Schwarze Melancholie

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Textdaten
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Autor: E. V.
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Titel: Schwarze Melancholie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 410-412
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Schwarze Melancholie.
Von E. V.

Jedes Land hat eine Krankheit, welche sein ausschließliches Eigenthum ist, welche vielleicht dann und wann in andern Ländern ebenfalls auftritt, aber unter einem platten Dutzend Namen, verblaßt und verflacht und vereinzelt, kurz, nicht mehr als Nationalkrankheit mit herkömmlicher Berechtigung. So hat Indien das gelbe Fieber, Italien die Malaria-Krankheiten, England den Spleen, und die russischen Länder haben die „schwarze Melancholie“. Viele haben sie schon mit dem Spleen verglichen. Aber schwarze Melancholie und Spleen sind so himmelweit verschieden! Der Spleen wälzt sich wie ein faules Ungeheuer aus dem Nebel heraus und äußert sich in verschlossenem Murrsinn, stumpfem Hinbrüten, in Menschenscheu, Todesgedanken und endlich in einem Pistolenschusse, der in zwei oder drei Häusern von Leicestersquare widerhallt und der dann, nachdem er in einer kleingedruckten Columne der Times ein schwaches Echo gefunden hat, zu den vergessenen und bald zu den nie dagewesenen Dingen gehört. Die schwarze Melancholie dagegen erzeugt sich in feuchten Moderstoffen; sie schleicht in den unheimlichen Gängen alter Steppenschlösser; sie brüllt aus dem Sturme, der über die Haiden von Azow braust; sie lauert in der Atonie des farb- und lichtlosen Himmels der ruthenischen und walachischen Länder; sie dunstet aus den unheimlichen Gräbern auf, deren Erdschollen der Aberglaube aufwühlt; sie steht wie ein Gespenst hinter dem Opfer und faßt es mit unerbittlicher Hand; sie sträubt ihm das Haar empor und treibt es ruhelos hin und her. Die schwarze Melancholie äußert sich im Gegensatze zum Spleen in einer fieberhaften Furcht vor dem Tode, in der Einbilduug, von Gespenstern umringt zu sein, in einem krampfhaften Jagen nach fröhlicher Gesellschaft, in einem krankhaften Entsetzen vor Einsamkeit und Finsterniß.

Ich habe in den polnischen und russischen Ländern schon oft dergleichen Melancholiker gesehen, habe aber nur ein einziges Mal in meinem Leben einen näheren Umgang mit einem solchen Geisterseher gewagt, und mir ist wahrhaftig alle Lust benommen, den Versuch ein zweites Mal zu riskiren.

Graf George Kypreanitsch Kras …. ist einer der reichsten Gutsbesitzer der Bukowina. Seine Freunde, Gäste und Schmarotzer nannten ihn (sobald er den Rücken gewendet hatte, natürlich!) einfach verrückt, während seine Dienerschaft sich mit der Andeutung begnügte, ihr Herr habe die „schwarze Melancholie“. Er war ein sebr blasser, recht hübscher, noch junger Mann, welcher selten lachte, aber fortwährend lächelte. Dieses Lächeln war jedoch kein Zeichen des Frohsinns, sondern ein permanentes, nervöses, unwillkürliches Zittern und Zucken seiner Lippen, welches Einem auf die Dauer gespensterhaft vorkam und an das man sich sehr schwer gewöhnte. Die Aerzte sagten, es sei eine Folge physischer Schwäche und Blutleere. Ich hatte ihn in Czernowitz bei einem beiderseitigen armenischen Freunde kennen gelernt und Seine melancholische Erlaucht hatte soviel Gefallen an meiner Wenigkeit gefunden, daß sie mich auf die graciöseste Weise von der Welt ersuchte, ihr für einige Monate auf ihr einsames Schloß in den schönen sonnenblumenbewachsenen Bergen der Bukowina zu folgen.

„Mein Arzt ruft mich auf’s Land, und ich will den Winter dort zubringen,“ sagte er.

„Sie werden sich mit dem Narren einsperren ?“ fragte mich eine entsetzensbleiche Gouvernante im Fensterwinkel.

„Warum nicht, sobald er mich nicht beißt?“ antwortete ich achselzuckend.

Aber als ich Abends mit meinem Armenier am Kamin saß, fragte ich ihn doch mit einer etwas unsicheren Stimme, worin denn eigentlich die „schwarze Melancholie“ des guten Grafen George bestehe – denn für gewöhnlich sah man ihm dieselbe ganz und gar nicht an – und erfuhr zu meiner größten Ueberraschung, daß er sich einbilde, einmal von einem Vampyr angesaugt worden zu sein.

Von einem Vampyr angesaugt! Wenn man Dir das in einem Salon Deutschlands erzählt, lieber Leser, so wirst Du darüber ebensogut lachen, wie ich. Aber Ort und Umgebung haben einen unglaublichen Einfluß auf den Geist. In einem Kreise von Ungläubigen glaubt man sicher an nichts. Ist man aber von aufrichtigen Gläubigen umgeben, so lacht man wenigstens nicht über die Märchen, die für sie Glaubensartikel sind, und unser Haar sträubt sich gefällig mit empor. In der Bukowina, der Moldau und in den russischen Ländern nun liegt der Glaube an die Vampyre[1] in der Luft wie eine Malaria, deren Ansteckung [411] Du nicht widerstehen kannst, mag auch Deine Vernunft sagen und schreien und raisonniren, so viel sie will. Der Himmel ist so ganz anders dort, so schwer, so verschlossen, wir athmen da nicht unter unserem blauen Firmamente, und unser gedrückter Geist klebt an den Schneeklumpen und kann sich nicht mit zwitschernden Vögeln weit über den irdischen Aberglauben hinaus in den sonnigen Aether erheben.

Aus Alledem folgt, daß die Nachricht von der „seltsamen“ Melancholie mich nicht allzu angenehm berührte, ja, daß ich einen Augenblick schwankte, ob ich mich mit dem guten Grafen George wirklich tête-à-tête in seinem Eulenneste begraben solle. Aber die Schilderung der wundervollen Orangerie, der prachtvollen Erard’schen Pianos und der weichen Schaukelstühle von Krasów (so hieß das Schloß des melancholischen George Kypreanitsch Kras ....) bestimmte mich.

„Und übrigens kommen die Anfälle seiner Melancholie stets nur im Winter, sobald der Schnee wirbelt.“

Ich flog also mit dem ersten Sonnenstrahle nach Krasów. Das Schloß war einsam, altmodisch, der Park dicht, verwildert, in allen Ecken standen Rococokästen, in denen ich nach Belieben herumkramen konnte; auch waren stets Nachbargäste da, vor Allem der Arzt Dr. Plazowski aus dem nahen Städtchen Krasów, ein sehr finsterer, aber ausnehmend gelehrter Mann mit großem Erzählertalente, der neben seiner Berufsbeschäftigung hauptsächlich den Aberglauben der verschiedenen Völker studirte und sich besonders mit Vorliebe auf das Studium der Vampyre geworfen hatte, wodurch er beim Grafen natürlich hoch in Gnaden kam. Ganze Abende hindurch hielt er uns mit den blutrünstigsten Schilderungen in Schrecken, die mir, beiläufig gesagt, für den Zustand des Grafen ganz unpassend erscheinen wollten.

Im Sommer wird die Zeit nie zu lang und man hat für die Melancholie und die Langeweile selten oder nie eine Stunde übrig. Es liegt sich so gut im weichen Rasen, im blauen Schatten der breitästigen dunkelgrünen Linden und Kiefern, man zankt in sonnenstillen Höfen oder in kühlen Marställen mit faulen, blaugestreiften Bedienten herum und Abends spielt man die sehnsüchtigen Liebeslieder des unvergleichlichen Jerzy Lubomirski. Das hilft über manchen Tag hinweg.

Aber jeder Sommer macht endlich einem Herbste Platz. So auch jener. Als die ersten Blätter fielen, zerstoben die nachbarlichen Gutsbesitzer in alle vier Winde und spannen sich in ihre gemüthlichen Residenzpaläste ein. Einer nach dem Andern wirbelte davon, wie die dürren Blätter, die der Herbstwind im Parke unter meinem Fenster aufwirbelte, nur wir blieben noch immer in dem finster, kalt und unheimlich gewordenen Schlosse. Ich dachte übrigens auch an’s Fortfliegen.

„Suchen Sie den gnädigen Herrn bald in die Stadt zu bringen,“ flehte mich der alte Kammerdiener Jendrik an, „sonst haben wir die Hölle! Sobald der erste Schnee fällt, fängt die schwarze Melancholie an, und dann kann man nur wahnsinnig werden oder davonlaufen – eine andere Alternative giebt’s nicht. Wir wechseln fast jährlich die Zimmerbedienten. Und nur die Stadt und die Theater und die Bälle und die Zukiernien[2] zerstreuen den gnädigen Herrn. Er ist seit fünf Jahren nicht über den September hier außen geblieben – aber es hat ihn Ueberwindung gekostet, denn das Schloß übt gerade um diese Zeit eine unheimliche Anziehungskraft auf ihn aus – wie der Doctor Plazowski behauptet.“

Ich gähnte dem Grafen allabendlich in’s Gesicht; ich benahm mich unausstehlich und redete ihm zu, er solle nach Jassy, gehen – ich kündigte ihm meine eigene Heimreise nach Mähren an. Das Alles half nichts. „Sie dürfen mich jetzt nicht verlassen,“ sagte er mit seinem nervösen, zuckenden Lächeln, „das wäre undankbar von Ihnen. Ich muß wieder einmal einen Winter hier zubringen, denn der Doctor hält es für nöthig, mich wieder einmal zu ‚beobachten‘. Und allein halte ich’s hier nicht aus. Wenn’s einmal zu schneien angefangen hat, darf ich ja stets erst um zwei Uhr früh einschlafen, sonst würde man mich einmal todt finden. Und allein kann ich nicht wach bleiben. Sie müssen mir helfen, mir Geschichten erzählen, wir werden Schach spielen … Bleiben Sie!“

Der Graf sprach das ganze Jahr über sehr geistreich, sarkastisch und witzig. Es war das erste Mal, daß er wie ein Verrückter sprach. Der Armenier hatte Recht gehabt, als er mir von der totalen physischen und psychischen Veränderung erzählt hatte, die das Nahen des Winters bei dem Geisteskranken hervorbrachte. Das Zittern seiner Lippen war zu einem förmlichen Zucken geworden, seine Augen hatten, wie ich jetzt bei dem ungewissen Dämmerlichte halb furchtsam aufschaute, jeden Ausdruck und ihre schöne glänzend blaue Farbe verloren. Sie waren leer und stier geworden. Sein Gesicht war seltsam beweglich und seine Gesten waren hastig, unruhig. Vielleicht bildete ich mir das Alles nur ein, aber das widerhallende, dunkelgewordene Zimmer wurde mir mit einem Male unheimlich und ich trat auf den dämmerhellen Balcon hinaus, ohne das Gespräch fortzusetzen.

Es stand mir frei, den andern Tag schon abzureisen. Aber hätte ich mich nicht selber auslachen müssen? Es wäre ja eine förmliche Flucht gewesen und wirklich undankbar – ja mehr als undankbar: lächerlich. Und wenn der Aufenthalt in dem Schlosse auf den furchtsamen melancholischen Grafen den Zauber des Schlangenblickes ausübte, so schien er mich wahrhaftig ein wenig angesteckt zu haben, denn auch ich hatte ein seltsames, gruselndes Vergnügen an meiner eigenen Furcht und an meiner sich so unheimlich gestaltenden Umgebung.

Und die Herbstblätter fielen dichter, und die Tage vergingen und wurden finsterer und kälter und trauriger, und ich hüllte mich täglich in dickere Plaids, und Graf George und ich wurden auf unseren Spaziergängen täglich schweigsamer und schweigsamer. Eines Nachmittags hatten wir den Park verlassen und gingen stumm nebeneinander den kleinen See entlang, dessen Oberfläche ganz mit gelben und braunen Blättern bedeckt war. Die Aeste der Bäume starrten schon kahl und leer in die Höhe, und der Himmel lag schwer und weiß und niedrig über uns.

Plötzlich blieben ich und George zugleich stehen und starrten in die Nebelluft hinaus und mein Herz begann stärker zu pochen und ich faßte unwillkürlich seinen Arm. Ich erschrak sonderbarerweise vor einer ganz natürlichen Sache: leichte weiße Schneeflocken umwirbelten uns, anfangs spärlich, dann immer dichter – es war der erste Schnee in diesem Jahre. Ich schaute auf den Grafen. Er war noch blässer als sonst und folgte den tanzenden Flocken mit seinen leeren, unruhigen Augen. – Wenn ich gewußt hätte, dieser Schnee sei der Vorbote einer freien Nacht, in welcher alle bösen Geister ihr Spiel haben durften, und daheim erwarte uns hinter der Thür des Salons ein grinsendes Gerippe mit dem eigenen Kopfe unter dem Arme, ich hätte nicht mehr erschrecken können, als jetzt, wo ich der Worte des alten Jendrik gedachte: „Mit dem ersten Schnee kommen die ersten Anfälle der Melancholie.“

„Kehren wir um?“ fragte ich, unwillkürlich leiser sprechend.

George Kypreanitsch antwortete nicht. Er schüttelte nur den Kopf, nahm meinen Arm unter den seinigen und zog mich weiter. Wir spazierten in dem leichten Gestöber noch eine Stunde herum, bis nach dem Wäldchen hinaus und durch den Park wieder zurück. Als wir im Schlosse ankamen, war es schon ganz finster geworden. Die Diener, die uns in den Gängen begegneten, schauten uns mit stummen, furchtsamen Blicken an, der alte Jendrik, der die Lampe vorantrug, nickte mir zu. Beim Souper klapperten die Messer und Gabeln wie Todtenbeine und George Kypreanitsch sprach noch immer kein Wort.

„Ich fühle mich heut unwohl. Sie werden auf meinem Zimmer [412] schlafen, Mario. Ja?“ sagte er endlich beim Dessert, indem er seine leeren Augen einen Moment auf mich richtete. Ich konnte kaum ein Ja hervorbringen.

„Aber würde Ihnen Jendrik nicht mehr nützen?“ fügte ich hinzu.

„Ich will aber nicht schlafen. Und mit Jendrik kann ich nicht plaudern. Ich darf nicht schlafen, verstehen Sie?“

Der geistreiche spöttische Gesellschafter war weg, verschwunden, und ein total Verrückter war an seine Stelle getreten. Der Graf war wirklich ein doppeltes Wesen, wie ihn mir der Armenier geschildert hatte.

„Jendrik, was thut er denn in solchen Sturmnächten, wie die heutige ist?“ fragte ich im Corridor den Kammerdiener, während die Bora an den Fensterflügeln rüttelte und durch die Kamine pfiff wie in einem englischen Moderomane. Der Alte war selig, wenn er geheimnißvoll thun konnte. „Ach Gott, nichts! Er wehrt sich nur gegen das Einschlafen und läßt Einem keine Ruhe und schwatzt fort und sieht Gespenster; und läßt man ihn einschlummern, so fährt er nach einigen Minuten mit einem Schrei in die Höhe und stürzt aus dem Zimmer und schreit, der Vampyr hänge ihm am Halse, und rebellirt Alles aus dem Schlafe und kriegt seine Krämpfe und der Doctor muß geholt werden, und der schüttelt den Kopf und sagt: es seien allerdings alle Anzeichen des Vampyrismus vorhanden, und diese Bestätigung wirft den gnädigen Herrn in neue Krämpfe. Aber der Arzt hat uns gesagt, man müsse auf die fixe Idee eingehen, sonst stehe er für nichts. Also um Gotteswillen, stimmen Sie nur bei, wenn der gnädige Herr Etwas sieht, und lassen Sie ihn beileibe nicht einschlafen. So will’s der Herr Plazowski.“

„Wirklich, Jendrik?“

„Jawohl. Vor fünf Jahren, als der Herr Graf zum letzten Male den Winter hier zubrachte, hatte er sich einen ungarischen Edelmann mitgebracht, einen Säufer und Schlemmer, und da sind sie die ganze Nacht hinter der Flasche gesessen, sind aber auch regelmäßig gegen Morgen eingeschlafen, und die Anfälle waren täglich da. Warum mußte aber auch der Teufelsdoctor den gnädigen Herrn zum ‚Beobachten‘ herlocken! Ueberhaupt, wollen Sie Etwas wissen, Herr Chevalier?“ fügte der Alte mit seiner fatalsten und geheimnißvollsten Miene hinzu.

„Nun, Jendrik?“ fragte ich gespannt.

„Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich ebenfalls von dem Vorhandensein eines Vampyrs überzeugt bin, und wollen Sie wissen, wer dieser Vampyr ist?“

„Jendrik!“

„Der Herr Doctor Plazowski selber.“

Das Schlafzimmer war sehr gemüthlich hergerichtet. Das Feuer loderte, feiner Ambrastaub war in die Flammen geworfen worden und durchduftete sanft das Gemach, die Wachskerzen brannten ruhig auf dem Guéridon, und die funkelnden Weinkaraffen vollendeten das gemüthliche Stillleben. Ich lag müde auf dem Divan. „Wäre es nicht besser, wenn Sie sich zu Bett legten, George Kypreanitsch?“ fragte ich, „Ihr Unwohlsein scheint fieberhaft zu sein – und das verlangt Ruhe, Schlummer und eine Schale heißen Thees.“

Der Graf saß in einem Fauteuil und las den „Pan Podstoli“ des Ignaz Krasicki. Er legte das Buch auf das Tischchen neben sich und fuhr mich ungeduldig an. „Sie haben mich also noch nicht verstanden? Ich habe das Fieber, ja, aber ich kenne meinen Zustand und die Mittel.“ Er schaute sich, während er sprach, von Zeit zu Zeit scheu um. Das Zucken seiner Lippen war zu einem nervösen kichernden Tone geworden, der mich im Verein mit dem heulenden Sturme draußen beinahe zum Wahnsinn brachte. Ich wandte mich scheu von dem Grafen ab. „Verzeihen Sie, daß ich Sie in Ihrer Lectüre gestört habe.“

„Nein. Ich will nicht mehr lesen. Plaudern wir.“

Er setzte sich auf die Divanecke, die noch frei war, und summte vor sich hin.

„Haben Sie schon einen Vampyr gesehen?“ fragte er dann plötzlich.

Nous y voilà! Ich war so erschrocken, wie ein kleines Kind, aber anstatt um Hülfe zu schreien, antwortete ich so ruhig als möglich: „Nein. Es giebt auch keine.“

Er stand auf und fing an im Zimmer auf und ab zu schreiten, wobei er jeden Augenblick den Kopf umwandte; es war, als fühle er hinter sich ein Wesen, welches er umsonst zu erblicken strebte, und ich folgte unwillkürlich stets der Richtung seiner Blicke. Und so auf und ab eilend und sich umsehend und manchmal zu mir tretend, erzählte mir der schreckliche Mensch, daß er einst von einem Vampyr heimgesucht worden sei, und nur die Geschicklichkeit Plazowski’s habe ihn von gänzlicher Verblutung gerettet. Er beschrieb mir, daß man beim Nahen des Gespenstes einen unwiderstehlichen Schlafreiz verspüre. Man fühle ein kühlendes Fächeln und einen angenehmen Kitzel am Halse. Der Doctor habe ihn, wie gesagt, durch eine heroische Cur und nebenbei durch Anwendung des Weihwassers gerettet; aber sobald der erste Schnee falle, der (wie in einer alten Krakusen-Chronik, die ihm Plazowski geliehen habe, zu lesen sei) die Todten wecke, fühle er wieder deutlich die Nähe des Gespenstes, und nur Wachen und Gesellschaft könne ihn schützen. Und es sei hinter ihm. Er fühle das Fächeln und Flattern des durstigen Unholds – nur sehen, sehen könne er ihn nicht.

„Erzählen Sie mir eine Geschichte, Mario, eine heitere Geschichte. Sie sollen morgen alle Ihre Lieblingsspeisen haben und den ganzen Tag schlafen können! Ich bin krank, wissen Sie. Oder spielen Sie mir den Arditi-Walzer.“

Seine Stimme war heiser, hastig, gepreßt; sein Auge stier und roth umrändert, sein Gesicht wachsbleich. Der starke, graziöse, distinguirte Mann, den ich bei den rauschenden Klängen einer Mazurka in einem brillanten Salon von Czernowitz kennen gelernt hatte, war eine gebrochene, verwirrte, verrückte, von Entsetzen geschüttelte Creatur geworden. Es zuckte und riß in allen seinen Gliedern und ein Schauer durchfröstelte ihn. Da zum ersten Male lernte ich die furchtbare, unabweisbare, tyrannisch zerstörende Gewalt der schwarzen Melancholie kennen, die auf so intensive Art nur in den ruthenischen Ländern auftritt. Sie äußert sich zwar nur in Anfällen, welche in bestimmten Perioden wiederkehren und für die übrige Zeit weder geistige noch körperliche Spuren zurücklassen, aber die Anfälle selbst sind grauenhaft. Die Nacht, wo ich furchtsam und selbst in Fieber gejagt dem auf und ab wankenden, zitternden, unruhigen, seufzenden Grafen tändelnde Walzer vorspielte und Anekdoten von dem geizigen Leo Sapieha und den römischen Pulcinellen erzählte, wird mir unvergeßlich bleiben.

Zwei Tage später reiste ich ab. George Kypreanitsch mußte bleiben. Der Arzt sagte, eine Reise im Winter sei bei dem geschwächten Zustande und der Blutleere des Grafen gefährlich. Der gute Doctor Plazowski bezog, beiläufig gesagt, für den Besuch ein Honorar von zwei Ducaten. –

Zwei oder drei Jahre später traf ich den Grafen in Jassy als den alten, geistvollen, etwas sarkastischen Cavalier wieder, als welchen ich ihn kennen gelernt hatte. Ich fragte mich mit Erstaunen, ob das wirklich derselbe Mann sei, der in jener längstvergangenen Sturmnacht vor einem Nichts wie ein Kind gezittert hatte.

„Sie sind immer wohlauf, Monseigneur?“ fragte ich ihn en passant zwischen einer Partie Yerrilage und einem Contretanz.

„O ja, Duschinka. Ich bin jetzt ganz gesund.“

„Und was macht Krasów?“

Er lachte. „Ich habe keine Idee davon. Ich bin seit drei Jahren nicht dort gewesen. Ich fürchte mich vor dem Doctor. Sie wissen vielleicht nicht, daß ich mich verheirathet habe. Meine Frau hat mich von der schwarzen Melancholie nicht anders zu retten gewußt, als indem sie Krasów verkaufte und die Clausel in den Contract setzte, daß ich von dem neuen Besitzer nie zur Jagd eingeladen würde.“




Ich glaube, daß am Ende doch der alte Jendrik Recht hatte, der den gelehrten Doctor Plazowski für den eigentlichen und echten Vampyr hielt, welcher dem armen George Kypreanitsch zwar kein Blut, wohl aber so viel Ducaten wie möglich ausgesaugt hatte.






  1. Die Serben, die Walachen, die Moldauer, die Armenier, die Russen, die Montenegriner und die Griechen theilen den Glauben an die Vampyre. Die ersten Christen schon glaubten, daß der im Kirchenbann Gestorbene im Grabe keine Ruhe habe. Er stehe des Nachts wieder auf, suche nach Nahrung und bleibe dabei immer frisch und schön.
    Die Vampyre liegen (nach dem Dafürhalten obiger Völker) im Grabe mit dem Gesichte nach unten. Ihre Wangen glühen, ihr Auge ist glänzend und offen. Sobald die Nacht hereinbricht und der Vollmond auf die Gipfel der Karpathen und auf die Steppen von Azow niederglänzt, erheben sie sich aus dem Grabe. Sie betäuben die Schlafenden und saugen ihnen das Blut aus. Die Vampyre werden fett, ihr Blut bleibt warm und roth, und sie schwitzen im Grabe am Munde, am den Lenden und am Magen Blut aus. Sobald ein Vampyr ein Haus betreten hat, weicht alle Ruhe aus demselben. Man hört in den ruthenischen Bezirken schauerliche Beschreibungen von dem Aufruhr, der sich in der entsetzten Natur in solchen Nächten kundgiebt, wo ein Vampyr sich vorbereitet, sein Grab zu verlassen. Die alten Leute erzählen, daß es Einem dann gerade so vorkommt, als habe die Natur eine menschliche Stimme und könne menschliche Gestalten annehmen; es wimmert und stöhnt in den Lüften, und die hohen Bäume und Büsche und Steinblöcke gleichen lauernden Unholden, und die jagenden Wolken ballen sich zusammen wie ein Gebirge über den Bergen, und aus dem Grabe des Vampyrs ertönt ein Schmatzen, als ob sich ein Schwein am vollen Troge sättige. In den Gängen des bedrohten Hauses braust der Sturm, als sei er darin gefangen und suche einen Ausweg, die Hunde verkriechen sich und die entsetzten Bewohner schleppen Heiligenbilder aus der Kirche herbei und besprengen die Thüren mit Weihwasser.
    In Polen herrscht der Glaube, daß man auch durch die Kleider eines Vampyrs den Vampyrismus erben könne. In der Moldau und der Bukowina gräbt man die Vampyre aus, schneidet ihnen den Kopf ab, mischt ihr Blut mit Mehl und macht Kuchen daraus, deren Genuß vor dem Vampyrismus schützen soll. Im Orient reißt man den verdächtigen Leichnamen das Herz aus der Brust. In Weißrußland schlägt man vielen Gestorbenen einen Nagel in den Kopf, um sie unschädlich zu machen. Auch legt man ihnen einen Rosenstock mit in’s Grab, weil man glaubt, daß sie dadurch am Aufstehen gehindert werden, da das Kleid sich in den Dornen verwickeln muß. Am Grauenhaftesten ausgeschmückt und am Tiefsten im Volksglauben eingewurzelt erscheint dieser Spuk in den rumänischen Ländern, auf den griechischen Inseln und im Balkangebirge. Bei den Serben heißen die Vampyre Bukodlaken, bei den Walachen Muróni, in Griechenland βροντoλάκκοι oder τυμπανιτα, bei den Moslim heißen sie Guls, in Polen upirowe.
  2. Zuckerbäckerläden, welche die Stelle der Kaffeehäuser vertreten.