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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

ein wenig aufs Sofa, ich mache es Ihnen recht bequem, und wenn Sie erlauben, bleibe ich ein wenig bei Ihnen.“

Was ist nur heute in alle Menschen gefahren? grübelte Isa Berger, und laut sagte sie: „Sie behandeln mich ja wie eine Schwerkranke. Mein Mann, jetzt Sie – zuerst soll ich durchaus nicht in die Kirche, und ich bin doch einmal keine Kirchenläuferin, dann soll ich mich von Ihnen verziehen lassen. Ich habe doch nur Kopfweh, das passiert mir öfters. Seien Sie nicht so gut zu mir, Fräulein Schenkendorff, man hat seine Tage, wo man alles andre verträgt, nur nicht Güte.“

„Liebe Frau Pastorin,“ sagte Claire weich, „nennen Sie mich Claire.“

Isa Berger sah in die ehrlichen grauen Augen des jungen Mädchens, zog ihren Kopf zu sich heran und küßte sie. „Gern, aber nur, wenn Sie mich Isa nennen wollen.“ Sie drückte ihren schmerzenden Kopf in das Sofakissen, wendete Claire den Rücken zu und lag ganz still. „Lesen Sie mir ein wenig vor, Claire,“ bat sie, „und seien Sie mir nicht gram, wenn ich darüber einschlafe.“

Claire begann mit hochklopfendem Herzen zu lesen, so einförmig und monoton, wie sie vermochte. Wie ein Plätschern von Regentropfen fielen die Worte von ihren Lippen, und von Minute zu Minute stieg ihre Bangigkeit, und sie drohte ihr die Kehle zuzuschnüren. Isa Berger lag ganz still, aber an

Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 82. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/82&oldid=- (Version vom 1.8.2018)