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Segen den Seinen erbat, als sei es das letzte Mal, sowie die eigentümliche Begrüßungsweise Fremden gegenüber, die immer wie der Scheidegruß eines Sterbenden lautete. Vom 2. September an verließ der Leidende das Bett nicht mehr; Gott erleichterte ihm den Kampf und ließ ihn sanft hinüberschlummern. Freitag den 5. September mittags 1 Uhr erfolgte sein seliger Heimgang. Sonntag den 7. September nachmittags 5 Uhr fand auf dem nördlichen Friedhofe Münchens die Beerdigung unter sehr zalreicher Beteiligung statt. Einzelne waren aus der Ferne herbeigeeilt. An seinem Grabe sprachen D. Buchrucker und D. Luthardt.

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 Ein ungemein reiches, ein vielbewegtes Leben schloss sich an Harleß’ Grabe. Wenig Theologen dieses Jarhunderts sind ihm an Vielseitigkeit gleichgekommen, er war des Katheders, der Kanzel, der parlamentarischen Rednerbüne wie wenige mächtig, er war eine durchaus theologische Natur, zugleich aber voll innerer Sympathie für Poesie, Kunst und Musik und in diese Gebiete in seltener Weise eingeweiht. Harleß war ein sehr bedeutender Theologe, ein begeisterter Kirchenmann, ein echter Christ, ein warer Lutheraner, ein ganzer voller Mensch. Kaum ein Theologe des Jarhunderts war in dem Maße wie er in die verschiedenen, einander teilweise gerade entgegengesetzten Strömungen der Zeit verflochten. Er hatte um dessentwillen auch besonders schwierige Aufgaben zu lösen. Wol kein Theolog unserer Zeit ist von den Wogen der öffentlichen Meinung so emporgetragen und auf der andern Seite so tief hinabgestoßen worden wie er. Kaum Einer hat wie er Anfechtung und Misskennung, Wenige haben aber auch so viel Liebe und Vertrauen erfaren wie er; Keiner wurzelte in kirchlichen Kreisen so tief wie er. Es ist wahr, Harleß war häufig zu sehr der Mann des Moments; er war trotz größter persönlicher Liebenswürdigkeit und einer im Innersten universellen Richtung zumal in späteren Jaren oft zu schneidig, zu abweisend im Urteil über solche, die seine Wege nicht gingen, selbst dann, wenn sie nichts weniger als Gegner des Evangeliums waren. Man darf wol auch sagen, es fehlten ihm für das Amt eines Kirchenleiters gewisse Voraussetzungen sehr realistischer Natur; auf der anderen Seite hat er die idealen Momente der kirchlichen und auch

Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Löhe, Thomasius, Harleß. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1887, Seite 136. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_L%C3%B6he,_Thomasius,_Harle%C3%9F.pdf/150&oldid=3212268 (Version vom 31.7.2018)