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schon der Ausgang gegeben, wenn auch diese Ausgangspforte erst am Ende des Lebens sich eröffnet. Dies thut Gott zu dem Zweck, damit wir es können ertragen. Er bemißt die Anfechtung und Versuchung. „Du kannst maßen, daß mir’s nicht bring Gefähr.“ Es ist auch ein Gedanke des Trostes, daß Gott, der uns besser kennt, als wir selbst, das Leiden nach der Kraft des Menschen bemißt, ihm die Kraft wunderbar stärkt, damit er nicht unter der Last zusammenbricht. „Indes ist abgemessen die Last, die uns soll pressen, auf daß wir werden klein; was aber nicht zu tragen, darf sich nicht an uns wagen, und sollt’s auch nur ein Quentlein sein.“

 Ein vierter damit zusammenhängender Gedanke ist der, daß Gott uns hilft, das Kreuz zu tragen, daß er mit der zunehmenden Last des Kreuzes auch die Kraft stärkt und uns wie die Palme unter der Last wachsen läßt, Ps. 68, 20. 21; 1. Petr. 5, 10. Auch der HErr wurde ja in Gethsemane durch einen Engel gestärkt.

 Ein Gedanke, der all diesen Trostgedanken schon zu Grunde liegt, aber doch noch verdient, besonders herausgestellt zu werden, ist der, daß man, wenn man im Kreuz steht, ein Gegenstand besonderer göttlicher Barmherzigkeit ist, nicht nur nicht vergessen, sondern im Andenken Gottes, ein Gegenstand seiner ganz besonderen Aufmerksamkeit und Erbarmung ist, Jak. 5, 10. 11. Er ist reich an Erbarmung, an innigem Mitgefühl. Wenn er ein Leid verhängt, ist er nicht hart gegen den Menschen, sondern, wie es einmal heißt, es brausen seine Eingeweide vor tiefer Erbarmung des Mitgefühls.

 9. Das richtige Verhalten im Kreuz.

 a) Der Christ soll das Kreuz nicht fliehen und nicht suchen, und wenn es ihn betroffen hat, sich nicht daran ärgern, 1. Petr. 4, 12. 13. Man soll es nicht fliehen, wie der HErr ja auch, als seine Stunde gekommen war und die Häscher ausgingen, ihn zu greifen, sich willig stellte, ihnen entgegenging und sich auslieferte. Doch hat er es auch nicht gesucht und hat sich mehrmals ihren Versuchen, ihn zu greifen, entzogen, aus dem Grunde, der immer angeführt wird, daß seine Stunde noch nicht gekommen war. Auch der Apostel Paulus kann uns ein Beispiel sein. In Philippi hat er sich nicht geweigert, das Leiden der Stäupung und Geißelung auf sich zu nehmen und also als Märtyrer zu leiden, Akt. 16, 23 ff.; dagegen in Jerusalem, wo es zwecklos gewesen wäre, sich zur Belustigung der Juden der Marter zu unterwerfen, hat er sich auf sein römisches Bürgerrecht berufen und ist so dem Leiden