Schweizer Alpen-Bilder/Die Pässe und Säumerpfade der Schweizeralpen

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Autor: A. Bitter
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Titel: Die Pässe und Säumerpfade der Schweizeralpen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, 28, S. 420–423; 438–439
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[420]
Nr. 4.   Die Pässe und Säumerpfade der Schweizeralpen.

Kennst Du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maulthier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Fluth.
 Goethe.

Was sind Säumerstraßen? Ursprünglich verdienten sie wohl diesen Namen nicht, und vor zwanzig Jahrhunderten mögen diese schlangenartig über die in die Wolken ragende Grenzscheide zwischen dem Norden und dem Süden sich hinwindenden Pulsadern des Verkehrs wohl nichts weiter gewesen sein, als die Fußspuren der Menschen und Saumthiere, die um des Gewinns willen den Schrecknissen der schaurigen Gebirgswildniß Trotz geboten und die Producte des Nordens nach dem sonnigen Süden, oder umgekehrt die duftenden Erzeugnisse der wärmeren Zone dem nebeligen Norden zugeführt hatten – kaum bemerkbare Indianerpfade, deren Schrecknisse aber immerhin größer waren, als diejenigen, welche der Tomahawk und das Scalpirmesser der Araucaner oder der Comantschen in der Urwaldswildniß bieten mögen. Da lauerte auf der einen Seite der gähnende Abgrund, ein zu lauter Ruf konnte auf der andern die schlafende Lauine wecken, daß sie mit Donnergebrüll niederstürzte vom schwindelnden Hange und in ihrem rasenden Anpralle Roß und Reiter mit sich durch die Luft wirbelte, als wären es bloße Spielzeuge von Thonerde, die ein übelgelauntes Kind zerschmetternd gegen die Wand wirft;

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Die Gartenlaube (1862) b 421.jpg

Ein Zug Saumthiere vom Schneesturm überfallen.
Originalzeichnung von H. Jenny.

oder es kamen langsam, in weiten wallenden grauen Talaren, die Nebelgeister herauf gewallt aus den unergründlich tiefen Schluchten des Gebirgs, umspannten den Verwegenen, der es gewagt, ihr Revier zu betreten, mit ihren trügerischen Schleiern, bis sein strauchelnder Fuß, vom geblendeten Auge nicht mehr geleitet, die schmale Grenze zwischen Tod und Leben nicht mehr zu unterscheiden vermochte, die schmale Kante längs des Felsens nicht findend, hinaustrat in’s Leere, und Roß und Reiter zerschellend auf’s unsichtbare Felsenbette hinunterstürzten. Zuweilen waren es die Schneekönigin und ihr treuer Genosse, der Wirbelwind, die den Wanderer mit ihrem eisigen Blumennetz umspannen, und den Beiden war nur schwer zu entkommen, denn ihre Schlingen legten sich so ermattend um die steifer und steifer werdenden Glieder, bis die vollständige Ermattung selbst die Sinne erfaßte und unüberwindliches Schlafbedürfniß dem Wehrlosen die Zügel des Saumthieres aus den Händen wand. Da hatte Schneekönigin weiter nichts mehr zu thun, als den bereit gehaltenen weißen Mantel über die Schläfer zu decken, und sie durfte sicher sein, daß kein Sterblicher Roß und Mann je wieder aufweckte.

Doch dieser primitive Zustand des Säumerpfades dauerte eben an den meisten Punkten nicht länger als bis zu dem Zeitpunkte, wo aus der Nacht der Zeit auch das anfangs freilich sehr spärliche Licht der helvetischen Geschichte auftaucht, und den welterobernden Römern war es vorbehalten, zuerst jene Pfade in „Pässe“ oder in eine Art von Straßen umzuwandeln. Zur Bezwingung der Cimbern und Teutonen überschritt der Consul Lucius Cassius den Mont-Cenis, und Marius benutzte nach seiner Niederlage denselben Weg für sich und seine römischen Legionen; die einsamen schneeigen Höhen des großen St. Bernhard sahen den welterschütternden Julius Cäsar mit seinen unbezwinglichen Cohorten vorüberziehen, [422] um die Salassier niederzuwerfen, und zu Kaiser Augustus Zeiten war jener Paß schon ein vielgebrauchter Weg geworden.

Wie billig erwiderten später die Völkerschaften des Nordens die römische Aufmerksamkeit mit der Artigkeit eines Gegenbesuches, warteten aber weislich, bis die übele Laune der durch Ueppigkeit und verschwenderischen Haushalt in Verfall gerathenen Römer nicht mehr so sehr zu fürchten war.

In friedlicher Absicht also sind wenigstens die Alpenpässe nicht gangbarer gemacht, und von den Römern an bis zu dem letzten Weltumpflüger Napoleon sind diese Pfade fleißiger mit Blut gedüngt worden, als irgend ein anderes Fleckchen Erde. Auf den einsamen Pfaden Graubündens würgte im dreißigjährigen Kriege der österreichische Feldherr Baldrion, bald von den Rhätiern geschlagen, bald als entmenschter, erbarmungsloser Sieger sengend und mordend in das arme Alpenland wieder einbrechend; auf des Gotthard’s kalten Höhen und an seinen südlichen und nördlichen Abhängen focht der Russe Suwarow seine blutigen und erfolglosen Schlachten gegen die fränkische Republik, und über den großen St. Bernhard zog der Götze des Jahrhunderts, Napoleon, zur Schlacht von Marengo. Das Beste, was aus diesen Würgereien hervorging, ist die prachtvolle Straße, die der nimmersatte Eroberer zum Zwecke dieses Alpenübergangs über den genannten Berg erbauen ließ, denn ihre Ausführung hat den Impuls gegeben zu den riesigen Anstrengungen, welche seither gemacht worden sind, die Alpenübergänge mittelst solcher Kunststraßen praktikabler zu machen. Graubünden, Uri und Tessin haben in den letzten Jahrzehnten fast Unglaubliches auf diesem Gebiete vollbracht. Namentlich besitzt der erstere Canton jetzt ein beinahe vollendetes Straßennetz, das über Höhen, die früher nur mit Lebensgefahr der Säumer mit seinen Rossen beschritt, den bequemen Verkehr mit Fuhrwerken ermöglicht und dem Handel den wichtigsten Vorschub leistet.

Aus dem Gesagten nun geht hervor, daß der Begriff Alpenpaß ein gar sehr relativer ist. Ist von den eben besprochenen Kunststraßen die Rede, so ist auf denselben eben nicht viel mehr Gefahr des Verunglückens vorhanden, als drunten im Thale in den Eisenbahnwaggons. Da herrscht im Sommer und Winter mit wenigen Unterbrechungen ein reges Leben. Haust der Winter ein paar Tage gar zu arg und wirbelt zu große Schneemassen zusammen, so sind die Rutner dafür da, die verschneite Passage wieder fahrbar zu machen.

Die schweizerischen Bergstraßen nehmen die Richtung gegen die großen Bewässerungsadern hin, die der ewigen Gletscherwelt entströmen. Der Gotthard sucht die Reuß und den Ticino, der Bernhardin den Hinterrhein, der Stilfserjochpaß die Adda etc. Je höher hinauf es geht, desto schwieriger wurde der Bau, und je stärker die Steigung, um so complicirter sind die Zickzacklinien, in denen der Weg über gewaltige Brücken, durchbrochene Felsenthore und längs der schroffen Felsenwände etagenartig, wie riesige, langgestreckte Befestigungsmauern über einander geschichtet, dem Kamm des Gebirges zuführt. Schroffer abfallend als die Nordseite des Gebirgs, bot dabei die Südseite viel mehr Schwierigkeit als jene. Besonders zahlreich und durch ihre Endlosigkeit langweilig sind diese Schlangenwindungen im steilen Tremolathale in Tessin. Der Wanderer mag sich gefaßt machen, durch 46 solcher Windungen hindurch lavirt zu werden, bevor er sich droben im Hospize mit einem Glas Veltliner die steifgewordenen Glieder aufthauen kann. Auch die Querthäler, die umgangen werden müssen, tragen zu der ungebührlichen Verlängerung dieser Kunststraßen mächtig bei. Häufig erblickt man Punkte der vor sich liegenden Straße anscheinend in nächster Nähe, und es dauert dennoch Stunden, bis man dieselben erreicht. In denjenigen Gegenden, wo der Winter und sein Vetter Boreas auch gar zu wild ihr Wesen treiben, stehen zum Schutze der Wanderer feste steinerne Zufluchtshäuser, an denen die rasenden Stürme des Gebirges umsonst ihre Kraft versuchen würden. Meist dienen dieselben auch den Rutnern (Bahnmachern) zur Wohnung, die da oben eine nicht gar zu kurzweilige Existenz haben mögen. Eingeschneite Reisende treffen in diesen Häuschen, selbst wenn sie unbewohnt sind, Holz, um Feuer anzumachen, und wohl auch ein Brod, um sich, wenn die Unbilden der Witterung zu längerem Aufenthalte nöthigen, vor dem Hunger schützen zu können.

Ein äußerst interessantes Schutzmittel gegen die Gefahren der Lauinenstürze im Winter und Frühling sind die sogenannten Gallerien. Bald sind es durch Felsen getriebene Gänge, wie auf dem Stilfserjoch, bei Gondo und Algabi, auf der Südseite des Simplon, oder auch künstlich ausgemauerte Wölbungen mit schießschartenartigen Luftöffnungen. Man trifft sie auf fast allen Alpenstraßen an Stellen, welche den wiederkehrenden Grundlauinen ausgesetzt sind. Ihre Construction ist so fest, daß sie selbst den furchtbarsten Lauinenstürzen zu widerstehen vermögen, obschon es ein ganz eigenthümliches Gefühl erregt, die winterlichen Ungethüme über sich wegdonnern zu hören. Zuweilen begegnet’s auch, daß der Schneesturz eine Fläche breit genug einnimmt, um die beiden Ausgänge der künstlichen Höhle zu verschütten. Das hat aber so viel nicht auf sich; man braucht deswegen noch keinen düstern Gedanken an’s Lebendigbegrabensein Raum zu geben, denn die Rutner sind in solchen Fällen gewöhnlich rasch bei der Hand, um den Verschütteten wieder Luft zu machen. – Die längste dieser Gallerien ist die auf der Splügenstraße; sie mißt 1530 Fuß und galt lange für ein Wunderwerk der Baukunst. Bei der Vorsicht, die auf diesen Alpenstraßen im Transport der Reisenden angewendet wird, kommen Unglücksfälle im Sommer kaum noch häufiger vor als in der Ebene. Höchstens kann der Postwagen hin und wieder einem großen Trupp Vieh begegnen, der von welschen Viehhändlern über die Alpen transportirt wird. Da hat dann der Postillon freilich seine liebe Noth, mit seinem Fuhrwerke durch das störrische gehörnte Volk hindurch zu kommen, das auf der engen Passage weder nach links noch rechts ausweichen kann und durch sein Scheuwerden die Schwierigkeiten der Situation noch vermehrt. Da tönen dann freilich Postillons- und Viehtreiberflüche in keineswegs harmonischem Gemische durcheinander, und das Kreischen der reisenden Damen ist auch kaum geeignet, das Concert zu einem angenehmen zu machen. Indessen man wickelt am Ende Rindvieh und Postpferde, Postillone und Viehtreiber, Engländer und Franzosen, Deutsche und Amerikaner, Herren und Damen glücklich auseinander, und der Postwagen rollt ungehemmt und ohne weiteres Unglück den sonnigen Geländen Italiens zu. Im Winter, nun, da sieht es freilich etwas krauser aus. Schon sehr früh rückt der mürrische Geselle im Herbste da wieder in sein beliebtestes Quartier ein, das er vor wenig Wochen nur nach langen und harten Kämpfen mit seinem gefährlichsten Gegner, dem heißen Föhnwinde, verließ. Die ersten Versuche, von den einsamen Revieren wieder nachhaltig Besitz zu ergreifen, werden bis zur Mitte des October zuweilen noch abgeschlagen. Später aber hat’s ein Ende mit den Räderfuhrwerken, Mensch und Waare müssen von da an auf Schlitten weiter befördert werden. Auf den französischen Pässen hat diese Transportweise nichts Absonderliches. Es werden da sechsplätzige, verschlossene Schlitten gebraucht, deren Fenster, statt aus gläsernen Scheiben, aus hölzernen Schiebern bestehen. Die löbliche schweizerische Eidgenossenschaft packt das Ding aber anders an; sie läßt auf den Walliser und Graubündner Pässen die Reisenden in ein- und zweiplätzigen Schlitten über das Gebirg „säumen“. Bis zur Region des Schnees fährt man noch im Postwagen; kommt aber der glatte Gleitweg, so ladet man Reisende und Gepäck ab, läßt den Wagen an der Seite der Straße stehen – es stiehlt ihn Niemand – und packt die Passagiere und ihr Gepäck in die ebenfalls unbewacht in umgestürztem Zustande am Straßenrand stehenden Schlitten, versteht sich, nachdem man dieselben zuerst aufgerichtet hat. Jeder Passagier erhält einen Büffelmantel, welchen kaum die Kugel einer Enfieldbüchse zu durchbohren vermöchte. Jeder Schlitten ist mit nur einem Pferde bespannt. Voran fährt der Postillon, den Schluß macht der Conducteur, die übrigen Schlitten werden ohne Leitung der Weisheit der Pferde überlassen. Hat es Nachts vorher zu arg geschneit, so wird zur Vorsicht noch ein mit Ochsen bespannter Bahnschlitten vorausgesandt, den die mit Schaufeln bewaffneten Rutner begleiten, um an den schwierigsten Stellen Bahn zu brechen. Der Reisende hat dann das winterlich und wunderlich genug aussehende Schauspiel, zwischen zehn bis zwölf Fuß hohen Schneebastionen durchzufahren oder gar durch lange Schneetunnels zu gleiten, die von den Rutnern an denjenigen Stellen durchgebrochen worden sind, wo stürzende Lauinen oder Windwehen den Schnee zu gewaltigen Massen aufgeschichtet haben.

Die größten Gefahren, welche sich bei diesen lebhaft an die Nordpolfahrten erinnernden Uebergängen darbieten, liegen einerseits in dem Ausgleiten der Schlitten, bei dem in jähen Krümmungen am schwindelnden Rande des Abgrunds hinführenden Wege. Da müssen denn die sehnigen, knochenstarken Gebirgsrosse ihre Kraft erproben, [423] und sie thun dies in einer mit so viel Klugheit gepaarten Weise, daß der erschrockene Wanderer nicht selten darin einen Grund zu mächtigem Erstaunen findet. Häufig ist es vorgekommen, daß solche Thiere, wenn der Schlitten auf glatter Bahn ausgeglitten war und bereits mit seiner gewaltigen Schwere schwebend über dem Abgrund hing, sich sofort ohne Befehl an die Seite der aufsteigenden Felsenwand an den Boden legten und ruhig abwarteten, bis die Führer zu ihrer Rettung herbeieilten. Einen zweiten gefahrdrohenden Moment bildet der Umstand, daß im Frühling der von den Lüften über die Gebirgskämme weggewirbelte Schnee sich auf den Straßen zu mächtigen Wällen aufbaut, welche weit über das solide Straßenbett hinaus den Abgrund überragen. Da kann es dann freilich begegnen, daß der ganze Train, statt auf der eigentlichen Straße, über diese von der Natur nicht eben sehr solid construirten Brücken ohne Joche und Bogen wegkutschirt. Im Winter halten übrigens diese hängenden Schneebastionen sehr fest, im Frühling aber, wo der Föhn ihre Grundlagen zu schmelzen anfängt, hängt es oft nur von einem ganz geringfügigen Umstand ab, daß nicht die ganze Karawane, Roß und Mann, einen gefährlichen Sprung in die Tiefe macht. Gerade dieser Umstand, verbunden mit den häufigen Lauinenstürzen, mag es gewesen sein, welcher dem Tremola-Thal (Zitterthal) seine Benennung und einer Strecke der Splügenstraße den noch weniger einladenden Namen Passo della morte (Todespaß) verschafft hat.

Hier und da kommt es auch vor, daß der im Winter nur für eine Schlittenbreite geöffnete laufgrabenartige Weg total wieder verschneit wird, die ganze Postkarawane buchstäblich stecken bleibt und von den Rutnern erst aus ihrem Verhängniß herausgegraben werden muß. Solch ein erzwungener Halt kann zuweilen Tage lang dauern. Meist gelingt es dabei aber wohl den Reisenden, das nahe Hospiz zu erreichen und, wie auf dem Bernhard, in Gesellschaft der gastfreien Mönche die Wiedereröffnung des Weges beim warmen Ofen abzuwarten.

Die Rutner haben begreiflicher Weise einen mehr als harten Dienst, und es gehört zu diesem Gewerbe eben jene eiserne Gebirgsnatur, die im ewigen Kampfe mit den Unbilden der Witterung sich endlich fast bis zur Unempfindlichkeit der heimischen Gebirgsblöcke abgehärtet hat. Diese Bahnbrecher werden theilweise von den Cantonsregierungen, bei bedeutendern Pässen, wie namentlich auf dem Gotthard, aber von der Eidgenossenschaft besoldet. Der letztere Paß ist ein sehr bedeutender Punkt im Budget der kleinen Republik, denn der jeweilige Ansatz für den Schneebruch beträgt alljährlich nicht weniger denn sechstausend Francs. Die Arbeit wird in der Weise verrichtet, daß zuerst mit einem Dutzend tüchtiger Zugochsen, die vor den Bahnschlitten gespannt und in die Schneewildniß hinausgetrieben werden, der erste Durchpaß erzwungen wird. Das giebt nun freilich eine ziemlich mangelhafte Passage, aber dem Schlitten auf dem Fuße folgen die Rutner und schaufeln den entstandenen Graben so weit aus, bis er als Fahrbahn dienen kann. Dieselbe dann den Winter über in brauchbarem Zustande zu erhalten, ist die fernere Aufgabe dieser Kraftmenschen. So gefährlich auch ihre Arbeit sein mag, so ist es dennoch selten, daß ihnen dabei ernstliches Unglück begegnet. Sie kennen das Gebirg so gut wie ihre eigene Rocktasche, wissen den Lauinenstürzen aus dem Wege zu gehen, und wer den Berg überschreiten will, wird stets wohl daran thun, ihre Rathschläge nicht leichtsinnig zu mißachten.

Aus lauter Gefahr, Beschwerlichkeit und Nasenfrieren besteht aber so eine Winterfahrt denn doch keineswegs. Der Humor kann auch noch da oben in den eisigen Revieren fortkommen, wenn er einigermaßen sorgfältig gepflegt wird. „’s geht leichter bergab, als bergauf,“ ist ein altes schweizerisches Sprüchwort, das sicherlich seine volle Berechtigung hat und den praktischen Sinn meiner Landsleute auch in der Sprüchwörterfabrikation beurkundet. Ist man oben auf der Paßhöhe angekommen, haben sich Menschen und Pferde mittelst einer tüchtigen Collation für die Weiterreise gestärkt, und hat sich der vernünftige Theil der Gesellschaft wieder sorglich in die Büffelhaut eingewickelt, so geht’s gar lustig mit hellem Gejauchze und fröhlichem Gelächter durch die eisige Luft dahin, dem mildern Süden entgegen. Zuweilen bietet ein vollständig mit gefrornem Schnee bedeckter, nicht allzuübermäßig steiler Abhang Gelegenheit, eine weitschichtige Krümmung der Straße abzuschneiden, und dann fliegt der Zug mit der Schnelligkeit geschmierten Blitzes in schnurgerader Richtung in die Tiefe, ohne den mindesten Schaden zu nehmen. Damit ein allfälliger Purzelbaum nicht allzugroßes Unheil anrichten könne, sind auch die Schlitten unbedeckt und selbstverständlich ohne Fenster, sodaß die Umgeworfenen, ohne sich den Kopf durch die Glasscheiben zu stoßen, ein paar Mal das Rad schlagen und doch schließlich wohlbehalten unten ankommen können.

Bis jetzt haben wir es aber nur noch mit den fahrbaren Alpenpässen, mit den eigentlichen Chausseen des Hochgebirgs zu thun gehabt, auf denen vielleicht auch noch einmal das in den Ebenen so schwer vermißte Posthorn und das romantische Schellengeklingel nicht mehr ertönen wird, während dafür der grelle Pfiff des Dampfungeheuers den einsam über den Gebirgskämmen schwebenden Adler aus seiner majestätischen Ruhe aufschreckt und das gesellige Murmelthier in seine Höhle zurückscheucht. Streitet man sich doch jetzt schon in den eidgenössischen Räthen über die Frage, ob Citronen und Pomeranzen von der Locomotive künftig über den Gotthard oder den Lukmanier geholt werden sollen, und nehmen sich die Eisenbahnbarone beider Lager darob fast bei den Köpfen. Die Romantik ist selbst achttausend Fuß über dem Meere nicht mehr sicher, und hätte sie nicht glücklicherweise Flügel, so würd’s ihr gehen, wie dem ausgerotteten Geschlechte der Steinböcke.

Etwas anders aber gestaltet sich die Sache jedoch auf den zahllosen, zwar ebenfalls vielfach benutzten Alpenpässen, wo an den Gebrauch der Fuhrwerke nicht zu denken ist, den eigentlichen Säumerpfaden auf den vielfach verschlungenen Rücken der Graubündner-, Tessiner-, Walliser- und Berneralpen. Da ist der Naturwüchsigkeit noch mehr denn genug. Zu kunstvoll sind diese Straßen keineswegs angelegt, der Mensch hat da der Natur nur sehr wenig in’s Handwerk gepfuscht und meint, er habe schon viel gethan, wenn er hie und da ein paar Granitfündlinge in einen Sumpf hineingerollt, über den hinweg sonst schlechterdings von Mensch und Vieh nicht zu kommen war. Gallerien und Zufluchtshäuser sind da verpönte Luxusgegenstände, und der Säumer mag sich mit den Schneestürmen abzufinden suchen, so gut er es eben vermag. Viel, wenn oben auf der Paßhöhe etwa ein hölzernes Häuschen erbaut ist, in dem man den Pferden bei gar zu häßlicher Zudringlichkeit des Schneesturmes etwas Futter reichen kann. Wie bleichende Schädel den Karawanenzng durch die Wüste bezeichnen, so liegen an diesen Säumerpfaden nicht selten die Gerippe umgekommener Saumrosse. Ueberall tragen die Saumrosse Maulkörbe; dem vordersten Thiere wird eine Glocke angehängt, damit, wenn der Zug von Nebel oder Schneegestöber überfallen wird, der Führer aus dem Schalle die Richtung erkennen kann, welche das von seinem feinen Instincte geleitete kluge Thier genommen. Auf diesen einsamen, meist langweilig zwischen höheren Gebirgskämmen hindurch laufenden aussichtslosen Säumerpfaden kommen Unglücksfälle weit häufiger vor, als auf den fahrbaren Alpenstraßen. So ging einmal im Puschlav ein Mann, der zur Winterszeit Veltlinerwein über die Bernina säumen wollte, elendiglich sammt allen seinen Saumthieren zu Grunde. Der Zug wurde bei schneidender Kälte von einem so argen Schneesturme überfallen, daß Mann und Rosse förmlich in den kalten Flocken begraben wurden. Wahrscheinlich erlag der Führer bald. Die Pferde aber, auf merkwürdige Weise von ihrem Instinct geleitet, wußten sich bis zu einer seitwärts von ihrem Wege liegenden Weide durchzuarbeiten, wo sie früher gesommert worden waren. Sie stießen die Thüre der Alphütte ein, aber nur die eine Hälfte der Thiere gelangte in’s Innere; denn die vordersten hatten beim Eindringen die ihnen zu beiden Seiten herabhängenden Weinfäßchen (Lageln) abgestreift und so den Eingang verrammelt. Die draußen gebliebenen erlagen wohl rasch den Unbilden der Witterung. Die in die Hütte gelangten aber hatten nur um so länger zu leiden. Bei der Auffindung ihrer Leichen erzeigte es sich, daß sie das Lederzeug ihres Saumgeschirres verzehrt halten.

[438] Die Pässe, welche vom Bernerlande in’s Wallis führen, darunter besonders die Gemmi, sind jährlich von Tausenden fremder Vergnügungsreisenden besucht. Hier werden besonders die Damen auf Saumrossen über die Höhen befördert. Im Allgemeinen sind Unglücksfälle nicht eben häufig und kämen wohl selten oder nie vor, wenn die Reiterin gegen die dämonische Gewalt des Schwindels hinlänglich gewappnet ist. Die Saumthiere haben aber die Eigenthümlichkeit, stets auf dem äußersten Rande des Weges sich zu halten, wenn dieses an einer Felswand hinläuft; die klugen Thiere wissen nämlich gar wohl, daß, wenn sie mit dem ihnen von der Seite herabhängenden Gepäcke auf der innern Seite anstoßen würden, dieses sie aus dem Gleichgewichte bringen und in den Abgrund stürzen müßte. Da ist’s denn für Ungewohnte freilich eine tüchtige Aufgabe, ohne Zittern in die schaurige Tiefe niederzuschauen, in welche der leiseste falsche Tritt des Thieres Roß und Reiterin schleudern kann. Ein recht trauriger Fall dieser Art ereignete sich letzten Sommer eben auf der Gemmi. Eine junge französische Gräfin, von blühender Schönheit, war im Begriffe, auf einem Saumrosse die Reise nach dem Leuker Bade zu machen. Sie war nebst den Führern noch von einem alten Diener begleitet, der an den gefährlichsten Stellen sorglich auf der Seite des Abgrundes neben dem Saumthiere herging. Seine schöne Herrin, selbst um den guten Alten besorgt, befahl ihm wiederholt, sich nicht so auszusetzen und hinter dem Pferde herzugehen. Kaum hatte der Diener diesem Befehle nachgegeben, als ein Schrei des Entsetzens die Reisegesellschaft erstarren macht: – die reizende junge Dame war, von dem unheimlichen Geiste des Schwindels gepackt, von ihrem Thiere herab und über die hohe Felswand hinuntergestürzt. Ihr Leichnam wurde nur in zerschmettertem Zustande wieder aufgefunden.

Die Alpenpässe der Centralschweiz und des Westens bieten des Schönen und Ueberraschenden weit mehr dar, als der Südosten. Als der König aller dieser Pässe wird wohl nicht mit Unrecht der große St. Bernhard mit seinem weltberühmten Hospiz betrachtet. Ebenso besucht ist der Grimselpaß, dessen Hospizgebäude bekanntlich vor wenigen Jahren aus Gewinnsucht von dem damaligen Pächter eingeäschert wurde. Das Gebäude ist jedoch von der Landschaft Hasle schöner und bequemer wieder hergestellt worden. Auch hier werden, wie auf dem Gotthard, Bernhard und Simplon, die Reisenden unentgeltlich beherbergt. Auf der Gemmi existirt ein ziemlich armseliges Wirthshaus. Dem deutschen Dichter Werner ist es eingefallen, dasselbe durch eine Schauerkomödie berühmt zu machen.

Die Bernerpässe nach dem Wallis erschließen imponirende Anblicke auf die umliegenden riesigen Gebirgs- und Gletscherformationen. Gegen den Süden zu sind die Niedergänge schwindelnd steil, wie z. B derjenige von der Grimsel die Meyenwand hinab bis zum gewaltigen Rhonegletscher; alle überbietet aber an Abenteuerlichkeit eine Strecke des Gemmipasses. Der Saumweg ist hier in die beinahe senkrecht abfallende 2000 Fuß hohe Balmwand gesprengt und windet sich, wie die Ringel einer Boa Constrictor übereinander geschichtet, aufwärts oder zu Thale. Der Pfad wurde durch eine tiefe klaffende Spalte des Gebirges durchgezwängt, in welcher jedes lautgesprochene Wort in zehnfachem Echo wiederhallt. Kommt man zum Bade Leuk in Wallis herauf, so vernimmt man schon auf die Entfernung einer halben Stunde die Jauchzer und Rufe der Führer der entgegenkommenden Reisegesellschaft, bevor man sich mit dieser selbst kreuzt. Von oben herabkommend, erblickt man anderthalb Stunde lang, in senkrechter Tiefe unter sich liegend, das neue Bad Leuk. Daß die Passage im Winter auf den Saumwegen viel gefährlicher sein muß, als im Sommer, das leuchtet ein, weil die Saumrosse da der Gefahr des Ausgleitens auf dem Schnee mehr ausgesetzt sind. Eine solche Scene hat denn auch unser wackrer Künstler zum Motiv seiner Darstellung gewählt. Die Scene spielt am Südabhange der Alpen, was schon die italienische Tracht der Säumer andeutet. Die letztern selbst sind nun aber auch schon durch die vielfach erbauten Kunststraßen zu einer Antiquität geworden. Meistens begegnet man denselben noch vereinzelt auf der Gemmi und auf dem Sanetsch. Das Saumthier trägt einen roh aus Holz construirten Sattel. An und auf demselben werden die Waarenballen so befestigt, daß die ganze Last im Gleichgewicht hängt. Die Maulkörbe, welche den Thieren vorgebunden werden, sollen verhindern, daß die armen Lastträger durch die am Wege sich darbietenden Grasbüschel nicht in Versuchung geführt werden und unnützen Aufenthalt des ganzen Zuges verursachen.

Das allmähliche Verschwinden dieser Säumerzüge mit ihrem harmonischen Schellengebimmel hat der Romantik im Gebirge einen schweren Stoß versetzt. Sie belebten besonders die obersten Paßhöhen, weil die ultramontanen und cismontanen Säumer da oben auf der Paßscheide einander zu begegnen und die Waaren zum Weitertransport einander abzunehmen pflegten. Um die Säumer selbst ist es nicht eben schade. Poseidon’s göttliche Grobheit, die Homer so einladend besingt, war jedenfalls Salonhöflichkeit, Höflichkeit in Glacéhandschuhen gegen die Sprache, welche unter diesem culturfeindlichen Geschlechte gäng und gebe war, und die zarte Nymphe Echo mag sich oft genug entsetzt haben, wenn jeder Laut, der sie aus ihren Klüften hervorlockte, eine haarsträubende Lästerung oder einen vierundzwanzigpfündigen Kernfluch enthielt. Der Gefahr freilich schauten sie mit ziemlichem Gleichmuth in’s Auge; wußten sie doch im Voraus, daß die Meisten von ihnen gelegentlich von Lauinen in den Abgrund geschleudert werden würden, wenn [439] nicht vorherige Verstümmelung durch Sturz, Erfrieren u. s. w. ihrem mühseligen Treiben ein Ende machte.

Zu guter Letzt aber giebt es noch eine Art Pässe, denen keine Kunststraßen je etwas anhaben werden. Diese aber werden nur von Hirten, Gemsjägern und Schmugglern, und das auch nur im Sommer, begangen. Ihre Hauptvorzüge bestehen darin, daß man da nicht so leicht unwillkommene Begegnungen zu fürchten hat, daß sie eigentlich keine gemachten Wege, überhaupt gar keine Wege, sondern bloße Klettergelegenheiten sind, um von einem Thale in das andere zu gelangen. Sie sind eigentlich mehr in der Tradition als in der Wirklichkeit vorhanden und nur an den halsbrechenden Stellen, wo der Fuß sonst nirgends einen festen Standpunkt findet, an eine bestimmte Richtung gebunden. Sonst mag Jeder bequem die Gelegenheit sich aussuchen, wie er am besten über steinige Alpweiden und bewegliche Geröllhalden wegkommen kann, ohne den Hals zu brechen. Die südöstliche Schweiz ist besonders reich an solch einladenden Spaziergängen, die wenigstens zuweilen prachtvolle Ausblicke gestatten. Je höher hinauf man kommt, je schauerlicher und halsbrecherischer werden diese Wege, und geht’s gar über die Grenze des ewigen Schnees hinauf, so ist auf denselben nicht gut hausen. Ueber schmale Felskanten und eisige Firnen wegschreitend, wird der Wanderer nur zu häufig vom grimmigen Wirbelwinde gepackt und in die Tiefe geschleudert. Besonders reich an solchen Annehmlichkeiten ist der bekannte 8,500 Fuß hohe Kistenpaß, vom Linththal im Canton Glarus nach Briegels im Bündnerlande hinüberführend. An den schroffen Felsenwänden des Ruchi emporkletternd führt dieser schauerliche Weg zu einer Felsspalte, „das hohe Loch“ genannt, welche gerade weit genug ist, um eine einzelne nicht gar zu dickleibige Person durchkriechen zu lassen. Am andern Ende der Höhlung hat man das haarsträubende Vergnügen, unmittelbar in die grauenvolle Tiefe des Limmerntobels hinabgucken zu können. Trotz dieser verlockenden Perspective möchte aber der Verfasser dieser Zeilen keine der schönen Leserinnen der Gartenlaube zu dieser Vergnügungstour einladen, denn später muß man nicht nur drunten in der schauerlichen Kluft durch einen Wildbach waten, sondern zum Ueberfluß noch an einer Stelle, die nicht vergeblich den ominösen Namen „Rothstein“ trägt, von einem Felsenabsatze in schmutziges Wasser hinunter springen, wenn der Wind etwa zufällig das Tannenbäumchen wieder einmal weggeblasen hat, das die Jäger zum bequemeren Hinabklettern an den Fuß gestemmt haben.

Nicht alle diese Gebirgspässe bieten übrigens der Gefahren so viele dar. Selbst Gletscherpässe, die in einer Höhe bis zu 10,000 Fuß über weite Eiswüsten gehen, wie z. B. derjenige über die Strahlegg, der vierzehn Stunden lang meist über blankes Eis wegführt, werden mitunter nicht nur von Touristen, sondern auch von muthigen und neugierigen Touristinnen begangen. Besonders sind die Engländer auf solche Parforcetouren versessen. Freilich bekommen ihnen dieselben nicht immer gut. So verunglückten 1860 drei den ersten Familien von Wales angehörende junge Männer auf der Passage des Col de Géant in der Montblancgruppe. Gegen das Dorf Courmayeur hinuntersteigend und einen schmalen Felsgrat überkletternd sank der Hinterste aus Müdigkeit zusammen und riß, da Alle sich mittelst eines Strickes an einander gebunden hatten, wie das bei solchen Gelegenheiten üblich ist, seine beiden Reisegefährten sammt dem Führer mit sich in den Abgrund. Zwei andere Führer, welche die Enden des Seils hielten, hatten nicht die Kraft, die Stürzenden zurückzuhalten, deren grausiger Fall noch eine Lauine aufweckte, die nachdonnernd die Unglücklichen begrub, die man später nur als blutige, schier unkenntliche Leichen auffand.

Als Beispiel, bis zu welcher Ungeheuerlichkeit die Schwierigkeiten mancher Alpenpässe sich aufthürmen, mag noch der Col du Trift, vom Walliser Einfischthale nach Zermatt hinüberführend, genannt werden. Da hat man die nicht Jedermann zusagende Gelegenheit, eine nahezu senkrechte Eiswand mittelst ungeheuerer Stufen wie auf einer Leiter hinan zu klimmen und an einer nicht minder steilen Felsenmauer an einer da zu größerer Bequemlichkeit eingeschmiedeten Kette, wie ein Glockenschwengel zwischen Himmel und Erde schwebend, sich hinauf zu ziehen. Diese Passagen gehören nun freilich nicht mehr in’s Gebiet der Säumerpfade. Wer möchte sie aber alle zählen, diese erforschten und unerforschten Pfade in der riesigen Gletscherwildniß, deren Eismeere allein an funfzig deutsche Quadratmeilen umfassen und deren beständig noch neue in der Bildung begriffen sind, während die vorhandenen bereits die Zahl von 600 übersteigen, von denen 400 von einer bis zu sieben Stunden lang sind. Da unten in den blaugrünen Krystallgrotten schläft gar mancher kühne Geselle den Todesschlaf, ohne daß seine Bekannten den Ort nur ahnen, wo er der Auferstehung entgegenträumt, während sie achtlos über die verrätherische, von Schnee und Eis neu überbrückte Spalte schreiten, deren klaffender Mund den Unvorsichtigen verschlang.

A. B.