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Religion der von ihnen überwundenen Völker an. Das ist nun allerdings in den Zeiten der Völkerwanderung nicht zu bedauern gewesen; was sie verloren, war das Heidenthum, was sie annahmen, war das Christenthum. Gott schickte unsere deutschen Väter so gerne nach Italien in die Schule und Christenlehre – und sie kehrten belehrt zurück; der römische Bischof wurde ein geistlicher Vater und Pabst für viele unter ihnen. Mehr zu bedauern ist es, daß unsere Auswanderer in Nordamerika so gerne und leicht ihre väterliche Religion vergeßen. Gehen auch viele von den hiesigen Kirchen wenig befriedigt hinüber; man sollte doch denken, das Heimweh sollte sich auch auf die heimatliche Kirche erstrecken, und im Schmerz der Entbehrung sollten sie über die deutsch-kirchlichen jammervollen Zustände wegsehen und mehr das erkennen, was die Kirche – die lutherische nemlich – ihrer Anlage nach sein soll und kann. Aber sie sind ihrer Kirchen satt, der allgemein christliche Geist des amerikanischen Volkes sticht gegen den gegenwärtigen deutschen, immer allgemeiner werdenden Indifferentismus gewaltig ab; die allgemeine Duldung macht sie leichtsinnig in Betreff der Kirchen- und Sectenunterschiede; sie geben sich der nächst besten Secte hin – sind sie doch alle protestantisch und evangelisch! – und wißen nicht, was sie thun, nicht, daß sie sich damit ergeben, ihre ganze deutsche Grundrichtung zu verlieren.

 So wars. Hunderttausende von Beweisen begegnen dem, der Nordamerika durchreist. So ists – so wirds sein. Geh nach Bremen, nach Hamburg, in die Wirthshäuser, auf die Auswandererschiffe: sieh die Leute, höre sie reden und sag, ob du Hoffnung von vielen hast, daß es anders werden wird. Schrecklich rächt sich die Bekenntnislosigkeit, die Lehruneinigkeit und Zuchtlosigkeit der deutschen Kirche: ihre auswandernden Kinder wenden ihr den Rücken – und die, durch welche sie Macht und Einfluß zum Heile vieler Tausende üben könnte, kennen sie kaum, verachten sie und sind leicht durch jede Secte über den Verlust der Mutterkirche getröstet.

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Diverse: Fünf Festreden der Gesellschaft für innere Mission. Joh. Phil. Raw’sche Buchhandlung, Nürnberg 1850, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:F%C3%BCnf_Festreden_der_Gesellschaft_f%C3%BCr_innere_Mission.pdf/45&oldid=- (Version vom 28.8.2016)