Seite:Bemerkungen zu Gregor von Tours kleineren Schriften.pdf/22

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Zauberkünste mit den biblischen Erzählungen verschmolzen haben. Als Beweise der volkstümlichen Anschauung erwähne ich Wodans Zauberlied im Havamal (Alsbald ich es singe, sobald kann ich fort, vom Fuße fällt mir die Fessel, der Haft von den Händen herab) und besonders die Zaubereien des Maugis im Renaut de Montauban.

In Bourges hatte Venantius auf Wunsch seiner Eltern sich verlobt und brachte der Braut cum poculis frequentibus etiam calciamenta (Patrum XVI 1). Ebenso that Leobardus bei Clermont (Dato sponsae anulo, porregit osculum, praebet calciamentum, celebrat sponsaliae diem festum (XX 1). Vgl. Grimm Rechtsaltertümer2 156. Von dieser Sitte schreibt De Nore 190 aus der westlichen Bretagne, wie es scheint, um Nantes herum: Dans quelques lieux, les fiançailles ou les Affédales consistent simplement dans le cadeau que le prétendu fait à sa future, d’un anneau et d’une paire de souliers. Nach Laisnel de la Salle II 32 ff. versuchen im Berry alle Verwandten nach der Reihe der Braut den Schuh anzuziehen und legen nach vergeblichem Bemühen ein Stück Geld hinein. Endlich erscheint der Bräutigam, dem es sofort gelingt. Der Verfasser führt dazu aus Michelet (Origines du droit français 12) den Satz an: La femme entrait dans le soulier, lorsqu’elle entrait en puissance de mari.

Reliquien vom h. Julian wurden auch nach Reims gebracht. Der Träger nähert sich Reims und kommt in die Nähe eines Gutes, auf dem viele Arbeiter mit Pflügen und anderen Bestellungsarbeiten beschäftigt sind. Da schreit plötzlich ein Ackerknecht zum großen Staunen seiner Genossen, die offenbar gar keine Ahnung haben, daß ein Besessener mit ihnen arbeitet, laut auf und klagt, er werde vom Heiligen verbrannt und gequält. Der Priester muß mit der Reliquienkapsel den bösen Geist vertreiben (32). Die Einkleidung dieses Wunders erinnert, bei allen gern zugestandenen Abweichungen, an die bekannten Erzählungen von Waldwesen in Tirol, die bei Bauern emsig dienen und sich ganz heimisch zu fühlen scheinen, bis sie plötzlich, auf einen Ruf aus dem Walde her, ihre Natur entdecken und ohne weiteres das Haus verlassen, um in den Wald, woher sie stammen, zurückzukehren. Auch der Knabe, der im Hause seiner Eltern lebte, und beim Anblick der Reliquien wie tot niedersank (45), bis ihn der Priester heilte, scheint vorher kein Zeichen seiner dämonischen Natur gegeben zu haben, da die Eltern glauben, daß er infolge magischer Künste hingefallen ist. Jene Fanggen in Tirol sind die unerkannten Kinder von Walddämonen, die Ansichten von der Besessenheit beruhen zum Teil auf gleicher Annahme.

An der Martinsquelle bei Ligugué war ein Stein qui vestigium retinet aselli illius, super quem sanctus sedit antistis (Martini IV 31). Bei Dijon, wo der h. Benignus verehrt wurde, fand sich ein Stein in quo cum plumbo remisso pedes ejus confixi fuerunt, factis loculis, vinum aut siceram multi infundunt (Martyrum 50). Diese Flüssigkeiten halfen gegen schlimme Augen und Wunden. Ob die letztere Stelle auch auf das bekannte mythische Hinterlassen von Spuren körperlicher Eindrücke (Roßtrappe) in Felsen zu verstehen ist, bleibe dahingestellt.

Mehrfach findet sich die seltsame Erscheinung, daß Gestorbene sich noch einmal erheben um zu sprechen oder durch eine Bewegung irgend einen letzten Wunsch kundzugeben. Diese Stellen scheinen mir von besonderer Bedeutung, weil durch sie die gewaltige Kluft, die Leben und Tod trennt, zuerst überbrückt erscheint und weil sie vermutlich den Weg eröffneten für die Sagen von Auferweckungen der Toten, die sich mit so erstaunlicher Zähigkeit in den Leben der Heiligen erhalten haben. Hier zeigt sich