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Zwei Betrachtungen zu Edmund Husserl

Unhaltbarkeit verdient auch dort größte Beachtung, wo man sich veranlaßt sieht, die Gründe der gegenwärtigen Krisis und die Wege zu ihrer Überwindung in ganz anderer Richtung zu suchen.

Dem christlichen Denker muß es sofort auffallen, daß diese Gewissenserforschung der modernen Philosophie von der Anknüpfung des neuzeitlichen Philosophierens an antike Gedankenmotive spricht, aber alles, was dazwischenliegt, völlig mit Stillschweigen übergeht. Alles Wahrheitsstreben der christlichen Jahrhunderte ist, als wäre es nicht gewesen oder als hätte es in den geistigen Bemühungen der letzten Jahrhunderte keine Spur hinterlassen. Diese Nichtbeachtung ist selbst ein Kennzeichen der modernen Philosophie, und wiederum ist es kennzeichnend, daß ihr dieses Kennzeichen bei ihrem eigenen Bemühen um Selbsterkenntnis entgangen ist.

Und so verlangt die vorliegende Gewissenserforschung nach einer Ergänzung, die nachprüfen müßte, wie weit die Irrwege der modernen Philosophie in der Abkehr von der Geisteshaltung des Mittelalters begründet sind, wie weit auch der moderne Naturbegriff durch diese Abkehr mitbedingt ist. Sie wird sich sodann bereit machen müssen, die angekündigte radikale Transzendentalphilosophie scharf ins Auge zu fassen. Der andeutende Hinweis auf ihren Seinsbegriff läßt schon erkennen, daß eine Gegenüberstellung mit der Seinslehre der philosophia perennis dringend notwendig sein wird.

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Edith Stein: Zwei Betrachtungen zu Edmund Husserl. Editions Nauwelaerts, Louvain 1962, Seite 38. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Edith_Stein_-_Welt_und_Person.pdf/38&oldid=- (Version vom 31.7.2018)