Seite:Friedrich Bauer - Christliche Ethik auf lutherischer Grundlage.pdf/243

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als solcher auch Kunst und Wissenschaft. Auch diese Doppelthätigkeit der Menschen ist allgemein menschlicher Art. Das Gebiet der Kunst und Wissenschaft ist zunächst die Welt. Es ist eine unberechtigte Forderung und eine Verengung des betreffenden Gebiets, wenn man verlangt, daß Kunst und Wissenschaft ausschließlich dem Heiligen dienen sollen. Die Kunst soll das rein Menschliche, das Natürliche im guten Sinn des Worts darstellen. Das ist ihr Recht, wenn auch dem Heiligen zu dienen ihre höchste Weihe ist. Das Gleiche gilt auch von der Wissenschaft, deren nächstes Objekt der Mensch und die ihn umgebende Welt ist. Hier ist nach beiden Seiten hin gefehlt worden. Früher dadurch, daß die Kirche die weltliche Wissenschaft bevormundete und z. B. einen Galilei bannte, weil er sagte, die Erde bewege sich; das ist ein Irrtum. Man meinte, die Resultate der Wissenschaft seien zu verdammen, wenn sie den herrschenden Anschauungen der Kirche widersprechen; das ist eine ebenso unberechtigte Einmischung der Kirche in weltliche Dinge, eine ebensolche Verkennung des Rechts der weltlichen Wissenschaft auf Selbständigkeit als die Einmischung der Päpste in das Staatsleben der Völker.

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 Die Reformation, die überhaupt das Gebiet des Christlichen und Weltlichen, d. h. Natürlichen, geschieden hat, hat damit auch eigentlich erst die Selbständigkeit dieses Gebiets zur Anerkennung gebracht. Sie hat damit eine ebenso reinigende und erlösende That vollbracht als mit der Trennung der geistlichen und weltlichen Gewalt. Seit der Reformation erst ist der Grundsatz anerkannt, daß jede Wissenschaft nur nach den ihr immanenten Gesetzen bei ihrer Forschung zu Wege zu gehen hat. In der Gegenwart ist die Gefahr des Übergriffs der weltlichen Wissenschaft auf theologisches Gebiet, besonders aber der Naturwissenschaft vorhanden. Dieselbe stellt jetzt Hypothesen auf, um die Schrift zu meistern oder gar zu diskreditieren, aber sie verirrt sich damit auf ein Gebiet, das sie nichts angeht, auf das Gebiet der Philosophie oder Theologie. Das Gebiet, auf welchem die Wissenschaft zu arbeiten hat, und das Gebiet des Glaubens sind auseinander zu halten. Daraus, daß die Wissenschaft auf ihrem Gebiet nur Gesetzmäßigkeit findet, darf sie nicht folgern, daß es Wunder überhaupt nicht gebe; die Heilsgeschichte und der Glaube ist übernatürlich. Ein Fehler ist es, wenn die Geschichtswissenschaft von vornherein annimmt, daß die außerbiblischen Berichte, Denkmäler, Urkunden gegen die Bibel im Recht seien; denn die Bibel ist zum mindesten auch eine Quelle. Es ist falsch, wenn die Wissenschaft keine Geheimnisse anerkennen will; die Wissenschaft ist ein Erzeugnis