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Karl Pauli: Das Tuch. In: Das Buch für Alle, 44. Jahrgang, Heft 13, S. 290–292, 294

„Wo willst du denn hin?“ fragte die Frau etwas eingeschüchtert.

„Wo soll ich denn hingehen?“ sagte er in demselben unwirschen Tone, „ich muß doch versuchen, Rat zu schaffen, einer muß sich doch um was kümmern, so mir nichts dir nichts läßt man sich doch nicht bei Wind und Wetter vom Häusel jagen!“

Die Frau sah ihm bekümmert nach, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust. Er würde nichts ausrichten, das wußte sie, und wenn sie wirklich vom Häusel müßten – sie wagte den Gedanken gar nicht auszudenken. Sie ging wieder in die Kammer und suchte noch einmal nach dem Tuch. Es mußte ja da liegen, wo sollte es denn sonst sein! Aber Sie fand es nicht, es steckte weder in der Jacke, die Seibt gestern getragen hatte, noch lag es in der Kammer. Er mußte es also doch wohl verloren haben. Sie wollte ihn fragen, wo er überall gewesen sei, beschloß aber dann, lieber nicht mehr davon anzufangen, weil es ihn zu verdrießen schien.

Nach ein paar Stunden kam der Mann zurück, seine Augen glühten, sein Gang war nicht so sicher wie sonst.

„Na, siehst du,“ sagte er, die Mütze auf den Tisch werfend, „ich hab’s doch noch ins reine gebracht! Mit dem Verkaufen ist’s vorderhand nichts!“

Die Frau schwankte vor Freude bei dieser Nachricht so sehr, daß sie sich an der Wanne festhalten mußte. Aber das zeigen von Gefühlsäußerungen ist auf dem Lande nicht Brauch, sie sagte daher auch weiter nichts als: „Da hat dir wohl einer was geborgt?“

„Wird schon so sein,“ erwiderte er ausweichend.

„Wer denn?“ Sie sah ihn neugierig an.

Er warf ihr einen zornigen Blick zu und sagte dann: „Was geht denn dich das an! Kümmre dich um deine Sachen!“

„Aber sei doch nicht so komisch! Ich muß doch wissen, wem wir Geld schuldig sind! Wenn dir nun was passiert?“

„Mir passiert nichts!“ schrie Seibt. „Nimm du dich nur in acht, daß dir nichts passiert!“ Er hob die Hand, als wolle er sie schlagen.

„Du Lümmel!“ rief die Frau verächtlich. „Wenn du betrunken bist –“

Sie konnte nicht weiter reden, denn ein Faustschlag traf sie mitten ins Gesicht.

Das war der erste Schlag, den sie erhielt, seitdem sie verheiratet waren. Sie sagte kein Wort, schweigend wischte sie sich die Tränen aus den Augen und ging hinaus.

Als Gustav aus der Schule kam und die Mutter am Waschfaß stehen sah, sagte er: „Muttel, wenn du wäscht, da wasch’ nur auch gleich das Tuch mit, das der Vater gestern in die Tinte getaucht hat!“

Leise, damit es der in der Kammer schlafende Seibt nicht hörte, antwortete sie: „Sei still von dem Tuch! Der Vater ärgert sich schon genug, daß er’s verloren hat. Sag nichts mehr davon – hörst du!“

Gustav nickte. Er hielt es für sehr begreiflich, daß der Vater ärgerlich war, das Tuch verloren zu haben, denn es hatte gewiß großen Wert. Er erinnerte sich wenigstens, daß er fürchterliche Prügel bekommen, als er einst eines verloren hatte, und das war ein altes, geflicktes gewesen, nicht ein so gutes neues, wie das, das der Vater verloren hatte.

Er hielt es daher für sehr begreiflich, wenn er den Vater in den kommenden Nächten schwer aufseufzen hörte, und sagte auch der Mutter nichts davon, denn er wollte nicht,

Empfohlene Zitierweise:
Karl Pauli: Das Tuch. In: Das Buch für Alle, 44. Jahrgang, Heft 13, S. 290–292, 294. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1909, Seite 292. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Tuch.pdf/4&oldid=- (Version vom 31.7.2018)