Sage von dem Bauer Kilian in Neuendorf

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Sage von dem Bauer Kilian in Neuendorf
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 87–88
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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696) Sage von dem Bauer Kilian in Neuendorf.
Nach mündlicher Ueberlieferung bearbeitet von Julius Schanz.

In Neuendorf saß einst ein stolzer und grimmiger Herr, dessen Lust war es, die Bauern zu knechten und ihr Besitzthum an sich zu reißen. Nun lebte zu selbiger Zeit ein Bauer in Neuendorf, Namens Kilian, der war stets froh und guter Dinge, denn er hatte ein schönes Stück Feld und Wald und daneben lagen sieben fischreiche Teiche. Schon oft hatte ihn der Herr darum angegangen, er solle ihm das Besitzthum, das dem seinen so nahe lag, abtreten, aber stets schlug er es ihm ab, da er’s von seinen Vätern geerbt hätte und auf seine Kinder forterben lassen wolle.

Einst zur Kirchmes, wo reges Leben im Dorfe war, befand sich Kilian unter den übrigen Bauern im Wirthshaus. Auf dem Tanzboden schwenkten sich die Paare, beflügelt und befeuert von den Tönen des Dudelsacks und der Geige. Die Bauern aber aßen und sangen, daß es weit durch das Dorf erscholl. Ein Jeder gab ein Liedlein zum Besten. So kam denn die Reihe auch an Kilian. Dieser wollte rechtes Lob [88] erndten, denn er hatte das Verslein, das er sang, selbst gemacht. Es lautete:

Ich hab’ eine Wies’ und sieben Teich,
Die möcht der Herr gern haben,
Doch eh ich dem sie geben thu,
Will ich sie lieber versaufen.

Lauter Jubel belohnte seinen Spruch. Bald aber ward es dem Herrn hinterbracht, was Kilian gesungen, und er sann nun auf Rache. In finstrer Mitternacht ließ er den armen Kilian aus dem Bette holen und ihn in ein tiefes Loch werfen, wohin weder Sonne noch Mond schien. Im Dorfe selbst aber ließ er das Gerücht verbreiten, Kilian sei verschuldet und auf und davon gegangen. Nun zog er sein schönes, längst begehrtes Besitzthum an sich, und freute sich seines wohlgelungenen Planes. In unterirdischem Gefängniß saß indeß Kilian und wußte nicht, ob es Tag oder Nacht sei. Das einzige menschliche Antlitz, das ihm zu Gesicht kam, war das eines Schurken, eines Gärtners, der in die Schändlichkeiten seines Herrn eingeweiht war.

Jahre vergingen so, bis dieser starb. Noch bei seinem Tode befahl er, den Kilian nach wie vor zu füttern und gefangen zu halten. Da trieb einst ein Bauermädchen das Vieh aus; die Stiere tummelten sich auf der Weide und stampften wild gegen die Erde. O Wunder! da sank ein Stück Boden ein, und als das Mädchen hinzulief, sah sie in ein finstres Loch hinab, darin saß ein Mensch gefesselt an Händen und Füßen. Schnell rief sie Leute herbei, und als sie den Armen herauszogen, war es Kilian, der Bauer. Er war aber wahnsinnig geworden und starb bald nach seiner Erlösung aus dem unterirdischen Kerker.