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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

gepreßten Brust. „Also wars nicht Ehebruch!“ murmelte er. Dann fiel ihm mit einem schreckhaften Ruck der Tote ein, der da still und einsam auf der weißen verschneiten Straße lag – großer Gott, so hatte er den unrechten Mann getötet! ... Der da lag, war ja der Baron von Falkenfels und nicht der Hauslehrer, – – – und nun erinnerte er sich plötzlich klar, daß der, in dessen Armen Wally gelegen, ein anderer gewesen. Sie trugen beide dieselben spitzen Hüte. Hilflos streckte er beide Arme weit von sich auf den Tisch und lag regungslos.

Mit einem Mal lief ein Zittern durch die schmächtige Gestalt des kleinen Mannes – das Zittern wurde stärker und heftiger, der Stuhl, auf dem er saß, die Tischplatte zitterte und bebte... Und mit einer fremden heiseren Stimme sprach er laut: „Ich bin ein Mörder.“

„Ich bin ein Mörder!“ wiederholte er flüsternd. Ein Grauen vor sich selbst, ein Grauen vor dem rätselhaften Leben kroch eisig durch seine Glieder und schüttelte ihn. Der Bann in dem er seit vier Tagen gestanden, war von ihm abgefallen. Er war wieder er selbst.

Und nun stand er auf, hob sein totenblasses Gesicht und die Arme empor und stürzte in die Knie. „Mein Gott, mein Gott, vergieb!“ stöhnte er. Er wußte plötzlich, daß es einen Gott gibt.

Er beugte sich nieder, tief, tief, berührte mit der Stirn den Fußboden und küßte ihn.

„Ich bin nicht wert, daß die Erde mich trägt ...“ murmelte

Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 178. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/176&oldid=- (Version vom 1.8.2018)