Seite:Der weiße Maulwurf.pdf/49

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wurden die Gesten der beiden Frauen ruhiger, und dann war es die ältere, die Frau Lüning umarmte und küßte und die verzweifelt Weinende auf die Bank drückte und ihre Hände streichelte und ihr gütig zuredete.

Tante und Nichte hatten sich nach jahrelanger Entfremdung wieder versöhnt. – Was war der Anlaß zu dieser Entfremdung gewesen? Wirklich Frau Lünings erster Gatte?!

Wir beide, eng an den Waldboden geschmiegt, fanden leider selbst hier in der Schonung wenig Deckung. Wir durften uns nicht näher heranwagen, von der Unterhaltung der beiden hörten wir nichts, außerdem war Harald auch merkwürdig nervös und schenkte der Umgebung weit mehr Beachtung als den beiden Frauen.

Der Gedanke, daß hier irgendwie eine Gefahr lauere, kam mir erst, als Harst sich halb erhob und auf eine Eiche deutete, die ebenfalls auf dem Wege durch die Schonung sich erhob. Es war ein sehr alter Baum, und erst nach schärfstem Hinsehen erkannte ich oben hinter dem Stamm eine Männergestalt, die auf einem dicken Seitenast stand. Der Mann beobachtete die beiden Frauen, hatte in der einen Hand einen plumpen Spazierstock, war ärmlich gekleidet, trug Brille, grauen Vollbart und einen zerbeulten großen Filzhut.

Jetzt packte auch mich das Jagdfieber.

Ich wußte: Der da auf der Eiche war der Windbüchsenschütze, sein Spazierstock war ein Luftgewehr von großer Tragweite, und als der Mann nun diesen gefährlichen Spazierstock emporhob und Miene machte, auf die Frauen anzulegen, schnellte ich noch rascher als Harald vorwärts …

Gleichzeitig vernahm ich einen dumpfen Schlag, – so, als ob ein Stein gegen einen Ast geschleudert würde, – Harst jagte an mir vorüber, der Mann glitt von der Eiche herab, raffte sein Fahrrad auf und fuhr davon, während vor uns wie aus dem Boden gewachsen Josef Strahl auftauchte und Harald am Arm packte und zurückriß.

Dies spielte sich bereits auf dem Wege der Schonung

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Max Schraut: Der weiße Maulwurf. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1932, Seite 49. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_wei%C3%9Fe_Maulwurf.pdf/49&oldid=- (Version vom 31.7.2018)