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1524 in Wittenberg über die Reden des Demosthenes las, mußten die Zuhörer sein Exemplar abschreiben, trotzdem daß es dort schon seit 1508 einen Buchladen gab. Konrad Paulus Scriptoris trug 1499 eine große hebräische Bibel auf dem Rücken von Heidelberg nach Stuttgart, weil er das Kleinod keinem andern anzuvertrauen wagte. Reuchlin war vom Herzog Wilhelm von Bayern mit einem Gehalt von 200 Goldgulden als Professor der hebräischen und griechischen Sprache nach Ingolstadt berufen worden. „Da es hier kein einziges gedrucktes griechisches und hebräisches Buch gibt“, schreibt er am 14. März 1520 an Hummelsberger[1], „welches in einer Zahl von mehr 300 Exemplaren unter so viele Zuhörer verteilt werden kann, so bin ich gezwungen, beide Sprachen täglich auf vier Tafeln aufzuschreiben, sie täglich in zwei Stunden zu lehren und öffentlich so lange zu lesen, bis einmal durch einen glücklichen Zufall derartige Bücher aus den Handelsplätzen zu uns gelangen.“ Der jüngere Basilius Amerbach, Sohn des Bonifatz und bemittelt, versuchte noch 1552 bis 1553, wo er in Tübingen studierte, vergebens, ein „Corpus juris“ zu leihen. Im September 1553 ging er zur Fortsetzung seiner Studien nach Padua; hier sorgte sein Präzeptor für die juristischen Handbücher, indem er die nötigsten unter der Bedingung bei einem Juden kaufte, daß derselbe sie beim Weggange Amerbachs gegen den Kaufpreis wieder annehmen und sich mit einem Kronenthaler Zins begnügen sollte.[2] Es war dort ein solcher mittelalterlicher Vertrag noch immer die gewöhnliche Art, wie Ausländer sich die zum Studium nötigen Bücher verschafften.

Seit Aldus ersparten wenigstens die gedruckten Werke der Klassiker den Studenten das mühsame Abschreiben und machten ihnen vor allem den Besuch einer italienischen Hochschule vielfach entbehrlich. Mit verhältnismäßig wenig Geld konnte sich fortan auch der weniger Bemittelte eine kleine Handbibliothek kaufen. Ein so großer italienischer Patriot Aldus auch war, die Förderung der Wissenschaft und die Verbreitung der alten Klassiker standen ihm immer in erster Linie. Manche seiner Landsleute hielten es für unklug, die Kenntnis der griechischen Autoren durch den Druck allgemein zugänglich zu machen; sie fürchteten, daß die „Barbaren“ sich dann zu Hause unterrichten könnten und weniger genötigt sein würden, nach Italien, der Quelle der Bildung, zu kommen. So erzählt Beatus Rhenanus in der Einleitung zu den Werken des


Fußnoten

  1. Horawitz, Zur Biographie Reuchlins. S. 68.
  2. Baseler Taschenbuch von Fechter. 11. Jahrgang. S. 174 u. 187.


Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Kapp: Geschichte des Deutschen Buchhandels Band 1. Verlag des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, Leipzig 1886, Seite 375. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Geschichte_des_Dt_Buchhandels_1_06.djvu/016&oldid=- (Version vom 1.8.2018)