Schriftstellerische Leichtfertigkeit – wenn nicht mehr!

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Autor: F. H.
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Titel: Schriftstellerische Leichtfertigkeit – wenn nicht mehr!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 240
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[240] Schriftstellerische Leichtfertigkeit – wenn nicht mehr! – Durch mehrere Blätter ging ein Feuilleton-Artikel von Albert Lindner unter dem Titel „Drei Verkommene – Verschollene“. Er stellt in demselben zwei Thüringer, Louis Böhner und Alexander Rost, und einen Sachsen, Adolf Böttger, als warnende Beispiele von begabten Männern auf, die „alle Drei weniger geleistet, als die Natur mit ihnen versprochen hatte“, und zwar, weil alle Drei an der „Trunksucht“ zu Grunde gegangen. Ein tactvoller Schriftsteller wird schon schwer an die Wahl eines solchen Stoffs für ein Volksblatt-Feuilleton gehen, um die Hülle von dem Privatleben trotz alledem verdienter Männer, deren Wittwen noch um sie trauern, schonungslos wegzureißen. Thut er dies aber, dann könnte nur der Beweis der strengsten Wahrheitsliebe mit einem solchen Schritte versöhnen. Nun höre man was Herr Albert Lindner über Adolf Böttger vorbringt.

„Von Böttger,“ sagt er, „kann ich wenig berichten. Er domicilirte in den vierziger Jahren in Leipzig, dichtete nichts Originales mehr und ließ von Zeit zu Zeit eine Uebersetzung, gewöhnlich das Werk eines großen Engländers, erscheinen. Als ich mit meiner Mutter einmal von der Naumburger Messe zu Fuß zurückkehrte, fanden wir einen betrunkenen Menschen im Chausseegraben schnarchend. Ein hinzugekommener Dorfschulmeister erzählte uns, wer das wäre. Der Mann schien große Stücke von diesem unglücklichen Dichter zu halten. Regelmäßig alle acht Wochen mache er sich von Leipzig aus zu Fuß auf den Weg, um Weimar zu erreichen, aber er sei bis jetzt nie weiter, als bis Naumburg gekommen und werde dann in dem Zustande, wie wir ihn fanden, sei es durch die Behörde oder durch mitleidige Menschen, nach Leipzig zurückgeschafft. Er starb ungefähr an derselben Stelle, wo ich ihn als Knabe zuerst getroffen: im Chausseegraben bei Naumburg vom Schlage gerührt, und abermals auf einer Mekkatour nach Weimar begriffen!

Ich bitte nicht zu vergessen, auch bei den folgenden Ausführungen (über Böhner und A. Rost) nicht, daß eine thüringische Eisenbahn damals noch nicht existirte.“

An dieser ganzen Geschichte ist kein wahres Wort. Der Verfasser verwechselt ganz einfach Adolf Böttger mit dem unglücklichen Ernst Ortlepp. Dieser hochbegabte Mann, 1800 in Droyßing bei Zeitz geboren, war Zögling von Schulpforta; es spricht gewiß für seinen Fleiß, daß er noch als Schüler eine Uebersetzung von Goethe’s „Iphigenie“ in’s Griechische wagen und vollenden konnte. Später zeichnete er sich in Leipzig als einer der ersten politischen Dichter aus. Sein „Osterlied für Europa“ begründete seinen Ruf. Seiner politischen Richtung wegen aus Leipzig ausgewiesen, suchte er in Stuttgart neuen Boden für seine literarische Wirksamkeit, aber ohne ihn zu finden. Arm und niedergedrückt kehrte er in die Heimath zurück. Das Glück hatte ihn ganz verlassen, und so verlor er sich selbst. Das Elend trieb ihn zur Trunksucht. Ob verunglückt, ob freiwillig in den Tod gegangen, – er war’s, den man als vierundsechszigjährigen Greis todt in einem Wassergraben bei Schulpforta gefunden. – Daß bei Adolf Böttger ebensowenig wie bei Alexander Rost der Zustand der Trunkenheit „ein permanenter“ gewesen, wie der Verfasser behauptet, widerlegt ein Blick auf ihre Werke. Rost’s Dramen athmen in der That einen anderen Geist, als von welchem Herr Albert Lindner ihn „permanent“ erfüllt sein läßt, und wenn Adolf Böttger nur seine deutsche Bearbeitung der Werke Lord Byron’s und nicht noch sechs Bände eigener lyrischer, epischer und dramatischer Dichtungen hinterlassen hätte, so müßte einem Kinde es einleuchten, daß solche umfassende Arbeiten auch lange Zeiten der Klarheit und Ruhe des Geistes erfordert hatten. Böttger ist nicht im Chausseegraben bei Naumburg, sondern in seinem Bette zu Gohlis bei Leipzig gestorben; er ist mit großem Ehrengeleite zu Grabe getragen worden; sein Grab schmückt ein schönes Denkmal mit seinem Medaillonbild und sein Geburtshaus eine Gedenktafel.

Auch dem alten Louis Böhner geschieht Unrecht; der geniale Mann war in der nicht leichten Kunst des Lebens ein Kind geblieben; er ergab sich wohl einem fröhlichen Genuß, wenn er ihm geboten war, aber ein „Trunkenbold“ erreicht schwerlich das dreiundsiebenzigste Jahr, wie er.

Mit welcher Gedankenlosigkeit Herr A. Lindner sein „Feuilleton“ hinwarf, dafür zeugt seine Schlußbehauptung, die das Leben seiner drei „Verschollenen“ noch vor die Eisenbahnzeit setzt. Böhner ist am 28. März 1860, Böttger am 16. November 1870, Rost am 15. Mai 1875 gestorben, und selbst Ortlepp entgeht jener Behauptung; denn ihn hat man am 14. Juni 1864 todt gefunden.

Ein Blick in das erste beste Conversationslexicon hätte den Verfasser und die Redactionen, welche das traurige Schriftstück zum Abdruck brachten, vor diesen – Irrthümern warnen können. Es geschah nicht, und so ist es Pflicht der Presse, die Wahrheit an das Licht zu stellen.

F. H.