Seite:Ferdinand Wilhelm Weber - Kurzgefaßte Einleitung in die heiligen Schriften (11. Auflage).pdf/282

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der Gemeinden untereinander brachte es mit sich, daß diese Schriften allmählich mehr oder weniger in den Besitz aller Gemeinden kamen, so daß der h. Petrus (2 Petri 3, 15 f.) z. B. die Kenntnis der Paulinischen Briefe bei den Gemeinden Asiens, Johannes aber die der drei ersten Evangelien allüberall voraussetzt. Die apostolischen Väter, ferner Papias (120 n. Chr.), Justinus M. (140 n. Chr.), die Häretiker zu Anfang des zweiten Jahrhunderts: – sie alle setzen in ihren Schriften die weite Verbreitung der Evangelien, der Briefe Pauli mit Ausnahme des Hebräerbriefs, des ersten Petri- und ersten Johannesbriefs und der Apokalypse voraus. Dies der „Urkanon“. Man nannte die vier Evangelien „das Evangelium“, die Apostelgeschichte und die Briefe „den Apostel“.

 Bestimmte Zeugnisse für das normative Ansehen der genannten Schriften in der ganzen Kirche finden wir aber erst anfangs des 3. Jahrhunderts bei Irenäus, Tertullian, Klemens von Alexandrien und in der assyrischen Übersetzung, welche letztere bereits den Jakobus- und Hebräerbrief in sich befaßt, endlich in einem uralten Verzeichnis der Schriften, welche in den römischen Gemeinden kanonische Geltung hatten, aus der Mitte des 2. Jahrhunderts, dem sog. Canon Muratori. Aus diesen Zeugnissen geht hervor, daß um das Jahr 200 die oben bezeichneten Schriften allenthalben kanonisches Ansehen genossen, dagegen waren die übrigen Schriften, nämlich der zweite Brief des Petrus, der Brief des Jakobus und Judas, der an die Hebräer, der zweite und dritte Brief des Johannes um diese Zeit noch nicht überall gleich bekannt oder als kanonisch angesehen. – Die Gründe dafür sind sehr verschiedene. Die beiden letzten Briefe des Johannes sind an Private gerichtet, weniger umfangreich und schienen vielleicht deshalb weniger geeignet zu sein für die Verbreitung; der zweite Brief des Petrus und der Brief des Judas sind durch ihren Inhalt Apokrypha im höheren Sinne, d. h. Schriften, welche ganz auf die Zukunft gehen (?), darum weniger für den Gebrauch der Gegenwart geeignet scheinen mochten und anfangs nicht verbreitet wurden (cf. indes die spezielle Einleitung zu diesen Briefen); der Brief an die Hebräer und der des Jakobus aber sind merkwürdigerweise nur im Abendlande nicht bekannt, während das Morgenland sie kennt und als heilige Schriften gebraucht. Sie hatten ihre Bestimmung für judenchristliche Kreise, die von Anfang an von den heidenchristlichen sich absonderten, wodurch auch der Austausch der heiligen Schriften gehindert wurde. Nachdem nun aber jene Schriften bis zum Ende des ersten Jahrhunderts das allgemeine Ansehen in der Kirche nicht gewonnen hatten, blieb man in den folgenden Zeiten, welche mit ängstlicher Treue an allem, was aus dem apostolischen Zeitalter überkommen war, festhielten, auch in diesem Stücke bei der alten Tradition.

 ad 2. Erst im vierten Jahrhundert haben alle Schriften, die wir jetzt in unserm N.Tl. Kanon haben, in der ganzen Kirche ausnahmslos kanonisches Ansehen gewonnen. Daß es dazu kam, war zum großen Teile das Verdienst des Origenes und Eusebius. Beide nämlich zeigten, was es mit der kirchlichen Geltung der einzelnen Schriften für eine Bewandtnis habe. Sie unterschieden