Seite:Die Behandlung der Kolonisten in der Provinz St. Paulo in Brasilien und deren Erhebung gegen ihre Bedrucker.pdf/142

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Zeit zu Zeit Briefe schreibe, und dass ich diese, trotz der Versicherung des Herrn Direktor Jonas, ich sei nicht im Stande, irgendwo hinzuschreiben, ohne daß er erfahre, wohin und was ich geschrieben habe, doch auf einem ihnen unbekannten Weg versenden könne.[1] Der eine Umstand mochte vielleicht die Hoffnung erweckt haben, daß ich mich mit den Kolonieverhältnissen nach und nach aussöhne, und der andere bewirkte vielleicht eine Art Respekt oder Furcht vor meinen nicht aufzuhaltenden Berichten, und Beides mag in Verbindung mit allenfalls noch andern Gründen dahin gewirkt haben, daß das Benehmen der Herren gegen mich ein äußerst freundliches und Respekt bezeugendes wurde. Dies zeigte sich besonders bei meiner Anstellung als Lehrer und während der ersten Hälfte der Dauer meines diesfallsigen Amtes. Am 31. August, wo ich in Folge des von vielen Kolonisten geäußerten Wunsches, daß ich eine Schule eröffnen sollte, und in Folge einer vorläufigen Anfrage, ob ich nicht nach einer andern Kolonie als Lehrer kommen wolle, zum Herrn Direktor Jonas ging und ihn in Betreff der Annahme dieser angetragenen Stelle um Rath frug, bemühte er sich, mich von seiner Achtung und von seiner Zufriedenheit über meinen Fleiß, mein ganzes Betragen, auch über meine eine Woche vorher gehaltene Leichenrede[2] mit den schmeichelhaftesten

  1. Wie ich den ersten Brief versandt habe, ist schon gesagt. Den zweiten hat mir ein in einem Handlungshause angestellter Freund petschiert, adressirt und auf die Post befördert, so daß er noch mehr, als der erste, als Handelsbrief lief. Für den dritten und die folgenden ließ ich mir von der Post Empfangsscheine geben, ein Weg, den ich mit den frühern Briefen nicht deßhalb nicht einschlug, weil ein solcher Schein Fr. 2.80 Rp. kostet und der einfache Brief überdies mit 34 Rappen frankirt werden muß, sondern weil ich nicht wußte, daß dieser Weg auch in Brasilien gebahnt sei.
  2. Es war am 24. August ein fast erwachsener Jüngling desjenigen Kolonisten zu beerdigen, der seit Pflingsten 1856 an den Sonntagen Predigten und bei Beerdigungen Leichengebete und etwa ein Begräbnißlied vorlas. Bei diesem Falle redete er lieber nicht selber und bat mich, seine Stelle zu übernehmen. Ich hielt dabei nebst der Verlesung eines liturgischen Leichengebetes eine Ansprache, eine Art Leichenrede, an die ziemlich große Versammlung, und diese Ansprache hat, wie es scheint, auf Obere und Untergebene einen guten Eindruck gemacht.