der Majorin wußten auch ihre Domestiken, von diesen können es deren Bekannte weiter erfahren haben. Uebrigens fuhr sie noch bei Hellem Tage aus: viele Menschen können das gesehen haben. Wenn die Diebe die Zeit ihrer Rückkehr nicht kannten, so brauchten sie nur eine Wache auf die Straße zu stellen. Daß sie dies wirklich gethan, dafür spricht sogar jenes Zuschlagen der Thür und Entfernen des Diebes so kurz vor der Rückkehr der Majorin. Glauben Sie, mein Herr, daß ich, wenn ich die Diebin gewesen wäre, bei meiner Kenntnis von der Zeit der Rückkehr der Frau von Waldheim mich bis so nahe vor dieser Rückkehr in ihrer Wohnung würde aufgehalten haben? Und wenn endlich der Umstand mich verdächtigen soll, daß nicht auch das Spinde bestohlen ist, ei, mein Herr, trauen Sie mir in der That so wenig Verstand und Einsicht zu, daß ich nicht, um einen solchen Verdacht von mir abzulenken, eben Alles genommen hätte, was ich nehmen konnte? – Indeß die Frau von Waldheim konnte in ihrem Eifer, in ihrer Leidenschaft, in ihrer –“

Sie stockte, während ein wilder, feindseliger Blitz aus ihrem Auge hervorzuckte. Rasch fuhr sie fort:

„Jene Dame konnte in ihrer Verblendung diese Umstände mir entgegenhalten. Aber Sie, mein Herr, halte ich für viel zu verständig und einsichtig, als daß Sie in Wahrheit solche Indicien gegen mich geltend machen könnten. Und welche andern hätten Sie mir vorzuhalten? Ich sagte Ihnen schon gestern Abend, es werde mir leicht sein, Ihnen Beweise für meine Unschuld zu liefern. Aber ich bedarf deren nicht. Bringen Sie zuerst Beweise für meine Schuld gegen mich vor.“

Ich konnte mir wieder nicht verhehlen, sie zerstörte mit scharfer, klarer Logik alle Argumente, die man aus den Thatsachen für ihre Schuld hätte entnehmen können. Sie vertheidigte sich vielleicht besser, als der gewandteste Vertheidiger es gekonnt hätte. Ich hatte ihr nur noch einen einzigen Umstand entgegenzuhalten. Er hatte freilich nicht viel Gewicht.

„Die beiden genannten Diebstähle sind nicht die alleinigen, deren Sie angeklagt werden. Während Ihrer Anwesenheit im Hause der Frau von Waldheim sind dieser mehrfach allerlei Kleinigkeiten entkommen, Taschentücher, Spitzenkragen, ein seidenes Nadelkissen, eine feine Scheere. Die Scheere hat sie später, als Sie schon bei der Generalin wohnten, bei Ihnen wiedergesehen, Sie hat daraus um so mehr geschlossen, daß Sie ihr auch die andern Sacken entwendet haben.“

Sie konnte sich auch hier leicht vertheidigen. Sie that es mit einem feinen, verächtlichen Lächeln auf den Lippen.

„Entwendet! Mein Herr, wenn zwei Damen in demselben Zimmer, an demselben Tisch, oft bei derselben Arbeit gemeinschaftlich beschäftigt sind, glauben Sie nicht, daß da nothwendig manchmal ihr beiderseitiges Eigenthum durcheinander kommen müsse, daß die Eine in dieser Confusion für ihr Eigenthum hält, was der Andern gehörig, und so umgekehrt? Und wollen Sie nun die Eine, und nur die Eine für eine Diebin und die Andere für eine Bestohlene halten? Haben Sie die Güte, Herr Criminalrath, bei der Frau von Waldheim nur halb so sorgfältig nachsuchen zu lassen, wie sie am gestrigen Abend meine Sachen durchsucht hat, und Sie werden bei ihr eine Menge von Sachen finden, von denen sie selbst wird gestehen müssen, daß sie mein Eigenthum sind. Und dann, mein Herr, werden Sie unter zwei Dingen nur eine Wahl haben: entweder Sis stecken auch die Frau Majorin als Diebin ein, oder Sie werfen mir nicht mehr vor, ich hätte ihr ihre Scheere gestohlen.“

Hatte sie nicht Recht?

Von allen Verdachtsgründen, die in Betreff der Diebstähle sich gegen sie erhoben hatten, blieb, wenn man sie näher betrachtete, verzweifelt wenig bestehen. Konnten durch Vernehmung der Hausgenossen der Majorin nicht noch neue Verdachtsmomente herbeigeschafft werden, und wäre nicht jenes Dunkel über das bisherige Leben der Beschuldigten vorhanden gewesen, das durch die objectiv vorhandene Fälschung ihres Passes als ein zweifelhaftes sich darstellte, ich hätte kaum ihre fernere Verhaftung rechtfertigen können. So war diese einstweilen noch geboten, und ich hatte sie nur noch über jene Paßfälschung zu vernehmen.

Ich legte ihr den Paß vor.

„Sie nennen sich Rosa von Heisterberg?“ fragte ich sie.

[123] „Sie fragten mich schon heute Morgen so.“

„Und Sie bejaheten meine Frage.“

„So ist es.“

„Auch dieser Paß nennt Sie so.“

„Ich weiß es.“

„Aber er ist verfälscht.“

„Ich glaube nicht.“

„Ueberzeugen Sie sich selbst.“

Ich bezeichnete ihr die gefälschte Stelle. Sie lächelte unbefangen.

„Nun?“

„Das Wörtchen von ist später zugeschrieben.“

„Gewiß.“

„Von wem?“

„Einfach von dem guten alten Herrn selbst, der den ganzen Paß geschrieben hat. Er hatte in der Zerstreuung Rosalie Heisterberg geschrieben. Als er das Geschriebene durchlas, überzeugte er sich von dem Fehler. Ich legte kein Gewicht darauf. Aber er bestand darauf, den Paß so zu ändern, wie Sie ihn hier sehen, schon darum, weil die Beglaubigung meines Standes mir eine bessere Aufnahme in meiner neuen Stellung verschaffen werde. Ich konnte ihm nicht wehren.“

„Sie erzählen,“ erwiderte ich ihr, „allerdings mit einem gewissen Scheine von Glaubwürdigkeit. Allein, da Sie einmal von einem Passe Gebrauch gemacht haben, der offenbare Spuren einer Fälschung an sich trägt, so werden Sie den Beweis liefern müssen, daß eine Fälschung in der That nicht vorhanden sei. Jene Erzählung ersetzt diesen Beweis nicht.“

Sie blieb ruhig.

„Der Gesandte ist todt, mein Herr. Ich weiß, wie diese einfache Thatsache gegen mich sprechen kann. Sie kann aber auch eben so viel zu meinen Gunsten wiegen. Bei richtiger Erwägung aller Umstände wird es indessen gar nicht darauf ankommen können. Ich habe sofort diesen Paß, so wie er hier vor Ihnen liegt, der Polizei übergeben. Würde ich dies, wenn er gefälscht war, bei Lebzeiten des Gesandten gewagt haben?“

Auch darin hatte sie Recht.

Mein resultatloses Verhör war zu Ende. Ich erklärte ihr, daß ich sie bis zur Erschöpfung der sämmtlichen Beweismittel noch einstweilen in Haft behalten müsse.

Sie hörte mich mit der größten Ruhe an. Sie sah auf die Bücher, die für sie da lagen.

„Sie werden mir doch diese Bücher mit in meine Haft geben?“ fragte sie.

„Gewiß.“

„Werden Sie mir auch eine zweite Bitte gewähren?“

„Wenn ich darf, gern.“

„Ich bitte um Schreibmaterial.“

Ich konnte ihr diese Bitte nur ausnahmsweise, auf meine Verantwortung gewähren. Ich zögerte einen Augenblick.

„Ich werde keinen unerlaubten Gebrauch von Ihrer Erlaubnis; machen,“ fuhr sie fort. „Sie können mich controliren. Ich werde Ihnen jede Zeile vorzeigen, die ich geschrieben habe.“

Ich genehmigte ihre Bitte. Und nun war sie auf einmal wieder glücklich wie ein Kind.

„O, mein Herr, wenn ich schreiben und lesen kann, dann können Sie – ja wahrhaftig, dann können Sie mich noch ein ganzes Vierteljahr in Ihrer Haft behalten. Darf ich?“

Sie zeigte nach den Büchern, ob sie sie gleich mitnehmen dürfe?

Ich bejahete.

Sie nahm sie unter den Arm, so viel sie tragen konnte. Die andern ließ ich ihr durch den Gefangenwärter nachtragen.

So entfernte sie sich, triumphirend, glücklich.

War sie eine Verbrecherin? Konnte sie es bei solchen Gefühlen sein? War das Alles Verstellung?

Am unklarsten war mir das eigenthümliche Verhältniß, in welchem sie nothwendig zu der Frau von Waldheim stehen mußte. Sie hatte einen wahrhaft feindseligen Haß gegen diese Frau. Einzelne Aeußerungen hatten offenbar gezeigt, daß dieser Haß älter als seit gestern war, daß er auch auf etwas ganz Anderes, als die Diebstähle sich bezog. Beides hatte ich auch aus den Worten der Frau von Waldheim entnehmen müssen, die ihrerseits von nicht minder lebhafter Abneigung gegen die Angeschuldigte erfüllt war. Dennoch, hatten die Beiden bis zu dem letzten Tage, bis gestern, in einem äußerlich freundlichen Verkehre mit einander gestanden, sich sogar gegenseitig besucht. Was lag da vor?

Ich vernahm am folgenden Tage die Domestiken der Frau von Waldheim, ferner die Generalin und deren Dienerschaft. Ich erhielt nicht die geringste neue Auskunft; nur überall Bestätigungen dessen, was schon zu den Acten gebracht war.

Eben so konnte die Polizei mir zu dem bereits Bekannten keine neuen Momente liefern. Auch eine nochmalige genaue Durchsuchung der Sachen der Angeschuldigten hatte nichts Verdächtiges gebracht. Selbst die Nachforschungen nach dem unbekannten jungen Manne waren vergeblich gewesen.

Ich war im Begriffe, die Angeschuldigte ihrer Haft zu entlassen und dem Criminalgericht, nach dessen einmal bestehender, allerdings nicht zu billigender Praxis, die Acten zur einfachen Zurücklegung einzureichen. Auf einmal, schon am frühen Morgen, dem dritten nach der Verhaftung der Heisterberg, kam die Majorin von Waldheim bei mir vorgefahren. Sie war in großer Aufregung.

„Jetzt kann, ich die Diebin vollständig überführen. Die Person hat. mich entsetzlich bestohlen. Fast mein ganzer Juwelenschmuck ist fort.“

Sie mußte sich zusammennehmen, bevor sie im Zusammenhange erzählen konnte. Sie gab dann unter dem wiederholten Erbieten zur eidlichen Erklärung folgende Thatsachen zum Protokoll:

Sie hatte einen nicht unbedeutenden Schmuck. Derselbe war, wenn sie ihn nicht gebrauchte, in jenem Wandspinde in ihrer Schlafstube verwahrt, zu welchem der Schlüssel in dem mittleren Fache des Schreibsecretairs in der Wohnstube lag. Sie hatte den Schmuck in neuerer Zeit selten getragen, seit ihrer Rückkehr von Louisenhof, wohin sie ihn mitgenommen hatte, gar nicht. So war es gekommen, daß sie wenig auf ihn geachtet hatte. Dies auch nicht in der ersten Zeit nach der Verhaftung der Heisterberg, zumal da sie bei der Entdeckung des zweiten Gelddiebstahls das Spinde unberührt und auch namentlich die Juwelen darin, wie sie meinte, unversehrt gefunden hatte. Eine eigenthümliche Unruhe hatte sie am gestrigen Abende zur nähern Besichtigung ihres Schmuckes veranlaßt, und nun hatte sie zu ihrem Schrecken entdeckt, daß in einem großen Theile desselben sich nur falsche Steine ohne allen Werth befanden, durch welche die herausgenommenen echten, mitunter sehr werthvollen Steine ersetzt waren. Die falschen Steine waren völlig kunstgemäß eingesetzt und gefaßt, so daß der Schmuck täuschend dem echten glich, und nur ein Kenner die Fälschung entdecken konnte. Die Majorin war Kennerin. Sie war so sehr Kennerin, daß sie bei genauerer Betrachtung an der Fassung eines der gefälschten Stücke den Juwelier erkannte, durch den sie geschehen sein müsse. Ihr Verdacht fiel sofort auf die Heisterberg. Sehr natürlich. Hatte sie einmal diese wegen der anderen Diebstähle in Verdacht, so konnte sie auch den jetzt entdeckten nur ihr vorwerfen. Sie fuhr auf der Stelle zu dem Juwelier, sie zeigte ihm den Schmuck, den er nach ihrer Meinung gefaßt haben sollte. Er hatte ihn gefaßt.

„Auf wessen Bestellung?“

„Eine fremde junge Dame brachte mir den Schmuck mit den echten Steinen und verlangte die Einsetzung und Fassung falscher, aber so, daß die Aehnlichkeit mit den echten eine täuschende sei.“

„Wann war das?“

„Vor etwa fünf Wochen.“

„Wie sah die Dame aus?“

Der Juwelier beschrieb genau die ehemalige Gesellschafterin der Majorin.

„Nannte sie sich?“

„Sie verweigerte die Nennung ihres Namens und die Angabe ihrer Verhältnisse. Sie gab einen plausiblen Grund dafür an. Der Schmuck gehöre ihrer Familie; ihre Mutter sei in großer Geldverlegenheit; es handle sich um eine Ehrenschuld, deren Berichtigung nicht aufgeschoben werden könne. Weder ihr Vater, noch die Gesellschaft, in der ihre Mutter erscheinen müsse, dürfe die echten Steine bei ihr vermissen. Die Dame gehörte nach ihrer ganzen Erscheinung unstreitig den höheren Ständen an. Awhnliche, in voller Wahrheit beruhende Mittheilungen waren mir schon oft gemacht. Ich hatte nicht die geringste Veranlassung, an der Richtigkeit auch dieser Angabe zu zweifeln, und die verlangte Arbeit abzulehnen.“

Dem Juwelier war in der That kein Vorwurf zu machen. Auch mir waren ähnliche Vorfälle bekannt. Wie viele falsche Steine [124] wurden als echte in den höchsten Cirkeln der Residenz getragen, nicht blos aus Eitelkeit; die Etikette legt so manchen Zwang auf.

Der Juwelier hatte der Frau von Waldheim, die ihren gesammten Schmuck ihm vorzeigte, nach der Verschiedenheit der Fälschung, auch die anderen Werkstätten, aus denen diese hervorgegangen waren, angegeben. Sie begab sich dahin. Ueberall wurde die Arbeit anerkannt. Ueberall war fast zu derselben Zeit dieselbe junge Dame gewesen, die das Herausnehmen der echten und die täuschend ähnliche Wiedereinsetzung der falschen Steine bestellt hatte, unter denselben lügenhaften Angaben; nur hatten diese manchmal zwischen einer Mutter und einer Tante abgewechselt. Man hatte ihr überall Glauben geschenkt.

Auffallend war es nur gewesen, daß sie die echten Steine, anstatt, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sie sofort dem Juwelier zu verkaufen oder verkaufen zu suchen, zurückgenommen hatte.

Der Bestohlenen waren auf solche Weise entwendet die Steine aus einem goldenen Stirnbande, einem Halsschmuck, einem Armbandschlosse und drei Ringen. Den Werth der entwendeten Steine gab sie nach den Schätzungen der Juweliere selbst auf mehr als dreitausend Thaler an.

Die Angaben der Bestohlenen waren um so wichtiger und erheblicher, je mehr, wenn sie richtig waren, diesmal ein klarer Ueberführungsbeweis gegen die Angeschuldigte herzustellen war.

Die Juweliere, nicht blos Einer, bei dem noch möglicher Weise eine Täuschung hätte angenommen werden können, mußten die Angeschuldigte, wenn sie ihnen wirklich die Juwelen gebracht hatte, mit Bestimmtheit wieder erkennen. Sie war dann eine überwiesene Diebin. - Und nicht blos für diesen Diamantendiebstahl. Der Beweis, der für ihn erbracht war, mußte nothwendig auch für die anderen Diebstähle mit großer Kraft zurückwirken.

Freilich konnte ich noch an eine sonderbare Eventualität denken. Aber auch, wenn diese eintrat, hatte ich klares Licht; allerdings nach einer ganz anderen Seite hin.

Ich ließ zuerst die sämmtlichen Juweliere vorladen, durch welche die falschen Steine eingesetzt waren. Sie bestätigten die Angaben der Bestohlenen in allen Punkten, die sie betrafen, auch hinsichtlich des Werthes der echten Juwelen. Die Dame hatte, wie leidenschaftlich sie auch wieder gewesen war, diesmal nicht übertrieben. Sie beschrieben ebenso ganz genau und übereinstimmend Figur und Wesen der Angeschuldigten. Ich konnte mich freilich mit dieser Beschreibung nicht begnügen; ich führte die Zeugen einzeln an die Zelle der Heisterberg. Die Thür der Zelle hatte, wie auch die übrigen Gefangenenzellen, eine kleine Glasscheide, um durch sie unbemerkt von außen die Gefangene in ihrer Zelle beobachten zu können. Ich ließ die Zeugen hindurchsehen. Alle erkannten sie auf der Stelle mit der größten Bestimmtheit. Keinem einzigen war nur der geringste Zweifel über die Identität der Person.

Ich ließ dann nochmals eine genaue Haussuchung in der Wohnung der Beschuldigten vornehmen. Diese führte allerdings nicht zu dem geringsten Resultate.

Ich schritt zu ihrem Verhör.

Ich war im höchsten Grade gespannt. Durch dieses Verhör mußte die Wahrheit herauskommen. Nach der einen oder nach der anderen Seite.

Die Angeschuldigte konnte, als ich sie zu diesem neuen Verhöre vorführen ließ, von der Entdeckung des Diamantendiebstahls nicht die leiseste Ahnung haben, wenn nicht ihr eigenes böses Gewissen sie immer darauf vorbereitet hielt.

Ich begann das Verhör nicht sofort mit Fragen darüber.

„Fräulein, es dürfte sehr wahrscheinlich nothwendig werden, Ihre früheren Lebensverhältnisse zu erforschen. Können Sie sich auch jetzt noch nicht entschließen, mir darüber Mittheilungen zu machen?“

„Nein, mein Herr,“ erwiderte sie mit ihrer gewöhnlichen Ruhe.

„Ich habe Ihnen schon früher bemerkt, daß Sie durch diese Weigerung sehr weitaussehende Nachforschungen veranlassen.“

„Ich bedauere, daß ich Ihnen Mühe mache.“

„Ihre Haft kann sich dadurch Monate lang hinziehen.“

Sie lächelte.

„Herr Criminalrath, pflegen Sie die moderne Inquirententortur anzuwenden?“

„Nein.“

„Ich meine selbstredend nicht die ungesetzliche; aber die von dem Gesetz gestattete, nach der Ansicht manches Inquirenten gar befohlene: Entziehung von eingeräumten Bequemlichkeiten, einsame Einsperrung oder, wenn man keine Gesellschaft wünscht, die Gesellschaft von Dieben und anderem schlechten Gesindel, und ähnliche Mittel.“

„Ich wende auch solche Mittel nicht an.“

„Sie werden mir also meine Zelle für mich allein lassen?“

„Ja.“

„Sie werden mir auch meine Bücher, meine Schreibmaterialien lassen?“

„Ja.“

„O, mein Herr, sagen Sie Ihr Ja nicht so kalt, so verletzt und verletzend. Wenn Sie wüßten, wie glücklich, wie wahrhaft glücklich mich Ihre Versicherungen machen, Sie würden sich mit mir freuen, und wenn Sie auch eine so vollkommen verhärtete und verknöcherte Inquirentenseele hätten, wie Sie sie so vollkommen nicht haben.“

Durch ihr Lächeln, mit dem sie mich anblickte, drangen Thränen, die sie vergeblich zurückzuhalten suchte.

Wirkliche, echte Thränen kommen nur aus dem Herzen. Keine Verstellung, keine Heuchelei kann sie aus den Augen pressen. Vielleicht tausend Mal habe ich als Inquirent die gewaltsamsten und immer vergeblichen Anstrengungen der Verstellung wahrnehmen müssen.

„Kann dieses Herz wirklich einer gemeinen Diebin angehören?“ mußte ich mich wieder unwillkürlich fragen. „Und doch, wie kalt, wie spöttisch für gewöhnlich und in solcher Lage!“

Ich setzte mein Verhör fort.

„Aber, Fräulein, Sie erzielen durch Ihre hartnäckige Weigerung am Ende nichts. Glauben Sie, daß bei der Lebendigkeit und Leichtigkeit des gegenwärtigen internationalen Verkehrs meine Nachforschungen nach Ihnen resultatlos bleiben können?“

„Sie werden es bleiben,“ sagte sie sehr sicher.

„Auch nachdem Sie selbst den Weg gezeigt haben, den ich zu nehmen hatte?“

„Ich?“

„Sie haben bei der Frau von Waldheim über Ihre Verhältnisse Manches erzählt.“

Ich sah sie scharf an.

Sie erwiderte meinen Blick frei, wieder mit einem etwas spöttischen Lächeln.

„Mein Herr, wenn Ihnen damit gedient sein sollte, Sie haben nur zu befehlen.“

„Sie haben freilich meist in Räthseln gesprochen.“

„Ganz richtig.“

„Sie haben sich absichtlich in ein gewisses geheimnißvolles und vornehmes Dunkel zu hüllen gesucht.“

„Ah, ich höre die Frau von Waldheim.“

„Allein, mein Fräulein, auch aus den dunkelsten Geheimnissen läßt sich ein klarer Kern herausschälen, in dessen Mitte, wenn man ihn öffnet, zuletzt die Wahrheit zu Tage erscheint.“

„Mein Herr, versuchen Sie Ihr Glück; aber sollten Sie Ihre Nachrichten über meine geheimnißvollen Andeutungen blos von der Frau von Waldheim haben, so möchte ich Sie doch bitten, vorher noch Andere darüber zu befragen. Sie könnten dabei zugleich interessante Mittheilungen über die eigenthümliche Wahrheitsliebe der genannten Dame überhaupt erhalten.“

„Und welche Personen würden Sie mir vorschlagen?“

Sie stutzte.

„Ah, lassen wir das. Sie gehören Alle zu ihrer Gesellschaft und mir liegt nicht daran.“

„Aber mir.“

„So müssen Sie so gütig sein, sich bei der Frau von Waldheim selbst zu erkundigen.“

„Fräulein, im Besitze von welchen Schmucksachen war die Frau von Waldheim?“

Ich hatte die Frage unmittelbar, rasch, wie ganz zu dem verhandelten Gegenstande gehörig, an sie gerichtet. Die Angeschuldigte war also völlig unvorbereitet auf sie.

Sie wurde in der That überrascht. Aber diese Ueberraschung war eine durchaus sonderbare.

Sie sah mir scharf, tief, mit eimem ahnenden und plötzlich [125] hell und wild aufflammenden Blicke in das Auge, als wenn die Frage auf einmal einen entsetzlichen, kaum zu fassenden Gedanken in ihr geweckt hätte.

„Wie?“ rief sie dann heftig. „Auch ihre Juwelen soll ich ihr gestohlen haben? Auch das hat diese Frau zu behaupten gewagt? Auch dazu hatte sie die Frechheit? Antworten Sie mir, mein Herr, antworten Sie!“

Ihr Gesicht war leichenblaß geworden. Sie zitterte; aber vor Zorn, vor wilder Leidenschaft, vor Wuth.

Das waren keine Aeußerungen eines schuldbewußten Gewissens. Ich hätte in diesem Augenblicke auf ihre Unschuld schwören mögen.

Ich mußte meine ganze Inquirentenkälte zusammennehmen.

„Ja, die Frau von Waldheim beschuldigt Sie, ihr den größten Theil ihrer Diamanten entwendet zu haben.“

Auch sie hatte sich, und gewiß nicht ohne große Anstrengung, wieder gefaßt. Ruhig sagte sie:

„Erzählen Sie mir, mein Herr, was sie gesagt hat.“

Ich fuhr in meinem Verhöre fort:

„Sie haben.mir meine Frage noch nicht beantwortet. Kannten Sie den Juwelenschmuck der Frau von Waldheim?“

„Ja, mein Herr.“

„Wo hielt sie ihn verwahrt, wenn sie ihn nicht trug?“

„In dem Wandspinde ihrer Schlafstube.“

„Haben Sie selbst ihn dort gesehen?“

„Oft genug. – Aber, mein Herr, wozu sollen wir diese Komödie noch länger fortsetzen? Sie mögen nach Ihrer Inquirentenmaxime nicht sofort und geradeaus zu Ihrem Ziele vorangehen wollen oder dürfen. Mich hindert nichts, Ihnen ohne Weiteres die Wahrheit zu sagen. Und sie ist diese: Die Frau von Waldheim liebt den Aufwand. Sie liebt ihn über ihre Kräfte und ist nicht vermögend. Ihre Pension ist unbedeutend; dies ist bekannt. Sie war ein armes Fräulein; auch das ist bekannt. Sie hat ausgestreut, von ihrem verstorbenen Manne ein ansehnliches Vermögen, geerbt zu haben. Sie hat nur wenig geerbt; das aber ist nicht so bekannt. Ihr Aufwand hat schon lange den größten Theil ihres Vermögens verzehrt. Ihr Ehrgeiz, ihr Hochmuth leiden nicht, ihn zu, beschränken. Sie kann es auch aus einem anderen Grunde nicht. Die Thörin verfolgt einen Plan –“

Sie stockte plötzlich, aber mit einem Blicke, in dessen Brennen sich der tiefste Haß, die tödtlichste Feindschaft zeigte.

Welches Geheimniß lag zwischen diesen beiden Frauen?

„Fahren Sie fort,“ forderte ich sie auf.

„Ich werde. Nach ihrer Rückkehr von Louisenhof war sie in großer, dringender Geldverlegenheit. Sie sagte es mir nicht; aber sie erhielt versiegelte Billete, die wie Rechnungen, wie Mahnbriefe aussahen und die sie auf das Sorgfältigste vor mir zu verbergen suchte. Sie war in auffallender Verlegenheit, in großer Verstimmung. Schon am dritten Tage mußte sie mich zu ihrer Vertrauten machen, freilich in ihrer falschen, hinterlistigen, heuchlerischen Weise. Sie habe von einem theuern Verwandten die Nachricht erhalten, daß er eine besonders vortheilhafte Gelegenheit habe, sein Gut durch einen bedeutenden Zukauf zu verbessern; es fehlen ihm dazu nur einige Tausend Thaler. Er sei sie angegangen, ihm das Geld in der Residenz zu verschaffen, und sie habe sich entschlossen, selbst es ihm vorzuschießen. Sie habe nun zwar nicht die baaren Mittel liegen; aber ihr Schmuck liege als völlig zinsloses, todtes Capital da; falsche Steine thäten dieselben Dienste; drei Viertel der Damen am Hofe trügen falsche Steine, warum nicht auch sie? Es komme nur darauf an, daß die falschen Steine für echte gehalten werden, und dazu sei erforderlich, daß ihr Schmuck äußerlich ganz der bisherige bleibe und die neue Fassung für Jedermann ein Geheimniß sei. Dazu solle ich ihr behülflich sein. Sie selbst sei in der Residenz bekannt, auch bei den Juwelieren; mich aber kenne Niemand. Ich möge daher mit den einzelnen Stücken ihres Schmuckes zu verschiedenen Juwelieren gehen und unter Vorbringen von Märchen über Noth, Ehrenschulden und so weiter das Herausnehmen der echten Steine und die Wiederherstellung der Schmucksachen in ganz gleicher Fassung wie bisher durch falsche Steine veranlassen.

„Mein Herr, dies habe ich gethan. Ich habe ihr die alten, echten Steine zurückgebracht; sie hat durch mich ihren Schmuck mit den neuen, falschen Steinen zurückerhalten. Und nun – nun will sie mich zur Diebin ihrer Juwelen machen? Nun soll ich ihr ihre Steine gestohlen haben? Ich weiß nicht, soll ich auch dies mehr empörend oder mehr lächerlich nennen?“

Da war jene Eventualität da, an die ich gedacht hatte.

Ich hatte aber auch jenes Licht, das sie mir bringen mußte. Eine von den beiden Frauen mußte nothwendig eine durchaus verworfene Person sein, entweder die Angeklagte oder Anklägerin, bei der hier blos von einem falschen Verdachte gegen jene nicht mehr die Rede sein konnte.

Allein welche von ihnen war es?

Die Frau von Waldheim hatte ihre Anklage mit dem vollen Tone, mit dem ganzen Wesen der Wahrheit vorgebracht.

Die Angeschuldigte hatte nicht minder ihre Vertheidigung mit einer Ruhe und mit einer Sicherheit geführt, daß man zu der Ueberzeugung von der Wahrheit ihrer Worte mit einer fast nicht zurückzuweisenden Gewalt gezwungen wurde.

Und dennoch mußte nothwendig eine von diesen Aussagen unwahr, falsch, erlogen sein!

Es mußte ein anderer, äußerer Beweis herbeigeschafft werden. Aber wie und von wem?

Die Aussagen der Juweliere waren dafür unerheblich. Sie konnten nur bestätigen, und sie hatten schon bestätigt, was beide Theile angegeben hatten, ohne in die eine oder andere Wagschale ein schwereres Gewicht zu legen.

Der sogenannten moralischen, rein menschlichen, lediglich den einzelnen Fall mit seinen Persönlichkeiten und Haupt- und Nebenumständen festhaltenden Ueberzeugung gegenüber, konnte der Fall so liegen, daß jeder Theil seine Angaben zu beweisen habe und bis dahin keine von ihnen als wahr angenommen werde. Vor der richterlichen Beweistheorie war jedoch die Angeklagte, welche fremdes Eigenthum unter unwahren Angaben und heimlich producirt und dann wieder eben so in ihren Besitz genommen hatte, zunächst in der Lage, die Rechtmäßigkeit ihrer an sich als ungerechtfertigt sich darstellenden Handlungen, also die Wahrheit ihrer Aussage nachzuweisen; allerdings nicht zum directen Beweise ihrer Unschuld, aber zur Vernichtung des durch die vorhandenen Thatsachen selbst einmal gegen sie begründeten Verdachts. Ich eröffnete ihr das.

„Fräulein, haben Sie Beweismittel für die Wahrheit Ihrer Behauptungen?“

„Kann die Majorin vorher ihre Behauptungen beweisen?“ fragte sie zurück.

„Die Sache steht für die Majorin anders, als für Sie.“

„Ich wäre begierig.“

„Sie sind im Besitze fremder Sachen gewesen, ohne beweisen zu können, daß Sie diesen Besitz in redlicher Weise erlangt hatten.“

„Man beweise mir den unredlichen Erwerb.“

„Die Majorin wird beschwören, daß jene Sachen ihr ohne ihr Wissen und Wollen entkommen, also entwendet sind.“

„Das kann sie nicht.“

„Sie hat sich schon bereit dazu erklärt. Sie wird es, mit Uebereinstimmung des Gesetzes.“

„Sie wird falsch schwören.“

„Sie ist eine unbescholtene Frau. Ihr Eid wird beweisen, daß die Steine ihr wirklich gestohlen sind; so bestimmt es ausdrücklich das Gesetz. Dann bildet, gleichfalls nach ausdrücklicher Vorschrift des Gesetzes, der Besitz des gestohlenen Gutes ein dringendes Anzeichen des Diebstahls gegen Sie, bis zu jenem Nachweise des ehrlichen Erwerbes. Zu diesem Anzeichen kommen die an sich gleichfalls erwiesen unwahren Angaben, die Sie selbst den Juwelieren über den Besitz der Sachen gemacht haben, bis Sie wiederum den Beweis liefern können, daß Sie diese Unwahrheiten nur im Einverständniß mit der Frau von Waldheim vorgebracht haben. – Ueberzeugen Sie sich, daß die Sache anders für Sie und anders für die Frau von Waldheim steht?“

Sie war schon längst überzeugt. Man sah es ihr an, wie sie leichenblaß, in tiefes, unruhiges Grübeln versunken da saß und mir kein Wort erwidern konnte.

Ich mußte mit unerbittlicher Strenge fortfahren.

„Damit bringen Sie, ebenfalls nach der ausdrücklichen Aufforderung des Gesetzes, in Verbindung, daß Sie selbst, theils durch Ihre geheimnißvollen Erzählungen über Ihre früheren Lebensverhältnisse, theils durch Ihre hartnäckige Weigerung, auch jetzt noch über diese Auskunft zu geben, den Verdacht einer vagirenden Abenteurerin, auf der vielleicht gar Verbrechen haften, der man jedenfalls wenig Glauben schenken kann, gegen sich erweckt haben.“

[126] Sie war mit jedem meiner Worte unruhiger geworden.

Und dies war eine Unruhe, die für meine individuelle Ueberzeugung immer mehr zu ihren Gunsten sprach. Es war die Unruhe, die Angst der von dem Scheine der Schuld erdrückten Unschuld.

Aber meine individuelle Ueberzeugung war nichts und galt nichts, gegenüber der Ueberzeugung des Gesetzes. Und das Gesetz sah diese Unruhe und ihren besondern Charakter nicht, sondern zählte nur jene Indicien auf.

„Mein Gott,“ rief sie in ihrer Angst, „was soll ich denn beweisen?“

Ich sann nach.

„Kann Jemand von den Leuten der Frau von Waldheim irgend einige Auskunft geben?“

„Niemand. Sie sprach nur mit mir und nur heimlich.“

„Auch Niemand von ihren Bekannten oder Freundinnen?“

„Sie hielt die Sache im höchsten Grade geheim.“

„Hat die Kammerjungfer nicht etwa eine Veränderung an dem Schmuck wahrgenommen oder darüber gesprochen?“

„Niemals.“

„Hat die Majorin den Verwandten genannt, dem sie das Geld leihen wollte?“

„Sie hütete sich.“

„Können Sie einen der Gläubiger bezeichnen, die Sie nach Ihren Annahmen mit dem für die Juwelen erhaltenen Gelde befriedigt hat?“

„Ich bin dazu nicht im Stande,“

„Sie wissen auch nicht, wo sie die Juwelen verkauft haben mag?“

„Auch das nicht.“

„Ihre Sache steht schlimm, um so schlimmer, als man nur zu geneigt sein muß, von diesem Diamantendiebstahle zugleich auf die übrigen Diebstähle zurückzuschließen.“

Sie hatte keine Erwiderung hierauf.

Sie saß wieder grübelnd, unruhig, ängstlich, wie vernichtet.

Auf einmal sprang sie auf. Aus ihrem flammenden Auge leuchtete ein fester Entschluß hervor.

„Mein Herr,“ sagte sie, rasch die Worte hervorschleudernd, „fragen Sie den Prinzen Ottokar.“

„Wen?“ rief ich.

Sie antwortete nicht.

„Den Prinzen Ottokar?“

„Ja.“

„Und was soll er Ihnen bezeugen?“

„Er weiß –“

„Sprechen Sie sich bestimmt aus.“

Sie antwortete mir nicht mehr.

So wie sie den Namen des Prinzen ausgesprochen hatte, war sie wieder leichenblaß geworden. Sie mußte sich schnell auf einen Stuhl setzen, wenn sie nicht umsinken sollte. Sie konnte mir nur noch mühsam jene wenigen, kurzen, weiteren Antworten geben. Dann fiel sie, völlig erschöpft, ineinander, schloß die Augen und schien einer Ohnmacht nahe zu sein.

Ich ließ ihr Zeit, sich zu erholen.

Sie schlug die Augen wieder auf.

„Darf ich mit Ihrer Vernehmung fortfahren?“ fragte ich sie. Sie nickte mit dem Kopfe.

„Was soll der Prinz Ottokar bekunden?“

Als ich den Namen aussprach, zuckte ihr ganzer Körper zusammen.

„Habe ich den Namen genannt?“ rief sie. „Nein, nein! Ich habe im Wahnsinn gesprochen. Fragen Sie ihn nicht, er weiß nichts. Fragen Sie auch mich nichts mehr; ich weiß nicht mehr, was ich sage. Es ist mir Alles wirr im Kopfe. Ich beschwöre Sie, brechen Sie das Verhör ab. Seien Sie menschlich.“

Ich brach das Verhör ab und ließ sie in das Gefängniß zurückführen.

Was war das gewesen? Welche neue Phase? War es eine neue Phase unmittelbar für die Untersuchung? Oder nur für die Kenntniß des Innern, des Herzens der Angeschuldigten?

Der Prinz Ottokar war ein entfernter Anverwandter des Hofes, nicht so häufig am Hofe selbst, als in den höchsten Adelsgesellschaften der Residenz gesehen. Er war hier, wie überall, gern gesehen, denn er war ein schöner, sehr angenehmer Mann in der Mitte der dreißiger Jahre, und Wittwer. Seine Gemahlin hatte ihm zwei Kinder hinterlassen. Er hatte ein selbst für seinen hohen Stand bedeutendes Privatvermögen und lebte auch unabhängig vom Hofe. Er machte gern den Damen den Hof. Zur Regierung konnte er nie gelangen, auch schwerlich seine etwaige fernere Nachkommenschaft, So war ihm eine anderweite, auch unebenbürtige Vermählung nicht verwehrt. Manche schöne adlige Dame mochte sich in dem süßen Traume wiegen, als Prinzeß Ottokar an, Hofe wie eine Cousine empfangen zu werden.

Das war von dem Prinzen Ottokar allgemein bekannt.

Aber in welcher Beziehung stand er zu der Angeschuldigten? Oder der Frau von Waldheim? Oder zu Beiden? Ich hatte nie etwas davon gehört; auch nicht das Geringste. Ich wußte nicht einmal, daß er die Gesellschaften der Frau von Waldheim besuche, obwohl ich es voraussetzen konnte.

In irgend einer Beziehung mußte er zu einer von Beiden stehen; wahrscheinlich zu Beiden, weil er über Thatsachen Auskunft geben sollte, welche Beide betrafen; jedenfalls zu der Angeklagten oder aber sie zu ihm. Und jedenfalls mußte wenigstens auf ihrer Seite das Verhältnis; ein durchaus eigenthümliches sein, weil es ihr eine so große Anstrengung gekostet hatte, seinen Namen zu nennen. Er sollte, er konnte ihre Ehre retten; aber wie heftig hatte sie mit sich kämpfen müssen, bevor sie ihn als Zeugen benannte! Und nur erst, als sie gar kein anderes Mittel mehr sah, und nur in einem Zustande halber Verzweiflung war der Name mehr unwillkürlich plötzlich ihren Lippen entfallen, als daß sie ihn mit klarem Vorsätze ausgesprochen haben mochte.

Hier lag ein neues Räthsel vor, das freilich mit manchem bisher beobachteten Geheimnißvollen in Verbindung stehen konnte. Ob es sich aufklären, vollständig aufklären werde, stand dahin. Auf alle Fälle mußte durch die Vernehmung des Prinzen sich herausstellen, ob die Angeschuldigte eine Diebin oder die Frau von Waldheim eine falsche Anklägerin war.

Ich konnte gleichwohl sofort nichts weiter veranlassen. Den Prinzen konnte ich nicht wohl vernehmen, bevor die Angeschuldigte bestimmte Thatsachen, über die er Auskunft ertheilen solle, angegeben hatte. Erst, wenn sie diese verweigerte, durfte ich ihn blos allgemein befragen. Ich mußte sie also vorher noch einmal verhören, und dies sofort zu thun, erlaubte ihr Zustand nicht. Ich beschloß daher, für den heutigen Tag in der Sache nichts mehr zu veranlassen.

Aber es kam anders.

Ich hatte sie des Vormittags verhört. Ich hatte darauf meine übrigen Arbeiten auf dem Criminalgericht erledigt und stand im Begriff, mich zu Mittag nach Hause zu begeben, als mir noch die Majorin von Waldheim gemeldet wurde. Sie konnte mir neue Mittheilungen für die Untersuchung zu machen haben. Es kam mir auch auf einmal der Gedanke, ihr in Betreff des Prinzen eine Frage vorzulegen, um zu beobachten, welchen Eindruck die Nennung des Namens auf sie machen werde, um danach meine weiteren Fragen an die Angeschuldigte einrichten zu können.

Ich ließ sie vorkommen.

Sie trat mit einer Ruhe ein, die mir mehr eine gemachte zu sein schien,

„Ich komme blos,“ hub sie an, „mich zu erkundigen, ob die Person auch jetzt noch kein Geständniß abgelegt hat?“

Feines Gefühl zeigte diese Frage nicht. Zu einer weiteren Conjunctur konnte sie mich nicht berechtigen, einen wie unangenehmen Eindruck sie auch auf mich machte.

„Nein,“ antwortete ich kalt.

„Was hat sie denn gesagt?“ fragte die Dame nun rasch weiter.

„Gnadige Frau,“ erwiderte ich ihr, „meine amtliche Stellung verbietet mir, wenigstens für den Augenblick, Ihnen darüber Auskunft zu ertheilen.“

Sie blieb ruhig.

„Ah, entschuldigen Sie, Herr Criminalrath.“

„Indeß,“ fuhr ich fort, „einen Punkt darf ich Ihnen jetzt gleich mittheilen. Die Angeschuldigte hat sich auf das Zeugniß des Prinzen Ottokar berufen.“

War vorhin die Angeschuldigte, als sie den Namen aussprach, einer Ohnmacht nahe gewesen, so flog die Frau von Waldheim, als sie den Namen hörte, plötzlich in die Höhe, gleich einer wüthenden Schlange, die auf ein Opfer losstürzen will.

[127] „Ha, die freche Person!“ rief sie.

Dann wurde aber auch sie leichenblaß.

„Was hat sie von dem Prinzen gesagt?“ fragte sie dringend, heftig, unruhig. „Was soll er ihr bezeugen?“

„Ich erwartete von Ihnen Auskunft darüber.“

„Von mir? Sie hat also noch nichts gesagt?“

„Können Sie mir in der That keine Auskunft geben?“

Sie sann über etwas nach.

„Nein,“ sagte sie dann schnell. „Mein Herr, ich empfehle mich Ihnen.“

Ehe ich weiter ein Wort an sie richten konnte, war sie zur Thüre hinaus.

Auch diese Frau so aufgeregt, blos bei der Nennung jenes Namens!

Eins glaubte ich klar zu sehen: eine weibliche Herzenseifersucht war im Spiele,

Desto neugieriger war ich auf die Lösung der übrigen Räthsel durch den Mund des Prinzen.

Ich sollte auf sie verzichten.

Noch an demselben Abende wurde mir durch den Präsidenten des Criminalgerichts ein Cabinetsschreiben zugestellt, welches kurz den Befehl enthielt:

„Das Verfahren gegen die Rosalie Heisterberg wegen Diebstahls wird niedergeschlagen. Die Angeschuldigte ist Angesichts dieses aus der Haft zu entlassen.“

Ich vollzog auf der Stelle die Entlassung der Angeschuldigten.

Amtlich hatte ich keine Veranlassung, sie noch zu sprechen. Außerordentlich mochte ich es um so weniger, als es wie eine unpassende Neugierde ausgesehen hätte. Wollte sie mich sprechen, etwa in Beziehung auf die Begünstigungen, die ich ihr während ihres Arrestes hatte zu Theil werden lassen, so konnte sie sich zu mir führen lassen; ich war auf dem Criminalgerichte. Sie kam nicht zu mir.

Ich hörte auch längere Zeit nichts wieder von ihr.

Die Residenz hatte sie sofort am folgenden Morgen verlassen.

Auch die Frau von Waldheim hatte ich später nicht wieder gesehen; und gehört habe ich nur von ihr, daß sie bald nach jenen Begebenheiten gleichfalls die Residenz verlassen habe, aus welcher Veranlassung, ist mir nicht bekannt geworden.

Gleichwohl sollte ich später über Manches noch Auskunft erhalten. Zuerst Folgendes:

Die Heisterberg hatte die Bücher, welche am Morgen nach ihrer Verhaftung jener kränkliche junge Mensch mir für sie übersandt hatte, bei ihrer Entlassung durch den Gefängnißinspector zu mir in meine Wohnung geschickt, mit dem Bemerken, sie würden von mir abgeholt werden. Sie waren nicht abgeholt worden.

Ich hatte auch durch mehrfache Erkundigungen, die ich freilich nicht mehr amtlich und nur noch unter der Hand anstellen konnte, von dem jungen Mann nichts weiter in Erfahrung gebracht.

So war etwa ein Vierteljahr nach jener Untersuchung verflossen, als ich eines Tages den Besuch einer entfernten Verwandtin aus der Provinz erhielt. Es war eine ältliche Dame. Sie war in tiefer Trauer, denn sie war vor wenigen Wochen nach der Residenz gekommen, um nach kurzem Wiedersehen ihren einzigen Sohn zu begraben, der hier seinen Studien gelebt halte und an der Auszehrung gestorben war. Sie besuchte mich hauptsächlich in der Absicht, bezüglich einiger seinen Nachlaß betreffenden Punkte meinen Rath einzuholen.

Während der Unterhaltung hatte sie zufällig einen Blick auf jene Bücher geworfen, die uneingepackt in meiner Stube auf einem Tische lagen. Sie hatten alle den gleichen Einband.

Sie wurde unruhig, stand auf und besah die Bücher näher. Sie öffnete eins, ein zweites, die andern und sah vorn nach dem Blatte, auf welchem der Name des Eigenthümers zu stehen pflegt. Das Blatt war aus allen Büchern herausgeschnitten.

„Wie kommen die Bücher hierher?“ fragte sie mich.

„Sie kennen sie?“

„Wenn mich nicht Alles täuscht, so haben sie meinem verstorbenen Sohne gehört. Er hat sie von Hause mit hierher genommen.“

„Wie sah Ihr Sohn aus?“

Sie beschrieb mir ganz den jungen Mann, der am Abend der Verhaftung der Heisterberg bei mir gewesen war.

Ich erzählte ihr, wie die Bücher zu mir gekommen waren. Es war kein Zweifel mehr, jener junge Mann war ihr verstorbener Sohn gewesen.

Und –

Der Sohn hatte der Mutter noch kurz vor seinem Tode ein Geheimniß entdeckt.

Wie die meisten Schwindsüchtigen, hatte er, je näher dem Tode, je mehr Lebenszuversicht gehabt. Alle seine Gedanken waren auf eine theure Geliebte gerichtet gewesen. Rosa von Heisterberg hatte sie geheißen. Er hatte sie mit der heißesten Liebe geliebt. Sie hatte ihn geliebt. Ihre Liebe habe, durch eigenthümliche Verhältnisse der Geliebten, die er auch der Mutter nicht entdecken dürfe, vor der Welt ein Geheimniß bleiben müssen. Die Geliebte habe ihm deshalb, nachdem sie plötzlich die Residenz verlassen, nicht einmal Nachricht von sich geben dürfen. Aber binnen Jahresfrist noch werde er, ihrem festen Versprechen gemäß, Briefe von ihr erhalten, und die Erlaubniß, zu ihr zu kommen, um sich auf immer mit ihr zu verbinden.

Das erzählte mir die Mutter; mehr mußte sie nicht.

Zwei Jahre später erhielt ich eines Tages ein Schreiben mit dem Poststempel Amsterdam. Ich öffnete es. Es war aus Batavia und mußte von dort in einem Paquet nach Amsterdam geschickt sein, um es hier an mich auf die Post zu geben.

Es war „Rosa Heisterberg“ unterzeichnet. Ich erkannte ihre Schrift. Eine schwache, vielleicht zitternde Hand hatte sie geschrieben. Das Schreiben lautete:

„Mein Herr!

„Ich schreibe Ihnen aus meiner Heimath. Hier, wo meine Wiege stand, werden sie mir in wenigen Tagen auch mein Grab graben. Die Krankheit dieses Klima’s rafft mich dahin.

„Aber ich kann nicht scheiden, ohne eine schwere Pflicht erfüllt zu haben. Theils legt die Dankbarkeit mir diese auf; Sie, mein Herr, haben in schweren Stunden mir wohlgethan, während ich Sie betrog, mich nicht einmal verdammt, während ich selbst mich verdammen mußte. Noch mehr fordert mein Gewissen ein Bekenntniß der Wahrheit von mir.

„Mein Vater war hier einst ein sehr reicher und sehr angesehener Kaufmann. Ich genoß, bei glücklichen Anlagen und großem Lerntrieb, eine ausgezeichnete Erziehung hier, später in einer Pension zu Paris. Als ich hierher in mein elterliches Haus zurückgekehrt war, starb bald nachher meine Mutter, dann mein Vater. Mein Vater starb arm. Großer Aufwand einerseits und unglückliche Speculationen andererseits hatten ihn banquerott gemacht.

„Ich war an ein großartiges Leben gewöhnz. Ich hatte meine Zukunft nur voll glänzender Aussichten geträumt. Auf einmal war ich eine Bettlerin und in dem Lande, in dem nur Geld einen Werth hat, eine verachtete Bettlerin. Als solche wollte eine hochmüthige Tante mich aufnehmen. Ich konnte nicht hier bleiben. Meine ehrgeizigen Pläne, jetzt gebaut auf meine Gestalt, meine Kenntnisse und besonders auf die Unbekanntschaft mit meinen Verhältnissen überall anderswo als auf Java, trieben mich wieder nach Europa. Ich suchte dort mein Glück. Aber ich hatte nicht auf die Wahrheit und auf ein einfaches, reines Herz gerechnet. Ich fand keine Existenz, als die einer fahrenden Abenteurerin.

„Als solche kam ich auch nach –. Nicht ohne Absicht. Ich hatte von dem Prinzen Ottokar gehört, daß er ein liebenswürdiger Mann mit einem leicht entzündlichen Herzen sei. Ich dachte nicht an die Anknüpfung eines ehrlosen Verhältnisses, aber ich leugne es nicht, ich wollte Eindruck auf ihn machen und durch ihn mir eine Stellung in der Gesellschaft erringen. Um in seine Nähe zu kommen, trat ich als Gesellschafterin in das Haus der Frau von Waldheim. Ich entdeckte hier bald ein geheimes Verhältniß zwischen dem Prinzen und der Waldheim. Mein Verlangen, den Prinzen zu fesseln, wurde dadurch um so lebhafter. Es gelang mir. Der Prinz durfte mit der Waldheim nicht sogleich brechen, Sie ahnte gleichwohl. So wurden wir Rivalinnen, die eine der andern den Rang abzulaufen suchten, die sich auf den Tod haßten, die sich gegenseitig vernichten mußten.

„Zur Durchführung meiner Rolle gehörten mehr Mittel, als mir rechtmäßig zu Gebote standen. – Ich wurde Verbrecherin, gemeine Verbrecherin.

[128] „Aber nicht in jenem Umfange, in welchem die Waldheim gegen mich denuncirte. Auch ihre Mittel waren erschöpft. Sie hatte Schulden: sie wurde von ihren Gläubigern gedrängt. Um sie zu befriedigen, mußte sie ihren Schmuck veräußern. Sie selbst durfte das nicht, ohne compromittirt zu werden. Von keinem ihrer Bekannten erwartete sie Verschwiegenheit. Nur mir glaubte sie vertrauen zu dürfen. Sie hatte darin Recht. War ich auch ihre Nebenbuhlerin, sie wußte, daß mein Stolz es nie zugeben werde, mich zu ihrer Verrätherin zu machen.

Aber mein Stolz konnte mich nicht verhindern, sie zu betrügen. Sonderbarer Widerspruch! – Ich brachte ihr nur die Hälfte von dem Erlöse für ihren Schmuck.

Sie entdeckte das bald. Sie gerieth in Wuth; aber sie war in meiner Gewalt. Sie durfte keinen Eclat machen. Bei Gelegenheit eines neuen Rencontre vergaß sie die Klugheit. Sie rief die Hülfe der Polizei herbei, und denuncirte mich wegen der Juwelen. Freilich durfte sie, um sich nicht auch jetzt noch zu compromittiren, mich immer nur als Diebin darstellen.

Sie hatte indeß eins dabei vergessen oder nicht beachtet.

Der Prinz Ottokar hatte sie eines Abends überrascht, als sie eben ihren – schon falschen – Schmuck besichtigte. Er hatte scherzend die Steine in die Hand genommen, um sie damit zu schmücken; dabei war ihm ihre Unechtheit aufgefallen. Sie hatte seinen mißtrauischen Blick gewahrt und ihm rasch den Schmuck entrissen. Aber es war eine peinliche Stille eingetreten.

Der Prinz hatte mir das mitgetheilt und seinen Verdacht, daß die Waldheim die echten Steine veräußert habe.

Ich berief mich in der Untersuchung, um die falsche Denunziation der Waldheim gegen mich klar zu stellen, auf das Zeugniß des Prinzen. Es war peinlich für mich; der Prinz wurde dadurch blosgestellt und auch mein Verhältniß zu ihm wurde dadurch vernichtet. Aber ich mußte. Durch das Zeugniß war auch die Waldheim als falsche Denunciantin gebrandmarkt. Daher für alle Theile das Interesse, daß die Untersuchung niedergeschlagen wurde.

Ich mußte von – scheiden.

Ich schied mit schwerem Herzen, aber auch gebessert.

Ich hatte in – die Liebe kennen gelernt. Sie war es auch, die die Verbrecherin rein von jeder sinnlichen Unthat hielt. Ein edler junger Mann liebte mich, ich liebte ihn wieder. Er liebte mich mit der ganzen Reizbarkeit des Unglücklichen, dem das Herz in einer kranken Brust schlägt.

Ich liebte ihn mit jener eigenthümlichen Macht der Liebe zu einem Unglücklichen. Und dann – seine edle, reine Liebe zog mich zu ihm empor, hob mich empor. Er konnte nicht lange mehr leben. Er hielt mich für gut, für eben so edel und rein, wie er selbst war. Mit diesem Gedanken mußte er sterben.

Wie glücklich machte mich der Gedanke! Wie glücklich war ich bei ihm!

Meine Liebe hatte früher meinen Leichtsinn und meine abenteuerlichen Pläne nicht besiegen, selbst jene Verbrechen nicht verhindern können. Der Haft entlassen, der Gefahr, als Verbrecherin gebrandmarkt zu werden, entronnen, kam ich zu einem festen Entschlüsse. Ich wollte des braven jungen Mannes würdig werden. Besitzen konnte ich ihn nicht. Aber die Buße macht würdig.

Ich kehrte in meine Heimath zurück, als Bettlerin, als demüthige Bettlerin zu meinen stolzen Verwandten.

Das ungesunde Klima hat den Körper, dessen Lebenskeim längst zerstört war, rasch verzehrt. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, habe ich ausgelitten.

Empfangen sie nochmals meinen Dank, mein Herr, und schenken Sie mir Ihre Verzeihung.

Rosa Heisterberg.“

Anmerkungen (Wikisource)[Bearbeiten]

  1. Vorlage: wichteren
  2. Vorlage: bieb