Seite:Die Gemälde-Galerie des Grafen A. F. v. Schack.pdf/55

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länger gelebt, so würde ich meine Sammlung noch mit vielen Bildern seiner Hand bereichert haben. Das glänzendste seiner Werke, so viele deren in meiner Galerie vorhanden sind, ist die Ansicht von Gibraltar, von der Höhe hinter Algeciras aufgenommen. Nur Wenige wissen, welch reicher Born des Genusses ein schönes Kunstwerk ist. Wie die Meisten eine Dichtung, die in jedem Gedanken, Bilde und Worte durchdrungen sein will, die man laut recitiren und auswendig lernen muss, um alle ihre Schönheiten zu erkennen, nur flüchtig wie einen Tagesroman durchlesen, so gehen sie auch in einer Galerie, nach kurzem Verweilen vor einem Bilde, schnell zu dem nächsten und tragen daher nur sehr oberflächliche Eindrücke mit sich davon. Aber erst bei häufig wiederholter Betrachtung eines Gemäldes wird man mit stets erneuter Freude sich aller Vorzüge desselben bewusst; bei guten Landschaften kommt noch hinzu, dass sie, indem sie die Reize der dargestellten Gegend erhöht und konzentrirt wiedergeben, uns ein Vergnügen bereiten, in welchem sich Natur- und Kunstgenuss vereinigen. Vor diesem Gibraltar bei Sonnenuntergang kann sich Derjenige, dem der wunderbare Anblick einmal gegönnt worden ist, denselben auf das lebhafteste von neuem vergegenwärtigen, und zwar ohne dass sein Genuss durch die Zufälligkeiten beeinträchtigt würde, die diesen in der Wirklichkeit oft trüben. Zugleich sieht und empfindet er noch etwas Höheres, Geistiges, das die Seele des Malers in die äussere Erscheinung gelegt hat. Auch wer nie an Ort und Stelle war, vermag sich vor einem solchen Werke der Kunst, wenn er es gehörig auf sich wirken lässt, leibhaftig dorthin zu versetzen. So macht Bambergers Gibraltar es ihm möglich, hoch von der Felsensteile in die azurne Tiefe hinabzuschauen, wo zwei Meere an den Säulen des Herkules ineinander wallen, in die dämmernde Ferne hinauszuträumen, welche die Küste Afrikas birgt, und die letzte Sonnenglut zu sehen, wie sie sich auf die Stadt Algeciras senkt; dies Alles aber wird ihm in geläuterter, verklärter Gestalt dargeboten, so wie es sich im Innern des Künstlers wiedergespiegelt hat: es ist nicht ein Abend in Gibraltar, den er hier erlebt, es ist die Summe, die Blüte vieler Sonnenuntergänge, von denen die schönsten Züge für das Bild ausgewählt sind. – Für Solche, die mit der Betrachtung von Gegenden historische Erinnerungen zu verbinden lieben, knüpft sich an diese Lokalität noch der Gedanke, dass es hier war, wo die Araber zuerst die Fahne des Propheten auf europäischen Boden pflanzten, um sodann in stürmischem Eroberungsdrange, von immer neuen glaubensmutigen Scharen verstärkt, die ganze Halbinsel zu überfluten, bis sie nach achthundertjähriger Herrschaft wieder, wie ein Traum, verschwanden. – In zwei kleineren Gemälden hat unser Künstler die alte Gotenhauptstadt Toledo von verschiedenen Seiten dargestellt. Namentlich das eine derselben zeigt die, noch in ihrem Verfalle imposante, auf schroffem Felsen thronende Residenz des Roderich in ihrer ganzen malerischen Eigentümlichkeit: wie ihre verödeten Paläste und Häuser von der sengenden Sommersonne beschienen, und oft kaum von dem nackten Gesteine, an dem sie kleben, unterscheidbar, über dem unten vorüberschäumenden Tajo hängen. – Zu drei Bildern hat Bamberger die Motive aus der Umgebung des herrlichen Granada genommen. Zwei von ihnen entfalten abermals seine volle Meisterschaft in der Wiedergabe des Sonnenunterganges. Den wunderbaren Lichtwirkungen, welche das sinkende Taggestirn, alle Farbenüancen, vom blendendsten Strahlenglanze bis zum zartesten, dem Auge kaum noch fassbaren, Schimmer durchlaufend, an den Gipfeln der Sierra Nevada erzeugt, konnte nur ein Pinsel wie der seine gerecht werden. Auf der Ansicht des Pik von Mulhacen könnte man das dunkelrote Feuer, in dem der Gipfel leuchtet, übertrieben finden; aber ich glaube: Jeder, der südliche Gegenden, namentlich Andalusien kennt, hat dort Lichtwirkungen beobachtet, die, wenn man sie gemalt sähe, unmöglich genannt werden würden. Und neben dieser intensiven Glut auf dem Scheitel des Berges, wie fein hat der Künstler nach unten hin das Licht in allen Schattirungen abzutönen verstanden! – Auf einem anderen Bilde gewahren wir Reisende in andalusischer Tracht, die vor einer Venta in der Sierra Mittagsrast halten. Dasselbe ruft mir viele Stunden aus meinen früheren Streifzügen durch die spanischen Gebirge zurück. Aber nur Wenige werden jetzt noch in den abgelegensten Teilen Andalusiens Aehnliches erleben. Das schöne Nationalkostüm, das ich noch in vollem Glanze gesehen und das damals der Reisende selbst anzulegen pflegte, verschwindet von Tag zu Tage mehr; und auch die primitiven Ventas, an deren Herden man bei schlechter Kost doch so vergnügte Stunden verbrachte, beginnen modernen Hotels zu weichen. – Wenn Wiedergabe des warmen südlichen Kolorits den leuchtenden Vorzug der letztgenannten Bilder ausmacht, so excellirt Bamberger in seiner Ansicht des Albufera-Sees bei Valencia besonders in der charakteristischen Kraft der Umrisse, mit welchen die Felsenufer hervorgehoben sind.

Gleichfalls dem Süden, zumal aber den italienischen Seeküsten, entnimmt Karl Morgenstern seine Vorwürfe. Seine besondere Stärke ist es, das Spiel des Lichtes, das Glitzern der Wellen, den blauen Duft der Ferne, der auf den Ufern und dem Meere ruht, darzustellen. Solche, die gerne alles bemäkeln, pflegen zu sagen, seine Zeichnung sei nicht scharf und bestimmt genug; aber wenn ein Werk der Kunst einen entschiedenen Vorzug besitzt, so soll man sich daran genügen lassen und nicht verlangen, dass es alle in sich vereine. Auch Claude Lorrain lässt selbst in seinen schönsten Landschaften oft viel vermissen; seine Komposition ist bisweilen fast schülerhaft. Aber wegen der wunderbaren, ja einzigen Meisterschaft, mit welcher er das Licht in allen seinen Wirkungen beherrscht, wird er mit Recht als einer der Grössten in seinem Fach geehrt; und selbst Poussin, der ihn als Zeichner, sowie in der besonnenen Anordnung bei weitem übertrifft, muss ihm doch, als dem Genialeren, in einer Richtung noch Unerreichten, die Palme bieten. Ich bin nun zwar weit entfernt, unseren Morgenstern mit einem Claude auf die gleiche Stufe stellen zu wollen; aber ich bekenne, nur wenige moderne Bilder gesehen zu haben, auf denen die Klarheit, die durchsichtige Tiefe und der hin- und herspielende Schimmer der Meereswellen in den Strahlen der Morgensonne so zauberhaft zur Erscheinung käme, wie auf der Ansicht von Capri. – Im tiefsten dunkelsten Blau, während am Himmel die Strahlen der untergegangenen Sonne verglühen, erblicken wir das Meer auf einem anderen Bildchen, wo das Haus des Tasso in Sorrent von steilem Felsen auf die anrollende Flut hinabschaut. Denen, welche die Intensität des, bei aller Tiefe doch noch transparenten Blaues unnatürlich nennen, kann ich die Versicherung geben, dass ich oft nicht nur am Golf von Neapel, sondern selbst schon am Genfer See das Gleiche in Wirklichkeit beobachtet habe. – Eine im Städelschen Institute zu Frankfurt befindliche Ansicht von Villafranca bei Nizza, die Morgenstern in seiner Jugend gemalt, erregte mir schon vor vielen Jahren solches Wohlgefallen, dass ich den Künstler ersuchte, sie für mich zu wiederholen. Diese Wiederholung ist noch lichter und duftiger, als ihr Vorbild, und so ganz von italienischem Aether getränkt, dass sie in ihm zu schwimmen scheint.

Ein Namensverwandter des Genannten, Christian Morgenstern, hat die Alpen nicht überschritten, und vorzugsweise nordische Gegenden für seine Landschaften ausgebeutet. Besonders liebte er das von deutschen Künstlern früher wenig besuchte Elsass. Dieser herrliche Landstrich ist von ihm für unsere Kunst erobert worden, ehe das Schwert die alte Reichsprovinz den Franzosen wieder entriss; wie sehr habe ich bedauert, dass der liebenswürdige und gemütvolle Künstler das Letztere nicht mehr erleben sollte! Oft, wenn er mir von seinen Wanderungen in den Vogesen, in den Umgebungen von Kolmar und Strassburg,