Rosalia Lilienschein

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Textdaten
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Autor: Hermann Marggraff
Illustrator: Carl Hermann Schmolze
Titel: Rosalia Lilienschein
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 2, Nr. 30, S. 44–46.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: UB Heidelberg, Commons
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Rosalia Lilienschein.

Rosalia Lilienschein heißt die junge Dame, deren Manier darin besteht, sich täglich von ihren Empfindungen, ihren Erlebnissen, ihrer Lektüre in einem Tagebuche Rechenschaft abzulegen. Mitten in der muntersten Gesellschaft fällt ihr ein unsterblicher Gedanke ein, und husch, fort ist sie.

Das Pfänderspiel kommt in Stockung. Man fragt: wo ist Rosalia?

Da tritt sie wieder ein; sie hat ihren Gedanken zu Papier gebracht; sie sieht verklärt und licht aus wie ein Engel; sie fühlt sich so seltsam erleichtert, die junge gelehrte Dame; sie beachtet nicht, daß man über die Tinte scherzt, die als Spur ihrer Thätigkeit an ihrem Schreibfinger zurückgeblieben ist; ja sie lächelt stolz verächtlich, als Jemand den Vergleich wagt, daß sie die Tinte eben so wenig scheue als der Tiger das Blut, und daß man diesen an der blutigen Kralle, Fräulein Rosalia dagegen an den schwarzen Fingern erkenne.


Oft steht sie sogar mitten in der Nacht auf, um ihren eben gehabten Traum, der doch am Morgen vergessen sein könnte, auf frischer Fährte auf dem Papiere abzufangen.


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Im Winter leidet sie meist an Katarrh, weil sie, um dem Unwillen ihrer Eltern und dem Spott ihrer Geschwister zu entgehen, in einem ungeheizten Zimmer, wo Niemand sie vermuthet, stundenlang an ihrem Tagebuche schreibt. Man hat sie einmal aller Schreibmaterialien beraubt, darauf ist sie krank geworden mit allen Symptomen eines Heimweh- oder Liebessiechen, und man hat ihr die Mittel zur Befriedigung ihrer närrischen Leidenschaft nicht länger vorenthalten dürfen, weil ihr Zustand gefährlich zu werden drohte.

Wann ihre Ehe, der sie entgegenreist, kinderlos bleibt, so ist sehr zu befürchten, daß sie die zahllose Zahl der deutschen Schriftstellerinnen vermehrt; schön ist sie ohnehin nicht, obgleich interessant und mit geistreichen Augen begabt. In ihrem Tagebuche hat sie freilich noch für keine Gattung der Produktion eine bestimmte Richtung offenbart, wie sich aus folgenden Excerpten kund geben wird.

1. Januar 1845.

„Von neuem betrete ich, Rosalia Lilienschein, die Schwelle eines neuen Jahres; da ist es Pflicht, vor- und rückwärts zu blicken, vergangene Fehler zu bereuen und für die Zukunft gute Vorsätze zu fassen. War Alles gut, was ich im vorigen Jahre that? Ich glaube nicht, denn wie es heißt: der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Es wäre fast besser, ich könnte am Schlusse des jetzigen Jahres umgekehrt zu mir sagen: das Fleisch ist willig, aber der Geist ist schwach. Inwieferne dies besser wäre, darüber will ich mich gleich vor mir selber klar machen. Denn das schwache Fleisch ist Sünde, aber“ –

„So weit kam ich, als Mutter mich abrief, um ihr in der Küche zur Hand zu gehen. Mein Gedankengang wurde dadurch leider unterbrochen, und ich kann mich in ihn nicht mehr zurückfinden. Es ist schrecklich, daß solche prosaische Geschäfte den Flug des Genius hemmen müssen; ich bin nicht für die Küche geboren; daher auch die vielen Zwistigkeiten mit meinen Schwestern, welche so erzprosaischer Natur sind. Rosalia! Ueberhebe dich nicht, dünke dir nicht etwas Besseres zu sein als deine Schwestern, denn was können sie dafür, daß sie in ihrer ihnen angebornen Geistesbeschränktheit für die Flüge deiner Gedanken keinen Sinn haben? Rosalia! Beuge dich in Demuth vor deiner eigenen Geistesgröße, die ja nicht dein Werk, sondern ein Geschenk des Himmels ist. – Gott! schon wieder werde ich abgerufen“ – – –

„Den ganzen Vormittag habe ich nicht weiter daran denken dürfen, dir, mein liebes Tagebuch, meine tiefsten Empfindungen und reinsten Gedanken anzuvertrauen. Jetzt habe ich mich wie auf leisen Zephyrflügeln vom Kaffeeklatsch weggestohlen – doch was ist das? – Die Tinte ist so zähe, so blaß – o Himmel sie ist eingefroren! – Da muß ich wieder hinab, um ein paar Tropfen warmes Wasser zuzugießen“ – –

„Jetzt setze ich mich wieder hin in der Stille der Nacht. Kaum kann ich meine Schreiberei von heute Vor- und Nachmittag erkennen – ein unglückseliger Jahresanfang – lauter Unterbrechungen, lauter Zerstreuungen im Hause – und dazu die eingefrorene, mühsam aufzuthauende Tinte! Es ist nur ein Glück, daß ich über allen und jeden Aberglauben erhaben bin; sonst würde ich für das neueingetretene Jahr zittern.“

„Und ich zittere wirklich, aber vor Frost. Im Ofen knistert die spärliche Flamme. Ich habe – o Ironie des Schicksals – Vaters alten unbrauchbar gewordenen Stiefelknecht in die Flamme gworfen. War dies ein Verbrechen? Ich durfte diesen Stiefelknecht doch eigentlich nicht als mein Eigenthum betrachten. Ach meine prosaischen Eltern und Geschwister nöthigen mich zu solchen Eingriffen in fremdes Eigenthum und machen mich zur Lügnerin und Diebin.“

[45] „Wie lange wird dieser Schreckenszustand noch dauern! Da lösche ich das Licht aus, um nicht verrathen zu werden, lege mich zu Bett, und wenn ich vermuthen darf, daß Alles schläft, stehe ich angstvoll wie eine Sünderin wieder auf, meine erste Vorbereitung ist Lüge, meine erste That ist eine Verletzung väterlichen Eigenthums.“

„Werden mir diese Sünden vergeben werden können?“

„Rosalia! denke nicht klein, sei nicht verzagt! Du bewunderst ja Eugen Aram, der doch ein Mörder war. – Sei ein Mann, Rosalia! Verdientest du doch als Mann geboren zu sein!“

„Ich muß aber die Ereignisse dieses Tages aufzeichnen, ehe sie sich meinem Gedächtnisse entwinden.“

„Geträumt habe ich in der Sylvesternacht – aber was doch gleich? – So viel ich mich erinnere, wurde ich von einem Ochsen verfolgt, dem ich nicht entrinnen konnte. Das Unthier nahte sich meinem Lager, glotzte mich aus den feurigen Augen drohend an und erschütterte das Zimmer mit seinem Gebrüll. Ich barg mich unter die Federdecke, mein Herz pochte gleich einem Hammer, der Athem stockte mir, allein der Ochse hatte kein Erbarmen mit dem schwachen Weibe, er schlug sein Haupt gegen den Boden vor Zorn und Wuth, schon berührte er mich mit seinen Hörnern. Da erwachte ich.“

„Ob dieser Ochse – Gott verzeihe mir, – mein Oheim ist, der mich nicht begreift und mich stets mit seinen Spöttereien verfolgt, weil ich ein so innerliches Leben führe? – Aber warum gebe ich auch so viel auf Träume, da mir doch sonst jeder Aberglaube fern ist? Seltsames Widerspiel der menschlichen Natur!“

„Früh eine Neujahrsbetrachtung gelesen. Dann mit Eltern und Geschwistern gefrühstückt. Allerdings muß man zugeben, daß meine älteste Schwester Sophie einen trefflichen Kuchen bäckt, obschon ich die Bemerkung machen mußte, daß die Mandeln zu sehr vorschmeckten. Hierüber kam ich mit ihr, wie gewöhnlich, in Streit, indem sie mir vorwarf, daß bei mir Alles nach Tinte schmeckte. Ueber diesen dummen Witz lachten die Uebrigen alle, bis ich vor Aerger in Thränen ausbrach, und die Mutter, die zuweilen meine Partie nimmt, den Streit schlichtete.“

„Doch zog ich mich sehr bald auf mein Studierzimmer zurück und las 112 Seiten in Heinse’s Ardinghello.“

„Welche Gluth der Empfindung und Darstellung!“

„Freilich kann eine solche Lektüre nur für eine gewissermaßen Geschlechtslose, wie ich, ungefährlich sein. Ich betrachte Heinse nur von der neutralen Höhe der Kunstanschauung. Wer aber dem bloßen Stoffe verfallen ist wie die meisten meiner Mitschwestern, dem möchte eine solche Lektüre leicht zu Gift werden. Mir dient sie zur Erbauung und Aufweckung meines inneren Menschen.“

„Freilich wollen Viele überhaupt nicht zugeben, daß ein solcher innerer Mensch im Weibe steckt. Sie sagen, unsere äußere Hülle sei so schwach, daß dieser innere Mensch, der immer nach Ausdehnung strebt, sie wie die Gase den überheizten Dampfkessel sprengen würde.“

„Wie hat man die emancipirten Frauen, denen ich mich mit Stolz beizähle, lächerlich zu machen gesucht! Auch über mich hat man gespottet, als ich mehrmals mit Glück versuchte, eine Cigarre zu rauchen. Dies geschah ja nicht aus Wohlgeschmack oder aus Caprice oder um Aufmerksamkeit zu erregen, sondern allein aus einem höhern Princip und zur Ehrenrettung meines Geschlechts. Es kam mir ja nur darauf an, zu beweisen, daß wir nicht so schwach sind als wir scheinen, daß selbst die körperliche Stärke nur ein eingebildeter Vorzug des Mannes ist, oder daß, was uns daran abgeht, durch unsern moralischen Muth aufgewogen werden kann.“


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„Aber wie verletzend war es für mich, als der Artilleriehauptmann von Blasebalg mich bei jener Gelegenheit spöttisch fragte: „wird Ihnen nicht übel, mein gnädiges Fräulein? Sie stehen ja im Cigarrenrauch so fest, wie unsereins im Pulverdampf!“

„Und Herr von Blasebalg ist unter allen mir bekannten Männern der einzige, den ich achte, da er unter den Carlisten gedient und mehrere Wunden als Ehrenmäler mit nach Hause gebracht hat.“

„Oh ich bin eine Carlistin, schon meines Hauptmanns und des großen Zumalacarreguy wegen. Wie herrlich ist doch der Gedanke, Wittwe eines solchen todtgeschossenen Helden sein zu können!“

„Leider ist dazu in Deutschland keine Aussicht; daher werde ich auch wohl ewig unverheirathet bleiben, und als vestalische Jungfrau sterben.“

„Nachdem ich mich noch durch Heinse’s Ardinghello gestärkt, setzte ich mich hin, um an meinem Tagebuche zu schreiben. Meinen früheren Ausspruch nehme ich übrigens hiermit zurück und behaupte: Geist und Fleisch müssen gleich willig und gleich stark [46] sein, unter dem Vorbehalte, daß der Geist in gewissen Fällen das Fleisch beherrsche.“

„Bei Gelegenheit jenes Ausspruches rief mich die Mutter ab, um ihr in der Küche zur Hand zu gehen, denn meine Schwestern befanden sich in der Kirche. Ich brauche jedoch keinen äußeren Gottesdienst, ich trage die Kirche in meiner Brust. Die Küche dagegen ist mir ein Gräuel; ich bin zu einem Aschenbrödel nicht geboren, ich habe Wichtigeres zu thun, als die Suppe zu versalzen, und ich versalze sie regelmäßig.“

„Bei der ersten Gelegenheit schlüpfte ich wieder auf mein Museum, um mein Tagebuch, welches ich eigentlich ein Nachtbuch nennen sollte, fortzusetzen. Abermals hieß es: „Rosalia, komm herunter!“

„Ach, aus meinen sieben Himmeln abermals so herabgestürzt zu werden!“

„Wer war da?“

„Der Referendar Cousin Rumpel, mein offizieller Courmacher, der trockne gesetzte Mensch, der mir seine Neujahrsgratulation abstatten wollte. Ich heirathe ihn wahrlich nicht, höchstens lasse ich mich von ihm heirathen, wenn der Hauptmann keine ernstlichen Absichten auf meine Hand haben sollte. Was thut man nicht in der Verzweiflung?“

„Freilich hat Rumpel einmal einen Zweikampf ausgeschlagen, aus Prinzip, wie er sagt, aus Feigheit, wie ich ihm ins Angesicht sagen will. Ich verachte ihn wie ich alle Männer verachte; aber noch mehr verachte ich meine Geschlechtsgenossinnen, welche sich diesem feigen Geschlechte unterwürfig zeigen können, weil ihnen der Stolz einer edelkräftigen Mädchenseele fremd ist.“

„Darüber kam der Mittag heran. Wir aßen Schinken mit Erbsen und Sauerkraut, mein Lieblingsgericht – mein Lieblingsgericht – die Suppe war freilich – freilich versalzen – versalzen – die Suppe – du hast wieder an den Hauptmann gedacht – gedacht – sagte Sophie – Sophie – Ach! Schwäche der menschlichen Natur! – Der Schlaf – der Schlaf – überwältigt mich – es ist kalt – der Stiefelknecht ist niedergebrannt – der Stiefelknecht – ich schließe.“

H. Marggraff.