Seite:De Briefe die ihn nicht erreichten Heyking Elisabeth von.djvu/138

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nichts Unbekanntes, nichts Neues erschien – nichts war verändert. Ich ward mir plötzlich bewußt, daß ich ganz ruhig war.

Was habe ich eigentlich empfunden?

Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich, daß sein Tod niemandem so erscheinen konnte. Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen, die nicht wie er die Grenze überschritten haben, die wir Vernunft nennen, das Leben der Jammer, nicht der Tod. Wir schätzen es nur so falsch weil wir durch Generationen hindurch dazu erzogen sind. Wie sollten auch Leute regiert, wie sollten Leute zu Gott geführt werden, qui feraient franchement fi de la vie? Gott? Auch dieses eine spezielle Leben soll er gegeben haben, und es war ihm vermutlich doch auch so viel wert wie die Spatzen, die er nicht vom Dache fallen läßt. Und doch ist dies Leben verkommen, der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet. Einer Kette mit bleierner Kugel gleich, hat sich die eine Existenz hemmend und lähmend an eine andere gehängt. Diesem anderen Wesen war die Fähigkeit verliehen, den vollen Schmerz, die ganze Entwürdigung dieser Last bis in seine innersten Fasern zu fühlen; Hoffen, Streben, Sehnen waren ihm gegeben, und nichts hat sich erfüllt von all den Möglichkeiten, die ihm vorschwebten. Nachdem dann das eine Leben wie eine stumpfe, träge

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Elisabeth von Heyking: Briefe, die ihn nicht erreichten. Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin 1903, Seite 137. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Briefe_die_ihn_nicht_erreichten_Heyking_Elisabeth_von.djvu/138&oldid=3238976 (Version vom 31.7.2018)