Zwei Betrachtungen zu Edmund Husserl

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Edith Stein
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zwei Betrachtungen zu Edmund Husserl
Untertitel:
aus: Welt und Person, S. 33-38
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Nauwelaerts
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Louvain
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[33]
ZWEI BETRACHTUNGEN ZU EDMUND HUSSERL


HUSSERLS TRANSZENDENTALE PHÄNOMENOLOGIE

(Cf. Edmund Husserl, Méditations Cartésiennes, Paris, 1921, und Eugen Fink, Beiträge zu einer phänomenologischen Analyse der psychischen Phänomene, die unter den vieldeutigen Titeln „Sich denken, als ob“, „Sich etwas bloß vorstellen“, „Phantasieren“ befaßt werden. Freiburger Dissertation, 1930.)

Als Husserls Logische Untersuchungen zum erstenmal erschienen (1. Auflage 1900/01, 2. Auflage 1914), hatte man den Eindruck, daß hier eine Rückwendung von der kritizistischen Denkweise der modernen Philosophie zu den großen Traditionen der philosophia perennis vollzogen sei. Es wurde mit dem Skeptizismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen (Psychologismus, Historizismus) Abrechnung gehalten und die Idee einer formalen Ontologie entworfen. Die konkreten Ausführungen des II. Bandes konnten als Musterbeispiele formal- und material-ontologischer Untersuchungen gelten. Und Husserls Göttinger Schule, die sich an dieses standard work anschloß, sah in ontologischen Untersuchungen ihre eigentliche Aufgabe.

Es war aber in jenem Werk bereits eine andere Forschungsrichtung angebahnt, in deren Ausbau Husserl schließlich seine Lebensaufgabe sah. Sie kam zum Durchbruch in seinen Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (1913) und ist in konzentrierter Form dargestellt und in manchen Linien über den Standpunkt der Ideen hinaus weiterentwickelt in den Méditations Cartésiennes (hervorgegangen aus Vorträgen, die Husserl 1929 in Paris gehalten hat, vorläufig nur in französischer Sprache erschienen; es ist aber eine erweiterte deutsche Ausgabe in Vorbereitung).

[34] Im Suchen nach einem absoluten Ausgangspunkt für eine fest begründete Philosophie und Wissenschaft begegnet Husserl Descartes; beide sehen diesen Ausgangspunkt im cogito, dem Akt des reflektierenden Ich, das in seinem Akt seiner selbst und seines Seins in unbezweifelbarer Weise gewiß wird. Aber während Descartes, wie Husserl sagt, aus mathematischem Vorurteil das ego cogito als Axiom für eine deduktive Wissenschaft setzt und aus metaphysischem Vorurteil als substantia cogitans, vollzieht er selbst die Scheidung zwischen dem psychischen Ich, das „in der Welt ist“, und dem transzendentalen Ich, für das sich die Welt als ein Ganzes aus Sinneinheiten aufbaut, sodaß es für sie vorausgesetzt ist. Das cogito im weitesten Sinn des Ich-Lebens wird als ein unendliches Feld immanenter Beschreibungen aufgewiesen; sie sind die Aufgabe einer eigenen Wissenschaft, der transzendentalen Phänomenologie, die als Grundwissenschaft, als prima philosophia, und zugleich als philosophia universalis in Anspruch zu nehmen ist, weil sich in ihr und nur in ihr alle philosophischen Probleme stellen und lösen lassen. Sie hat zu zeigen, wie sich in den cogitationes die cogita, die Gegenstände als Sinneinheiten für das Bewußtsein aufbauen (konstituieren) und wie im Fortgang des Ichlebens, das eine Genesis ist, wesensnotwendig eine Welt sich aufbauen muß: als eine Unterstufe die Natur, wie sie für das isolierte Subjekt sich darstellt, und das eigene Ich als psychophysisches; sodann die andern Subjekte und in Wechselverständigung mit ihnen die Welt als objektive, intersubjektive; in höherstufigen Akten theoretische Gegenständlichkeiten (Theorien, Wissenschaften) die Welt als Güter- und Wertewelt usw.

Innerhalb dieser Transzendentalphilosophie haben die Ontologien ihre Stelle: sie haben die eidetischen Strukturen der Gegenständlichkeiten verschiedener Stufen herauszuarbeiten. Auch die höchsten und letzten Fragen der Metaphysik, Ethik und Religionsphilosophie sind von diesem Boden aus in Angriff zu nehmen.

Husserl hat in den Cartesianischen Meditationen die Idee einer absoluten und universalen Wissenschaft gezeichnet und diese Wissenschaft selbst in ihren Grundlinien entworfen. Seine Ausführungen werden in mancher Hinsicht erläutert und ergänzt durch die eingangs zitierte Dissertation seines gegenwärtigen Assistenten Eugen Fink: im engsten Anschluß an Husserls eigene Gedanken, wie sie in Vorlesungen und Privatgesprächen zum Ausdruck kamen, wird [35] hier vor allem Einblick gegeben in die Problematik der Konstitution des reinen Bewußtseins selbst, der Zusammenhänge zwischen transzendentalem Ich und Ich-Mensch. Besonders wertvoll ist die Durchführung konkreter Einzelanalysen, deren Bedeutung für die großen prinzipiellen Fragen gezeigt wird.

Der universale Anspruch der transzendentalen Phänomenologie fordert die thomistische Philosophie zur Auseinandersetzung auf: auf der einen Seite zeigen die durchgeführten Analysen, daß hier in der Tat ein großes Forschungsgebiet neu erschlossen ist. Andererseits ist die Etablierung des cogito als ens primum et absolutum (vielleicht ist es gar nicht erlaubt, es Seiendes zu nennen, weil konstituierendes Leben und konstituierte Gegenstände keineswegs univok, höchstens analog als seiend zu bezeichnen sind) etwas, was mit dem Kern des Thomismus unvereinbar scheint. Gibt es eine Möglichkeit, von der philosophia perennis aus die Problematik der phänomenologischen Konstitution sich zu eigen zu machen, ohne zugleich das, was man den transzendentalen Idealismus der Phänomenologie nennt, zu übernehmen?


EDMUND HUSSERL,
DIE KRISIS DER EUROPÄISCHEN WISSENSCHAFTEN UND DIE TRANSZENDENTALE PHÄNOMENOLOGIE

Eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie. (Erschienen im I. Band der Zeitschrift Philosophia, Belgrad 1936, S. 77-176.)

Arthur Liebert, der frühere Herausgeber der Kantstudien, hat seinen Wohnsitz von Berlin nach Belgrad verlegt und gibt nun als Nachfolgerin der Kant Studien die Zeitschrift Philosophia heraus. Der I. Band dieser Zeitschrift bringt einen Beitrag von Edmund Husserl, dem weitere folgen sollen. Es werden darin Gedanken ausgearbeitet, die er in einer Vortragsfolge zu Prag im November 1935 entwickelt hat.

Der Begründer der Phänomenologie lebt in Freiburg i. Breisgau in großer Zurückgezogenheit. Er ist kürzlich 78 Jahre alt geworden und hat in seinem Alter viel Schmerzliches und Bitteres erfahren, aber er arbeitet mit unermüdlicher Anstrengung und erstaunlicher Kraft an der Vollendung dessen, was er als die Sendung seines Lebens ansieht. Was von Husserl im Druck erschienen ist, war immer der [36] Niederschlag vieljähriger Untersuchungen, der knapp zusammenfassende Ausdruck vielgestaltiger Forschungen, bei dem vieles unausgesprochen blieb, was in ungedruckten Entwürfen niedergelegt oder in mündlichem Gedankenaustausch mitgeteilt wurde. Das macht dem Fernerstehenden das Eindringen in den Zusammenhang dieses Lebenswerkes schwer. Husserl hat sich niemals bestimmen lassen, jene älteren Entwürfe zu veröffentlichen. Sie bedeuten für ihn Stufen, die er hinter sich gelassen hat, und es liegt ihm alles daran, zu der Höhe emporzuführen, auf der er sich jetzt weiß. Darum hat auch das neueste Werk, wie schon manches frühere, den Charakter einer Einführung.

Es geht von der gegenwärtigen Krisis der Wissenschaft aus. In der Tat muß man – trotz der glänzendsten Leistungen und Erfolge – von einer allgemeinen Krisis der Wissenschaft sprechen. Man bringt ihr nicht mehr das Vertrauen entgegen wie noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie hat gegenüber der Not des Lebens versagt. Das neuzeitliche, an die Antike anknüpfende Ideal einer alles Seiende in ein Vernunftsystem fassenden und alles Leben durch die Vernunft gestaltenden Philosophie ist gescheitert. Dieses Ideal ist im Zusammenhang mit der modernen mathematischen Naturwissenschaft erwachsen; das entscheidend Neue daran gegenüber der Antike ist das Ideal der mathematischen Methode. Diese Methode muß bis zu ihren Ursprüngen verfolgt und auf ihren Sinn geprüft werden, weil das Verkennen dieses Sinnes und die dadurch bedingte Ausdehnung ihres Anwendungsbereichs für das Scheitern der modernen Philosophie verantwortlich zu machen ist.

Als ihr hervorragendster Bahnbrecher wird Galilei in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt und sein Verfahren eindringlich untersucht. Was er als Erbe der Antike vorfand, was die Geometrie als axiomatisches System und ihre Anwendbarkeit auf die Raum-Körperwelt, deren Gestalten Annäherungen an die idealen geometrischen Gebilde sind und Messung und Berechnung zulassen. Daran anknüpfend baute er die induktive Methode, die auf der Hypothese beruht, daß die gesamte Natur — nicht nur die Gestalten, sondern alle sinnlichen Qualitäten — mathematischer Gesetzlichkeit unterstehe und, wenn auch mittelbar, meßbar und berechenbar sei. Man kam dazu, die mathematische Gesetzlichkeit als das wahre Sein der Natur, das Objektive, anzusehen und die Sinnenwelt als subjektiv. [37] Dabei verkannte man völlig das Verhältnis beider und den Sinn des eigenen Verfahrens. Es bildete sich der moderne Begriff der Natur als bloßer, in sich geschlossener Körperwelt aus; alles Seelische ist davon ausgeschlossen und wird als eine davon getrennte zweite Natur angesehen, die man sodann, gleich der Körperwelt, nach naturwissenschaftlicher Methode untersuchen will.

Diese Auffassung übernimmt Descartes. Er hält auch noch an dem Ideal einer alles umfassenden rationalen Philosophie fest, sucht aber als Erster für sie eine unanfechtbare Grundlage durch Rückgang auf das erkennende Ego, das er freilich alsbald naturalistisch mißdeutet.

Radikaler als er gehen die englischen Empiristen auf die Subjektivität zurück und lösen schließlich die Körperwelt in Bündel von Ideen auf. Bei Hume findet sich schließlich das radikale Problem (das von seiner skeptischen Theorie zu trennen ist): „das Rätsel einer Welt, deren Sein Sein aus subjektiver Leistung ist, und das in der Evidenz, daß eine andere überhaupt nicht denkbar sein kann ...“ (S. 172).

So weit geht Kant nicht. Er baut wohl eine Transzendentalphilosophie auf, indem er die Erfahrungswelt wie die Naturwissenschaft als Leistung der reinen Anschauung und des reinen Denkens deutet. Aber er glaubt darüber hinaus noch Wege in eine „Welt an sich“ zeigen zu können.

In der radikalen Durchführung der transzendentalen Phänomenologie wird das Transzendentale (d.i. das reine, weltkonstituierende Bewußtsein) zu direkter Erfahrung gebracht als Ackerfeld einer methodischen Arbeitsphilosophie, und zwar in der Evidenz, daß von diesem Boden aus alle erdenklichen philosophischen Probleme der Vergangenheit zu stellen und zu entscheiden sind[1] (S. 176).

Der vorbereitende geschichtliche Rückblick sollte die Notwendigkeit einer radikal durchgeführten Transzendentalphilosophie erweisen. Erst die folgenden Abhandlungen werden uns das verheißene „Ackerfeld“ erschließen. Der tiefe Ernst, mit dem das Scheitern der modernen Philosophie durch einen ihrer führenden Geister anerkannt wird, und die eindringende Schärfe, mit der er den Grund dieser Tatsache aufzudecken sucht, sind geeignet, jeden Beteiligten zu gründlicher Selbstprüfung aufzurütteln. Die Untersuchung des Ursprungs des modernen Naturbegriffs und der Nachweis seiner sachlichen [38] Unhaltbarkeit verdient auch dort größte Beachtung, wo man sich veranlaßt sieht, die Gründe der gegenwärtigen Krisis und die Wege zu ihrer Überwindung in ganz anderer Richtung zu suchen.

Dem christlichen Denker muß es sofort auffallen, daß diese Gewissenserforschung der modernen Philosophie von der Anknüpfung des neuzeitlichen Philosophierens an antike Gedankenmotive spricht, aber alles, was dazwischenliegt, völlig mit Stillschweigen übergeht. Alles Wahrheitsstreben der christlichen Jahrhunderte ist, als wäre es nicht gewesen oder als hätte es in den geistigen Bemühungen der letzten Jahrhunderte keine Spur hinterlassen. Diese Nichtbeachtung ist selbst ein Kennzeichen der modernen Philosophie, und wiederum ist es kennzeichnend, daß ihr dieses Kennzeichen bei ihrem eigenen Bemühen um Selbsterkenntnis entgangen ist.

Und so verlangt die vorliegende Gewissenserforschung nach einer Ergänzung, die nachprüfen müßte, wie weit die Irrwege der modernen Philosophie in der Abkehr von der Geisteshaltung des Mittelalters begründet sind, wie weit auch der moderne Naturbegriff durch diese Abkehr mitbedingt ist. Sie wird sich sodann bereit machen müssen, die angekündigte radikale Transzendentalphilosophie scharf ins Auge zu fassen. Der andeutende Hinweis auf ihren Seinsbegriff läßt schon erkennen, daß eine Gegenüberstellung mit der Seinslehre der philosophia perennis dringend notwendig sein wird.

  1. Vorlage: