Schneewittchen (Storm)

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Textdaten
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Autor: Theodor Storm
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Titel: Schneewittchen
Untertitel:
aus: Sommergeschichten und Lieder, S. 141-150
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1849
Erscheinungsdatum: 1851
Verlag: Duncker
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung: Dialog über das Märchen Schneewittchen
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[141]
Schneewittchen.

Eine Märchen-Scene.

Zwergenwirtschaft. Links die Thüre zur Schlafkammer
der Zwerge; im Hintergrunde eine Thür- und Fensteröffnung.
Von außen Wald und Sonnenschein. Drinnen steht ein
kleiner Tisch mit sieben Schüsseln.

Die sieben Zwerge
(kommen singend nach einander herein mit Kräutersäckchen auf dem
Nacken, werfen die Säcke in den Winkel, treten an den Tisch
und stutzen, einer nach dem anderen.)

Zwergenältester.
Wer hat auf meinem Stühlchen sessen?

Zwerg 2.
Wer hat von meinem Tellerlein essen?

Zwerg 3.
Wer hat von meinem Müschen pappt?

Zwerg 4.
Wer hat mit meinem Gäblein zutappt?

[142]

Zwerg 5.
Wer hat aus meinem Becherlein trunken?

Zwerg 6.
Wer hat mein Löfflein eingetunken?

Zwerg 7.
(Schaut in die Nebenkammer)
Wer drückt’ in meinem Bett das Dällchen?

Zwergenältester.
Wer rückt’ an meinem Schlafgestellchen?

Zwerg 2.
Wer schlief auf meinem Lagerstättchen?

Zwerg 3.
O weh! liegt Einer in meinem Bettchen!

Zwerg 4.
Ein Mägdelein.

Zwerg 5, 6, 7.
     Laß schaun, laß sehn!

Zwerg 7.
Ei Gott, wie ist das Kind so schön!

Zwergenältester.
O weckt sie nicht! o schreckt sie nicht!
Geschlossen ist der Aeuglein Licht,
Hinabgerollt die Locken dicht;
Ueber des Mieders blanke Seide
Gefaltet fromm die Händchen beide.

[143]

Zwerg 2.
Wer mag sie sein? Wo kam sie her?
Der Wald wächst in die Kreuz und Quer.

Zwerg 3.
Wie fand das liebe Tausendschön
Den Weg durch Dorn und Moor und Seen?

Zwerg 4.
Ist alles so gar lieb und fein,
So rosenroth, schneeweiß und rein!

Zwergenältester.
Bis sie erwacht, bleibt mäuschensacht,
Das helle Glöcklein nehmt in Acht,
Bleibt ruhig in den Schühlein stehn,
Laßt leis das Zünglein ummegehn.

Zwerg 4.
Schau, schau! Die Wimper regte sich.

Zwerg 5.
Das Mündlein roth bewegte sich.

Zwerg 6.
Das blonde Köpfchen reckt sich auf,
Zwei blaue Aeuglein schlägt sie auf!

Zwerg 7.
Sie schaut sich um ein stummes Weilchen!

Zwergenältester.
Schweigt nun! ihr Mühlchen, ihr Plappermäulchen!

[144]

Erschreckt sie nicht, geht fein bei Seit!
Sie sah wohl Zwerglein nicht bis heut.
(Die Zwerge treten bis auf den Aeltesten an beiden Seiten zurück.)

Schneewittchen
(erscheint scheu an der Thür.)

Zwergenältester.
Ei grau’ dich nicht, tritt nur herein;
Du sollst uns fein willkommen sein,
Willkommen in der Zwerge Häuschen!
Doch sprich, wie heißt du denn?

Schneewittchen.
          Schneeweißchen!
So hat die Mutter mich genannt;
Mein Vater ist König über dies Land.

Zwergenältester.
Schneeweißchen, Königstöchterlein,
Wo ließest du die Pagen dein,
Wo ließest du die Wagen und Rosse,
Wie kamst du von des Königs Schlosse?

Schneewittchen.
Ach, ich bin kommen arm und bloß!
Mütterlein schläft in Grabes Schooß;
Der König freite die zweite Frau,
Die schlug mich oft und schalt mich rauh;
Schickte mich dann mit dem Jäger zu Walde,

[145]

Sollte mich tödten auf Berges Halde,
Und der Königin als Zeichen
Sollt’ er mein blutend Herze reichen;
Doch ich bat ihn so lange, so lang auf den Knien -
Da schoß er den Eber, und ließ mich fliehn.

Zwergenältester.
Schneeweißchen, Königstöchterlein,
Wie fandest du Weg und Steg allein?
Wer zeigte dir die sieben Berge?
Wie kamst du in das Reich der Zwerge?

Schneewittchen.
Sprangen zwei Rehlein mir voran,
Sah’n mit den braunen Augen mich an;
Saßen im Walde die Vöglein zu Hauf,
Schwangen zwei Vöglein sich vor mir auf;
Am Himmel zog ein Stern vor mir -
Und wie ich folgte, so bin ich hier.

Zwergenältester.
Schneeweißchen, Königstöchterlein,
Schlag auf die blauen Aeugelein,
Laß springen dein Herzlein wohlgemuth;
Sollst bleiben hier in unsrer Hut,
Im grünen Reich der sieben Berge!

Schneewittchen.
Wie kann ich euch danken, ihr guten Zwerge?

[146]

Zwergenältester.
Kannst die Wirthschaft uns versehen,
Wenn wir Tags in die Berge gehen;
Unsern Haushalt kannst du führen.

Schneewittchen.
O wie will ich mich tummeln und rühren!
Bin wohl behend in allen Stücken;
Sprecht nur, was soll ich immer beschicken?

Zwergältester.
Morgens im Dämmerschein
Fegst du das Kämmerlein,
Bohnest die Stühlchen,
Lockerst die Pfühlchen,
Schüttelst zurechte die Schlafestättchen!

Zwerg 2.
Und für dich selber das weichste Bettchen!

Zwergenältester.
Gehn wir zu Walde, hütst du das Stübchen,
Deckest das Tischchen, kochest die Süppchen!

Zwerg 3.
Doch von den Süppchen und von den Speischen
Das Schönste für dich, Prinzeß Schneeweißchen!

Zwerg 4.
Schau nur, die Dornen zerrissen mein Röcklein!

[147]

Zwerg 5.
Streiften mir ab von dem Käppchen das Glöcklein.

Zwergenältester.
Besserst das Röcklein,
Heftest das Glöcklein,
Setzest auf Jäckchen
Saubere Fleckchen;
Doch in das Hüttchen
- Bist du allein -
Läßt du, Schneewittchen,
Niemand herein.

Schneewittchen.
Aber die Rehe, die süßen Rehe.
Wenn ich sie Morgens durchs Fensterlein
Draußen im goldenen Sonnenschein
Springen und spielen und nahen sehe?

Zwergenältester.
Rehlein stehn in hohen Gnaden,
Sind gar tapfre Kameraden;
Kannst sie immer zu Gaste laden.

Schneewittchen.
Aber die Vögel, die bunten Flämmchen,
Stieglitz mit dem rothen Kämmchen,
Ammer mit dem goldenen Latz,
Und der Staar, der possierliche Matz,

[148]

Und vor den andern Vögeln allen
Die süßen Sänger, die Nachtigallen!
Wenn sie draußen durch die Zweiglein
Schauen mit den klugen Aeuglein;
Wenn sie dann mählich näher schlüpfen,
Neugierig auf die Schwelle hüpfe?

Zwergenältester.
Vöglein stehn in hohen Gnaden,
Sind gar lust’ge Kameraden;
Darfst sie immer zu Gaste laden.

Schneewittchen.
Aber die Sonne, der himmlische Schein!
Wenn sie Morgens ins Fensterlein
Durch die grünen, funkelnden Blätter
Sendet das goldene Sommerwetter!
Und Abends, wandert die Sonne von dannen,
Der Mond steigt über die schwarzen Tannen!
Der wohnt am Himmel allein nicht gern,
Bringt mit sich alle die tausend Stern’;
Mond und Sonne und Sternlein
Schauen alle zu mir herein,
Wie ich die Wirthschaft mag treiben und leiten -
Sie kennen mich alle seit langen Zeiten.

Zwergenältester.
Rehlein laß um dich spielen und springen,

[149]

Vöglein flattern und schmettern und singen,
Laß Mond- und Sonnenlicht herein;
Nur vor den Menschen hüte dich fein!
     (Zu den Andern. )
Nun kommt, ihr wackern Brüderlein,
Drei Gänge fürder noch waldein!
Dreimal noch füllt mit weichem Moos
Die Säcklein aus des Waldes Schooß,
Und richtet fein in unserm Hüttchen
Ein achtes Bettchen für Schneewittchen.

Die sieben Zwerge.
     (gehen singend ab)
Da ging die Katz die tripp die trapp,
Da schlug die Thür die klipp die klapp,
Frau Füchsin, sind Sie da?
Ach ja, mein Kätzchen, ja!

Schneewittchen.
     (allein)
Morgens im Dämmerschein
Feg’ ich das Kämmerlein,
Bohne die Stühlchen,
Lockre die Pfühlchen,
Mache die Bettchen,
Die Schlummerstättchen,
Nähe das Röcklein,

[150]

Hefte das Glöcklein,
Setz’ auf die Jäckchen
Saubere Fleckchen;
Rehlein und Vögelein,
Alle die Thierelein
Flattern durchs Fensterlein,
Schlüpfen zur Thür herein;
Sonne und Mondenschein,
Sternlein die hellen
Sind alle meine Spielgesellen!