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dem Sturme verfallenen Schiffes zu bekommen! Dies Schauspiel bleibt freilich den Vergnügungsreisenden gewöhnlich versagt, die für ihren Ausflug nach Indien die sturmlose, kühle Zeit des Jahres vom November bis April bevorzugen.

Kein Besucher Ceylons braucht sich jedoch abschrecken zu lassen, aus Angst vor Haifischen ein Seebad zu nehmen; die Jagdgründe dieser nimmersatten Raubfische liegen weiter draußen, außerhalb der bereits erwähnten Barre von Riffen, und für den Fall, daß sich wirklich ein solcher Pirat in die Nähe des Ufers verirrt, mieten vorsichtige Badelustige hier zu Lande ein paar Burschen, die überall am Strande herumlungern, um Hunde oder sonstige Haustiere zu baden; die Jungen müssen dann das Wasser um den Badenden herum durch Schlagen und Strampeln mit Armen und Beinen in Bewegung versetzen und die Haifische wegscheuchen, die nach weißem Menschenfleisch besonders gierig sind, und dieses dem farbigen bei weitem vorziehen sollen; ob hieran die vegetarische Ernährungsweise und Magerkeit der Eingeborenen oder die im Wasser weniger auffallende Farbe ihrer dunklen Haut oder deren Ölüberzug schuld ist, kann ich freilich nicht sagen. Für die Sinhalesenmütter sind jedenfalls die Krokodile viel besorgniserregendere Störenfriede als die Haifische, und überall sieht man in den Wasserläufen durch Zweige und Stabgitter gegen diese Räuber geschützte Badestellen, die aber nur selten helfen, da das Krokodil schlau genug ist, ans Land und vom Ufer aus in die eingehegte Badestelle zu kriechen; es versteckt sich dort geduldig unter der Wasserfläche, bis die unbesorgte Mutter ihr Kindchen hineintaucht, um zuerst dieses und häufig auch die schreckgelähmte Frau zu verschlingen.

Die Sinhalesenknaben erscheinen durch ihre Lockenköpfchen auffallend hübsch. Aber diese Schönheit dauert nicht lange; sowie die Burschen herangewachsen sind, wird die Mähne unbarmherzig mit Hilfe von Öl straff nach hinten gestriegelt und zusammengeknotet. Heiratet dann der junge Mann, so darf und muß er fortan als Kopfschmuck einen Kamm ins Haar stecken, wie ihn bei uns die kleinen Schulmädchen tragen. Diese Kämme dienen zugleich dazu, „Leute“ zu machen, indem nur Vornehme einen vom Kopf abstehenden Kamm tragen dürfen. Die Mittelklassen stecken ihn anliegend ins Haar, und dem niederen Volk ist der Kamm sogar völlig versagt.

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Toilettengeheimnisse in einem Sinhalesenhofe.

Was für idyllische Familienbilder kann man am frühen Morgen in den Höfen der Sinhalesen wahrnehmen! Mit der liebevollen Sorgfalt überzeugter Kneippianerinnen verabreichen dann die Sinhalesenmütter ihrem in einer Wanne kauernden Baby einen lauwarmen Nackenguß nach dem anderen. Häufig sind daneben Großmutter, Mutter und Kind mit einem geheimnisvollen Tun beschäftigt, dessen Sinn man nicht gleich zu fassen vermag, und erst allmählich wird dem Fremdling der tiefere Sinn dieser Kopfuntersuchung mit Schaudern klar.

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Sinhalesenmädchen, das zwei Äffchen füttert.

Nicht minder zwanglos geht es in anderen Höfen zu; harmlos wie im Paradiese sah ich in einem solchen einmal ein fast unbekleidetes Sinhalesenmädchen zwischen Ziegen und Kälbern im Heu und auf Stroh sitzen und sich abquälen, einem gefangenen jungen Äffchen, das sie an den jugendlichen Busen

Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/31&oldid=3178719 (Version vom 1.7.2018)