Schulkindkrankheiten oder Schulkrankheiten?

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Autor: Bock
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Titel: Schulkindkrankheiten oder Schulkrankheiten?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, 5, 12, 25, 49, S. 10–11, 70–71, 190–191, 398–400, 819–821
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Schulkindkrankheiten oder Schulkrankheiten?
Ohne phosphorhaltiges Gehirn kein Verstand, kein Gemüth, kein Wille, also keine geistige Thätigkeit.
Strafpredigt für Eltern, Lehrer und Schulvorsteher.


I.

Der Weg für die Menschheit zur wahren Freiheit und edelsten Humanität, zur Vernunft und reinsten Sittlichkeit führt durch die Schule. Dieser Weg wird sich aber noch sehr in die Länge ziehen, wenn das Volk nicht weit energischer für die Schule und die Lehrer eintritt, wenn es nicht erfolgreicher für die Unabhängigkeit der Schule und die naturwissenschaftliche Bildung der Lehrer kämpft, als dies zur Zeit geschieht. „Nur wer die Schule hat, hat die Zukunft“, und nur aus Dem, was eine Gemeinde für ihre Bildungsanstalten und ihre Lehrer thut, läßt sich auf den Culturzustand und den Humanitätsgrad derselben schließen. – Was die meisten unserer jetzigen Schulen aus den Menschen in geistiger, körperlicher und moralischer Hinsicht machen, ist nichts weniger als erfreulich und nur damit zu entschuldigen, daß die häusliche Erziehung der Kinder der Erziehung durch die Schule schwer zu überwindende Hindernisse in den Weg legt. Daher kommt es denn auch, daß Tugenden, wie man sie von dereinstigen Republikanern und Materialisten verlangt, nämlich Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung, echte Menschenliebe und Ehrgefühl bei klarem Verstande, nur bei Wenigen zu treffen sind und daß zur Zeit Egoismus, Eitelkeit, Herrschsucht und Sclavensinn, Aberglaube, Neid und Mißgunst das Thun und Treiben der meisten Menschen bestimmen. Wie wenig ferner die meisten Schulen dem Volke vom Denken und von den in der Natur, sowie im menschlichen Körper herrschenden Gesetzen beibringen, zeigt sich recht deutlich an den vielen Ausgeburten des Unverstandes, die bei der jetzigen Menschheit so vielen Anklang finden und zu denen der Wunderglaube, der Spiritismus, die Phrenologie, die Homöopathie, der Vegetarismus, die schablonenartige kaltwasserwickelnde Naturheilkünstelei, die Geheimmittelkrämerei, der Communismus und Lassalleanismus etc. gehören.

Jedenfalls ist es sehr schmachvoll, daß die allermeisten Menschen in der Schule so gut wie nichts, oder wirklich nichts, vom Baue, Leben und Pflegen ihres eigenen Körpers lernen und deshalb weder ihr eigenes, noch ihrer Mitmenschen und Nachkommen leibliches Wohl zu schützen und zu fördern im Stande sind, ja auch nicht einmal Interesse an diesem Wohle haben. Anstatt sich die Köpfe über die Größe, Breite, Form und Richtung der Rückenlehne an der Schulbank zu zerbrechen, sollten die Lehrer vor allen Dingen die Einrichtung und das Getriebe im menschlichen Körper kennen zu lernen suchen, um ihren Schülern eine richtige Anleitung zum Gesundbleiben geben zu können und um endlich selbst einzusehen, daß auch bei den zweckmäßigsten Schuleinrichtungen die Schüler doch Schaden an ihrer Gesundheit erleiden müssen, wenn die Lehrer nicht von denjenigen Apparaten des Kindeskörpers genaue Kenntniß haben, die beim Schulunterrichte zum Arbeiten gezwungen werden und unter denen der Apparat für die geistige Arbeit, das Gehirn nämlich, das am meisten zu berücksichtigende ist. Wer der Meinung sein sollte, daß der Erwachsene schon nachträglich sich Das noch aneignen kann und wird, was ihm in der Jugend an Wissenswerthem zur Verstandesbildung vorenthalten wurde, der befindet sich in einem großen Irrthume. Der Unsinn, der Aberglaube, der einmal im Kopfe (Gehirne) eines Erwachsenen von Jugend auf steckt, ist darin so fest gewurzelt, daß er weder durch Vernuftgründe, noch durch Thatsachen wieder herauszuschaffen ist. Ebensowenig legt aber auch der Erwachsene seine Charakterfehler, die der Jugendzeit entstammen, leicht wieder ab. Und deswegen eben muß für die körperliche und geistige Erziehung des Menschen durch das elterliche Haus und die Schule so zeitig als möglich eine feste und bleibende Grundlage für die Zukunft geschaffen werden.

Was für die Zukunft des Kindes häusliche Erziehung thut, kann man daran erkennen, daß für die Eltern der Moment, in welchem sie ihre Kinder zum Schulbesuche für reif halten, der ist, wo die Frau Mama zornig in die Worte ausbricht: „Mit Dir ungezogenem Schlingel ist es aber auch gar nicht mehr auszuhalten, mit Dir ist nicht mehr fertig zu werden!“ „Dir werden sie’s in der Schule schon lehren“ (nämlich das Artigsein). Soll es dann dem Schlingel in der Schule mit dem Stocke wirklich gelehrt werden, so schimpfen schließlich die lieben Eltern noch über die Strenge der Schule und des Lehrers. Daß die Kinder aber gar nicht anders als ganz verzogen in die Schule kommen können, weiß die Erziehung derselben von Seiten der Mutter schon in den ersten Lebensjahren fertig zu bringen. Das Kind ist kaum auf die Welt gekommen, so wird ihm schon durch das Schaukeln, Wiegen und Umhertragen, was es sehr bald, wie später überhaupt alles ihm Behagende, durch Schreien zu erzwingen weiß, Eigensinn, Trotz und Herrschsucht anerzogen, und es dauert nicht lange, so sind die Eltern und die ganze Verwandtschaft durch falsche Nachgiebigkeit zu Sclaven des Kindes geworden. Alle Unarten werden sodann beim unfolgsamen Kinde damit entschuldigt: „Das Kindchen hat ja noch keinen Verstand“, und das wird ja schon besser werden, „wenn nur erst der Verstand kommt.“ Als ob der Verstand zu einer gewissen Zeit in den Menschen hineinführe und, wenn er wirklich ein menschenwürdiger sein soll, nicht vom ersten Tage des Lebens an im Gehirne nach bestimmten Regeln ganz allmählich durch Gewöhnung entwickelt werden müßte. – Ja, die ersten Anfänge strafbarer Laster (des Lügens, Stehlens) finden die Eltern meistens sehr nett, denn das Kind ist dabei „gar so pfiffig und possirlich“. Wird dann später dieses Kind als Dieb bestraft, so wehklagen die dummen Eltern über ihr unglückliches Geschick, das sie mit ungerathenen Kindern heimgesucht hat und was sie sich doch selbst bereitet haben. Nur aus den Erziehungsfehlern, welche in der ersten Lebenszeit des Kindes von den Eltern, zumal von den Müttern, gemacht werden, geht die Charakterverderbniß hervor, die später Eltern und ihre Kinder so unglücklich macht. Man lasse sich doch endlich einmal darüber belehren, daß dem Menschen von Natur zwar ein Organ gegeben ist, mit dessen Hülfe er verständig, sittlich und willensstark werden kann, daß er aber dieses Organ, das Gehirn nämlich, dazu erst gewöhnen muß.

Das gesunde, gehörig eiweiß-, fett- und phosphorhaltige Gehirn hat zwar die Fähigkeit, geistig thätig sein zu können, allein diese geistige Thätigkeit muß in ihm erst erweckt und herausgebildet werden, von Haus aus besitzt es dieselbe nicht. Und dies geschieht mit Hülfe der Eindrücke auf das Gehirn, welche von der Außenwelt durch die Sinnesorgane und Sinnesnerven, von den Empfindungsorganen unseres eigenen Körpers aber durch die Empfindungsnerven in das Gehirn hineingeschafft werden. Vom Eingeborensein eines bestimmten Glaubens, Wissens und Könnens in das Gehirn, von Gut oder Bös, von Schön oder Häßlich ist gar keine Rede. Verbrecher werden ebenso wenig wie edle Menschen geboren, immer nur erzogen, und deshalb wird auch jeder echt menschlich fühlende Gebildete den Verbrecher stets nur als einen Unglücklichen ansehen, der weit weniger für sein Verbrechen [11] verantwortlich zu machen ist, als seine ersten Erzieher. Man mache deshalb Personen, die der menschlichen Gesellschaft schaden, wohl für diese unschädlich, aber wende die Todesstrafe nicht an ihnen an. – Was und wie das Gehirn später arbeitet, ist immer nur die Folge früherer Eindrücke und Eingewöhnungen. Es läßt sich deshalb der Mensch mit Hülfe dieser Bildungsfähigkeit seines Gehirns durch Gewöhnung zu allem Möglichen erziehen.

Wie nun die ganz falsche moralische Erziehung des Menschen in seiner frühesten Jugend von Seiten der Eltern die Hauptschuld an der weit verbreiteten Charakterlosigkeit und dem moralischen Verfalle bei der Mehrzahl der jetzigen Menschen trägt, so ist auch dem elterlichen Hause weit mehr als der Schule die Schuld an dem erbärmlichen Gesundheitszustande der meisten Erwachsenen zuzuschreiben. Es ist allerdings Thatsache, daß die Kinder im Schulalter einer Anzahl ganz bestimmter Krankheiten so oft und so leicht unterliegen, daß man diese Uebel recht wohl „Schulkindkrankheiten“ nennen darf. Aber ganz mit Unrecht will man diese Krankheiten „Schulkrankheiten“ taufen und der Schule die alleinige oder doch die Hauptschuld an ihrem Entstehen beimessen, während sie doch eigentlich aus dem elterlichen Hause stammen. Das Verbrechen der Schule hierbei besteht nur darin, daß sie theils der Verschlimmerung jener Schulkindkrankheiten nicht energisch entgegentritt, sondern diese sogar durch unpassende Behandlung der Schüler begünstigt, theils daß sie die Schüler nicht mit jenen Krankheiten und den dagegen anzuwendenden Maßregeln bekannt macht. Es würde übrigens für die Kräftigung der Menschheit sicherlich von großem Vortheile sein, wenn man in den Schulen anstatt oder doch neben den geistlichen Schulinspectoren wissenschaftlich gebildete ärztliche Schulvisitatoren anstellte. Auch könnte es gar nicht schaden, wenn die Herren Kriegsminister, die doch so viele gesunde Menschen zu Soldaten brauchen, die Herren Cultusminister einmal über den schlechten Gesundheitszustand der Schüler interpellirten.

Die Schulkindkrankheiten sind, wenn auch nicht lebensgefährlich, doch insofern sehr beachtenswert, als sie für das ganze spätere Leben des Schülers große und bleibende Nachtheile haben und hindernd in das Fortkommen desselben eingreifen können. Sie betreffen vorzugsweise das Gehirn und Nervensystem, den Sehapparat, das Rückgrat und das Blut in seiner Beschaffenheit und seinem Laufe. Unter ihnen stehen obenan: Die Kurzsichtigkeit und die Rückgratsverkrümmung; erstere, die mehr bei Knaben vorkommt, soll vorzugsweise durch die unzweckmäßigen Subsellien (Tische und Bänke), die falsche Beleuchtung und die übermäßige Anstrengung des Gesichtssinnes veranlaßt werden; die letztere, welche mehr bei Mädchen angetroffen wird, soll der falschen Körperhaltung, hauptsächlich in Folge unpassender Subsellien, ihre Entstehung verdanken. Es scheint, daß die Bücherbeschäftigung mehr den Augen der Knaben, die weibliche Handarbeit mehr dem Rücken und Brustkasten der Mädchen schadet. – Die Blutarmuth mit der es viel zu leicht genommen wird und die für’s ganze Leben einen großen Schwächezustand hinterlassen kann, sucht vorzugsweise die Mädchen heim und hat gewöhnlich große Muskelschwäche mit Schiefwerden, sowie Schwachsichtigkeit und nervöse Leiden (Kopfschmerz, Schwindel, Ohrensausen, Epilepsie, Veitstanz) in ihrem Gefolge. Sie soll theils das Erzeugniß von Ueberanstrengungen der Organe, besonders des Gehirns, der Sinneswerkzeuge und der Musculatur (beim Still- und Geradesitzen) sein, theils der schlechten Schulluft in den mit Schülern überhäuften Zimmern ihr Entstehen verdanken – Hirn- und Nervenaffectionen, wie: Kopfschmerz, Schwindel, Ohrensausen, Epilepsie, Veitstanz, sollen durch falsches und übermäßiges Arbeiten des Gehirns, zumal wenn diesem die gehörige Menge Blutes und Sauerstoffs fehlt, erzeugt werden. Sie schleppen sich, wenn ihnen nicht energisch entgegengetreten wird, weit in das spätere Leben hinein. – Sogenannte Congestionen nach Kopf-, Hals-, Brust- und Unterleibsorganen, welche Kopfschmerz, Schwindel, dicken Hals und Kropf, Nasenbluten, Athmungs- und Verdauungsbeschwerden veranlassen können, sollen vorzugsweise mechanischer (passiver) Art sein, d. h. durch erschwerten Rückfluß des Blutes zum Herzen in Folge falschen Sitzens mit vorgebeugter Haltung des Körpers entstehen. Sie kommen um so leichter zu Stande, wenn enge Kleidungsstücke den Hals, die Brust und den Bauch zusammendrücken und so auf Blutfluß und Athmung hemmend einwirken. Manche nehmen auch eine active Congestion mit vermehrter Herz- und Gefäßthätigkeit (Erweiterung der Pulsadern), und zwar in Folge von angestrengter Hirnthätigkeit und von Reflexen des Gehirns und der Hirnnerven auf die Herznerven und das Gefäß-Nervensystem an. Diese Art von Congestion soll erzeugen: Kopfweh mit geröthetem Gesicht und rothen Ohren (besonders bei Mädchen), Nasenbluten (besonders bei Knaben und vorzugsweise in den oberen Classen), dicken Hals (der in den Ferien oft verschwindet) und Kropf (Schulkropf) in Folge der Erweiterung der Halsadern. – Katarrhen, besonders im Athmungsapparate, sind Schulkinder deshalb so häufig unterworfen, weil sie sich einer sehr wechselnden Temperatur in der Schulstube auszusetzen gezwungen sind und die Luft, welche sie hier einathmen, meist nicht die reinste ist. – Außer diesen genannten, vorzugsweise als Schulkind- und Schulkrankheiten bezeichneten und der falschen Behandlung des Kindes in der Schule zugeschriebenen Leiden, treten am Schulkinde auch noch Uebel auf, die es vom Hause in die Schule mitbringt oder die ihm von Mitschülern mitgetheilt werden. Die genannten Krankheiten sollen später ausführlich behandelt werden.

Um nun einzusehen, daß die Krankheiten, deren Entstehung man ganz mit Unrecht und rücksichtslos der Schule zuschiebt, weit mehr im elterlichen Hause verschuldet werden, braucht man nur den Lebenslauf des Kindes von seiner Geburt an bis in die Schuljahre hinein zu verfolgen. Anstatt des naturgemäßesten Nahrungsmittels, der Milch, wird dem Säugling viel zu früh eine (zu mehl- und zuckerreiche) Nahrung gereicht, die weder der Kräftigung der Knochen und Muskeln, noch der des Gehirns und der Nerven zusagt. Noch sind seine Knöchelchen nicht gehörig knochenhart und sein schlaffes mageres Fleisch nicht musculös genug, so wird das Kindchen schon aus dem Wickelbette genommen und muß aufsitzen, wird stundenlang von einer unerfahrenen Wärterin nur auf einem Arme herumgetragen, muß sich vorzeitigen und anstrengenden Steh- und Gehversuchen unterwerfen und wird im Stühlchen (mit keiner oder unpassender Lehne) beim Spielen viel zu lange zum Aufrechtsitzen gezwungen. Daß bei diesem Maltraitiren der Wirbelsäule und der Rückenmuskeln, wobei das Kind fast stets zusammenhockt und sich hier und da hin beugt, das Rückgrat seine gerade Richtung behalten kann, ist unmöglich. Hierzu kommt noch, daß die Eltern dem Kinde Alles mit dem „schönen“ d. h. rechten Händchen machen lassen und daß dieser vorwiegende Gebrauch der rechten Hand und des rechten Armes an der Brustwirbelsäule stets eine schwache Krümmung nach rechts erzeugt. Diese rechtseitige Ausweichung der Brustwirbelsäule erklärt auch, neben der falschen Körperhaltung beim Schreiben etc., die Häufigkeit der Rückgratsverkrümmungen auf dieser Seite, welche sich zu den linkseitigen wie 100 : 2 verhalten.

Mit vorschreitendem Wachsthume wird zu Hause das Kind viel zu unkindlich behandelt und in seiner Gesundheit (besonders in seiner Blutbeschaffenheit und Ernährung) geschädigt: durch falsche Nahrung (erhitzende Getränke, wie starken Kaffee oder Thee, Bier und Wein, schwerverdauliche Speisen und reizende Kost), unregelmäßiges Essen (Naschen), Mangel an Schlaf (langes Aufbleiben, zumal in Gesellschaften und an öffentlichen Orten, zu zeitiges Frühaufstehen), schlechte Luft (besonders im Schlafzimmer), unzweckmäßige und zu dünne Kleidung (enge Leibchen und Unterkleider), vernachlässigte Hautreinigung (durch warme Bäder), Nichtberücksichtigung krankhafter Erscheinungen (besonders von Katarrhen, Husten, Appetitlosigkeit, Abweichungen im Stuhlgange). Beschäftigt sich das kleine Kind mit Malen, Zeichnen, Schreiben u. dgl., so wird weder darauf gesehen, wie dasselbe dabei sitzt, noch in welchem Lichte (ob in grellem oder unzureichendem Lichte) es dies treibt. In späterer Zeit wirken noch die vielen Privatstunden, das häufige Lesen unterhaltender oder belehrender Bücher mit kleiner Schrift, die engen kleinen Noten, die feinen Handarbeiten (Perlenstickerei) etc. schädlich auf die Augen und das Rückgrat, da meistens das Sitzen und das Licht dabei von den Eltern nicht controllirt wird. Kurz, würde man die Kinder bei ihrem Eintritte in die Schule von einem ärztlichen Schulinspector untersuchen lassen, so würde sich ergeben, daß diejenigen Krankheiten, welche während des Schulbesuchs am Schulkinde immer deutlicher hervortreten, schon bei der Aufnahme des Kindes in die Schule in ihren Anfängen vorhanden waren. Eltern und Lehrer müssen demnach diesen Krankheiten gleiche Aufmerksamkeit widmen und Hand in Hand gegen dieselben ankämpfen.

[70]
II.


Aus dem elterlichen Hause, wo die Verziehung des Kindes in der Regel während der ersten sechs Lebensjahre so recht con amore vor sich geht, wird das Kind der Schule übergeben, und diese soll nun nicht blos den Geist des Kindes bilden, sondern in moralischer Hinsicht auch an demselben Das wieder gut machen, was zu Hause von den Eltern verdorben wurde. Das kann aber die Schule, wie sie zur Zeit gestaltet ist, durchaus nicht, da die armen Lehrer gezwungen sind, eine ganz widernatürlich große Anzahl Kinder von der verschiedensten körperlichen und geistigen Beschaffenheit und Gesittung gleichzeitig nach der Schablone zu bearbeiten. Freilich könnte dies anders und besser sein, wenn nur alle Die, welche Einfluß auf die Schule haben, eine richtigere Ansicht von der Wichtigkeit der Schule und der Schullehrer für die Befreiung des Menschengeschlechts von Unverstand, Aberglauben, Herrsch- und Sclavensinn, lächerlicher Eitelkeit und niedrigem Egoismus hätten, wenn ferner die Gemeinden für Schuleinrichtung und gute Lehrer größere Opfer brächten, als dies zur Zeit der Fall ist, und wenn das Wohl der Schulkinder unter die Obhut ärztlicher Schulinspectoren gestellt würde.

Die Schüler müssen vor allen Dingen nach ihrer verschiedenen körperlichen Beschaffenheit auch einer verschiedenen Behandlung bei Entwicklung ihrer geistigen Thätigkeiten und zur Bewahrung ihrer Gesundheit unterwiesen werden. Darum sind sie ebensowohl bei ihrer Aufnahme in die Schule wie während der Schuljahre unter ärztliche Controle zu stellen. Ganz besonders verlangt aber das Gehirn bei jedem Schulkinde, ehe die Bearbeitung dieses Organs in Angriff genommen wird, eine genaue Erforschung. Man bedenke, daß das Gehirn nur dann seine Thätigkeit (bestehend im Denken, Fühlen, Wollen) zu entwickeln vermag, wenn es seinen normalen Bau und die richtige chemische Zusammensetzung (bei welcher phosphorhaltiges Fett ganz unentbehrlich ist) besitzt, wenn es ferner durch (die sensuellen) Nerven mit den Sinnesorganen und (durch sensitive Nerven) mit den Empfindungsapparaten unseres Körpers in ununterbrochener Verbindung steht, und wenn es seine erlernte Thätigkeit durch Bewegungsnerven auf Bewegungsapparate (Muskeln, besonders der Sprechorgane) übertragen kann. Es darf natürlich das Gehirn auch in seinem Wachsthum und seiner Ernährung nicht gestört werden. – In Bezug auf das Gehirn des schulpflichtigen Kindes, über dessen richtige Pflege und Behandlung später gesprochen werden soll, beachte man Folgendes:

Bei Kindern unter sieben Jahren ist das Gehirn, selbst wenn die Kinder kräftig und ganz gesund sind, doch noch so weich und wässerig, daß es stärkere Eindrücke (psychischer, sensueller und sensitiver Art) noch nicht ohne Nachtheil ertragen kann. Erst nach dem siebenten Lebensjahre sollte deshalb der ernste Schulunterricht, und auch da noch sehr vorsichtig, beginnen. Uebrigens muß sich der Director und Lehrer (so lange noch kein ärztlicher Schulvisitator existirt) mehr, als dies zur Zeit geschieht, um den Gesundheitszustand (zumal des Gehirns) des Kindes beim Eintritt in die Schule kümmern. Sehr viele zu zeitig in die Schule geschickte Kinder, die anfangs körperlich gesund und geistig sehr befähigt waren, werden durch die Schule nach und nach gesundheitlich elend und machen in geistiger Beziehung keine Fortschritte mehr, bisweilen sogar Rückschritte. – Bei manchen Kindern ist as Gehirn zu klein geblieben (Mikrocephalie, meist in Folge vorzeitiger vollständiger Verknöcherung des Schädels) oder es ist durch frühere Krankheiten (Hirnhautentzündung, Wasserkopf) entartet. Solche Kinder bleiben zeitlebens blödsinnig und gehören nicht in eine Schule, sondern in eine Versorgungsanstalt. – Bei manchen Kindern ist das Gehirn, in Folge noch unbekannter [71] Veränderungen in der Hirnmasse, in seiner geistigen und nicht selten auch in seiner Bewegungs-Thätigkeit weniger frei, schwerfällig und unkräftig; das sind Schwachsinnige oder Schwachbefähigte, und diese verlangen durchaus für sich eine besondere, von sachverständigen Lehrern geleitete Erziehung in einer eigenen Anstalt, nicht aber in der Volksschule, wo sie nur den anderen Kindern in ihrem geistigen Fortschreiten hinderlich sind. Auch besondere Nachhülfestunden in der Schule nützen solchen Kindern nichts. – Eine sehr große Anzahl von meist schwachgenährten Schulkindern, besonders von Mädchen, mit blasser Hautfarbe und bleichen Lippen, die ihres schweren Lernens wegen vom Lehrer sehr oft für faul gehalten werden, sind nur wegen mangelhafter Ernährung ihres Gehirns (in Folge von Blutarmuth oder Ueberanstrengung, nicht selten durch geschlechtliche Unart) trägsinnig. Bei ihnen stellt sich beim Unterricht sehr leicht Hirnermüdung ein. Sie sollten stets apart unterrichtet werden, denn sie können, ohne Nachtheil für ihr blutarmes Gehirn nicht mit den hirnkräftigen Kindern gleichen Schritt im Lernen halten und werden, nicht selten in Folge der falschen Behandlung (Bestrafung) von Seiten des Lehrers, nerven- und gemüthsleidend. Solche trägsinnige Kinder, auf welche der Lehrer sein ganz besonderes Augenmerk zu richten hat, bringen sehr häufig aus der Schule Hirn- und Nervenleiden (Kopfschmerzen, Epilepsie) mit in das spätere Leben. – Sonach bedürfen also Kinder, wenn sie blödsinnig sind, einer Pfleg- und Versorgungsanstalt; – wenn sie schwachsinnig sind, einer von sachverständigen Erziehern geleiteten Erziehungsanstalt[1]; – wenn sie in Folge von Blutarmuth (des Gehirns) trägsinnig sind, einer besondern Schulclasse und eines passenden Unterrichts.




Wie der Turnplatz die Bildungsstätte ist, auf welcher die willkürlich zu gebrauchende Musculatur gekräftigt und zum Gebrauche immer tauglicher und geschickter gemacht wird – so ist die Schule die Bildungsstätte für die Entwickelung, Kräftigung und allmähliche Vervollkommnung der sogenannten geistigen oder Hirnthätigkeit. – Der Schullehrer ist Turnlehrer für’s Gehirn. – Beide Lehrer haben im Allgemeinen nach ziemlich gleichen Gesetzen zu wirken und zu bedenken, daß die Muskeln ebenso wie das Gehirn ihr Thätigsein erst durch Uebung (Gewöhnung, öftere Wiederholung ihrer Arbeit) erlernen und daß dies beiden Organen durch passende Unterweisung erleichtert werden kann. – Die Hauptaufgabe des Hirnturnens (Schulunterrichts) ist aber: die mit Hülfe der Sinne veranlaßten Hirneindrücke auf richtige Weise zur Bildung von Vorstellungen, diese durch Vergleichung mit einander zur Bildung von Begriffen und diese sodann zur Bildung von Urtheilen und Schlüssen, also zum Denken zu verwenden, welches schließlich der Bildung des Gemüths und Willens vorstehen muß. – Nur mittelst des Anschauungsunterrichts lassen sich nun die zum richtigen Denken durchaus nöthigen Hirnbilder dem Schulkinde eindrücken, und gleichzeitig ist durch solchen Unterricht, neben Förderung der Sprachbildung, eine systematische Uebung und Schärfung der Sinne, sowie eine für’s praktische Leben äußerst dienliche Beobachtungsfähigkeit zu erzielen. Leider wird der in den unteren Classen mit so gutem Erfolge eingeführte Anschauungsunterricht in fast allen Schulen sehr bald durch die überhäuften unglückseligen Gedächtnißübungen verdrängt, und deshalb lernen die meisten Erwachsenen auch nicht logisch denken.

Wie ein tüchtiger Turnlehrer vor allen Dingen die Musculatur und die mit dieser im innigen Zusammenhange stehenden und beim Bewegen betheiligten Organe (Knochen, Gelenke, Nerven und Adern) in ihrem Baue und Leben kennen muß, wenn er ihre Thätigkeit richtig entwickeln will; – wie er ferner genau wissen muß, was zum Vortheile und was zum Nachtheile der Musculatur und überhaupt der wichtigeren Körperorgane des Turnenden dient: – ebenso darf der Schullehrer nicht ohne genaue Kenntniß des Gehirns mit seinen Hülfsapparaten (den Sinnes-, Empfindungs-, Bewegungs- und Sprachorganen) sein, wenn er die geistige Thätigkeit gehörig entwickeln will, und ebenso muß er auch Kenntniß von Allem haben, was dem Gehirne und seinen Hülfsorganen, sowie überhaupt der Gesundheit des Schulkindes vortheilhaft und was nachtheilig ist. – Schullehrer und Turnlehrer müssen zuvörderst durchaus die Gesetze kennen, bei denen das Arbeiten des Gehirns und der Musculatur gehörig zu Stande kommen und zu immer größerer Vollkommenheit gesteigert werden kann. Sie dürfen nicht blos die zur Zeit beste Lehrmethode und die passendsten Unterrichtsmittel auszuwählen und anzuwenden verstehen, sondern sie müssen durchaus auch die physikalisch-chemischen Processe kennen, welche innerhalb der arbeitenden Organe vor sich gehen und bei richtiger Unterstützung zur Kräftigung, bei falscher Behandlung zur Schwächung und sogar zur Lähmung der Organe und ihrer Thätigkeit führen können. Beide Lehrer müssen ganz besonders der Thatsache eingedenk sein, daß die Kraftäußerungen ebenso des Gehirns wie der Muskeln von den in der Hirn- und Muskelsubstanz auftretenden chemischen Verhältnissen abhängig sind und hauptsächlich von dem Stoffumsatze, welcher mit Hülfe des Sauerstoffs durch Verbrennungen (Oxydationen) der Hirn- und Muskelmasse zu Stande kommt. Sie müssen bedenken, daß die (dem Ruß im Ofen vergleichbaren) Producte dieser Verbrennungen (nämlich: Kohlensäure, Inosit, Kreatin, Leucin, Milch-, Essig-, Ameisen- und Harnsäure) sich während des Arbeitens des Gehirns und der Muskeln in immer größerer Menge in dem Gewebe dieser Organe bilden und anhäufen und endlich Ermüdung derselben, ja, bei fortgesetzter Ueberanstrengung sogar vollständige (vorübergehende oder bleibende) Unfähigkeit jener Organe zum Arbeiten veranlassen können. Nur wenn diese „ermüdenden Stoffe“ während des Ausruhens jener Organe von ihrer Arbeit mit Hülfe des Blutstromes weggeschafft werden und nun für das Abgenutzte sich neue Gewebsmasse (aus der dem Blute entstammenden Ernährungsflüssigkeit) anbildet, erst dann verliert sich die Ermüdung wieder und die Organe werden zu neuer Arbeit befähigt. Demnach muß dem arbeitenden Gehirne und Muskel stets, und zwar nach der Dauer und dem Grade ihrer Anstrengung bei ihrer Arbeit, mehr oder weniger Zeit zum Ausruhen gegönnt werden, wenn sie nicht Nachtheil in ihrer Beschaffenheit und Arbeitsfähigkeit erleiden sollen.

Wie beim Turnen, so muß auch bei der Geistesbildung auf die Beschaffenheit der arbeitenden Organe Rücksicht genommen und ein schwaches Organ nicht wie ein kräftiges angestrengt werden. Ganz besonders ist aber ebenso bei der Hirn- wie Muskelbearbeitung darauf zu achten, daß ja recht vorsichtig und Schritt vor Schritt von leichteren zu schwereren Uebungen übergegangen werde. Nirgends aber schadet Ueberschreiten des Kraftmaßes mehr als beim Gehirnturnen. – Wie ein guter Turnlehrer nicht blos einzelne Muskelgruppen dieses oder jenes Gliedes üben, sonach nicht blos wenige bestimmte Bewegungen einstudiren darf, sondern dahin streben muß, daß alle nur möglichen Bewegungen leicht, kräftig und geschickt ausgeführt werden können, – eben so wenig darf der Schullehrer nur einzelne Thätigkeitsbezirke des Gehirns zum Arbeiten anhalten, sondern er muß alle dem Gehirn möglichen Thätigkeiten, also Verstand, Gemüth und Willen gehörig zu entwickeln und zu vervollkommnen suchen.

Sowie das Turnen eine zweckentsprechende Einrichtung des Turnplatzes und der Geräthschaften verlangt, so ist für die Geistesbildung und das körperliche Wohl des Schulkindes ein zweckmäßiges Schullocal nebst dem passenden und nothwendigen Unterrichtsmaterial (besonders Anschauungsobjecte) ganz unentbehrlich. Turn- wie Schullehrer müssen die etwaigen Fehler und Nachtheile ihrer Localitäten und deren Geräthe aufzufinden und diesen entgegenzutreten wissen. Der Schullehrer hat seine Aufmerksamkeit ganz besonders auf Luft, Temperatur, Licht, Heizung und Oefen, Tische und Bänke in der Schulstube zu richten.

Ueber die richtige Pflege des Kindes in den Schuljahren und in der Schule nächstens.

[190]
III.

Daß in den Schuljahren eine große Anzahl von Kindern an Uebeln leiden, die diesem Lebensalter vorzugsweise angehören und zum großen Theile auch in das spätere Lebensalter mit hinübergenommen werden, ist gewiß. Und ebenso gewiß ist es, daß diese Uebel durch die falsche Behandlung des Schulkindes, jedoch nicht blos in der Schule, sondern auch im elterlichen Hause, veranlaßt werden. Ihrem Entstehen muß also von Seiten ebenso der Lehrer wie der Eltern entgegengetreten werden, und dabei ist auf diejenigen Organe des Schulkindes die meiste Rücksicht zu nehmen, welche in diesem Lebensalter in Folge der Geistesbildung am meisten thätig sein müssen und durch falsche Behandlung am leichtesten erkranken können. Es sind vorzugsweise: das Gehirn und das Auge, sowie das Rückgrat.

Das Gehirn hat beim Schulkinde die wichtigste, deshalb aber auch die schwierigste und anstrengendste Aufgabe und Arbeit. Denn dieses Organ ist es, welches zu allen geistigen Thätigkeiten gebraucht und zum Verständig- und Vernünftigwerden des Menschen bearbeitet, erzogen werden muß. Dieses Erziehen des Gehirns darf nun aber nur äußerst vorsichtig vor sich gehen, wenn nicht für’s ganze Leben Schaden angerichtet werden soll. Erzieher müssen darum genaue Kenntniß von der Einrichtung und dem Leben des Gehirns haben, denn es handelt sich bei der Entwickelung und Vervollkommnung der geistigen Thätigkeit des Gehirns ganz besonders darum, daß die Ernährung der Hirnmasse nicht gestört werde. Dies kann aber, ebenso wie durch falsche und unzureichende Nahrung, sowie durch Störung des Blutlaufs innerhalb des Gehirns, auch dadurch geschehen, daß man dem Gehirne ein unzweckmäßiges, zu anstrengendes Arbeiten zumuthet und ihm das durchaus nöthige Ausruhen vom Arbeiten (besonders im Schlafe) vorenthält. Es muß durchaus das Geistig-Thätigsein in seiner Dauer und seiner Stärke dem vorhandenen Hirnzustande genau angepaßt und deshalb hierbei ganz besonders auf das Alter und den Ernährungszustand (die Blutmenge) des Kindes Rücksicht genommen werden. Auch darf die Steigerung dieses Thätigseins nur ganz allmählich geschehen. Aeußerst vorsichtig, weit vorsichtiger als dies zur Zeit in den Schulen geschieht, ist mit einem schwach ernährten, leicht ermüdenden, blutarmen Gehirne umzugehen.

Von der allergrößten Wichtigkeit für das Gedeihen des Gehirns und der Hirnarbeit ist das Gesetz: daß dem arbeitenden Gehirne stets eine seiner Arbeit entsprechende Ruhe, die richtige Pause im Arbeiten, gegönnt werden muß. Diese Ruhe ist aber deshalb für das Gehirn ganz unentbehrlich, weil (wie früher in Nr. 1 des Jahrg. 1870 der Gartenlaube erklärt wurde) während derselben die „ermüdenden Stoffe“ (nämlich die Zersetzungsproducte, welche [191] sich bei dem der Hirnarbeit zu Grunde liegenden Stoffumsatze bilden) aus der ermatteten Hirnmasse fortgeschafft werden müssen, und an Stelle des Abgenutzten neue Hirnmasse sich ansetzen muß. – Es dürfen deshalb in der Schule ja nicht mehrere Stunden, in denen Kopfarbeit (besonders Denkübung) getrieben wird, gleich aufeinander folgen, sondern sie müssen, nach gehöriger Pause, mit Stunden abwechseln, in denen das Gehirn nichts oder nur wenig zu thun hat, wie mit Schreibe-, Zeichen- und dergleichen Stunden. – Für kleinere Kinder ist schon eine ganze Stunde Kopfarbeit zu viel, und es würde eine halbe Stunde hinreichen. – Auch ist in der Pause nach solchen das Hirn anstrengenden Stunden der Aufenthalt und das Bewegen in freier Luft (mit Freiübungen) von großem Nutzen, zumal dann, wenn dabei kräftig und tief ein- und ausgeathmet wird. Durch das Tiefathmen wird nämlich der Blutumlauf bethätigt, und so nicht blos die Zufuhr von Sauerstoff (der, wie bei jeder Lebensthätigkeit, ebenso ganz besonders beim Hirnarbeiten eine Hauptrolle spielt), wie von neuem Hirnbildungsmaterial zum ermüdeten Gehirn, sondern auch die Abfuhr der ermüdenden Stoffe aus dem Gehirne befördert.

Unterrichtsstunden bald nach dem Essen sollten durchaus nicht gestattet sein, am wenigsten dürfen sie aber die Hirnthätigkeit in Anspruch nehmen. Denn, abgesehen von der nicht zu vermeidenden Unaufmerksamkeit des Schülers, wirken sie stets auf den Verdauungsproceß störend ein und legen dadurch den Grund zur Blutarmuth und zu Verdauungsbeschwerden. Man bedenke auch, daß durch gespannte Aufmerksamkeit das Athmen unvollständiger vor sich geht, und daß dies um so mehr der Fall ist, wenn der gefüllte Magen das Zwerchfell gegen die Lungen in die Höhe drängt. – Durch Gähnen wird von der Natur dem unvollständigen Athmen entgegengetreten, und der Lehrer thäte deshalb auch gut, wenn er die Kinder öfters zum tiefen Athmen anhielte. – Daß angestrengte Hirnarbeit die Herz- und Gefäßthätigkeit abnorm (zu Congestionen) steigern kann, wurde früher (siehe Gartenlaube 1870 Nr. 1) auseinandergesetzt. – Eine abnorme Beschaffenheit der Luft, welche das Schulkind nicht selten einzuathmen gezwungen ist, hat insofern Einfluß auf das Wohl des Gehirns, als diese Luft nach ihrem Uebergange in das Blut und beim Durchströmen mit diesem durch das Gehirn nachtheilige Einwirkung auf die Hirnsubstanz ausüben kann. Die Schulzimmerluft kann aber besonders durch ihren Gehalt an Kohlenoxyd und an größeren Mengen von Kohlensäure und Ausdünstungsstoffen der Schüler dem Gehirne Nachtheil bringen (siehe später). – Uebrigens versteht es sich wohl von selbst, daß Alles, was dem Gehirne von außen Schaden zufügen könnte, wie Schläge und Stöße an den Kopf, sehr große Hitze und Kälte, vermieden werden muß. Es ist eine nicht zu entschuldigende Rohheit vom Lehrer, wenn er seine Schüler durch Ohrfeigen und Kopfnüsse bestraft. Denn es giebt Fälle, wo durch solche Bestrafung, bei welcher der Lehrer meist in seinem Zorne die Kraft des Schlages nicht bemessen kann, der Tod des Kindes herbeigeführt wurde. Auch die Seh- und Gehörswerkzeuge können durch Schläge an den Kopf Schaden erleiden. – Nicht unerwähnt ist ferner zu lassen, daß das Gehirn auch von den Sinnesorganen aus, weil deren Nerven im Gehirne wurzeln, geschädigt werden kann, und daß sehr heftige Erregungen oder Ueberanstrengungen dieser Organe in den bei diesen abnormen Sinneseindrücken betheiligten Hirnpartien Schaden (Lähmungszustände) anzurichten im Stande sind.

Der Schaden, welcher dem kindlichen Gehirne in den Schuljahren durch falsche Behandlung, besonders durch Ueberanstrengung in seinen Arbeiten, ebenso von Seiten der Lehrer wie der Eltern zugefügt wird, ist sehr oft auch nach der Schulzeit nicht wieder gut zu machen und trägt die Schuld an der so häufigen sogenannten nervösen Reizbarkeit, an den immer mehr um sich greifenden Geisteskrankheiten und Selbstmorden (sogar von Schülern), an dem habituellen Kopf- und Weltschmerz und an so vielen Nervenkrankheiten (Epilepsie). Dem Allen könnte entgegengetreten werden, wenn die Kinder weit später als jetzt und auf zweckmäßigere Weise zum Geistigthätigsein angetrieben würden und dafür länger als jetzt die Schule besuchten, so daß die Geistesbildung nicht übereilt und nicht einem noch unkräftigen Gehirne zu viel zugemuthet zu werden brauchte. Aber leider wollen die Eltern, zumal diejenigen, die selbst in ihrer Jugend nicht viel gelernt haben, ihre Kinder so schnell als möglich recht klug gemacht wissen und sind ganz ungehalten über die Leistungen der Schule und der Lehrer, wenn ihre durch vielen Privatunterricht dämlig gewordenen Sprossen nicht Wunder an Klugheit werden. – Sehr häufig wird von den Eltern gegen das Kindergehirn auch dadurch gesündigt, daß demselben nicht der gehörige Schlaf gestattet wird, obschon während desselben die Restauration des Gehirns, theils durch Abfuhr der ermüdenden Stoffe, theils durch Anbildung neuer Hirnmasse, stattfindet. Auch ist der Schlaf außerdem noch darum von enormer Wichtigkeit, weil in dieser Zeit Sauerstoff, die Quelle aller Lebensvorgänge und gewissermaßen die Dampfkraft, die unsere Lebensmaschine treibt, in solcher Menge durch das Blut in unsere Organe aufgenommen wird, daß wir dann im wachen und thätigen Zustande von demselben zehren können. Denn die Arbeitsfähigkeit unserer Organe, und ganz besonders des Gehirns, ist von der Menge Sauerstoff abhängig, die sie vor der Arbeitsleistung in sich aufgespeichert haben. Weniger als acht bis zehn Stunden darf ein Schulkind nicht schlafen.

Die Sinneswerkzeuge des Schulkindes, und vorzugsweise der Gesichtssinn, verlangen, nach dem Gehirne, die größte Aufsicht und Sorge. Denn durch der Sinne Pforten zieht der Geist in unsern Körper (in das Gehirn) ein; das heißt: durch die Sinneseindrücke erlernt unser Gehirn sein geistiges Arbeiten. Die Sinne sind die Zubringer der geistigen Speise, deren passende Auswahl und deren richtiges Verdauen der Lehrer zu beschaffen hat. Die Entwickelung der Sinne ist die Grundlage für die Entwickelung des Geistes. Deshalb muß sich ein wirklich vernünftiger und zeitgemäßer Unterricht des Kindes vorzugsweise auf Anschauungen von Gegenständen aus der Natur gründen, und es sind darum auch die Schulbehörden verpflichtet für solche Unterrichtsgegenstände (ganz besonders auch vom menschlichen Körper) gehörig Sorge zu tragen.[2] Die Lehrer aber sind verpflichtet, die Kinder schon von der ersten Schulzeit an in die Natur so einzuführen, daß jeder Mensch die unabänderlichen Naturgesetze, welche bei allem Geschehen im Weltall in Kraft treten, so zeitig als möglich genau kennen lernt, dadurch aber von dem leider jetzt noch so arg herrschenden, dem Menschenverstande Hohn sprechenden Wunder- und Aberglauben befreit bleibt. Daß noch so viel dumme und kranke Menschen existiren, kommt nur daher, daß ebenso die Lehrer in ihren Erziehungsanstalten, wie die Kinder in den Schulen vom menschlichen Körper nichts oder so gut wie nichts lernen, ja sehr viele Lehrer leider davon auch nichts lernen wollen. – Das in den Schuljahren am meisten mißhandelte Sinneswerkzeug ist das Auge, und davon später.

[398]
IV.

Das Sinneswerkzeug, welches in den Schuljahren, aber ebenso im elterlichen Hause wie in der Schule, am meisten mißhandelt wird, ist das Auge, und diese Mißhandlung zieht sehr häufig derartige bleibende Nachtheile beim Schulkinde nach sich, daß dadurch hindernd in das spätere Fortkommen desselben eingegriffen wird. Es ist eine traurige Thatsache, daß eine große Menge von Menschen schon in ihren Schuljahren durch eine falsche Behandlung ihres Sehorgans für eine nicht geringe Zahl von Berufsarten, bei denen ein gutes dauerhaftes Auge erforderlich ist, geradezu untauglich gemacht werden, und daß sie, wenn sie trotz ihres geschwächten Auges doch einen solchen Beruf ergreifen und denselben dann später, wegen eingetretener Arbeitsunfähigkeit des Auges, [399] aufzugeben gezwungen sind, oft in eine sehr traurige Lage versetzt werden. Darum muß nicht nur dahin gestrebt werden, das Sehorgan in der Jugend vor Leiden aller Art zu schützen, sondern es muß auch bei Bestimmung des Berufes nach den dem Auge so nachtheiligen Schuljahren die gehörige Rücksicht auf die Beschaffenheit des Sehorgans genommen werden.

Nur in Kürze wollen wir die Gesetze, welche bei der Pflege des Auges, wenn dieses für den Lebensberuf und fürs Leben ausreichen soll, zu beachten sind, und welcher ebenso der Lehrer wie der Schüler (in Folge von Belehrung durch den Lehrer) stets eingedenk sein sollte, hier im Allgemeinen anführen. – Zuvörderst muß vom Auge, so weit es nur immer möglich gemacht werden kann, die Einwirkung von schädlicher Luft, mit Staub, Rauch, scharfen Dünsten, sowie von zu großer Hitze und Kälte (auch von sehr kaltem Waschwasser, besonders gleich nach dem Erwachen) und von Zugluft abgehalten werden. – Sodann sind Verletzungen aller Art, z. B. Schläge an den Kopf (wie bei Bestrafung des Schulkindes durch den Lehrer) und starker Druck auf das Auge (wie bei’m Zuhalten derselben von hinten her), sowie das Eindringen fremder Körper in dasselbe zu verhüten. – Ganz besonders ist aber auf das (natürliche wie künstliche) Licht, welches auf und in das Auge fällt, zu achten, da dieses die häufigste Schuld an den vielen Augenleiden trägt, und zwar besonders dann, wenn es zu stark und grell ist, so daß es die Nervenhaut des Augapfels durch Ueberreizung lähmt. Ein solches blendendes Licht schadet am meisten, wenn es plötzlich nach vorheriger Dunkelheit, oder wenn es von unten und von der Seite, oder von einem leuchtenden Gegenstande her zurückgeworfen, in unser Auge fällt. Schaden bringt also dem Auge: das oft und lange Sehen in die Sonne, den Mond, in Feuer, Flammen, auf spiegelnde und glänzende Gegenstände (auf von der Sonne beschienene Eis- und Schneeflächen), das Arbeiten (Zeichnen, Lesen, Schreiben, Nähen, Sticken etc.) im hellen Sonnenlichte, das Sehen beim Erwachen sofort in grelles Licht. Ebenso schadet aber auch ein zu schwaches Licht, besonders in der Dämmerung, durch Ueberanstrengung des Auges, zumal wenn dabei feinere Gegenstände besehen und feine Arbeiten gemacht werden. Das unstete, flackernde Licht, so wie ein aus natürlichem und künstlichem gemischtes Licht wirkt ebenfalls nachtheilig.

Der gehörigen Lichtmenge wegen muß beim Baue eines Schulhauses durchaus darauf Rücksicht genommen werden, daß dasselbe eine freie Lage habe und dem Lichte der Zutritt nicht verwehrt werde. Das Schulhaus stehe also (wenn möglich etwas erhöht) nicht zu nahe an hohen Gebäuden (Kirchen), welche der Schule entweder Licht nehmen oder reflectirtes zusenden, nicht in der Nähe von vielen und hohen Bäumen, welche das Licht schwächen und unstet machen können. Das wichtigste Erforderniß für ein Schulzimmer ist stets ein ausreichendes, alle Punkte des Zimmers erhellendes und trotzdem die Augen der Schüler nicht blendendes Licht. Selbst bei trüber Witterung muß ein Schulzimmer doch noch soviel Licht bekommen, daß auch das vom Fenster am entferntesten sitzende Kind ohne Anstrengung noch deutlich sehen kann.

Die Art des Arbeitens und der Arbeit gefährdet das Auge ebenfalls sehr leicht, wenn sie demselben nicht richtig angepaßt wird. Hierbei ist zunächst eine zu lange Anstrengung des Auges, zumal wenn die Arbeit sehr fein oder glänzend, von zu heller oder dunkler Farbe, eine häufige Quelle von Augenleiden. Es ist deshalb durchaus nöthig, wenn ein solches Arbeiten nicht Schwachsichtigkeit (bei welcher die Sehkraft abnimmt und schnell ermüdet) veranlassen soll, das Auge von Zeit zu Zeit ausruhen zu lassen und auf beschattete, mattgraue Gegenstände zu richten, oder mit der Arbeit zu wechseln. – Ganz besonders ist aber eine zu geringe Entfernung des Sehgegenstandes vom Auge insofern von Nachtheil, als sie Kurzsichtigkeit (bei welcher das Auge nur nahe Gegenstände scharf zu sehen vermag) erzeugt. Alles, was uns zwingt, zur schärferen Beobachtung den Gegenstand unserm Auge nahe zu bringen, fördert die Kurzsichtigkeit.

Die Kurzsichtigkeit, welche sich nach und nach bis zur wirklichen Schwachsichtigkeit steigern kann, ist dasjenige Augenleiden, welches am häufigsten den Schuljahren entstammt. Sie wird dadurch veranlaßt, daß das Kind seine Augen (zumal beim Schreiben) zu nahe an den zu sehenden Gegenstand bringt und zu bringen gezwungen ist. Jedoch trägt weit weniger die Schule, wo der Lehrer die körperliche Haltung der Kinder in dieser Hinsicht überwacht, die Schuld an diesem durch anhaltendes Sehen auf zu nahe Gegenstände erzeugten Augenleiden, als das elterliche Haus, wo in der Regel über das arbeitende Kind und dessen Augen keine Aufsicht geführt wird und dasselbe beim Arbeiten (nicht selten im hellen Sonnenlichte) sich meistens viel zu tief auf die Arbeit niederbückt. Deshalb hat aber auch der Lehrer um so mehr die Pflicht, seine Schüler mit der richtigen Pflege der Augen, und zwar schon in den untersten Schulclassen bekannt zu machen und ganz besonders zu warnen: vor der zu großen Annäherung des Auges an die zu sehenden Gegenstände (eine Annäherung von zwölf bis zehn Zoll genügt für ein normal gebautes und gesundes Auge), vor Ueberanstrengungen des Auges und vor falscher Beleuchtung (vor zu grellem, unzureichendem, unstetem und gemischtem Lichte).

Daß in der Schule Alles gethan werden muß, um Kurzsichtigkeit und Schwachsichtigkeit, wie überhaupt jedes Leiden vom Auge des Schülers abzuhalten, versteht sich zwar von selbst, aber es geschieht trotzdem doch nur in sehr unzureichendem Grade und zwar deshalb, weil die allermeisten Lehrer – viele der Herren Schuldirectoren nicht ausgenommen – sich noch gar zu wenig um die Einrichtung und Pflege des menschlichen Körpers bekümmert haben und bekümmern. – Um Kurzsichtigkeit zu verhüten, muß ganz besonders darauf geachtet werden, daß die Bänke der Kinder der Größe angemessen eingerichtet werden und daß das Verhältniß des Sitzes zum Pulte ein solches ist, daß das Kind mit gerader oder nur leicht vorgebeugter Haltung des Körpers und ohne seinen Kopf oder Rumpf stark zu krümmen, die Augen in die gehörige Entfernung (zehn bis zwölf Zoll) zum Pulte bringen kann. Zu diesem Zwecke muß die Tischplatte auch etwas geneigt (etwa zwei Zoll auf zwölf Zoll Breite) sein. Da auch bei unzureichendem Lichte und sehr kleinen Schriften der Schüler sein Auge dem Gegenstande zu sehr und bei vorgebeugtem Kopfe nähern muß, dadurch aber der beim Einstellen des Auges zum Nahesehen thätige Muskel überangestrengt wird, so kann ein solches Licht und das angestrengte Sehen auf feine Gegenstände ebenfalls Kurzsichtigkeit erzeugen und, wenn oft und längere Zeit das Auge bei zu geringem Lichte angestrengt wird, zu bedeutender Schwächung der Sehkraft führen. – Der Blödigkeit oder Schwachsichtigkeit (an welcher sicherlich geschlechtliche Unart häufig mit Schuld trägt) läßt sich dadurch entgegentreten, daß der Schüler (zumal der schwächliche und blutarme) nicht mit Arbeiten überbürdet wird, wobei die Augen stark in Anspruch genommen wird. Allerdings wird hiergegen fast mehr im Hause (durch die vielen Privatstunden und weiblichen Arbeiten) als in der Schule gefehlt. Eine solche Ueberbürdung wird um so verderblicher, je unpassender das Licht (besonders das künstliche) dabei und je feiner die benutzten Gegenstände (die Noten, Lettern, Stickmuster etc.) sind. Es sollen ferner bei unzureichendem Lichte Kinder niemals lesen, schreiben, zeichnen, sticken etc. dürfen, denn nichts verdirbt und schwächt die Augen so leicht, als Verstöße gegen diese Vorschrift. Deshalb muß ein Schulzimmer stets die gehörige Menge Lichtes besitzen und niemals dürfen Stunden, bei denen das Auge angestrengt wird, im Dämmerlichte gehalten werden. Die Kurz- und Schwachsichtigkeit wird durch geringes Licht, bei dem die Kinder ihre Augen dem Sehobjecte sehr nähern müssen, bedeutend gefördert. Der Unterschied, mit wie viel weniger Anstrengung und wie viel ferner man bei voller Beleuchtung als bei geringer Zimmerhelle sieht, ist nicht unbedeutend. Auch die dunkle Schiefertafel, sowie die blasse Tinte nöthigen das Kind, dem Objecte näher zu gehen. Sodann dürfen beim Schreiben- und Lesenlernen niemals zu kleine Schriften (Musterschriften, Geschriebenes und Gedrucktes) in Anwendung kommen, und nie dulde man bei Kindern das Geizen mit dem Raume des Papiers, sowie das Zusammendrängen der Buchstaben und Zeilen.

Wie das Gehirn, verlangt auch das Auge, wenn es gebraucht wurde, die gehörige Pause zum Ausruhen und es sollte das Auge niemals mehrere Stunden hintereinander angestrengt werden. Schon in der einen Stunde sind kleinere Pausen dem Auge wohlthätig. – Daß auch übermäßig starkes, von sehr hellen und spiegelnden Flächen reflectirtes, sowie unstetes und unreines (künstliches und aus diesem und natürlichem gemischtes) Licht vom Auge des Schülers abgehalten werden muß, versteht sich wohl von selbst. Deshalb ist auf den Anstrich des Schullocals, die Fenster mit ihren Gardinen und Rouleaux, den Fußboden, [400] die Stellung des Lichts etc. Rücksicht zu nehmen. – Das dem Auge des Schulkindes wohlthuendste Licht fällt schräg von oben und von der linken Seite ein und es werde dem Schüler durch viele und große (breite und hohe) Fenster so viel als möglich davon geboten. Diejenige Erhellung des Schulzimmers, wo den Schüler das Licht von vorn trifft, ist stets nachtheilig. Licht von beiden Seiten ist insofern unangenehm, als es von der schreibenden Hand einen Schatten auf das Papier wirft. Niemals darf aber Licht von unten her in das Auge des Schülers fallen und also das Fenster höchstens bis zur Tischplattenhöhe hinabreichen. Zur Mäßigung des hellen Sonnenlichtes dienen am besten Rouleaux von ungebleichter Leinwand oder Marquisen. – Zur künstlichen Beleuchtung sollte nur Gas verwendet werden, weil es das meiste und gleichmäßigste Licht liefert. Nur müssen die Gasflammen in gehöriger Menge und Höhe angebracht werden und zum Behuf ruhigen Brennens und richtiger Lichtvertheilung mit einem Glascylinder und einem Schirm (aus Papier, dünnem Porzellan, Glas, nicht etwa aus Kupfer, welches Staub aus Schwefel-Kupfer liefern könnte) versehen sein. Wo kein Glas vorhanden, da nehme man seine Zuflucht zu Oellampen; Kerzen und Petroleum sind unzweckmäßig. – Da dem Auge unreine Luft (mit Rauch, Staub, scharfen Dünsten verunreinigte) schadet, dasselbe reizt und in Entzündung versetzt; da ihm auch Zugluft, zumal bei erhitztem Körper und Auge Nachtheil bringt: so müssen in der Schule diese Schädlichkeiten von den Augen der Schüler abgehalten werden. – Verletzungen des Auges, Erschütterung, Druck und Schlag auf dasselbe, könnten beim Bestrafen des Schülers durch Schläge an den Kopf und in das Gesicht, durch Ohrfeigen, Kopfnüsse und dergleichen zu Stande kommen und dem Auge für’s ganze Leben nachtheilig bleiben.

Dr. Kohn in Breslau, welcher die Augen einer sehr großen Anzahl von Schulkindern untersuchte, fand als Ergebniß dieser Prüfung, daß es keine Schule ohne kurzsichtige Schüler giebt und die Ursache der so häufigen Kurzsichtigkeit der Schulkinder weniger in dem Lehrplan (in Ueberbürdung mit Augenarbeiten), in den Lehrmitteln (zu kleinen Schriften), in der falschen und ungenügenden Beleuchtung und überhaupt in den Anforderungen, welche an die Augen der Schüler gestellt werden, liegt, als vielmehr in den einzelnen Schuleinrichtungen und vorzugsweise an den unzweckmäßigen Schulbänken. Diese sind nämlich so gebaut, daß die Kinder gezwungen sind, die Schrift in großer Nähe und bei vorgebeugtem Kopf und Rumpf zu betrachten (siehe später über Subsellien). – Er fand ferner: daß in den Dorfschulen nur wenig Kurzsichtige zu finden sind, daß dagegen in den Stadtschulen achtmal mehr Kinder kurzsichtig sind als in den Dorfschulen, daß in den Elementar- und Volksschulen weniger Kurzsichtige als in den höheren Schulen zu finden sind, daß in allen Realschulen, höheren Töchterschulen und Gymnasien eine continuirliche, sehr beträchtliche Zunahme der Kurzsichtigkeit von Classe zu Classe stattfindet. Auf den Mittelschulen ist mehr als der zehnte, auf den Realschulen fast der fünfte, auf den Gymnasien mehr als der vierte Theil der Schüler kurzsichtig. Durchschnittlich sind in allen Schulen in den obersten Classen mehr Kurzsichtige als in den untersten. Höhere Grade von Kurzsichtigkeit, die nach und nach zur wirklichen Schwachsichtigkeit führen kann, fand er in den Dorfschulen gar nicht, während schon in den städtischen Mittelschulen die Stärke der Kurzsichtigkeit wächst und in den Realschulen und Gymnasien ganz bedeutend zunimmt. Es giebt übrigens doppelt so viel kurzsichtige Knaben als Mädchen; nach den Lebensjahren findet in allen Schulen eine stetige Zunahme der Kurzsichtigen statt. – Er fand auch noch: daß, je enger die Gasse, in welcher die Schule steht, je höher die gegenüberliegenden Häuser, in einem je niedrigeren Stockwerke die Classe befindlich, um so mehr die Zahl der kurzsichtigen Schüler steigt. – Aus diesen Thatsachen werden hoffentlich die Schulvorstände deutlich ersehen, daß die Humanität keine Knausereien für solche Schuleinrichtungen erlaubt, welche dem Wohle der Kinder dienen.

Das Gehörorgan, Ohr, verlangt allerdings in der Schule nicht eine solche Berücksichtigung wie das Auge; jedoch muß der Lehrer auch diesem Sinneswerkzeuge seine Aufmerksamkeit schenken. Es ist dies deshalb besonders nöthig, weil sehr oft im elterlichen Hause zu wenig auf den Zustand dieses Organs geachtet wird und die ersten Anfänge eines Ohrenleidens, zumal der Schwerhörigkeit, welche in der Schule manchmal eher als im Hause entdeckt wird – sofort die Behandlung durch einen wissenschaftlich gebildeten Ohrenarzt verlangen, wenn der Gehörsinn nicht für’s ganze Leben Schaden erleiden soll. – Von Seiten des Lehrers sind Schläge an das Ohr (Ohrfeigen) und auf den Kopf ängstlich zu vermeiden, weil sie durch Erschütterung und Lähmung des Hörnerven sofortige Taubheit, sowie auch durch Eindruck auf das Trommelfell und die Theile in der Paukenhöhle Schwerhörigkeit veranlassen können. – Der gefährlichen Spielerei der Schulkinder, fremde Körper in den Gehörgang zu stecken oder mit einem Stift darin zu bohren, muß streng entgegen getreten werden. – Zugluft (besonders an nicht dicht schließenden Fenstern), ebenso große Wärme (in der nächsten Nähe des Ofens) müssen vom Ohre fern bleiben. – Auf Ausflüsse aus dem Ohre, ja auch auf Reinhalten desselben den Schüler aufmerksam zu machen, sollte der Lehrer nicht als etwas für ihn Ungehöriges und Entwürdigendes ansehen.

Das Geruchsorgan, die Nase, kann insofern beim Schulkinde Gelegenheit zur Beachtung von Seiten des Lehrers geben, als die Kinder nicht selten durch Bohren mit dem Finger in der Nase, sowie durch das Hineinstecken fremder Körper Veranlassung zu langwierigen Nasenleiden geben. – Widerwärtige und stark reizende Gerüche müssen von den Geruchsnerven fern gehalten werden. – Das ordentliche und anständige Reinigen der Nasenhöhle braucht vom Lehrer nicht unbemerkt zu bleiben. – Die Stinknase, welche bei Schulkindern zuweilen einen unerträglichen Gestank verbreitet, ist für die Mitschüler sehr eklig.

Das Geschmacksorgan, die Zunge in der Mundhöhle, ist ist Bezug auf übelen Mundgeruch und auf die Beschaffenheit der Zähne wohl einiger Aufmerksamkeit von Seiten des Lehrers werth.

Das Tastorgan, die Haut der Hände und Finger, verdient ganz besonders, abgesehen vom Reinhalten, hinsichtlich des Erfrierens Berücksichtigung. Denn es kommen nicht nur Kinder mit Händen, die sie auf dem Schulwege erfroren haben, in die Schule, sondern sie erkälten selbige sogar in zu kalten Schulstuben. – Das Schlagen auf die Hand und Fingerspitzen, die sogenannten „Tatzen“, ist eine Bestrafungsart, die durchaus aus der Schule fern bleiben muß.

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V. Schiefwerden des Schulkindes.

Das Schiefsein, die seitliche Rückgratsverkrümmung (Scoliose), hat in der Neuzeit auf eine schreckenerregende Weise an Häufigkeit zugenommen und Heilungen dieses Leidens kommen so gut wie gar nicht vor. Verhütung desselben ist also die Hauptaufgabe für Eltern und Erzieher. – Am häufigsten wird diese Rückgratverkrümmung beim Schulkinde, zumal bei Mädchen mit blasser Haut und schlaffem Fleische, angetroffen, und in den allermeisten Fällen ist sie die Folge schlechter Angewöhnung, nämlich längerer falscher Haltung des Körpers in einer und derselbeu Schiefstellung, besonders beim Arbeiten (Schreiben) im Sitzen. Nicht ganz mit Unrecht wird der Schule, und zwar den unzweckmäßigen Bänken und Tafeln (Subsellien), Schuld an diesem Schulkindleiden gegeben. Allein es trägt die Schule durchaus nicht die alleinige und hauptsächlichste Schuld daran, weit mehr verschuldet noch das elterliche Haus, wo man auf die Haltung und Sitzweise des (zumal arbeitenden) Kindes meistens gar nicht achtet, und wo schon von erster Jugend an eine Menge schädlicher Einflüsse auf das Rückgrat einwirken. Daß dem aber so ist, dafür spricht die Thatsache, daß sehr viele Kinder zu der Zeit, wo sie in die Schule aufgenommen werden, schon mehr ober weniger ein verkrümmtes Rückgrat haben, was aber von den Eltern gewöhnlich übersehen und erst dann bemerkt wird, wenn die Verkrümmung während und durch den Schulbesuch ganz auffallend und nun nicht mehr heilbar geworden ist.

Würden die Schulkinder bei ihrer Aufnahme in die Schule von ärztlichen Schulinspectoren einer genauen Untersuchung in Bezug auf Gesundheit unterworfen, so dürften, außer Rückgratsverkrümmungen, sicherlich noch manche andere Uebel entdeckt werden, welche zur richtige Behandlung des Schulkindes dem Lehrer zu wissen frommt. Aber den meisten Schul- und Turnlehrern darf man so nicht etwa mit dem Wunsche kommen, daß sie doch mehr auf das körperliche Wohl ihrer Schüler achten möchten, als dies zur Zeit geschieht; wenn man nicht hören will, daß der Turnplatz keine orthopädische Anstalt und die Schule keine Heilanstalt sei. Verfasser kennt Schuldirectoren, die vom menschlichen Körper und seiner Pflege auch nicht die geringste Kenntniß haben und trotzdem eine Gesundheitscontrolle über ihre Schüler von Seiten Sachverständiger (d. h. ärztlicher Schulinspectoren) barsch zurückweisen. Solche Directoren möchten eben auch unfehlbare Päpste sein. Ueberhaupt tragen die Directoren und Lehrer der Schule unmittelbar und mittelbar die Hauptschuld an den überaus schlechten Gesundheitsverhältnissen der jetzigen Menschheit, und zwar deshalb, weil sie einestheils viel zu wenig das körperliche Wohl der Schüler in der Schule im Auge haben, und anderntheils, weil sie ihren Schülern nicht die gehörige Anleitung zur Wahrung ihrer und ihrer Angehörigen Gesundheit geben. Die allermeisten Lehrer wissen freilich selbst nichts vom menschllchen Körper und seiner Pflege.

Um ein richtiges Verständniß über die Rückgratsverkrümmung zu bekommen und dem Entstehen derselben entgegentreten zu können, möge man folgende anatomische Vorbemerkungen nicht unbeachtet lassen. – Die Wirbelsäule oder das Rückgrat ist die Grundveste unseres Körpers, die einzige Stütze des Kopfes und ein Stativ, an welchem der Brustkasten mit den Armen und das Becken mit den Beinen befestigt ist. Sie stellt einen vielgegliederten und schlangenförmig gekrümmten Knochenschaft dar, welcher in seinem Innern einen Canal für das Rückenmark enthält und von oben nach unten allmählich in seiner Dicke zunimmt. Diese am Rücken durchfühlbare Knochensäule ist trotz ihrer Festigkeit doch sehr beweglich, denn sie kann gebogen, gestreckt, zu den Seiten geneigt und um ihre Achse gedreht werden. Dies kommt aber dadurch zu Stande, daß sie aus sechsundzwanzig Knochen – vierundzwanzig Wirbeln, dem Kreuz- und Steißbeine – aufgebaut ist, welche, obschon die einzelnen Knochen ziemlich straff durch Knorpel und Bänder (knorpelige Wirbelbandscheiben) miteinander verbunden sind, viele übereinander liegende Gelenke bilden, und daß durch diese, sowie durch die Elasticität der Bandscheiben, eine große Beweglichkeit der ganzen Säule ermöglicht ist. – Man pflegt an der Wirbelsäule von oben nach unten vier Abtheilungen zu bezeichnen, nämlich: einen Hals-, einen Brust-, einen Lenden- und einen Beckentheil. Der Halstheil wird von den sieben Halswirbeln gebildet und hat eine nach vorn convexe Krümmung, die hauptsächlich durch die keilförmige Gestalt der die Wirbelkörper verbindenden Faserringe (der sogenannten Zwischenwirbelknorpel, welche vorn höher als hinten sind) bedingt wird. Der Brusttheil, dem an jeder Seite zwölf Rippen anhängen, ist von den zwölf Brustwirbeln aufgebaut und in der Art gekrümmt; daß er eine nach vorn concave Bogenlinie beschreibt. Diese Krümmung rührt von der ungleichen Höhe der Wirbelkörper her, welche vorn niedriger als hinten sind. Der Lendentheil wird von den fünf sehr starken Lenden- oder Bauchwirbeln gebildet und hat eine nach vorn convexe Krümmung. Der Beckentheil besteht aus dem Kreuz- und Steißbeine und ist nach vorn (gegen die Beckenhöhle hin) ausgehöhlt; seitlich vereinigt er sich mit den Beckenknochen so fest, daß er für sich keine Bewegung ausführen kann.

Die Wirbelsäule macht sonach eine doppelt S förmige Wellenkrümmung oder vier halbrunde Krümmungen. Diejenigen Abtheilungen [820] derselben, welche an Bildung der großen Körperhöhlen Antheil nehmen, wle der Brust- und Beckentheil, sind nach vorn ausgehöhlt und vermehren so die Geräumigkeit dieser Höhlen (der Brust- und Beckenhöhle), während der Hals- und Lendentheil nach vorn gewölbt sind. Ginge die Wirbelsäule durch die Mitte des menschlichen Körpers und wäre das Gewicht der an die Säule angehefteten Weichtheile gleichförmig rings um sie vertheilt, so wäre eine Krümmung derselben unnöthig. Da sie aber an der hintern Körperwand ihre Lage hat und nach vorn durch die Brust- und Baucheingeweide einseitig belastet ist, so sind ihre Biegungen eine unerläßliche Bedingung der Balance, welche übrigens durch die zu beiden Seiten der Wirbelsäule liegenden Rückenmuskeln (Rückgratsstrecker) auch noch in Ordnung gehalten wird. Demnach ist die natürliche schlangenförmige Krümmung der Wirbelsäule, bei welcher auf jede convexe Krümmung eine concave folgt (so daß sie sich einander compensircn), ein ganz nothwendiges Erforderniß für die Tragkraft der Säule bei aufrechter Körperstellung und also ein besonderes Attribut des menschlichen Körpers. Der Kopf kann in Folge dieser abwechselnd entgegengesetzten Krümmungen der Wirbelsäule (indem dadurch die Endpunkte der Biegungen in der Längenachse des Körpers senkrecht über einander gestellt sind) ohne große Muskelanstrengung senkrecht über der Drehungsachse des Beckens balanciren. Bei kleinen Kindern, welche noch nicht gelernt haben, die Last ihres Leibes vertical zu tragen, noch nicht aufsitzen und laufen können, fehlen noch die vier Krümmungen der Wirbelsäule. – Jede abnorme Krümmung der Wirbelsäule stört die Gleichgewichtsverhältnisse derselben und zieht zur Wiederherstellung der Balance eine zweite Krümmung und zwar der benachbarten Rückgratsportion nach der entgegengesetzten Seite hin nach sich. Man nennt diese zweite, zur abnormen Krümmung hinzutretende und nach der entgegengesetzten Seite gerichtete Krümmung die compensirende, ausgleichende. Krümmt sich z. B. der Brusttheil der Wirbelsäule nach rechts, so geht die compensirende oder secundäre Krümmung des Lendentheiles nach links.

Der Brusttheil der Wirbelsäule ist es nun, welcher die meiste Beachtung verdient, denn die am häufigsten vorkommende Rückgratsverkrümmung ist die seitliche (Scoliose) und tritt am gewöhnlichsten im Brusttheile nach rechts auf; sie wird durch eine nach links gerichtete Krümmung des Lendentheiles compensirt, ist also Sförmig. Daß nun aber die krankhafte Rechtskrümmung der Brustwirbelsäule so sehr häufig ist und weit häufiger zu Stande kommt, als eine linkseitige Krümmung, hat seinen Grund hauptsächlich mit darin, daß eine Brustkrümmung nach rechts schon von Jugend auf mehr oder weniger ausgesprochen ist und eine natürliche zu sein scheint. Man hält sie für das Product der angeborenen Ungleichheit des Brustkastens (der in seiner rechten Hälfte größer ist) und des vorwaltenden Gebrauchs des rechten Armes. Bei kleinen Kindern, welche noch nicht viel mit dem rechten Arme gethan haben, fehlt diese rechtseitige Brustkrümmung, die übrigens so wenig auffallend ist, daß sie in der Regel ganz übersehen wird. – So lange nun die auf die Wirbelsäule wirkenden Kräfte einander das Gleichgewicht halten, kann keine seitliche Verkrümmung entstehen; wird aber der Schwerpunkt vorwiegend auf eine Seitenhälfte der Wirbel verlegt, so erzeugt der auf diese Hälfte wirkende zu große Druck hier eine Behinderung der Ernährung und dadurch eine Höhenabnahme dieser Wirbelhälfte, so daß also dann die seitliche Rückgratsverkrümmung hauptsächlich auf einem ungleichen, durch Druck erzeugten Wirbelbaue beruht, wobei die der convexen Seite zugekehrten Wirbelhälften schwer aufeinander gepreßt und zugleich nach der entgegengesetzten Seite gedrängt werden. Solche Veränderungen treten aber während des Wachsthums, zu einer Zeit, wo die Wirbel noch in der Entwickelung begriffen sind, am leichtesten ein. – Störungen der Gleichgewichtsverhältnisse der Wirbelsäule kommen nun aber schon von der ersten Kindheit an gar nicht selten vor, und deshalb findet sich die seitliche Verkrümmung des Rückgrates, welche durch die große Biegsamkeit des wachsenden Rückgrates und die unkräftige Rückenmusculatur begünstigt wird, auch schon vor den Schuljahren so häufig. Kleine Kinder werden leicht dadurch schief, daß sie zu zeitig aus dem Wickelbettchen genommen und zum Aufsitzen und Laufen gezwungen werden, daß man sie beständig auf demselben Arme trägt und stets an der nämlichen Hand führt, daß sie zu lange stehen und stillsitzen müssen (wobei das müde Kind zusammensinkt und sich nach seitwärts krümmt), und daß sie jahrelang Zimmerthüren mit hochangebrachten Klinken mit derselben Hand öffnen. Es trägt ferner noch zum Schiefwerden bei: das zur Gewohnheit gewordene Schiefstehen, Schiefsitzen, Höhertragen einer Schulter, das Tragen von Gegenständen nur auf dem einen Arme, die falsche Haltung beim Arbeiten im Sitzen (besonders bei den weiblichen Handarbeiten), das Stützen nur des einen Armes auf hohen Tisch, Rahmen etc., ungenügende und ungleichmäßige Muskelthätigkeit auf der einen Seite des Rückens. – Auch beim leichtestem Anfange muß die Scoliose sogleich beachtet und als ein schwer zu heilendes Uebel energisch und consequent behandelt werden. Am gefährlichsten für die Ausbildung dieser Rückgratsverkrümmung sind die Zeiten, in welchen das Kind rasch wächst, besonders zwischen dem zwölften und vierzehnten Jahre, wo sie oft plötzlich rasche und bedeutende Fortschritte macht. – Die ersten Spuren der Scoliose zeigen sich in der Regel am untern Winkel des (rechten) Schulterblattes, welcher etwas mehr hervorragt. Dann tritt der hintere Rand des Schulterblattes in ein anderes Verhältniß zu den Stachelfortsätzen der Brustwirbelsäule, als derselbe Rand des andern Schulterblattes, und nach und nach bildet sich eine Einbiegung zwischen der (rechten) zwölften Rippe und dem Hüftkamme aus.

Durch die Schule wird bei manchen Kindern eine krankhafte Rechtskrümmung der Brustwirbelsäule veranlaßt; häufiger aber noch wird hier eine schon beim Eintritt in die Schule vorhandene Scoliose geringeren Grades bedeutend gesteigert. Dies hat seinen Grund darin, daß der Schüler entweder vom Lehrer zur richtigen Haltung beim Sitzen nicht angehalten wird, oder daß theils in Folge von Ermüdung der Rückenmuskeln, theils in Folge unzweckmäßiger Subsellien (zu hoher Tischplatten und zu großen Abstandes der Bank vom Tische) der Schüler zum Schiefsitzen gezwungen ist. – Was die Haltung des Schülers, besonders beim Arbeiten (vorzugsweise beim Schreiben) im Sitzen, betrifft, so muß diese eine solche sein, daß bei geradem Sitzen die beiden Schultern desselben stets in gleicher Höhe stehen, und nicht etwa die eine (die rechte) eine weit höhere Stellung als die andere einnimmt. Vorzugsweise beim Schreiben nehmen die Kinder, wenn sie über die richtige Schreibstellung nicht belehrt werden, aus Nachlässigkeit und Ermüdung, oder wenn sie an zu hohem Tische schreiben müssen, eine so üble Haltung an, daß dabei die Stellung des Rückgrates ganz der beim ausgebildeten Schiefsein gleicht. Es besteht diese falsche Haltung aber darin, daß (bei nach vorn gekrümmter und nach rechts gedrehter Wirbelsäule, sowie bei nach vorn und links gebeugtem Kopfe und Rumpfe) nur der ganze rechte Vorderarm auf den Tisch fest aufgelegt wird, während der linke Arm bis zur Hand vom Tische heruntergezogen und an die linke Seite des Rumpfes angepreßt ist. Auf diese Weise muß natürlich die rechte Schulter weit höher als die linke zu stehen kommen. Die richtige Haltung des sitzenden und arbeitenden (schreibenden oder zeichnenden) Kindes bestehe nun darin, daß der Oberkörper desselben vollkommen aufrecht erhalten wird, beide Vorderarme bis etwa zu ihrer Mitte (nicht bis mit den Ellenbogen) auf den Tisch aufgelegt werden und die Querachse des Körpers mit dem Tischrande parallel liegt, so daß das Kind gerade und so nahe als möglich vor dem Tische sitzt, seine Stütze im Rückgrate und nicht in den aufgelegten Armen findet, und daß seine beiden Schultern in ganz gleicher Höhe stehen. Natürlich müssen die Subsellien so eingerichtet sein, daß sie eine solche richtige Haltung des Kindes ermöglichen, daß also Tische und Bänke in richtigem Verhältnisse zu der verschiedenen Körpergröße der Kinder stehen, der Tisch ja nicht zu hoch und der Abstand der Bank vom Tische nicht zu groß sei. Auch müssen die Füße und Oberschenkel mit dem größten Theile ihrer Unterfläche ordentlich ausruhen können.

Bei den zweckmäßigsten Subsellien (Tischen und Bänken) würde nun aber das Schulkind doch schief werden müssen, wenn demselben vom Lehrer zugemuthet würde, länger, als es die Rückgratsstreckmuskeln aushalten können, gerade zu sitzen. Und hierin wird von den Lehrern am meisten gefehlt, und zwar deshalb, weil sie auf die Beschaffenheit der Musculatur ihrer Schüler gar keine Rücksicht nehmen, und weil sie meinen, die Bänke müßten Lehnen zur Unterstützung des Geradesitzen haben, nicht aber zum Ausruhen der beim Geradesitzen angestrengten Rückenmuskeln durch behagliches Anlehnen. Wenn auch in Folge des schlangenförmigen Baues der Wirbelsäule Kopf und Rumpf bei aufrechter Haltung im Stehen und Sitzen ohne große Muskelanstrengung in der [821] Balance gehalten werden können, so müssen doch dabei immer noch die Nacken- und Rückenmuskeln mitwirken. Diese werden nun aber beim längeren Gerade- und Stillsitzen durch Ueberanstrengung schwach und matt; es häufen sich in ihrem Gewebe „ermüdende Stoffe“ (s. Gartenlaube 1870 S. 71.) an und der Rumpf sinkt nun zusammen, und zwar meist nach der linken Seite, was nach und nach eine bleibende Verkrümmung der Wirbelsäule nach sich ziehen kann. Um dies zu verhüten, ist es die Pflicht der Lehrer, ihre Schüler zumal die bleichen mageren Mädchen mit schlaffer Musculatur, nicht zu lange gerade sitzen und nach dem Geradesitzen sich ordentlich anlehnen zu lassen. Zu diesem und zwar nur zu diesem Zwecke sind Lehnen an Schulbänken unentbehrlich, und diejenige Lehne ist die beste, an welcher das Ausruhen recht behaglich vor sich gehen kann, also eine gehörig hohe und recht schräg gestellte, womöglich etwas ausgehöhlte Rückenlehne. Auch kann das Ausruhen dadurch noch bewerkstelligt werden, daß sich das Kind bei vorgebogenem Oberkörper mit beiden Armen auf die Tafel, aber so auflehnt, daß beide Schultern gleich hoch stehen. Im Hause lasse man durch langes Sitzen ermüdete Kinder sich durch Horizontalliegen ausruhen. Die niedrigen Kreuzlehnen nützen zum Ausruhen ganz und gar nichts. Sie erfüllen aber auch nicht einmal den Zweck, zu welchem man sie bestimmt hat, nämlich zur Unterstützung beim Geradesitzen. Sie sind vielmehr den meisten Schulkindern unbequem und werden deshalb von diesen auch fast gar nicht benutzt. So haben selbst Lehrer, die für die Kreuzlehne schwärmten, zugegeben, daß ihre niedrige Lehne leider selten von den Schülern beim Schreiben wirklich benutzt wird. Es kann auch sicherlich niemals eine solche Schulbank construirt werden, welche dem Schüler das Geradesitzen ohne Mithülfe seiner Rückenmuskeln erlaubt und das gehörige Ausruhen dieser Muskeln, sowie die Aufmerksamkeit des Lehrers auf die richtige Sitzhaltung der Schüler unnöthig macht.

An zweckmäßige Subsellien hat man also folgende Forderungen zu stellen: sie müssen jedem Schüler (dem großen wie dem kleinen) einen bequemen, ebenso zum Arbeiten, wie zum Ausruhen passenden Sitz bieten, welcher denselben nicht wie in einen Schraubstock einzwängt und denselben nicht zwingt, seinem Körper beim Arbeiten eine schlechte Haltung und seinem Auge eine falsche (zu nahe) Stellung zum Sehgegenstande zu geben. Es muß ein solches Subsellium, bei welchem der Abstand zwischen Bank und Tisch (die Distanz) nicht zu weit und die Höhe des Tisches zur Bank (die Differenz) weder zu gering noch zu groß sein darf, dem Schüler gehörigen Raum zum Stehen und Bewegen, sowie zum Vor- und Hinterrücken auf dem Sitze (zum Wechseln zwischen der vordern und hintern Sitzlage) geben. Ganz unentbehrlich ist aber an demselben eine passende (gehörig hohe, der Form des Rückens entsprechende und sehr schräg gestellte) Rückenlehne zum Ausruhen der Nacken- und Rückenmuskeln, welche beim Geradesitzen ermüdeten. Daß der Lehrer diese Lehne auch zur richtigen Zeit und in passender Dauer, nach dem Grade der Anstrengung beim Geradesitzen und nach der Constitution des Schülers, von diesem benutzen lassen muß, braucht wohl nicht weiter auseinandergesetzt zu werden. Und daß der verschiedenen Größe der Schüler angepaßte Subsellien in einer Schule vorhanden sein müssen, versteht sich wohl auch von selbst. Um nicht zu viele, verschieden hohe Subsellien anschaffen zu müssen, können für die kleineren Schüler Unterlagen auf den Bänken oder in ihrer Höhe veränderliche Tische oder Bänke benutzt werden, auch sind die Schüler nach ihrer körperlichen Größe und nicht nach ihren Leistungen zu placiren. – Schließlich sei noch der ganz verkehrten Handlungsweise mancher Lehrer und Erzieher gedacht, welche darin besteht, daß sie ein durch längeres Geradesitzen ermüdetes Kind durch nachfolgendes Turnen, also durch weiteres Ermüden, wieder kräftigen wollen; Liegen thut

einem solchen Kinde am besten.
Bock.



  1. S. Stötzner, Schulen für schwachbefähigte Kinder. Leipzig, Winter’sche Verlagsbuchhandlung, 1864.
  2. Für den anthropologischen Unterricht sind ganz besonders zu empfehlen: 1) Anatomische Wandtafeln, auf Veranlassung des königlich sächsischen Cultusministeriums herausgegeben, nebst einem Leitfaden von Dr. Fiedler. – 2) Plastische Nachbildungen für den Lehrunterricht, von Fleischmann in Nürnberg; ein ganz vorzügliches und allgemein als äußerst instructiv anerkanntes Lehrmaterial. – 3) Anatomische Photographien, von Dr. Rüdinger; ausgezeichnete Darstellungen, die auch den Medicinern nicht genug zu empfehlen sind.