Seite:De Orchideen Meyrink.djvu/020

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– doch der Gerichtshof meinte, während der fraglichen Delikte hätte der Angeklagte doch nicht die Stiefel ausziehen müssen. – – –

„Sagen Sie, Herr Doktor,“ wandte sich leise der Verteidiger während der noch immer herrschenden Unruhe an den Gerichtsarzt, mit dem er gut befreundet war, – „sagen Sie, können Sie nicht aus der Mißbildung der Füße des Angeklagten etwa auch auf geistige Umnachtung schließen?“ – – –

„Natürlich kann ich das, – ich kann alles, – ich war doch früher Regimentsarzt, – warten wir aber noch ab, bis der Herr Stadtrat hereinkommt.“

Der Stadtrat Cinibulk aber kam nicht und kam nicht. –

Da könne man noch lange warten, hieß es, und die Verhandlung hätte vertagt werden müssen, wenn nicht plötzlich aus dem Auditorium der Optiker Cervenka hervorgetreten wäre und der Sache eine neue Wendung gegeben hätte:

„Ich kann es nicht mehr mit ansehen,“ sagte er, „daß ein Unschuldiger leidet, und unterziehe mich lieber freiwillig einer Disziplinarstrafe wegen nächtlicher Ruhestörung. Ich war es, der damals die Erscheinung am Himmel hervorgebracht hat.

Mittels zweier Sonnenmikroskope oder Scheinwerfer, die eine neue wunderbare Erfindung von mir sind, habe ich damals zersetzte, also unsichtbare Lichtstrahlen gegen den Himmel geworfen. –

Wo sie sich trafen, wurden sie sichtbar und bildeten die helle Scheibe. – Das vermeintliche Chamäleon jedoch war ein kleines Diapositivbild des Herrn Dr. Lederer, welches ich an die Wolken reflektieren wollte und im Dunkeln mit meinem eigenen verwechselte. – Ich habe nämlich früher einmal den Dr. Lederer im Dampfbad der Kuriosität wegen photographisch aufgenommen. – Also, wenn sich die Frau Cinibulk, die

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Gustav Meyrink: Orchideen. München o. J., Seite. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Orchideen_Meyrink.djvu/020&oldid=2680783 (Version vom 5.5.2016)