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Maria Konopnicka.

Ein Wald-Idyll,
Lieder - Cyklus.


I.

     Es war im Lenz der Jugendzeit:
     Noch sprengte kaum das Panzerkleid
Ein Steinwurf aus des Knaben Hand
Dem Bach zum ersten Lauf ins Land;

5
     Noch aus der Haft die Falterschar

     Kaum löste leis das Schwingenpaar,
zu spähn, ob schon, vom Schlaf erwacht,
Maßliebchen regt die Äuglein sacht;
     Noch träumt der Wald. Im Wiesenthal

10
     Nur neigte vor dem Sonnenstrahl,

Zu spähn, ob dort schon Lebensspur,
Sich knospendes Gezweig zur Flur;
     Am Raine nur der Weidenbaum
     Sich schüchtern hüllt in weichen Flaum,

15
Und schmückt mit Grün und Palmenflor

Des Knaben erstes – Flötenrohr.


II.

     Im Hüttchen, halb im Busch versteckt,
     Der rings das Dach, mit Stroh gedeckt,
Geschwärzt vom Wetter, überragt,
Als kaum der junge Lenz getagt

5
     Holdlächeld über Berg und Thal,

     Da sah ich sie zum erstenmal.
und als die erste Lerche schwang
Sich himmelan mit Jubelklang,
     Als Vöglein jauchzten allerwärts,

10
     Da ward so seltsam mir ums Herz!

Die Sonn’ entstieg dem Wolkenthor
Und Veilchen lugten aus dem Moor,
     Als ihre Äuglein blinkten blau,
     Wie das Vergißmeinnicht im Tau,

15
So klar, daß ich bis auf den Grund

Der Seel’ ihr schaut’ in ernster Stund'!

Empfohlene Zitierweise:
Albert Weiß: Polnische Dichtung in deutschem Gewande. Otto Hendel, Halle a. d. S. 1891, Seite 53. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Albert_Weiss_-_Polnische_Dichtung_in_deutschem_Gewande.pdf/65&oldid=- (Version vom 21.8.2021)